Sascha Deutsch, Vinylquäler – 1000 Mal berührt, 900 Mal ist nix passiert

Wer hält im Stresstest länger durch: Schallplatte, Tonabnehmer oder Zuhörer?

Ein weißes Einfamilienhaus im Taunus. Harmlos? Sobald die umgebaute Harley-Davidson aus der Garage rollt, freuen sich die Nachbarn, dass der Besitzer mit ihnen einen „Friedenspakt“ geschlossen hat: Sascha Deutsch gibt nur außerhalb der Ortsgrenzen ordentlich Gas, um den satten Sound seiner im Bobber-Style getrimmten Sportster voll zu genießen.
Für sein anderes großes Hobby, das ebenfalls mit sonoren Tönen zu tun hat, braucht der junge Mann keine nachbarschaftliche Vereinbarung: HiFi und Musik sind im Haus kein Problem. Der 26-Jährige Informatiker hat extra zum Musikhören ein eigenes Zimmer nach üblichem Tonstudiostandard optimiert und ausgebaut. Schwarz und Anthrazit sind hier die dominierenden Farben, und schwarz sind auch seine Lautsprecher.


Die habe ich noch nie zuvor gesehen. Kein Wunder: Die Gehäuse der Unikate sind vom Schreiner maßgefertigt, ihre Bestückung ist vermutlich einmalig. Und sie sind in natura deutlich größer, als die Bilder suggerieren. Selbst neben ihrem durchtrainierten Besitzer machen die massiven 100-Kilo-Böxchen eine stabile Figur. Die Bestückung erinnert Sie an klassische Quadral-Modelle? Sie liegen richtig. Sascha Deutsch ist als Leiter des Quadral-Fanclubs mit der Firma aus Hannover mehr als nur locker verbandelt, er pflegt regen Informationsaustausch mit den Quadral-Entwicklern, wird zu „Probefahrten“ von Prototypen eingeladen. Zum Ausgleich hält er sich mit konstruktiver Kritik nicht zurück. „Ich bin ein ehrlicher Mensch und ich will’s immer ganz genau wissen!“
Als Teenager wollte er zum Beispiel genau wissen, was es mit der legendären Quadral Titan II („groß und schwer ist schon optisch genau mein Ding“) auf sich hat. Dank einer glücklichen Fügung (und eines Ferienjobs im HiFi-Laden) konnte er das Objekt der Begierde für einen Apfel und ein Ei und den Austausch defekter Tieftonsicken übernehmen. Eine intensive Zeit mit dem Ex-Topmodell begann, doch schon bald wollte der Hard-, Blues- und Jazzrock-Fan „noch ein bisschen mehr“. Was innerhalb des Quadral-Portfolios schwierig ist, wenn dieses schon ausgereizt und das Budget für Neuanschaffungen sehr überschaubar ist. Also musste etwas Eigenes her, das perfekt auf seine Bedürfnisse und Wünsche abgestimmt ist und nach exakter Einmessung auf den Hörplatz genau so klingt wie beim Mastering-Ingenieur hinterm Mischpult. Und die gute alte Quadral-Optik weiterführt …
Nach neun Monaten Tüftelei sind die „Deutsch Nr. 1“ fertig: Vollaktiv-Boxen mit vertraut wirkenden Chassis, jedes von einer DSP-kontrollierten Class-D-Endstufe befeuert. Und mit einem Frequenzgang am Hörplatz, der von 20 bis 20 000 Hertz Ähnlichkeiten zu einem Lineal aufweist. Als Vorverstärker dient ein AVM Evolution V3, als Standard-Musikquelle ein Apple PowerBook via Apple AirPort Express.
Irgendwann passiert es dann aber doch: Der Harley-Hüne entdeckt das Vinyl. Klar, „zu jeder ordentlichen Anlage gehört auch ein ordentlicher Plattenspieler“, und Musik wird auf Platte optisch und haptisch „begreifbar“. Neu ist für ihn, dass manche Neuveröffentlichungen auf Vinyl tatsächlich einen „messbar größeren Dynamikbereich“ als das digitale Pendant aufweisen, zudem oft nur in limitierter Auflage verfügbar sind. Kurzum: Sinne, Sammeltrieb und Besitzerstolz melden sich, der frischgebackene Vinylist leistet sich einen Dr. Feickert Analogue Woodpecker, bestückt mit Jelco-Zwölfzollarm und Denon DL-110.


Prompt will er es wieder ganz genau wissen: Was hat es eigentlich mit dem Vinylverschleiß auf sich? Wie häufig muss eine Schallplatte abgespielt werden, bis eine Abnutzung hörbar wird? Geht vorher die Nadel kaputt oder was?
Noch niemand scheint zuvor einen derartigen Versuch durchgeführt, zumindest nicht einsehbar dokumentiert zu haben. Also kündigt Sascha Deutsch im einschlägigen Forum an, diese Wissenslücke im Selbstversuch schließen und dafür sogar eine seiner Lieblingsscheiben aufs Spiel setzen zu wollen. Ausgerechnet Killers von Iron Maiden will er so oft spielen, bis ein Verschleiß hörbar wird; mögliche Klangveränderungen wird er regelmäßig digital dokumentieren. Dieser Post bringt ihm jede Menge schlau(bergerisch)e Technik-Tipps ein – aber auch die Aufmerksamkeit von Jan Sieveking. Der findet den Plan des Nachwuchsrillenforschers hochinteressant, dessen Musikauswahl allerdings, sagen wir: diskutabel. Da Sieveking Sound reichlich Edel-Vinyl im Vertriebsprogramm hat und Sascha Deutsch nicht nur Rabaukenmusik, sondern auch große Klassik und Bigband-Jazz mag, schickt Jan Sieveking zwei jungfräuliche und praktisch identische LPs von Sinatra’s Swingin’ Session (MFSL 1-407) in den Taunus. Eine für den Verschleißtest, eine als Referenz.


