Illustration: Ralf Wolff-Boenisch

Endlich, jetzt und hier, soll die Gretchenfrage der HiFi-Geschichte abschließend geklärt werden: Vertraust du deiner Wahrnehmung oder glaubst du an Messdiagramme? Für den wissenschaftlichen Ansatz sprechen handfeste Werte und – freilich nur unter identischen Bedingungen – reproduzierbare Ergebnisse. Die Crux liegt in ihrer positivistischen Interpretation, sofern sie auf eingeschränkten Erkenntnissen beruht. Jene Resultate in einen vernünftigen Kontext zu setzen ist unmöglich, wenn man nicht weiß, was Klangqualität letztlich ausmacht. Der Frequenzschrieb eines Lautsprechers kleidet sich in einen beeindruckenden Graphen, der dem interessierten Laien höchste Professionalität vermittelt. Aber auch Kundige können allein daraus nicht ablesen, wie sich der Lautsprecher an wechselnder Elektronik und in verschiedenen Räumen verhält. Solange wir also mit nichtlinearen HiFi-Verstärkern in ungenormten Räumen hören, ist der Frequenzgang in etwa so aufschlussreich wie der cw-Wert eines Kühlschranks – danke für die Info, aber was soll ich damit? In meiner Küche herrscht mit einer Ausnahme für Pfannkuchen generelles Flugverbot.

Eine Blitz-Umfrage in der Redaktion förderte erstaunlich heterogene Ergebnisse zutage. Es gibt Stimmen, die behaupten, fundierte Messungen und ein komplexes Geflecht aus Ergebnissen lassen durchaus Rückschlüsse auf die Klangqualität zu. Dennoch, bewerten Sie das bitte als persönliche Meinung: Der Szientismus findet seine Grenze dort, wo kausale Zusammenhänge unklar sind. Zum Beispiel haben laut einer US-Studie leicht übergewichtige Frauen eine höhere Lebenserwartung als Männer, die das thematisieren. Okay, erwischt, das ist ein schlechter Scherz. Aber er enthält mehr Wahrheit über die wissenschaftliche Praxis, als man glauben möchte. Es gibt Theologen (Memo an mich: Klären, ob das eine Wissenschaft ist), die den gesamten technisch-wissenschaftlichen Fortschritt als einzigen großen Gottesbeweis deuten, und wer den Erkenntnissen der Gentechnik, der zeitgemäßen Kraniometrie, Glauben schenkt, kann ebenso gut seine Seele im Pfandhaus versetzen.

Kein Scherz dagegen: Brennende Zündhölzer riechen nach verbrannten Nasenhaaren. Probieren Sie es ruhig aus. Das lässt sich empirisch einwandfrei verifizieren. Aber folgt daraus, der ultimative Ratschlag von HiFi-Koryphäen, der da lautet: „Vertrauen Sie ihrem Gehör“, sei ernst zu nehmen? Ich kann da nur für mich sprechen, aber ausgerechnet die eigene Wahrnehmung als absoluten Maßstab zu setzen halte ich für größenwahnsinnig. Ist es wirklich gut, wenn ich zufrieden bin? Oder sind Zweifel (auch an sich selbst) nicht viel mehr notwendiger Antrieb für Verbesserungen? Nichts da, so einfach darf man den Experten nicht davonkommen lassen. Aber immer nur einen Spezialisten in die Pflicht nehmen! Andernfalls erhält man mindestens drei konkurrierende Ansichten und steht wieder am Anfang. Was von HiFi-Experten zu halten ist, sehen Sie ja an diesem Text. Hochtrabende Worte zu Beginn, und am Ende bleibt nur Betroffenheit: Vorhang runter, und die Fragen doch nicht geklärt. Das reimt sich nicht einmal. Vielleicht machen Sie’s doch besser auf eigene Faust. Ich spare derweil frustriert auf neue Lautsprecher. Die gehen linear bis 50 Kilohertz!

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