Jazzidelity: Jean-Louis Matinier/Marco Ambrosini – Inventio

 

Jean-Louis Matinier Marco Ambrosini Inventio

Jean-Louis Matinier/Marco Ambrosini – Inventio
CD/ECM

Improvisierte Musik braucht weder Saxofon noch Schlagzeug. Sie muss auch nicht swingen oder rocken. Jean-Louis Matinier, der Franzose, spielt Akkordeon. Marco Ambrosini, der Italiener, spielt Nyckelharpa, die mittelalterliche schwedische Tastenfidel. Zwei Instrumente, die nicht gerade jazztypisch sind, begegnen sich hier nackt, aus verschiedenen Klangwelten kommend, in einem offenen musikalischen Raum ohne weitere Sounds und Akteure. Sie treffen einander dialogisierend, improvisierend, als würden sie sich lange schon kennen, mal mit pochenden Rhythmen, mal traumsanft dahingleitend. Dabei ist diese Begegnung alles andere als alltäglich, vielmehr ein stilistischer Niemandsort zwischen vielen Einflüssen. Etwas Volkstanz schwingt da mit, etwas Salonmusik, etwas kammermusikalischer Jazz. Auch in Barockstücken finden sich Akkordeon und Nyckelharpa gut zurecht, hier bei Bach, Biber, Pergolesi, oder versenken sich in Solo-Miniaturen, ganz ungekünstelt – zwei körperliche, handwerkliche Instrumente, man hört die Nebengeräusche, die Tasten, den Bogen, den Balg. Das Album Inventio bietet intime, visionäre Momente, aber geerdet, nüchtern, nie esoterisch oder schwärmerisch. Kulturen und Jahrhunderte fließen durch diese Klänge, werden wortwörtlich „angespielt“, unaufdringlich, wie im Traum: auch Slawisches, Asiatisches. Zwei nie kombinierte Instrumente, eine unwahrscheinliche Begegnung, ein imaginärer Raum, eine fiktive Zeit, schön und beglückend. Ob es Jazz ist? Unwichtig.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 15 (5/2014)

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
Abonnieren Sie den Newsletter und erhalten Sie Informationen rund um das FIDELITY Magazin, exklusive Spezialangebote, Gewinnspiele, neue Features sowie Angebote unserer Partner.