Classidelity: Nikolaus Harnoncourt († 05.03.2016) – Neugierde und Provokation

 

Nikolaus Harnoncourt zum 85. Geburtstag

Ende der 1960er Jahre. Ein Gespenst geht um in Europa. Es ist das Gespenst der Revolution, der musikalischen Revolution. Wie auf der politischen Bühne, so geraten in jener Zeit auch auf der künstlerischen Bühne alte Werte ins Wanken, werden scheinbar felsenfeste Grundsätze kritisch hinterfragt und der Muff einer sich nie hinterfragenden Repertoire- und Aufführungspraxis abgeschüttelt. Bis heute gilt Nikolaus Harnoncourt als die treibende Kraft der Zeit, als jemand, der nicht der überlieferten Tradition vertraute, sondern vor dem blinden Musizieren zunächst den Kopf einschaltete, Quellen studierte und das Gespräch mit der Musikwissenschaft suchte.

HarnoncourtHarnoncourt wurde 1929 in Berlin geboren, wuchs in Graz auf und studierte Violoncello an der Wiener Musikhochschule und war bis 1969 Cellist der Wiener Symphoniker. Nebenher widmete er sich der Spieltechnik alter Instrumente und gründete 1953 das Ensemble Concentus Musicus, das 1957 erstmals öffentlich auftrat. Hier vollzog sich die Erkenntnis, dass die Musik des 18. Jahrhunderts in weiten Teilen gar nicht klingen kann, wenn man sie nicht mit einem historischen Instrumentarium spielt. So ist es mit modernen Instrumenten beispielsweise beinahe unmöglich, die Lautstärkebalance zwischen Trompete und Blockflöte im Zweiten Brandenburgischen Konzert Bachs auszutarieren, weshalb Dirigenten wie Karajan mal eben in die Bach’sche Partitur pfuschten und die Blockflöte durch eine moderne Querflöte ersetzten. Hier hat Harnoncourts Concentus Musicus – nicht zuletzt mit seiner spektakulären Aufnahme der Brandenburgischen Konzerte – wahre Pionierarbeit geleistet.

HarnoncourtHarnoncourt gibt immer wieder eine Aufführung der großen g-Moll-Sinfonie Mozarts mit den Wiener Symphonikern 1969 als Schlüsselerlebnis an, das ihn mit dem gängigen Orchesterbetrieb brechen ließ. Zu unverständlich schien es ihm, diese Musik voller Brüche und Abgründe in einer der tragischsten Tonarten des 18. Jahrhunderts als „Grinse-Mozart“, als Appetithäppchen zu Kaffee und Kuchen aufzuführen. Hinzu kam, dass sein Concentus Musicus mittlerweile auf einigermaßen finanziell gesicherten Beinen stand, sodass Harnoncourt eine alleinige Dirigenten-Karriere wagen konnte. Der internationale Durchbruch gelang ihm dann zusammen mit dem Regisseur Jean-Pierre Ponnelle an der Zürcher Oper mit einem vielbeachteten Monteverdi-Zyklus.

Das größte Provokationspotenzial aber lag schon immer in seinen Mozart-Interpretationen. Der Konzertbetrieb gestand ihm bei der Musik des 16. und 17. Jahrhunderts gewissermaßen Narrenfreiheit zu, bei Bach drückte man noch ein Auge zu, spätestens aber bei Mozart hörte der Spaß auf. „Mir liegt seine Art, Mozart zu misshandeln, nicht“, grantelte 1981 Karl Böhm in seinem letzten Interview. „Ich könnte ihm beweisen, dass seine Interpretationen mit Mozart nur wenig zu tun haben. Ich lehne ihn ab.“ Die musikwissenschaftliche Forschung der letzten 30 Jahre zeigt aber, dass Böhm diesen Beweis nie hätte erbringen können. Insbesondere Harnoncourts Arbeit mit dem Amsterdamer Concertgebouw Orchester aus den 1980er Jahren zeigt, dass für eine adäquate Interpretation der Mozart’schen Sinfonien gar kein Spezialensemble notwendig ist, so wuchtig, elektrisierend und dennoch gleichsam transparent klingen diese Aufnahmen mit einem der großen Traditionsorchester. In der Folge dauerte es auch nicht lange, bis eher konservativ eingestellte Orchester wie die Wiener Philharmoniker musikalische Projekte und Aufnahmen mit ihm wagten. Fortan war der diskographische Weg weit bis ins 19. Jahrhundert frei, von Beethoven und Schumann über Dvorak bis hin zu Brahms und Bruckner.

HarnoncourtNimmt man sich die Aufnahmen der letzten zehn Jahre vor, so fasziniert, wie hier die stete Neugier und der permanente Veränderungswille Harnoncourts ihren Ausdruck finden. In einem steten Prozess neuer Erkenntnisse werden Interpretation verändert, neue Tempi ausprobiert und bereits zigfach gespielte Werke neu untersucht und hinterfragt. Dies widerlegt auch das alte Vorurteil gegenüber der historischen Aufführungspraxis, dieser ginge es darum, ein Werk exakt so aufzuführen, wie es in seiner Entstehungszeit geklungen habe. Harnoncourt zeigt vielmehr, dass es um einen ständigen Verstehensprozess geht, der auf den historischen Kern eines Werks zielt, aber letztlich doch nie abgeschlossen ist. Auch wenn nicht immer alle Thesen sofort stimmig wirken, wie etwa seine jüngste Theorie, die drei letzten Mozart-Sinfonien seien als ein zusammenhängendes instrumentales Oratorium gedacht gewesen, kann doch die musikalische Umsetzung immer überzeugen.

Gerade seine aktuellen Mozart-Aufnahmen mit dem Concentus Musicus sind eine würdige Alternative zu den legendären Amsterdamer Interpretationen; nicht als Ersatz, aber als unbedingte Ergänzung und als Zeugnis dafür, dass auch mit 85 Jahren ein wacher Geist die Musikszene immer noch provozieren kann.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 17 (1/2015)

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