Test: Duevel Enterprise – Beam me up!

 

Der Hörraum: Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2013. Dies sind die Abenteuer des Lautsprechers Enterprise. Er dringt in Raumklang-Galaxien vor, die viele Menschen noch nie zuvor gehört haben.

 

Zeitreise: Wir beamen uns in die Vergangenheit, zur HighEnd im Frankfurter Hotel Kempinski, es muss zirka 1998 sein. Im Zimmer läuft ausschließlich Klassik. Die Mienen der Zuhörer sind ernst. Soll ich den höchstpersönlich vorführenden Dick Shahinian wirklich darum bitten, meine mitgebrachte CD einzulegen? Selbstverständlich – schließlich will ich wissen, wie Autechre über seinen vielgelobten Rundumstrahler Diapason klingt. Schnell werden zwei Dinge klar. Erstens: Dick Shahinian und die anderen anwesenden Messebesucher können mit elektronisch erzeugter, stark repetitiver Musik wenig anfangen. Zweitens: Sein omnidirektionaler Lautsprecher überzeugt mich, zumindest in diesem Kabuff und mit der verwendeten Digitalquelle, nicht so ganz. Ich frage mich: Wo ist der Witz an der 360-Grad-Schallabstrahlung?

Zeitreise II: Wir beamen uns erneut ins Kempinski, diesmal zur allerletzten HighEnd in kuscheliger Hotel-Atmosphäre anno 2003. Ich sitze vor zwei überaus ungewöhnlich ausschauenden Boxen namens Duevel Bella Luna Diamante. Dr. Christian Feickert (ja, der Plattenspieler-Entwickler) führt vor und legt eine CD in seinen CD-Player (ja, so was hat er auch einmal gebaut). Was folgt, ist eine der beeindruckendsten Hör-Erfahrungen, die ich bis heute hatte. So also klingt ein guter Radialstrahler, wenn Raum, Aufstellung und Elektronik passen! Einfach atemberaubend! Die Begriffe Rundum-, Omni- und Radialstrahler werden übrigens oft als Synonyme verwendet, wenngleich Letzterer das Funktionsprinzip in den meisten Fällen am zutreffendsten bezeichnet. Für den Rest des Tages hechele ich durch die anderen Vorführungen, um vielleicht ein ähnliches Raumabbildungs-Wunder zu finden, das weniger kostspielig ist. Leider vergebens. Kaum ein Jahr später kommt, was kommen musste, und ein Paar Bella Luna Diamante zieht bei mir ein.

 

 

Omni-Klang für Jedermann

Zurück ins Hier und Jetzt: Die Duevel’schen Hörner sind – neben der Leedh Psyché – die einzigen meiner Ex-Boxen, die ich noch heute ein wenig vermisse. Vor wenigen Wochen konnte ich einer Versuchung nicht widerstehen und bin nun im Besitz eines stattlichen Dipol-Omni-Zwitters. Billig ist der aber nicht gerade, und auch die meisten reinrassigen Radialstrahler sind leider nach wie vor recht teuer. Bereits die Einstiegsmodelle von MBL oder German Physiks zum Beispiel sind im fünfstelligen Preisbereich oder knapp darunter angesiedelt. Man muss den beiden Firmen allerdings zugutehalten, dass sie ihre eigenen, äußerst aufwendigen Chassis selbst herstellen, während Duevel konventionelle dynamische Treiber von Fremdherstellern zukauft. Außerdem strahlen Erstere ohne weitere Hilfe ihren Schall rundum ab, Letztere sind zur definierten Schallverteilung auf zusätzliche Diffraktionsvorrichtungen angewiesen.

Muss der Omni-Spaß noch immer zwingend eine teure Angelegenheit sein? Keineswegs, denn Markus Duevel baut inzwischen mit seinen „Planets“ schon für deutlich unter 1000 Euro pro Paar echte Radialstrahler. Wer mehr will, musste bei Duevel bislang mindestens 3500 Euro für ein Paar des Modells Venus ausgeben. Die brandneue Enterprise für 2000 Euro Paarpreis schließt nun die Lücke zwischen Planets und Venus. Falls es Ihr Budget hergibt, können Sie natürlich auch gleich zur Bella Luna Diamante (ab 7200 Euro/Paar) oder zur Sirius (ab 21000 Euro/Paar) aufsteigen. Grundsätzlich sind alle Schallwandler von Duevel omnidirektionale Zwei-Wege-Lautsprecher. Jedes Modell ist „made in Germany“ und besitzt eine einzigartige Hingucker-Optik. Markus Duevels Mut zu außergewöhnlicher Technik und Gestaltung ist mir höchst willkommen angesichts eines Lautsprechermarktes, der von 08/15-Kisten überschwemmt wird.

