Classidelity: Eterna Cuts

 

Audiophiles Klassik-Vinyl aus dem Osten

Das Kürzel AAA, das für eine von Aufnahme bis Tonträgerproduktion rein analoge Arbeitsweise steht, ist fast vergessen. Wir leben in DDD-Zeiten, mitunter wird schon im Mikrofon-Vorverstärker digitalisiert. So ist das groß aufgedruckte dreifache Analog-A auf den jüngsten Wiederveröffentlichungen des ostdeutschen Klassik-Labels Eterna geradezu ein Weckruf aus der guten alten Zeit. Die drei Buchstaben zieren fünf aufwendig in Vinyl produzierte Wiederauflagen aus dem Eterna-Katalog.

Franz Schubert

Franz Schubert – Die schöne Müllerin
Label: Edel / Eterna
Format: LP

Die Edel GmbH, seit der Übernahme des Klassik-Katalogs 1993 Nachlassverwalterin des ehemaligen Staats-Klassiklabels, hatte schon einmal eine kleine Auswahl auf LP veröffentlicht. Das war zu Beginn des bis heute anhaltenden Vinyl-Booms. Was allerdings jetzt unter dem Titel „Eterna Cuts“ auf den Markt kommt, hat mit den ersten Vinyl-Reissues wenig zu tun. Die fünf auf teils 1000, teils sogar nur 750 Stück limitierten Produktionen sind explizit nach audiophilen Maßstäben gefertigt. Schweres 180-Gramm-Vinyl und Hüllen und Begleithefte in bester Papier- und Druckqualität gehören da ohnehin zum Pflichtprogramm. Vom DMM-Mastering ist man wieder abgekommen, da es einen digitalen Zwischenschritt erfordert, und hat stattdessen ganz klassisch in Lackfolie geschnitten. Über technische Details bei der Produktion der Neuauflagen informiert detailliert ein Infoblatt, das jeder Platte beiliegt.

Jedes Cover ziert zudem eine Banderole mit den wichtigsten Eckdaten zur Aufnahme – Datum, Ort, verantwortliche Tonmeister, Masterband-Nummer –, und jedes Exemplar ist handschriftlich nummeriert. Da die Masterbänder gut gelagert wurden, soll die Qualität über die Jahre (wir sprechen von bis zu 50 Jahre alten Aufnahmen!) nicht gelitten haben. Tatsächlich sind etwa die zu Vorechos führenden gefürchteten Kopiereffekte kaum wahrnehmbar. Das lässt sich für viele westeuropäische und amerikanische Reissues leider nicht behaupten.

Bach

Johann Sebastian Bach – Matthäus Passion
Label: Edel / Eterna
Format: LP

Mit zwei Opern, einer Messe, einem Oratorium und Klavierliedern lautet das Thema der fünf „Eterna Cuts“-Produktionen unverkennbar: Stimmen. Bis auf die Rundfunkproduktion des Parsifal, die in der Leipziger Kongresshalle stattfand, wurden alle Werke in der für ihre Akustik berühmten Lukaskirche in Dresden aufgenommen. Die war seinerzeit – mit eingebautem Aufnahmeinstrumentarium – quasi die Studio-Kirche der Eterna. Dabei setzten die DDR-Tonmeister überwiegend auf West-Technik: Mikrofone von Neumann, später auch B&K, Bandmaschinen von Telefunken und AGFA-Band.

Der Tenor Peter Schreier ist bei den fünf „Eterna Cuts“ gleich dreimal vertreten. Am prominentesten als Partner des Pianisten Walter Olbertz mit dem Liedzyklus Die schöne Müllerin und zehn Rellstab-Liedern von Franz Schubert. Das ist gleich mal eine Referenzaufnahme. Schreiers strahlender lyrischer Tenor, der ganz ohne Deklamieren auskommt und stattdessen mit feinem Klangfarbenpinsel und exzellenter Sprachverständlichkeit den Hörer packt, dazu Olbertz’ zartes, bewegliches Klavierspiel: große, unverkünstelte Liedkunst.

 

 

Weniger exponiert ist Schreier als Evangelist in J. S. Bachs Matthäus-Passion und in Beethovens Missa Solemnis zu hören. Als Evangelist in der Passion brilliert er einmal mehr, während um ihn herum die Monumentalproduktion mit Dresdner Kreuzchor, Leipziger Thomanerchor und Gewandhausorchester Leipzig einer gemächlichen, jeglicher barock-aufführungspraktischer Hektik unverdächtigen Gangart frönt. Die Missa Solemnis gestaltete Maestro Kurt Masur als prachtvolle Jubel- und Festmesse – besonders die massiven Tuttipassagen nötigen dem Tonabnehmer maximale Abtastsouveränität ab.

Richard Wagner

Richard Wagner – Parsifal
Label: Edel / Eterna
Format: LP

Das Sängerensemble aus Mozarts Entführung aus dem Serail mit der Dresdner Staatskapelle unter Otmar Suitner hat es gegen aktuelle Produktionen schwer, zu unausgewogen sind die stimmlichen Leistungen. Und dann sorgt beim Hören noch die Übernahme der zahlreichen Rezitative durch Sprecherstimmen für Verwirrung. Das dient zwar sehr der Verständlichkeit, erfordert aber jedesmal wieder einige Orientierungssekunden.

Schließlich Parsifal, Richard Wagners Bühnenweihfestspiel, mit dem RSO Leipzig unter Herbert Kegel und dem „Wessi“ René Kollo in der Titelrolle. Großes Lob für diese Wiederveröffentlichung. Der Live-Radiomitschnitt lässt eine prickelnde Bühnenatmosphäre spüren, das hochklassige Sängerensemble überzeugt ebenso wie das dramatische Akzente setzende Orchester. Den satten AAA-Sound gibt’s als Sahnehäubchen obendrauf.

 

www.edel.com

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 9 (5/2013)

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