Pro-Ject Stream Box DSA – Schlagende Verbindung

Pro-Ject Stream Box DSA – oder: Die Reinkarnation der Kompaktanlage

Sagt Ihnen der Name “Rosita Tonmöbel” etwas? Falls ja, rebelliert dann spontan Ihr highfideles Gewissen oder denken Sie eher: “Ach Du lieber Gott – das gab’s ja auch mal“? Falls Ihnen der Begriff jedoch überhaupt nichts sagt, hier zunächst mal einige klärende Worte: Rosita war einer von vielen deutschen Herstellern, die sich im HiFi-Boom zu Beginn der Siebziger Jahre sehr intensiv dem Thema “Kompaktanlage” widmeten – einer zwar wenig image-trächtigen, aber objektiv betrachtet recht erfolgreichen Gerätegattung, die möglichst alle damals verfügbaren Programmquellen unter einen Hut bringen wollte, frei nach dem Motto: “Boxen anschließen und Musik hören.” Ganz Mutige konnten sich Stellwerkpult-große (und ebenso schwere) Kombinationen aus Plattenspieler, Cassettendeck, Radio und Verstärker auf’s Sideboard stellen. Und wehe, wenn da mal etwas kaputtging – dann gab’s wochenlang keine Musik mehr.
Meine Eltern waren nicht ganz so kühn und kauften damals den deutlich kompakteren, weil zweigeschossigen Würfel vom Fellbacher Hersteller Wega: Bei ihm ließ sich das in der unteren Etage wohnende Dual-Laufwerk 1226 – mit Magnetsystem natürlich – durch Schwenken des oberen Receiver-Blocks verstecken. Der „Weganer“ erfüllte übrigens in allen Kriterien die damals frisch erschaffene HiFi-Norm DIN 45500. Die wurde später zwar von vielen HiFi-Fans nur noch milde belächelt, zu dieser Zeit war sie allerdings ein deutlicher Qualitätssprung. Ich jedenfalls habe mit dem Wega-Würfel immer gern Musik gehört, auch noch etliche Jahre später, als ich selbst schon zu den „HiFi-Separatisten“ gehörte.
Obwohl ich mir selber bestimmt keine Kompaktanlage gekauft hätte – so ganz und gar verstanden habe ich eigentlich nie, warum ihr Ruf so schlecht war. Auch aus technischer Sicht konnten die Kompakten locker mit zeitgenössischen Einzelkomponenten mithalten, wie ich später aus vielen Schaltplänen erfuhr. Vielleicht war es einfach nur die Tatsache, dass Kompaktanlagen sich zwar an grundsätzlich technisch aufgeschlossene Musikliebhaber wandten, die aber dennoch aus dem Musikhören keine Wissenschaft machen wollten. Und das war uns echten Fans natürlich zu wenig – vergleichbar vielleicht mit einem Fotografen, der niemals die Automatik-Funktion seiner Kamera nutzen würde, selbst wenn die Bildqualität dann besser ausfiele.

Minimiere mich

Und schon sind wir mitten im Thema: Denn vor mir steht eine schnuckelige Black Box, bei der der Begriff “Kompakt-Anlage” voll ins Schwarze trifft: Die Pro-Ject Stream Box DSA vereint einen WIFi-tauglichen Netzwerkspieler, einen D/A-Wandler und eine komplette Verstärkereinheit mitsamt Analogeingängen in einem stabilen, nicht mal drei Kilogramm schweren Stahlblechgehäuse, das mit 21 x 8 x 23 Zentimetern die Bezeichnung “kompakt” auch wirklich verdient. Die Stream Box DSA ist dabei ganz in Schwarz, aber auch mit silberner Front erhältlich.
Nicht nur, dass die Pro-Ject den alten Kompaktanlagen-Slogan “Boxen anschließen und Musikhören” mit ihrem Konzept perfekt umsetzt – auch gelingt ihr das auf eine Art und Weise, die zu Beginn der Siebziger als “Neue Sachlichkeit” in alle technischen Bereiche, vor allem dem Automobilbau, Einzug hielt: kein Chi Chi, kein Schnickschnack, nichts Überflüssiges und eine klare Formensprache, die sich ausschließlich an Funktionalität orientiert. In der Praxis bedeutet das denn auch, dass man die Pro-Ject DSA, ohne einen Blick in die (durchaus gelungene) Bedienungsanleitung zu werfen, auf Anhieb “blind” bedienen kann. Somit kombiniert die DSA ein bewährtes, traditionelles Konzept mit neuen Funktionalitäten, weshalb ich sie im besten Sinne als “Kompaktanlage 2.0” bezeichnen will.


