An den Wänden vieler Autobahntoiletten steht es geschrieben: „Tritt näher, er ist kürzer, als du denkst.“ Wir wollen an dieser Stelle keineswegs anatomische Gegebenheiten und deren psychische Auswirkungen näher erörtern. Aber HiFi-Maniacs sollten sich mit diesem Ratschlag ernsthaft beschäftigen.

Illustration: Ralf Wolff-Boenisch

Neulich, wir waren bei Bekannten zum Essen eingeladen, war es mal wieder so weit. Nach einem überaus üppigen und leckeren Mahl wurden wir ins Wohnzimmer geleitet, wo uns bereits die vorgewärmte Audioanlage erwartete, um uns musikalisch den weiteren Verlauf des Abends zu versüßen. Nach einer Weile wurde ich betont beiläufig um meine Expertise gebeten, also gefragt, wie ich den Sound denn so fände, denn in unserem Bekanntenkreis hat sich leider herumgesprochen, dass ich der Audiomanie verfallen bin. Dies hat dazu geführt, dass mir bei jeder unpassenden Gelegenheit mittelprächtige Musikwiedergabeanlagen vorgeführt werden, damit ich diesen meine Absolution erteile, als ob das Zeug dadurch aufgewertet würde. Wieso um Himmels willen traut bloß niemand den eigenen Ohren und dem eigenen Geschmack? Ich werde doch auch nicht gefragt, ob ich den Ehepartner des Anlagenbesitzers toll finde, obwohl ich dazu im Zweifelsfall einiges beizutragen hätte.
Wahrheitsgemäß erwiderte ich: „Gut“, was der Hausherr zum Anlass nahm, mir seine Strategie bei der Zusammenstellung der Anlage zu erläutern. Er habe seine Komponenten sorgfältigst mit Bedacht so gewählt, dass er tief in die Aufnahme hineinhören könne, um so die Intention des Komponisten in ihrer Gänze zu erfassen und dessen Schaffenskraft den ihr gebührenden Raum zu gewähren. Schlagartig überkam mich eine lähmende Müdigkeit. Da sich meine messianischen Ambitionen jedoch auf diese Kolumne beschränken und ich gerne noch mal eingeladen werden wollte, ließ ich den Wirklichkeitsallergiker reden …
… und dachte bei mir: Warum er denn bloß seinem Setup die Quadratur des Kreises andichtet? Was passiert denn da gerade? Das auf dem Tonträger gespeicherte Signal wird auf drei in verschiedener Höhe befindliche Lautsprecherchassis aufgeteilt, in den akustisch unbehandelten Raum gestrahlt und von diversen Oberflächen reflektiert. In ein paar Metern Entfernung sammeln dann ein Paar Ohren den Brei aus ein wenig Direktschall und jeder Menge Reflexionen wieder ein. Es grenzt doch wahrlich an ein Wunder, dass die beim Hörer eintreffende Klangwolke dort überhaupt ein Wohlempfinden auslöst und der Mensch auch nur im Entferntesten daran denkt, dass es sich hierbei um das Abbild einer Musikaufnahme handelt. Jeder Highender weiß um die mögliche Magie dieser Art des Musikgenusses, aber es sollte klar sein, dass das Ergebnis maßgeblich vom Wiedergaberaum beeinflusst ist und von einem „Hineinhören in die Aufnahme“ nicht wirklich die Rede sein kann. Was also tun, wenn das Motto tatsächlich ernst gemeint ist?
Entweder vergrößere man den Hallradius – das ist der Bereich um eine Schallquelle herum, in dem Direktschall und Diffusschall gleich laut sind – durch gezielte akustische Tuningmaßnahmen des Wiedergaberaums und wähle für diesen Zweck optimierte Lautsprecher. Das aber ist daheim nur begrenzt möglich. Oder man rücke näher an den Ort der Schallentstehung heran – also dorthin, wo es auch mal wehtut, weil man mehr hört, als einem vielleicht lieb ist – und verkleinere das Stereodreieck, wofür naturgemäß kühlschrankgroße Mehrwege-Monster nicht so ganz optimal geeignet sind. Wie viel Wahrheit der wahrheitsliebende Hörer tatsächlich verkraftet, muss er im wahrhaftigen Selbstversuch dann selbst ermitteln.
Spätestens seit dem Debütalbum der Nina Hagen Band wissen wir, dass sich „Rangehn“ im zwischenmenschlichen Bereich lohnt. Dass es sich auch im Umgang mit Lautsprechern auszahlen kann, hatte Frau Hagen uns jedoch leider verschwiegen, obwohl sie im Tonstudio damals bestimmt besonders nah ranging – an die Schallquellen. Im Studio ist das nämlich durchaus üblich, weil fürs Hineinhörenkönnen elementar wichtig. Nebenbei sinkt auf diese Weise der zur Erreichung einer bestimmten Lautstärke notwendige Leistungsbedarf und damit auch das Klirrniveau. Außerdem benötigt ein Nahfeldmonitor, nomen est omen, weniger Platz. Der Sweetspot wird zwar kleiner, aber Sozialkontakte beim Musikhören fördern Störgeräusche und sind damit völlig überbewertet. Vielleicht probieren Sie einfach mal aus, ob Sie die Einsamkeit vor den Boxen ertragen können.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 21 (5/2015)

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