Funkidelity: Prof. P.`s Rhythm and Funk Revue

 

Der Professor empfiehlt Selbstheilung mit Imelda May, Iyeoka, Royal Southern Brotherhood, Thorbjørn Risager, Møster!

Verehrte Verweigerer des pipapopmusikalischen Allerweltuntergangs. Eure Entscheidung, dem gemeinen Gedudel unserer Gaga-Gegenwart durch das Drücken kleiner Knöpfe an von avantgardistischen Handwerkern zusammengeschweißten und mit ausgesuchten Elektropartikelchen gefüllten Kistchen zu entfliehen, ist die richtige. Meinen Segen habt Ihr, das wisst Ihr – und wenn’s anders wäre, würde mir der Vorprediger dieser Analogbibel eh die Lizenz zum Tröten entziehen. So wisset: Der Professor hat Audioschätze aus den Minen des Minnegesangs für Euch ans Licht geholt. Lest meine Beipackzettel, konsultiert die Versandapotheke Eures Vertrauens und werft das eine oder andere Datenträgermodul ein – ob vor oder nach dem Essen, ist mir gleich.

Zweierlei noch aus dem Backstagebereich des Professors: Zum einen musste ich all mein Laptop-Halbwissen zusammenkratzen, um das für die heutige Revue-Ausgabe so dringend benötigte Skandinavien-o zu finden („ø“), zum anderen bin ich mir der Verantwortung als Verkünder des guten Geschmacks bewusst. Und habe gleich zwei der angepriesenen Werke im Rahmen eines „Rhythm and Funk Revue“-Betriebsausflugs live und in Dolby-Technicolor auf den Bühnen der Barmherzigkeit ins Gebein fahren lassen. Hot, hot, hot, meine Freunde. Mich durchzuckt beim inneren Zurückspulen noch immer der Funk. Let’s get it on…

 

IMELDA-MAY

Imelda May – Tribal
CD,DL/Decca Records/Universal

Es ist ein Omen ohne gleichen, wenn eine Kapelle zu den funkigen Taramtamtam-Klängen des apokalyptisch elektrisierenden „Apache“ in der Version von Michael Viner’s Incredible Bongo Band die Bühne betritt. Da kocht des Professors Blut in den Vorhöfen schon vor dem ersten Gitarrenpling – und transformiert im Verlauf eines höllischen Herbstabendsritts am Hafenrand in Northgermany in bis dato unbekannte Aggregatszustände. Freunde, sollte der Tour-Kalender von Imelda May sich je mit Euren Entertainment-Bedürfnissen in Einklang bringen lassen, zögert nicht! Lasst das Sinnieren, ob Rockabilly-Soul-Punk-Funk Euer Ding ist und schleppt die Leiber vor die Bühne. Ich verspreche Euch, hernach fühlt Ihr Euch von verheißungsvoller Energie erfüllt wie einst Sam Phillips, als ein „weißer Neger“ in seinen Sun Studios zu Memphis „That’s Allright, Mama“ aufnahm. Bis Ihr Euren Erfahrungsschatz dergleichen anreichert, widmet Euch dem Studiowerk der guten Frau aus Dublin. Gerade in die Welt entlassen: Tribal, das einem sogar die Brusthaare in eine Rock-and-Roll-Tolle formt. Wilde Western-Gitarren und Highspeed-Billy bei „Five Good Man“ oder Voodoo-Zauber in Form der magischen Ballade „Gypsy In Me“ – man will kaum glauben, dass Imelda May aus Irland und nicht irgendeiner Südstaaten-Beat-Schmiede stammt. Absolut unglaublich. Wer dann Feuer fängt: Auf „More Mayham“ aus dem Jahr 2011 gibt’s eine zu Tränen den Freude rührende Version von Gloria Jones’ Soulknaller „Tainted Love“. Ebenfalls uafásach, wie der Ire sagt.