Ihre Einsatzmöglichkeiten scheinen beinahe unbegrenzt. Denkbar ist beispielsweise folgendes Szenario: Der Nachwuchs bekommt nicht nur ein Studienplatz in einer anderen Stadt, sondern auch gleich noch ein günstiges Zimmer im Studentenwohnheim, das natürlich nicht allzu groß ausfällt. Eine passende Beschallungsanlage, die auch die Musiksammlung auf dem Computer und Internet-Radio wiedergeben können sollte, darf trotzdem nicht fehlen. Und schon ist die kompakte Stream Box im Spiel, die bequem auch auf der hintersten Ecke der Fensterbank Platz nehmen kann. Damit aber nicht genug: Im Laufe der Zeit lernt man sich kennen und die ersten Etagen-Parties finden statt. Also ab mit der Stream-Box in die gemeinsame Küche, wo sie dank WIFi noch nicht mal ein LAN-Kabel benötigt, um Musik vom Computer im Zimmer zu streamen. Wenn sich die Kommilitonen mit ihren Rechnern ebenfalls ins Netzwerk einloggen, gibt’s nicht nur Musik ohne Ende, sondern auch noch in ungewohnter Vielfalt.
Und sollte dann wirklich mal ein Cocktail auf der Stream Box Platz genommen haben – keine Panik: Der Gehäusedeckel besitzt keine Kühlschlitze, da kann so schnell also nichts reinlaufen. Und hier liegt denn auch ein ganz klarer Vorteil der Stream Box DSA gegenüber ihren Kompaktanlagen-Urahnen: Üblicherweise kollabieren die wärmsten Baugruppen stets als erste oder gehen kaputt. In den alten Geräten waren das die Leistungsendstufen sowie die Längsregler in den Netzteilen, die durch die enge Nachbarschaft bei intensiver Nutzung häufig den Hitzetod starben.
Das ist bei der Stream Box DSA dagegen kein Thema. Sie verwendet einen zweikanaligen Class-D-Schaltverstärker, der praktisch keine Abwärme produziert; ihr Gehäuse kann daher auf Ventilationsöffnungen verzichten. Und sollte der Leistungsverstärker in der DSA für größere Beschallungsaufgaben doch mal ein wenig zu knapp bemessen sein, lässt sie sich dank variablem Ausgang sogar als (Netzwerk-)Preamp vor eine große Leistungsendstufe schnallen. Darüber hinaus gibt es auch noch einen Fixpegel-Ausgang, so dass man die DSA auch als reinen Netzwerk-Client betreiben kann. Allerdings liefern beide Analogausgänge relativ niedrige Pegel, weshalb die nachfolgenden Geräte über eine höhere Eingangsempfindlichkeit verfügen sollten. Zum Mitschneiden lässt sich ohnehin besser der S/P-DIF-Digitalausgang verwenden, wobei die Abtastfrequenz des Ausgangssignals stets derjenigen der Wiedergabequelle entspricht – was gleichsam bedeutet, das der Digitalausgang nur bei digitalen Tonquellen funktioniert.
Als meine Eltern damals den Wega-Würfel kauften, gingen sie zum Fachhändler und suchten sich einfach das aus, was ihnen am besten gefiel – ohne vorher Testberichte zu studieren. Heutzutage liefe das völlig anders ab, weil natürlich jeder vorher wissen möchte, was “drin” ist – so glauben es zumindest die HiFi-Redakteure, mich eingeschlossen. Natürlich habe ich in die Stream Box DSA hineingeschaut, aber weil diese rein technische Betrachtungsweise diesem Produkt ganz und gar nicht gerecht wird, hier nur ein grober Überblick zur Beruhigung der Technik-Freaks: Streaming-Board StreamUnlimited 700, D/A-Wandler Burr Brown PCM 1796, Digital-Receiver-Baustein Cirrus CS 8416, Operationsverstärker New Japan Radio JRC 2068 – und beim Class-D-Verstärkerchip tippe ich mal auf den SAB 2403 von Infineon. Diese Auswahl beweist: Für ein Produkt mit diesem Anspruch ließe sich wohl kaum etwas Besseres finden. Sehr gut!
So wundert es mich auch nicht, dass die Pro-Ject vorgeschnallt vor meine Dynaudio Focus 160 (die ich übrigens als bestens geeignete Spielpartner zur Stream Box DSA halte) eine ausgesprochen muntere Vorstellung abliefert. Egal, ob es das lebhaft dynamische “Let It Rain” aus meinem audiophilen Geheimtipp “Medea Cycle” der amerikanischen Band The Kilbanes ist, oder aber der wunderbare Cole-Porter-Klassiker “So In Love“, einschmeichelnd vorgetragen von Caetano Veloso: Die Stream Box DSA macht einfach Musik – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wäre ich noch Student, ich würde sie sofort kaufen, wenigstens stünde sie auf meiner Wunschliste ganz oben, kombiniert sie doch auf äußerst smarte Weise Konnektivität, hohen praktischen Nutzwert und guten Klang zu einem interessanten Preis. Das Einzige, was ich an ihr vermisse, ist ein Kopfhöreranschluss.

 

Pro-Ject Stream Box DSA
All-in-one-Streamer/Verstärker

Audioformate: MP3, FLAC (bis zu 24bit/192kHz inklusive 24/176), WMA9-lossless, AIFF, AAC, ALAC, LPCM (bis zu 24bit/192kHz), Ogg Vorbis 1.0, ASX
Internetradio: vTuner eingebaut
Eingänge digital: Netzwerk (RJ45), koax, optisch, 2x USB 2.0 (max. 24/96, Type A), unterstützt Flash- und Harddisc-Laufwerke (FAT16&FAT32)
Eingänge analog: 2 x Line in (Cinch)
Ausgänge analog: 1 Paar Lautsprecher, Line out, Pre out (Cinch)
Ausgänge digital: S/PDIF (koax)
Leistung (8/4 Ω): 2 x 40/60 Watt
Netzwerk: Wi-Fi IEEE 802.11 b/g/n und Ethernet (10/100 BaseT)
Externe Steuerung: Box Control App (kostenlos) für iOS und Android
Maße (B/H/T) ohne Buchsen/Antenne: 21/8/23 cm
Gewicht: 2,9 kg

ATR – Audio Trade
Schenkendorfstraße 29
45472 Mülheim an der Ruhr
Telefon 0208 882660

www.audiotra.de

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 10 (6/2013)

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