Das superb produzierte Sinatra-Werk von 1961 fegt Iron Maiden von 1981 nicht nur klanglich glatt vom Teller; auch die Musik gefällt, was den Selbstversuch erheblich erleichtert. Denn um alle Eventualitäten auszuschließen, hat sich Deutsch ein hartes Programm verordnet. Das manuelle Laufwerk erfordert sowieso, jeden einzelnen Abspielvorgang per Hand einzuleiten und auch zu beenden. Also ist totales Monitoring nur konsequent: Er will und wird bei jedem Durchgang vor Ort – und dabei auch noch ganz Ohr – sein. Es könnte sich ja ein Staubkörnchen quer stellen …
Faulpelze und Pragmatiker mögen das audiophile Folter nennen und zum unaudiophilen Automatik-Dreher greifen, Deutsch hingegen legt im Frühjahr 2015 los. Plattenspieler, Tonarm und System sind perfekt justiert, eine nagelneue Plattenwaschmaschine steht „für alle Fälle“ parat, der erste Durchgang läuft und wird digital mitgeschnitten. In den kommenden Monaten ist der Tagesablauf höchst überschaubar: Job, Fitnessstudio, Platte auflegen – und immer wieder umdrehen. Es geht schließlich ums Ganze, und nach Seite A kommt immer auch Seite B. Er führt eine digitale Strichliste und hört genau hin. Schneidet jeden 50. Durchlauf per Tascam US122L und Adobe Audition CS6 digital mit, vergleicht dann den jüngsten mit dem ersten Durchgang, nutzt dazu Analyseprogramm und Ohren. Und bleibt trotzdem cool.
Nach den ersten 500 (fünf-hun-dert!) Durchgängen kann der Teilzeit-Marathon-DeeJay noch immer keine seriös belegbare Änderung dingfest machen. Erst nach mehr als 900 Durchgängen nimmt er (endlich?!) entscheidende Veränderungen im Klangbild wahr. Während das Denon-System noch immer tipptopp in Ordnung ist, zeigt das vielbefahrene Vinyl erste Schwächen. Und ein bisschen auch der Delinquent im Hörsessel. Ja, in den „Sinatra-Monaten“ habe er auch mal rund eine Woche keine Lust mehr auf die Swingin’ Session gehabt. Doch nach einer Woche Frankie-Entzug die Tausend wieder fest im Blick, durchstößt der brave Vinylist später sogar noch die 1300er-Marke.
Der Klangvergleich zwischen Abspielvorgang Nr. 1 und Nr. 950 offenbart vor allem in den Höhen und in der räumlichen Darstellung hörbare Einbußen: Hohe Lagen der Orchesterinstrumente wirken beengter, weniger offen, spürbar mumpfig, Bläser haben an Glanz und Strahlkraft eingebüßt, Frankie klingt ein wenig belegt. Der dynamische Gesamteindruck allerdings ist immer noch beeindruckend, Bass- und Mitteltonlagen erfreuen sich weiterhin guter Gesundheit. Ich habe etliche Schallplatten im Regal, bei denen unterschiedliche Editionen deutlich größere Klangunterschiede aufweisen als 1000-faches Durchpflügen. Fazit: Um eine Schallplatte durch normales Abspielen (mit ordentlichem Equipment) in die Knie zu zwingen, muss man sie schon verdammt lieb haben.


Bleibende Schäden bei Mensch und Maschine? Offenbar keine. Sascha Deutsch spielt mittlerweile sogar hin und wieder eine (andere) Sinatra-Scheibe. Nur die gequälte Original-LP darf sich bei ihm nicht mehr drehen; sie wird derzeit zu einer Uhr umgebaut. Obwohl hörbar abgerockt, sind selbst unter der Lupe noch immer keine Schäden feststellbar. Dabei haben die letzten 350 Durchgänge eine mindestens ebenso starke Veränderung bewirkt wie die 950 davor. Geht es mit der Rille sozusagen erst einmal „bergab“, ist der zerstörerische Prozess eingeläutet und sie leidet mit jedem neuen Nadelkontakt mehr und mehr.
Für den audiophilen Alltag bedeutet das: Spiele jeden Abend dein Lieblingsalbum einmal durch, und du bewegst dich selbst nach zwei Jahren fixem Tagesprogramm noch auf der sicheren Seite; erst nach zweieinhalb Jahren könnte es langsam enger werden mit dem guten Sound. Mein persönlicher Ausweg: Ich besitze nicht ein, sondern etwa 100 Lieblingsalben (und ein paar tausend Fastlieblingsalben). Keine Panik also.

 

Sascha Deutsch
www.quadral-forum.de
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www.saschadeutsch.de

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 21 (5/2015)

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