Jazzidelity: Aki Takase – My Ellington

 

Auf Verfremdungsreise

Auf einem großen Jazzfestival finden oft gleichzeitig mehrere Konzerte auf verschiedenen Bühnen statt. Da könnte es vorkommen, dass man sich als Festivalbesucher entscheiden muss zwischen einem nostalgisch-humorvollen Stride-Pianisten, einem unwiderstehlich swingenden Bop-Pianisten, einem von Schumann und Ravel inspirierten Jazz-Virtuosen und einem fantastischen Freejazz-Improvisator. Die Wahl fiele schwer. Es sei denn, einer dieser Künstler wäre Aki Takase.

Aki Takase

Aki Takase – My Ellington
Label: Intakt
Format: CD

Die Japanerin, die seit mehr als einem Vierteljahrhundert in Berlin lebt, könnte nämlich als jede dieser Persönlichkeiten auftreten – weil sie alle in sich vereinigt. Aki Takase amüsiert sich mit den Stilmitteln des frühen Stride- und Blues-Pianos, entfacht unglaublich swingende Grooves, liebt das Spiel mit Bop-Intervallen, mit impressionistischen Klängen und Zwölftonreihen.

Mit all dem jongliert sie, und zwar als freie Improvisatorin, in einer raffinierten Gratwanderung zwischen Tonalität und Atonalität – temperamentvoll, direkt, spontan, humoristisch, lakonisch. „Ich bin einfach Optimistin“, sagt sie unerschrocken. „Jazz ist zeitlose, lustvolle Musik, immer ganz aktuell, ganz neu, grenzenlos. Wo ich bin, da ist alles.“

Es wundert wenig, dass die Pianistin besonders die originären Einzelgänger des Jazz verehrt, die unkopierbaren Instrumentalisten, die unberechenbaren Freigeister, die Helden des Verwinkelten und Überraschenden. In ihrer künstlerischen Ahnengalerie hängt ein Fats Waller neben einem Ornette Coleman, Eric Dolphy neben Thelonious Monk, Carla Bley neben Charles Mingus. Zu ihren guten Geistern gehört auch und immer schon Duke Ellington – als Pianist unterschätzt, fast verschroben-widerborstig, als Arrangeur ein Alchemist der Dissonanzen, Klangmischungen und chromatischen Effekte. Der Kritiker Stanley Dance beschrieb Ellington einmal so: „Er liebte es zu beweisen, dass das Unorthodoxe richtig klingt. Er liebte es, etwas zu tun, von dem man sagt, es sei falsch.“ Duke Ellington, der experimentelle Freigeist: Bei Aki Takase wird er mutig aus der Flasche gezaubert. Eine Figur im Übergang von Fats Waller zu Thelonious Monk.

Nach rund 40 Jahren professioneller Jazz-Aktivität, nach acht gewonnenen Preisen der deutschen Schallplattenkritik, nach mehr als 50 Alben unter eigenem Namen (als Solistin, Leader und Ko-Leader) ist My Ellington (Intakt CD 213) so etwas wie Aki Takases Ernte einer jahrzehntelangen Immer-wieder-Begegnung mit dem Duke. Sie kennt diese Stücke wie kaum jemand, sie hat sich an ihnen abgearbeitet, hat sie analysiert und gelebt: Swing-Evergreens wie „Solitude“ und „Caravan“, aber auch Ellingtons Spätblüten der sechziger Jahre wie das kürzelhafte „Take The Coltrane“ und die lyrische „Fleurette Africaine“. Aki Takase hat diese Stücke unzählige Male in ihre Bauteile zerlegt, hat die Akkordstrukturen und Intervallfolgen durchleuchtet und die Improvisationswege abgeschritten – und nun entwickelt sie deren Logik frei improvisierend weiter, heiter, lustvoll, mit wacher Schlagfertigkeit.

Oft beginnt es mit der Exposition der Bestandteile eines Stücks, mit verzauberten Klangfolgen, aus denen sich allmählich die bekannte Ellington-Melodie zusammensetzt. Aber das ist nur der Anfang der Verfremdungsreise: Harmonien werden um- und weitergedacht, Tempi überraschend halbiert, zwei Ellington-Themen als Frage-und-Antwort-Phrasen gekoppelt. Mal legt die Linke einen Stride-Bass darunter, mal eine würdevolle Walking-Figur, mal einen wahnwitzig hetzenden Basslauf. „The Mooche“ wird zum düster-dramatischen langsamen Blues, „Solitude“ mündet in einen großzügig tröpfelnden Swing, „Caravan“ und „Battle Royal“ sind artistische Virtuosenstücke. Immer wieder wollen die Linien ins Freie fliehen, ihrem eigenen Drang folgend, immer wieder kippen Läufe weg in klirrende Cluster und Freejazz-Girlanden. So viel Aki Takase steckt in Ellington, so viel Ellington in Aki Takase. Nie hat die Musik des Duke mehr Spaß gemacht.

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 9 (5/2013)

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