AcousticPlan Aruna Röhrenvollverstärker – Die Götter müssen verrückt sein

Nicht Verrücktheit, sondern Liebe. Zur Sache.

Beitragsbild: Nikolaus Schäffler

Hab ich hier jetzt Aruna, den Gott der Morgenröte in der indischen Mythologie? Oder doch den gleichnamigen hethitisch-hurritischen Meeresgott? Hm. Ich möchte nämlich schon wissen, wer jetzt hier für die Musik zuständig ist und wem ich hier meine wertvollen Röhren anvertraue. Es gehört nämlich ganz schön viel Vertrauen dazu, eine „oginoole“ Western-300B – nein, nicht die und nichts gegen Whitener-Nachfertigung aus den 90ern, sondern ein nettes Paar „echter“ AT&T-WE300Bs aus den frühen 70er Jahren – in die Fassungen eines neuen, unbekannten Verstärkers zu stecken und dann so mir nichts, dir nichts einfach einzuschalten. Mann, das erfordert schon Überwindung! Die Gläser hab ich nämlich auch nicht gerade kistenweise rumliegen!
Ganz zu schweigen von meinem einzigen Paar „Standard Radiofabik, Ulvsunda, Sweden“, zwei wunderschöne S-310A-Pentoden, die ich mal originalverpackt erhalten hatte, damals, von einem sehr netten Menschen. Und die nach meinem Geschmack ein wenig besser gehen (das muss ich mir ja einreden) als meine profanen Western-310er, die gerne mal mikrofonisch rumzicken.
Ja, okay, ich höre Sie schon stöhnen: „Luxusprobleme hat der Typ, das gibt’s ja gar nicht – wie wärs’s mit ’nem Tausch?“ – Gut, verstanden, ich halte den Schnabel. Wir lassen es also bei jenem Röhrensatz, der mitgeliefert wurde. Und der, so Claus Jäckle von AcousticPlan, vertrauenswürdig und natürlich gecheckt ist. Also ein Paar russische 300Bs von Electro-Harmonix, zwei 310er-Äquivalente ebenfalls russischer Herkunft sowie einen Vertrauen erweckenden dicken Gleichrichter vom Typ 5U4G. Aber stopp, halt, Sie haben ja noch keine Ahnung, worum es hier überhaupt geht … Entschuldigung!
Also: Es geht um das neueste Werk von AcousticPlan-Chef Jäckle. Der hatte sich in den letzten Jahren nämlich, milde ausgedrückt, ein bisschen verliebt. Würde ich sagen. Andere Leute, insbesondere Frauen, würden seinen Zustand leise tuschelnd – so „seitenblickmäßig“, wenn Sie wissen, was ich meine – untereinander sorgenvoll besprechen und … Ach, was rede ich hier lang drumherum: Claus Jäckle lief stark Gefahr, mit dem, was er so anstellte, als verhaltensoriginell und abholgefährdet zu gelten. Was kein Wunder ist, wenn man 1.) Western-Electric-16A-Nachbauten bestellt, 2.) unheimliche Mengen alter, seltener Röhren kauft, 3.) gesuchte Uralt-Übertrager, die so was von teuer sind, abwickelt und auseinanderbaut, 4.) Monster-Stromversorgungen für antike fremderregte Treiber lötet, 5.) vergilbte Röhrenbücher aus den 1930er Jahren wälzt und 6.) Basskisten aus zerfransten amerikanischen Nadelhölzern zimmert, obendrein raumhohe Alu-Gestelle zusammenschraubt, um darin Hörner aufzuhängen. Mit anderen Worten: Der Mann entwickelte alle Symptome der bekannten Western-Electric/Vintage-Krankheit, die nach allem, was in der Literatur über solche Patienten bekannt wurde, praktisch unheilbar ist. Und ich weiß, wovon ich rede.


Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Claus Jäckle sich bei einem Menschen mit ähnlichen Symptomen meldete und mir in seiner üblichen verschmitzten Art gut gelaunt erzählte, dass er nun auch einen 300B-Verstärker im Programm habe, der Aruna hieße. Und außerdem käme da später noch das eine oder andere weitere Ding, wobei „die Zukunft schwarz“ wäre. Was ich, dann doch besorgt, sofort aufklären musste, aber, keine Sorge, aus Geheimhaltungsgründen nur so viel: Herrn Jäckle geht es geradezu unverschämt gut – zumindest vom Standpunkt eines HiFi-Freaks betrachtet, weniger aus Gefährtinnen-Sicht.
Aruna ist ein Single-Ended-300B-Amp aus der bekannten „blauen Periode“ von AcousticPlan, mit anderen Worten, der Neuling reiht sich optisch nahtlos neben potenzielle Mitspieler aus gleichem Hause ein. Deutlich größere Differenzen werden aber sichtbar, wenn wir die Jäckle-300B mit den inzwischen weltweit zahllosen 300B-Verstärkern vergleichen. Die oder der Aruna hält sich prinzipiell an das Uralt-Vorbild von Western Electric, die No.91-A. Also dient auch hier eine 310A als Treiber, aber eben auch nur eine einzige der alten Pentoden (die No.91 verwendete zwei Stufen mit der 310A). Man darf diese Röhren-Kombination in einem SE-Verstärker allein schon durch das letztlich resultierende Klirrspektrum als legitimen Vertreter des WE-Klanges (was immer das auch sein mag) betrachten; gleichwohl hatten und haben andere Mütter auch schöne Töchter. Unter denen, studiert man die Mehrzahl dessen, was mit der 300B so alles gefrickelt wird, auch ganz schöne Mauerblümchen sein können. Nicht jeder Amp ist spannend, nur weil 300B draufsteht, sorry, drinsteckt. Und den vielbeschworenen unverfälschten 30er-Jahre-Kinoklang mag garantiert auch nicht jeder, ganz gleich, was da so alles kolportiert wird …