 

IYEOKA

Iyeoka – Say Yes Evolved
CD, DL/Underground Sun/Edel

Und noch einmal hat Euer liebster Cheftester seine nach einem langen, heißen Sommer ermattete Seelenumhüllung zu einem professoralen Betriebsausflug geladen. Im roten Viertel am Tor zur Welt trat Iyeoka zum Start eines heilig zu nennenden Konzerts vor die Bühne ins Publikum und sang ein afrikanisches Volkslied. Nach und nach füllte sich der Raum hinter ihr, bis dort eine voll funktionsfähige Funkband versammelt war. Mit zum Beispiel einem indischem Gitarristen, der sein Instrument mit dem Geigenbogen spielte, und einer elfengleichen Backgroundsängerin, die immer wieder von der Bühne flatterte und die von jedem Selbstzweifel befreiten, sich in rhythmischen Zuckungen wiegenden Besucher umwehte. Iyeoka, verehrte FIDELITY-Leser, ist meine Entdeckung des Jahres. Say Yes Evolved ist das erste Major-Label-Album der Poetry-Künstlerin, die sich vor zehn Jahren entschied, ihren Job als Apothekerin im Boston City Hospital zugunsten eines zweiten Selbstbildungsweges zu kündigen. Welch’ dankenswerte Karriereplanung. Die Tochter nigerianischer Eltern vollbringt popmusikalischen Eklektizismus der Extraklasse, mischt Afrobeat mit Gospel, Blues, Soul, Funk und Hip Hop. Der Eröffnungssong „Broken Hearts Anthem“ fährt in uns wie der heilige Geist, die folgenden „The Yellow Brick Road Song“ und „Breakdown Mode“ beamen mich, das muss ich den Atheisten unter Euch predigen, endgültig in ein fantastische Paralleluniversum. Und so geht’s weiter bis zum finalen, fulminant-spartanischen Afro-Chant „Baba“. Achtung: Amen.

 

Royal Southern Brotherhood

Royal Southern Brotherhood – Heartsoulblood
CD, LP, DL/Ruf Records

Verehrte Audio-Naturalisten, lasst uns innehalten und eine Minute schweigen im Gedenken an den Serengeti-Rock-and-Roller B. Grzimek … So, alles klar. Also: Es gibt Lebensformen an den Gestaden von New Orleans, die sind rar. Flusskrebse, Kakerlaken, Alligatoren, Zydeco-Akkordeonspieler, Blues-Methusalixe, Crackdealer, French-Quarter-Saxophonisten, Voodoo-Priesterinnen, Karnevalsindianer, Touristen mit „I love N’awlins“-T-Shirts über Whopper-Wampen gehören nicht dazu. Aber Rockmusiker. In der Stadt des Jazz-Funk-Blues-Cajun-Zydeco-Soul-Gemenges fristet der Rock ein Nischen-Dasein – zu funkyfunky ist die Atmosphäre. Dass nun gerade eine Formation aus New Orleans besonders cholesterinhaltigen Rock unters Volk bringt, ist eine schöne Fügung des Schicksals. Denn die Royal Southern Brotherhood, ins Leben gerufen vor drei Jahren von Gregg Almans Sohn Devon, mengt auch auf ihrem zweiten Studio-Album Heartsoulblood unter das Lynyrd-Skynyrd-Gedächtnisgeschrammel jede Menge Louisiana-Funk – kein Wunder, ist doch ein weiterer Verantwortungsträger der Band der Südstaaten-Soul-Funk-Bruder Cyril Neville, Percussionist der Neville Brothers. Während Songs wie „World Blues“ oder „Rock And Roll“ doch sehr geradeaus daherwummern, fährt „Here It Is“ mit seinem feinen Slapbass und mystischem Voodoo-Rhythmus geradewegs ins Tanzbein. Ganz große Kunst ist die vom Gospel geküsste Ballade der Platte: „Takes A Village“. Eine Platte für lange Fahrten auf staubigen Serengeti-Pisten. Lasst mich Song Nummer acht zitieren: „Let’s Ride“…

 

