Die heimlichen Meisterwerke des Jazz: John Coltrane Quartet – Crescent

 

Der Jazz ist vielgestaltiges Gelände, da hält man sich gern an sicheren Wegmarken fest, an Kind Of Blue und Saxophone Colossus. Doch leicht könnte man dabei Gewaltiges verpassen. Hans-Jürgen Schaal präsentiert unbesungene Höhepunkte der Jazzgeschichte

Sein modales Improvisieren, seine ekstatischen Aufschwünge, sein Bohren in den Akkorden, seine spirituelle Haltung veränderten den Sound der westlichen Musik. Wer auch immer Jazz spielt oder hört, hat meist eine persönliche John-Coltrane-Lieblingsplatte. Junge Tenorsaxofonisten, die verbissen an ihrer Technik arbeiten, schwören auf Giant Steps. Wer träumen möchte, findet die versöhnlichsten Töne auf dem Album Ballads. Und A Love Supreme garantiert den spirituellen Höhenflug.

John Coltrane Crescent

John Coltrane Quartet – Crescent
LP/Impulse

Immer ein wenig im Schatten dieser berühmten Plattentitel stand Crescent, das Vorgängeralbum zu A Love Supreme. Melancholisch sei es geraten, liest man gelegentlich, sehr meditativ und lyrisch. Mag sein, dass Coltrane selbst auch so empfand und dass er deshalb in die Mitte „Bessie’s Blues“ platzierte, seine vielleicht letzte echte Zwölf-Takte-Komposition, eine halbschnelle Hommage an die große Sängerin Bessie Smith. In dreieinhalb packenden, konzentrierten Minuten erinnert Coltrane uns und sich selbst daran, wo die Kraft seiner Musik herkommt: aus der Volkstradition, der Weltmusik, dem Blues, einer Urform des Modalen und Spirituellen.

Um diesen knackigen Kern herum gruppieren sich aber vier Stücke, die zu Coltranes wundersamsten zählen, voll der magischen Momente und des solistischen Tiefgangs. Etwa wenn im Titelstück nach eineinhalb Minuten die Band zu walken beginnt und das Tenorsaxofon den Tönen eine neue Poesie erfindet. Oder wenn in „Lonnie’s Lament“ McCoy Tyners Pianospiel glitzert, gefolgt von Jimmy Garrisons grandioser Bass-Improvisation. Oder auch das klavierlose „The Drum Thing“, getragen von Elvin Jones’ mysteriösem Groove. Nirgends geriert sich John Coltrane hier als der spirituelle Sucher, sondern bleibt souverän entspannt, mit allen Fasern offen für den Sternenfunken der Intuition, ganz im künstlerischen Moment des Wachsens. Vielleicht seine persönlichste, seine wahrhaftigste Platte.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 15 (5/2014)

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