 

Duevel EnterpriseOriginalgetreu?

 

Die allermeisten Schallwandler sind bemüht, Raumreflexionen zu minimieren. Schließlich verfälscht der Hörraum den Klang, weil er der Information auf dem Tonträger etwas hinzufügt, nicht wahr? Folgt man dieser Logik, müssten Lautsprecher im Freien am besten klingen. Aber: Ohne Raum keine Räumlichkeit! Vielleicht verhält es sich in Wirklichkeit ja gerade umgekehrt: Nicht der Hörraum addiert etwas hinzu, sondern Direktstrahler unterschlagen etwas. Möglicherweise produziert ein Rundumstrahler, indem er den Raum absichtlich breitbandig anregt, genau die Reflexionen, die auch bei jeder natürlichen Schallausbreitung in Räumen immer vorhanden sind. Zudem fungiert ohnehin jeder Lautsprecher bei tieferen Frequenzen als Rundumstrahler. Wäre es zugunsten einer über alle Frequenzen gleichmäßigen Abstrahl- und Reflexionscharakteristik nicht naheliegend, den Schall von Mittel- und Hochtonlagen ebenfalls rundherum zu verteilen? Genau das tut die Duevel Enterprise.

 

Kosmische Raumdimensionen

Wenn Sie noch nie einen Radialstrahler wie Duevels jüngste Schöpfung gehört haben, sollten Sie das unbedingt nachholen. Machen Sie sich aber darauf gefasst, dass nach dieser Erfahrung das Klangbild selbst sehr guter konventioneller Boxen plötzlich seltsam unkonkret, fast entstofflicht erscheinen kann. Das derzeit schwer angesagte 3D-Kino offenbart ganz ähnliche Defizite: Zugegeben, 3D-Filme besitzen eine beeindruckende räumliche Tiefe. Jedoch wirken die einzelnen Schauspieler und Objekte für meine Augen trotz 3D-Brille wie flache Abziehbilder. Analog verhält es sich mit dem virtuellen Raum, den Direktstrahler erzeugen. Er ist zwar durchaus tief, aber nur von flächigen Musikern bevölkert. Bei der Duevel Enterprise dagegen dehnen sich einzelne Schallquellen auch in die Tiefe aus. Sie wirken, als könne man um sie herumgehen, haben weitaus mehr Substanz. Außerdem bleiben sie auch dann felsenfest an ihrer Position verankert, wenn man nicht exakt im Stereodreieck sitzt. Statt hingehauchter Schemen scheint die Enterprise Musiker aus Fleisch und Blut im Wohnzimmer zu materialisieren; folglich ist die Illusion viel überzeugender. Eine so verblüffend echte Raumabbildung kann regelrecht süchtig machen.

Im Gegensatz zu Minimonitoren, die die Musiker maximal umrissscharf voneinander abgrenzen, stellt die Enterprise sie zwar etwas diffuser, dafür aber deutlich körperhafter dar. Haben Sie schon einmal versucht, mit geschlossenen Augen bei einem Live-Konzert die einzelnen Instrumente haargenau zu orten? Das ist schwierig bis unmöglich; mithin ist die angeblich so präzise Räumlichkeit gewöhnlicher Boxen wohl eher ein HiFi-Artefakt als eine naturgetreue Abbildung der Realität.

Wen die hautnahe Direktheit eines normalen Hornlautsprechers auf Dauer nervt, der könnte mit der absolut unaufdringlichen Spielweise der neuen Duevel sehr glücklich werden. Sie schafft ein wenig mehr Abstand zwischen dem Hörer und den Musikern. Bitte lesen Sie aber kein mangelndes Temperament in diese Zeilen hinein; die Enterprise klingt so lebendig, wie es das Musikmaterial erfordert. Echte Musiker spielen ja auch nicht mit weniger Begeisterung, wenn man ihnen aus etwas größerer Entfernung zuhört. Der (Hyper-)Raum der Enterprise beginnt knapp hinter der Lautsprecherebene und dehnt sich von dort aus enorm weit nach hinten aus. Man könnte meinen, dass die Enterprise über eine ausgeklügelte akustische Tarnvorrichtung verfügt; sie ist nämlich als Ort der Schallentstehung fürs Ohr praktisch nicht zu lokalisieren.