Thorbjørn Risager

Thorbjørn Risager – Too Many Roads
CD, LP, DL/Ruf Records

Der Name trägt es in sich, die Suche nach dem „ø“ legt die Annahme nahe: Dieser Mann kommt nicht aus Memphis. Nein, aus Kopenhagen. Aber er spielt und singt, als lebe er ausschließlich von Zigaretten, Whiskey und dem Staub der Route 66. Acht Platten hat Thorbjørn Risager mit seiner Band, die auf den schönen Namen The Black Tornado hört, in den vergangenen zehn Jahren eingespielt. Der Professor hat jetzt sein Coming Out: Ja, ich kenne nur das neueste Werk, und das ist nicht gut so. Aber Ihr merkt, meine Finger fliegen nur so über die Tastatur, ich tippe wie ein junger Mozart, auf dass ich mich durch diesen kleinen Text hetze und schnellstmöglich etwas Geld im Netz lassen werde. Leute, Leute tut’s mir nach, geht hin und kauft das Web leer, der Tornado- und Blues-Beschwörer hat’s verdient. Schon die brüchige Bluesrock-Eröffnung „If You Wanna Leave“ bläst einem ins Gesicht wie ein Wirbelsturm. Die Ballade „China Gate“ offenbart das Fingerspitzengefühl der Produzenten für zarte Töne in den Medley Studios in Kopenhagen. Die akustische Gitarre klingt hier, als säße der gute Thorbjørn direkt vor uns in seinem Schaukelstuhl auf einer verwackelten Veranda irgendwo im Süden, und als sich dann von hinten eine Orgel herantastet, da kommen mir die Tränen, verehrte Therapierunde. „Paradise“ zündet den die Funk, „Drowning“ und „Backseat Driver“ katapultieren mich zurück in die Schwüle von New Orleans, dorthin, wo Euer aller Professor einst die gleiche Luft atmete wie anno dazumal Professor Longhair, James Booker und all die halbvergessenen Funk-Helden der Historie. Ach …

 

Møster

Møster! – Inner Earth
CD, LP/Hubro

Tja, wie klingt eigentlich das Schnarchen von einem Dutzend besoffener Bergtrolle, durch einen Verzerrer gefiltert und auf einem sinkenden U-Boot abgespielt? Fragt Kjetil Møster, er muss das erlebt haben, anders sind die zwei ersten „Songs“ seines atemraubenden Albums Inner Earth nicht zu erklären, das er mit dem Bandprojekt Møster! bei vermutlich Dauerregen im norwegischen Bergen aufgenommen hat. Bergen, das muss man wissen, ist für die skandinavische Jazz- wie auch Metalszene das, was vor 103 Jahren Seattle für die Rockmusik war. Da knarzt und jaulen auf Inner Earth Soundschnipsel, bevor sich so gaaaaanz langsam aus dem Gebrutzel und Geschnarzel im Stück „Magma Movement“ ein psychedelischer Slowblues herausarbeitet, dass dem Professor das Hirn auf audiophilen Lavaströmen medium gebraten wird. Die Horde schnarchender Trolle ist erwacht und hat spontan eine Pink-Floyd-Coverband gegründet, um mit grob gedengelten Alphörnern auf Fjordfelsen einzuhauen. Laut Booklet ist es aber Saxophonist Kjetil Møster, der unter Begleitung von Hans Magnus Ryan und Kenneth Kapstadt, Gitarre und Schlagzeug der Trondheimer Psychedelic-Rocker Motorpsycho sowie einem vermutlich irren Bassisten ein kleines Meisterwerk geschaffen hat, das zugegeben nahe am Abgrund der Atonalität steht. Doch ist es nicht das Wesen des Blues, aus den Tiefen der Seele jene Töne hervorzubringen, die uns berühren und verführen und dem Verständnis des großen Ganzen auf magische Weise eine Nuance näher bringen? Das ist Kjetil Møster gelungen, so lautet zumindest meine bescheidene Meinung.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 17 (1/2015)

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