Albumdoppel: Zwei Freunde sollt ihr sein

 

Es gibt nicht nur Coverversionen von Songs. Auch Plattenhüllen werden „gecovert“. Das gecoverte Cover – ist es witzige Anspielung, respektvolle Verehrung, Parodie oder hat es einen tieferen Sinn?

Sind sie nicht süß, die beiden? Paul und Arthur, im Alter nur drei Wochen auseinander, sind Freunde schon seit ihrer Kindheit. Mit elf Jahren sollen sie sich erstmals getroffen haben, nicht beim Ballspielen, nicht beim heimlichen Zigarettenrauchen, sondern bezeichnenderweise auf der Theaterbühne. Die Jungs, beide aus gebildeten jüdischen Familien, spielten nämlich bei der Schul-Inszenierung von Alice In Wonderland mit, das war 1953. Sie suchten offenbar das Rampenlicht. Kurz danach wurden sie – wie die gesamte amerikanische Jugend – vom Rock’n’Roll gepackt. Also sangen sie auch gemeinsam, nannten sich „Tom & Jerry“ und hatten tatsächlich mit nicht mal 16 Jahren einen kleinen Plattenhit – quasi die Everly Brothers der Ostküste. Später erlebten sie dann, wie der studentische Folk-Rock das New Yorker Village eroberte – Leute wie Bob Dylan und Joan Baez, beide ihr Jahrgang. Da klinkten sie sich 1964 wieder ein, nun unter dem Namen „Simon & Garfunkel“.

Simon Garfunkel

Simon & Garfunkel – Bookends
CD/CBS

Bookends, aufgenommen 1967/68, war ihr viertes Studioalbum und tatsächlich schon ihr vorletztes. Vielleicht spürten sie bereits das nahe Ende: Vieles auf dem Album, nicht nur der Titel, dreht sich um Abschied und Vergänglichkeit. Dabei waren sie erst 26, als die Platte erschien. Es gibt ein ähnliches Foto der Everly Brothers, das ein Jahrzehnt früher entstand. Die beiden Everlys strahlen dort um die Wette, die Pomade in ihren Tollen strahlt mit – ein typischer Showbiz-Glamour-Promo-Shot der fünfziger Jahre. Ganz anders Paul und Arthur auf dem Cover von 1968: Der Blick ist ernst – nicht unfreundlich, aber wach und alarmiert. Es ist eine politisch bewusste Zeit. Engagement und Ehrlichkeit zählen viel. Und diese beiden kommen aus der kritischen, reflektierten Folk-Welt, der Beatnik-Welt, der Welt des Existenzialismus und der schwarzen Pullover. Da ist Paul – der gedankenschwere Poet mit der Mönchsfrisur. Da ist Arthur – der Kopfstimmen-Engel mit den blonden Locken und dem verspielten linken Arm. Echte Rockmusiker sehen 1968 schon ganz anders aus.

Heute sind wir es gewöhnt, dass Band-Karrieren ewig anhalten und immer wieder erneuert werden. Auch Simon & Garfunkel traten später noch gemeinsam auf, aber ihre Geschichte als Band endete 1970. Und sie endete auf dem Höhepunkt: Ihr letztes Album schlug alle Rekorde. Bookends, das vorletzte, war der Anlauf zum Schlussakkord – das erste ihrer Alben, das in Deutschland in die Charts kam, das erste ihrer Alben, das in den USA und Großbritannien Platz eins erreichte. In den USA lieferte es sich an der Spitze der Charts über Monate ein Wettrennen mit The Graduate, dem Soundtrack-Album, das ebenfalls ihre Songs enthielt. Auch das Bewusstsein des Erfolgs steht in diesen Gesichtern. Im ersten Song von Bookends – „Save The Life Of My Child“ – zitieren sie sogar stolz einen früheren Hit. Und im Song „Old Friends“ heißt es: „Can you imagine us, years from today, sharing a park bench quietly? How terribly strange to be seventy.“ Die jungen Männer, die das sangen, sind heute in der Tat 73.

Kruder Dorfmeister

Kruder & Dorfmeister – G-Stoned
CD/G-Stone

Zu der Zeit, als Bookends entstand, kamen Peter Kruder und Richard Dorfmeister gerade erst zur Welt. Vielleicht mochten ihre Eltern das Album. Vermutlich ging es den beiden Wienern bei ihrem Cover-Imitat 1993 aber auch nur um die Botschaft des Original-Fotos: zwei junge Männer auf dem Scheitelpunkt des Zeitgeists, den Glanz des Erfolgs zum Greifen nah. G-Stoned war ihr erstes Album, eine EP mit gerade mal vier Stücken. Doch schon kurze Zeit später galt die Marke „Kruder & Dorfmeister“ als Qualitätssiegel in Sachen elektronischer Musik. Der gelernte Friseur Kruder und der gelernte Musiker Dorfmeister – sie wurden zum Inbegriff für trendigen Produzenten- und DJ-Trip-Hop. Kruder, der mit dem Bärtchen, hat in seinen Augen hier etwas Hartes, Fanatisches, wild Entschlossenes. Dorfmeisters Blick ist eher verschleiert, verträumt, geduldig. Mit politischer Bewusstheit hat ihre Musik wenig zu tun, aber viel mit Basteleien am Computer. Es sind zwei Digital-Nerds, die uns hier anschauen. Schaltkreis-Virtuosen. Täter der Nacht.

25 Jahre liegen zwischen den beiden Alben. 1993 klang der Zeitgeist nach Beat-Flow mit kleinen Funk-Elementen, dem Knistern von Samples und sanfter Jazz-Gestik. Dass Richard Dorfmeister Flöte und Gitarre gelernt hat, hört man. Das meiste andere – Beats, Stimmen, Groove-Figuren – kommt aus dem Computer, teils von Samples. Es ist eine Musik, die auf das Wesentliche verzichten kann – auf Wortgesang, Inhalt, Melodie. Eine Musik, die stattdessen den Flow, das Feeling, die Vibes zum Wesentlichen macht. Eine kunstvolle Klangtapete für Friseursalon, Flughafen-Lounge und Szene-Bar. Eine Sound-Rutschbahn und sanfte Ölung für unsere emotionale Wellness. Die Botschaft ist friedlich, hip, stylish, multikulturell, aufgeschlossen. Eine Botschaft via Computer. Zwei Freunde klicken am Zeitgeist herum.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 17 (1/2015)

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