Test: Magnepan 3.7 – Ganz großes Kino

Freunde des kompakten Monitorklanges werden auf den kommenden Seiten nicht bedient. Aber auch sie könnten mit der Magnepan 3.7 mal so richtig was erleben

Nach guten sechs Minuten hat sie mich. Es ist meine erste intensive Begegnung mit einem audiophilen Urgestein, einer echten Maggie, Verzeihung: einer echten Magnepan. Früher habe ich Magnepans oft in dem Laden gehört, in dem ich jobbte. So richtig gut klangen sie dort allerdings nie, weil sie einfach nur „irgendwie“ herumstanden. Jetzt aber ist ein Paar des mittleren Modells bei mir gelandet. Ich habe die Magnepan 3.7 etwas eingespielt, in einem mehrere Stunden dauernden Prozess fein säuberlich platziert und höre jetzt in Ruhe die erste CD.

Magnepan 3.7Es läuft die Neunte Sinfonie von Gustav Mahler (Rattle, Berliner Philharmoniker, EMI). Der erste Satz entwickelt sich langsam, immer wieder bauen sich Tonballungen zu echten Harmonien auf, nur um kurz vor dem Ziel wieder aufgelöst zu werden. Und dann, nach guten sechs Minuten, spielen die Pauken leise das typische viertönige Urmotiv, mit dem sich Mahler von der Welt verabschiedet. Es sagt „Lebe wohl“ – und zwar aus einer unglaublichen Tiefe des Raumes heraus, dennoch mit Kontur, Körper, Aura und allem, was den Ton einer Bartholome-Pauke mit Naturfell eben ausmacht. Ich bekenne hiermit: Ich habe diese Stelle noch nie, nie, nie so schön gehört. Und die Maggie hat mich! Ich schließe die Augen und bin in der Berliner Philharmonie, lasse mich von dem herrlichen Orchesterklang einhüllen, bade in Tönen und komme für eine unbezahlbare Stunde der Welt abhanden.

Ist das zu schwärmerisch? Ich denke nicht. Denn letztlich soll es beim Musikhören doch genau darum gehen: um das Schwärmen, das Dahinfließen, das Der-Weltabhanden-Kommen. Es geht um diese besonderen Momente, in denen die Zeit stehen bleibt, die einige Stunden des Alltags erhöhen, oder nicht? Wenn ich mich dann aber vor die Anlage setze und lediglich feststelle, dass bei diesem oder jenem Kabel das Geklapper der Kastagnetten ein paar virtuelle Zentimeter weiter hinten platziert ist, dann habe ich vielleicht ein nettes Hobby, von Musik aber herzlich wenig verstanden. Deshalb meine ich, dass es auch für Sie eine sinnvolle Information ist, wenn ich mich zum offiziell „kritischen Hören“ niederlasse und mir die Erfüllung genau dieses klar umrissenen Auftrags nicht gelingen will. Weil eine HiFi-Komponente – in diesem Fall eine Magnepan – so völlig frei, untechnisch und schlüssig klingt, dass ich einfach sofort in der Musik lande.

 

Achterbahnfahrt

Allerdings will ich Ihnen nichts vormachen: „Einfach so“ gelingt dieses Erlebnis nicht. Denn die Maggie ist ein Magnetostat und somit ein Dipol, was schlicht bedeutet, dass sie den Schall gleichermaßen nach vorne  und nach hinten abstrahlt. Bei Mikrofonen nennt man eine solche Richtcharakteristik sehr anschaulich „8“. Und wie bei Mikrofonen kommt es also nicht nur auf den Raum vor, sondern auch hinter der Membran an. Etliche Folienlautsprecher sind in den vergangenen Jahren „gnädiger“ geworden, es lassen sich vielfach schon mit relativ geringen Wandabständen halbwegs brauchbare Ergebnisse erzielen. Doch die Physik lässt sich nicht gänzlich überlisten, und so kommt ein solches System erst dann voll auf den Punkt, wenn es wirklich gut im Raum steht. Lambda/4 ist eine Spur, der man zu Beginn folgen sollte. Stehen die beiden Lautsprecher also mit einem Abstand zur Rückwand, der einem Viertel der Raumlänge entspricht und entsprechend zu den Seitenwänden, öffnet sich der Klang beträchtlich. Und wenn man eine solche Rechnung kurz überschlägt und die Größe dieser Lautsprecher in Betracht zieht, weiß man auch, dass sich (zu) kleine Räume ausschließen.