Abgesehen von der Grundstruktur so einer SE-300B gibt es noch ziemlich viele andere Einflüsse, die letztlich den Klangcharakter eines solchen Verstärkers ausmachen. Die Bauteile (ganz wichtig etwa der Ausgangsübertrager, weniger die Röhren, auch wenn wir uns das gerne einreden). Korrekte Arbeitspunkte der Röhren, klar. Die Eigenschaften der Stromversorgung. Und eventuell durchaus lokale Gegenkopplung (tatsächlich alte Western-Tricks!) und womöglich eine schwache Über-alles-Gegenkopplung, die Geschmacksache ist, aber zur Lautsprecherverträglichkeit positiv beiträgt. Und wenn man dann so eine arme 300B, so perfekt sie sein mag, an einen der üblichen High-End-Lautsprecher hängt, klingt sie in jedem Fall wie kaputt. Aber das ist eine andere Geschichte, die leider gar nicht oft genug wiederholt werden kann.
In puncto Gegenkopplung mag es Claus Jäckle lieber puristisch und lässt dieses Medikament im Giftschrank, übrigens im Gegensatz zur WE No.91. Ansonsten folgt Aruna den seit langem festliegenden Schaltungsstrukturen der alten 310A/300B-Kombi; heutige Ansprüche in Bezug auf Störspannungsfreiheit verlangen allerdings nach aufwendigen Gleichspannungsheizungen für die Röhren. Übrigens ist die Heizspannung für die 310A (10 Volt) intern umschaltbar auf 7,5 Volt; dann ließe sich, sofern vorhanden, auch eine 328A-Pentode einsetzen. Da die Western-Electric-310A heutzutage praktisch obsolet ist, kommt ihr bezahlbares, nichtsdestotrotz gutes russisches Äquivalent von Svetlana (10J12S) zum Einsatz. In puncto Verstärkung darf die 310er-Eingangsstufe mit 0,7 Volt nominaler Eingangsempfindlichkeit als relativ schwachbrüstig gelten, etwas „lautere“ Quellen sind von Vorteil. Dennoch können die Hochpegel-Eingänge wahlweise um sechs Dezibel abgeschwächt werden, bevor ein mit Festwiderständen bestückter, relaisgesteuerter Pegelsteller übernimmt. Fernbedienbar, versteht sich!
Die Aruna ist selbst im Teamwork mit „lauten“ Treibern absolut still. Die wertvolle 300B wurde hier auf ungefähr sechs Watt Nominalleistung eingestellt und bleibt so verschleißarm und höchst vernünftig etwas unter ihren Möglichkeiten. Das entspricht in der Praxis etwa einem Ruhestrom von 65 Milliampere, der – jetzt kommt doch noch etwas Digitaltechnik ins Spiel! – über zwei „retro“ aussehende LED-Felder angezeigt wird, für jede Röhre einzeln. Zum Einstellen gibt es hier aber nichts, der Vollverstärker ist auf gepaarte 300B-Endröhren angewiesen und verlässt sich mithilfe von Kathodenwiderständen auf die Technik der sogenannten „automatischen Gittervorspannung“.
Der wichtige Ausgangsübertrager hangelt sich am alten Western-Pendant entlang und besitzt einen vergleichsweise kleinen Schnittbandkern und geringe Verschachtelung. „Es klingt so tatsächlich besser“, sagt Jäckle, der für Hörtests unter anderem ein großes Lautsprechersystem mit den WE-Horn-Repliken von Line Magnetic benutzt. Da wundert es niemanden mehr, dass die Aruna auch die unüblichen, sehr hochohmigen Lautsprecher-Anzapfungen für historische Treiber aufweist.
In der Spannungsversorgung des Amps, der als Vollverstärker oder via „Direct“-Eingang als Endstufe betrieben werden kann, kümmert sich die schon erwähnte 5U4G um die Anodenspannungsserzeugung, daran anschließend sitzt ein recht klein dimensionierter Ölpapier-Ladekondensator vor einer Siebspule. Dieser Trick des sogenannten „halben L-Eingangs“ ist hierzulande heutzutage recht unüblich, war früher in den USA eher an der Tagesordnung und verbessert das Netzteil erfahrungsgemäß krass. Danach, da scheut Jäckle keinen Aufwand, „sorgen“ sich dann nochmals – sogar kanalgetrennte – weitere Spulen-/Kondensator-Strecken um eine blitzsaubere Gleichspannung. Der Netztrafo stammt übrigens, genau wie der im Hause entwickelte Übertrager, von einem deutschen Hersteller. Soweit irgend machbar, ist die in 40-stündiger Manufaktur-Arbeit gefertige Aruna bis hin zu dem hochwertigen Aluminiumgehäuse ein durch und durch deutsches Produkt, inklusive ihrer Ölpapier-Kapazitäten, Kohlemasse-Widerstände und Netzteil-Elkos. Und das will in der heutigen Zeit schon etwas heißen.