 

 

Raumschiff vs. Herd

Die beiden Chassis mit Membranen aus Papier (Tiefmitteltöner) und Titan (Hochtöner mit Hornvorsatz) strahlen nach oben ab. Zwei darüber angeordnete Streulinsen aus Kunststoff docken über vier Säulen an das Gehäuse an und verteilen den Schall rundherum. Ihre Form erinnert entfernt an das bekannte Enterprise-Raumschiff. Freilich ähnelt sie einem ganz anderen Objekt vielleicht noch mehr, aber ich muss zugeben, dass „Duevel Enterprise“ irgendwie cooler klingt als „Duevel Gaskocher“. Die originelle Konstruktion mit dem etwas verkünstelt wirkenden Enterprise-Schriftzug ist statt in Silber auch in dezenterem Schwarz zu haben.

Der lediglich 82 Zentimeter hohe Lautsprecher steht auf vier Metallfüßen mit Filzgleitern, die einen definierten Abstand zum Boden sicherstellen. Die Distanz ist wichtig, weil sich an der Unterseite der MDF-Box sowohl die Bassreflexöffnung als auch das Single-Wiring-Anschlussterminal befindet. Die Duevel kommt mit relativ wenig Dämpfungsmaterial aus und hat eine phasenlineare Frequenzweiche. Ihr Wirkungsgrad ist zwar mit 87 Dezibel auf dem Papier recht überschaubar, aber in der Praxis zeigt sich genau wie bei der Bella Luna Diamante, dass sie „gefühlt“ etwas empfindlicher ist. Trotzdem ist ein kräftiger, straff klingender Verstärker als Spielpartner nicht nur aufgrund der 4-Ohm-Impedanz ratsam, denn die Enterprise ist dynamisch sattelfest, scheut keine hohen Pegel und besitzt einen herrlich saftigen, tiefen Bass. Damit der Tiefton nicht übermächtig wird, darf der verwendete Amp gerne neutral bis leicht schlank abgestimmt sein. Meine neue NuForce-Kombi mit Class-D-Endstufe zum Beispiel verstand sich bestens mit der Enterprise. Es mag andere Boxen um 2000 Euro geben, die einen etwas unmittelbareren und feiner aufgedröselten Mittelhochton hinbekommen, aber kaum eine, die ihn derart plastisch modelliert und so perfekt homogen ins Gesamtbild einbindet wie die Enterprise. Die zweitkleinste Duevel ist übrigens trotz radialer Abstrahlung keine Aufstellungs-Mimose. Selbst in meinem kleinen Zimmer mit Dachschrägen klingt sie auf Anhieb wunderbar. Etwas Luft rundherum sollte man ihr allerdings gönnen – bei mir genügen knapp 80 Zentimeter Abstand zur Rückwand für eine phänomenal griffige Raumabbildung.

 

Über(sch)all

Unter unseren Lesern sind wahrscheinlich nicht allzu viele „Trekkies“ (Star-Trek-Fans). Darum muss ich kurz erläutern, was ein Holodeck ist. Also: An Bord des Raumschiffs Enterprise gibt es einen komplett leeren Raum. Er trägt den Namen Holodeck, weil in ihm durch Holographie und sogenannte Replikation eine beliebige Umgebung und Zeit simuliert werden kann – zum Beispiel eine fremde Planetenoberfläche, wie sie vor 10 000 Jahren ausgesehen hat. Oder ein Konzertsaal auf der Erde mitsamt den Musikern, die vor 50 Jahren dort anwesend waren. Die Illusion wirkt so real, dass man in diesem Raum den Eindruck hat, tatsächlich am simulierten Ort anwesend zu sein. Es klingt nach Science-Fiction, aber die Duevel Enterprise verwandelt einen gewöhnlichen Hörraum in ein akustisches Holodeck. Lassen Sie sich ruhig mal wegbeamen!

 

 

 

Duevel Enterprise

Rundumstrahlender 2-Wege-Standlautsprecher, Bassreflex

 

Wirkungsgrad: 87dB/1W/1m

Nennimpedanz: 4 Ohm

Bestückung: 17-cm-Tiefmitteltöner von SB Acoustics mit Papiermembran, 2,5-cm-Hochtöner von P.Audio mit Titanmembran und Hornvorsatz

Besonderheiten: Rundumstrahler, Bassreflexöffnung und Single-Wiring-Anschlussterminal auf der Gehäuseunterseite

Ausführungen: Gehäuse in Anthrazit glänzend, Schwarz matt, Schwarz glänzend, Weiß matt, Weiß glänzend, Ferrari-Rot; Schallverteiler-„Raumschiff“ in Silber oder Schwarz

Maße (B/H/T): 32/82/22 cm

Gewicht: 15 kg

Garantiezeit: 2 Jahre

www.duevel.com

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 10 (6/2013)

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