Jazzidelity: Marius Neset – Birds

 

Fetzige Raffinesse

Er könnte es sich wirklich einfacher machen. Marius Neset, 28, gilt als Norwegens talentiertester Saxofonist „seit den sechziger Jahren“, seit dem jungen Jan Garbarek. Sein Tenor geht unaufhaltsam los wie eine Rakete, growlend und multiphonisch, und kann eine ganze Rhythmusgruppe ersetzten. Alles Exaltierte zwischen Rhythm & Blues und Freejazz-Ekstase flutscht ihm mit müheloser Überzeugungskraft aus dem Trichter. Nicht umsonst ist Neset auch Frontmann von Jazz Kamikaze, einer Band, die ihren Namen mit einigem Recht trägt, weil sie sich mit selbstmörderischer Unbedingtheit in den Groove stürzt. Der blonde Norweger kann zuweilen aber auch mit geisterhaft-surrealer Sanftheit in sein Instrument hauchen. Und was er obendrein auf dem Sopransax an virtuosen Kunststücken beherrscht, das dürfte jeden klassischen Bläser das Fürchten lehren.

Marius Neset

Marius Neset – Birds
CD/Edition Records

Er könnte es sich also wirklich einfacher machen. Nämlich einfach nur Saxofon spielen. Tut er aber nicht. Für seinen Zweitling Birds, aufgenommen in Kopenhagen und gemastert in Stockholm hat Marius Neset vielmehr einige der dichtesten und komplexesten Partituren zusammengebastelt, die es im Jazz seit langem zu hören gab. Eine tänzerische Kammermusik eröffnet das Album, ein Fanfarenstück macht den Schluss, beide von norwegischer Folklore inspiriert, mit packendem Drive, aber auch mit einer polyphonen und rhythmischen Verzahntheit und Mächtigkeit, die den Hörer ungläubig staunen lässt. Blitzschnelle Melodieblöcke, eingebettet in rockende Bigband-Riffs, durchsetzt mit komponierten Freejazz-Läufen – nein, etwas so Raffiniertes und zugleich Fetziges war im Jazz noch selten oder sogar nie zu hören. Virtuosität, Power und Groove feiern ein gemeinsames Gipfelfest.

 

Für die mitreißendsten Verdichtungen des Albums hat Neset sein Quintett um einige Gäste erweitert: fünf Blechbläser, den Akkordeonisten Bjarke Mogensen und vor allem sein eigene Schwester Ingrid Neset, eine klassische Flötistin. Ebenso souverän und technisch überwältigend wie ihr Bruder bläst sie sich durch die verzwickten, rasanten Partituren, allerdings ohne zu improvisieren. Was die beiden dann ganz allein in „Spring Dance“ anstellen, lediglich perkussiv begleitet, macht einfach nur sprachlos: Ingrid mit flötistischer Perfektion, Marius mit der Freiheit des Jazz-Tenoristen. Das ist wirbelnde Kammermoderne mit improvisiertem Touch. Da braucht es sonst keine Holzbläser auf dem Album. Die beiden kriegen alles hin.

Aber auch mit der Quintettbesetzung – die in den Themen zuweilen durch die Flötistin ergänzt wird – geht Marius Neset immer bis an die Grenzen des Mach- und Vorstellbaren. Die verblüffenden rhythmischen Umschwünge in „Boxing“ oder der Sopransax-Marsch, der mitten in die Ballade „Portuguese Windmill“ hereinbricht, haben etwas von jener Alarmwirkung, die vor 70 Jahren vielleicht der Bebop besaß. In dem kurzen Stück „Reprise“ mischt sich das Saxofon dagegen sanft mit unscharfen Bläserakkorden, zaubert ein fast esoterisches Klangbild – und drängt die Band dann unwiderstehlich in eine dissonante Eskalation. Marius Nesets überschäumendes Temperament sucht immer wieder die groteske Übertreibung. Den aggressiven Kick. Den virtuosen Knall.

Der Pressetext des Labels bemüht sich rührend, einige der Einflüsse aufzuzählen, die in solchen orchestralen und solistischen Konzeptionen hörbar werden – Igor Strawinsky etwa oder Wayne Shorter, Steve Reich oder Django Bates. Doch Nesets Mixtur ist so eigenständig, facettenreich und einmalig, dass Vergleiche da eher in die Irre führen. Er könnte es sich wirklich viel, viel einfacher machen. Gut für uns, dass er es nicht tut.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 7 (3/2013)

 

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