Wenn wir schon bei Deutschland sind, dann fällt mir dazu auch eine womöglich etwas weiter hergeholte, aber erfahrungsgemäß durchaus passende Charakterisierung ein. Aruna, um jetzt mal Klischees zu bemühen, geht durchaus zackiger, nachdrücklicher und in positiver Art und Weise einen Hauch ungnädiger ans Klang-Werk als diverse andere und insbesondere US-300B-Amps, die ich bis dato gehört habe. Der Vollverstärker verzichtet weitgehend auf freundliches Ab- und Aufrunden, wirkt dabei überraschend standfest, staubtrocken und knurrig, verbunden mit einer eher schlanken Gesamtbalance. Überlastung kündigt sich letztlich eher durch (Hochton-)Rauigkeit als durch Schwammigkeit an – durchaus etwas anders, als man das von SE-300Bs gewohnt sein mag.
Verbunden mit einem sehr, sehr transparenten, tief dreidimensionalen Bühnenaufbau entwickelt sich hier der Klang eher aus den Details anstatt aus zwar großvolumigen, aber wenig strukturierten Klangkörpern; dem bei Single-Ended-Trioden so häufig zu hörenden, eher auf eine Art von überhomogener Gesamtdarstellung fixierten Klangideal mag Aruna nicht folgen. So wirkt Jäckles Verstärker viel feiner strukturiert und auch dynamisch differenzierter, aber bei weitem noch nicht überanalytisch. Eher harsch wirkenden Tonkonserven bietet der Amp aber keine versöhnliche Hand an, seine Wahrnehmung der Verhältnisse ist eher von Ehrlichkeit denn von freundlichem Wegsehen geprägt – wer sich vorher wie an der Aufnahme vergangen hat, ist dem Aruna gleichgültig. Wer vielleicht überbordende (Trioden-)Freundlichkeit sucht oder manchem quäkigen alten Radio-Breitbänder seine Mittenton-Spitzen einseifen will, findet hier nicht die richtige Unterstützung. Dazu ist Aruna zu ehrlich, zu bodenständig, zu sehr auf Genauigkeit bedacht, und, nein, dabei noch nicht zu „beamtisch“.
Denn, Gott sei Dank, jene so gesuchten 300B-Tugenden, die freilich nur im Teamwork mit „lauten“ Lautsprechern überhaupt sichtbar werden, stecken auch hinter der dicken blauen Frontplatte: Zarter, wundersam fließender Schmelz, faszinierend dichte, körperlich schier anwesende Stimmen, ein Schimmer, diamanten, glänzend, samtig oder matt auf dem Klangbild versprüht, wird dargeboten und durchgeleitet, wenn es die Spielpartner hergeben. Doch vergibt eine Spitzen-300B – und um eine solche handelt es sich – kaum etwas, wenn der Ton-Meister den schönen Ton zerstört hat, gefühllos die simple Reproduktion dem Abenteuer vorzog. Dann ist es aus mit dem Erlebnis, das der blaue Gott zu bieten vermag. Der, und das ist wohl das größte Kompliment, das man – vor einem wichtigeren, größeren Hintergrund betrachtet – simpler Technik machen kann, Hörenswertes und Wertvolles sanft behandelt. Der es intakt lässt, anstatt es, wie gewöhnlich, zum ausdruckslosen Gerippe abzumagern oder, nicht minder frustrierend, zur oberflächlichen Unterhaltungsshow aufzupumpen.
Wenn Verrücktheit so vergnüglich und spannend ist wie hier, dann bleibt nur ein Fazit: Her damit!

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Mitspieler
Musikserver: Audirvana Plus
DAC/CD-Player: Playback Designs MPS-3
Plattenspieler: Platine Verdier
Tonarm: EMT 309 (A23)
Tonabnehmer: EMT JSD6, Shindo SPU
MC-Übertrager: A23
Phonoverstärker: Einstein The Turntable’s Choice
Lautsprecher: A23 Rondo, Line Magnetic 597
Kabel: A23, HMS
Stromversorgung: HMS Energia Definitiva

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AcousticPlan Aruna

Prinzip: Single-Ended-Triodenverstärker
Ausgangsleistung (8 Ω): 2 x 6 W
Eingänge: 4 x Line (Cinch), 1 x Direct (Cinch)
Ausgänge: 1 x Lautsprecher (Polklemmen), 1 x Tape (Cinch)
Besonderheiten: Fernbedienung im Lieferumfang, Eingänge wahlweise –6 dB, Ruhestrom-Anzeige, Berührschutz vorhanden
Maße (B/H/T): 26/17/35 cm
Gewicht: 20 kg
Garantiezeit: 5 Jahre, Röhren 6 Monate

AcousticPlan
Gustav-Schwab-Straße 14m
78467 Konstanz
Telefon 07531 73562

www.acousticplan.de

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 20 (4/2015)

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