Magnepan 3.7Von dieser Position aus kann man sich dann stückchenweise an die ideale Stelle herantasten; in meinem Fall waren es nur noch wenige Zentimeter. Damit stehen die Maggies allerdings nicht alleine da: Das eben beschriebene Vorgehen eignet sich für die meisten wirklich breitbandigen Lautsprecher, die sich fast ausnahmslos in Wandnähe hörbar unwohl fühlen.

Die Magnepan 3.7 sollte dann genau auf den Hörplatz gerichtet sein. Bei der Aufstellung des spiegelsymmetrischen Pärchens hat man noch die Wahl, wo sich die Hochtöner befinden sollen. Sind sie außen, gewinnt das Klangbild an Weite, gleichzeitig handelt man sich mehr Interaktion mit der Umgebung ein. Stehen dort Möbel oder – wie bei mir – eine Stereoanlage, kann die räumlich enger wirkende Variante mit den Hochtönern innen echte Vorteile in puncto Präzision bringen. Immerhin braucht man sich keine Gedanken um eine günstige Nähe zu Steckdosen zu machen, da Magnepans mit Dauermagneten und nicht mit fremderregten Statoren (wie zum Beispiel Quad oder Martin Logan) arbeiten. Ein weiterer Vorteil dieser Technik ist für den angeschlossenen Verstärker, dass Magnetostaten prinzipbedingt keine „Impedanzmoster“ sind wie viele ihrer elektrifzierten Kollegen.

Die Frequenzweiche der 3.7 ist im Gegensatz zu den Vorgängern flach im Sockel des Lautsprechers untergebracht. An den vorhandenen Anschlüssen lassen sich mittels der mitgelieferten Widerstände Mittel- und

Hochton an Raum und Geschmack anpassen, also in kleinen Schritten absenken. In meiner akustischen Umgebung passte es, nachdem ich vor das verblüffend lange Hochtonbändchen den kleinsten Widerstand setzte.

Eine weitere Neuerung der 3.7 ist nicht sichtbar: Die Signalleiter auf der dünnen Mylar-Folie sind nun flacher und breiter, also eher Bahnen als „Drähte“. Das soll laut Magnepan zu einer Verringerung der Masse und zu einer gleichmäßigeren Anregung der Folie, also einem lineareren Antrieb führen.

Ist ein idealer Platz gefunden, darf man sich noch gerne um den Raum hinter den Lautsprechern bemühen. „Leer“ klingt es schon ganz okay, allerdings wird jegliche breitbandige Di_ usion von den Maggies mit einem Mehr an Präzision, tonaler Akkuratesse und „Griffigkeit“ der Schallereignisse belohnt. Dabei muss man nicht unbedingt zu speziellen Akustik-Diffusoren greifen, die wegen ihres Aussehens in gemeinschaftlich genutzten (Wohn-)Zimmern zu unangenehmen Diskussionen führen können. Experimente mit Bücherregalen und/oder großen Pflanzen können ebenfalls sehr gute Ergebnisse hervorbringen.

 

Ticket ins Oberhaus

Wo nichts ist, kann auch nichts stören. Das ist der erste Eindruck, den ich gewinne, als mit Aufstellung und Zuspielern alles stimmt. Denn die Musik steht mit einer solchen Leichtigkeit und Natürlichkeit im Raum, dass ich es sehr schnell zu schätzen lerne, einmal Klänge ohne das „Pumpen“ vieler Gehäusekonstruktionen zu genießen. Klar, es gibt auch konventionelle Lautsprecher, die nicht nach Box klingen. Die sind dann aber entweder bassärmer (wie meine kleinen Spendors) oder viel, viel teurer.

Magnepan 3.7Insofern stellen die 3.7 das meiner Kenntnis nach günstigste Ticket ins audiophile Oberhaus des gehäusefreien und vollständigen Klanges dar. Denn fast alles, was man von einer richtig erwachsenen Box erwartet, bieten sie mit Leichtigkeit. Lediglich im Tiefbass und beim erreichbaren Druck und Pegel in den unteren Lagen müssen sich sich von großen Kisten den Schneid abkaufen lassen. Deshalb – und dies ist eine musikalische Einschränkung – taugt die Maggie nicht für hartgesottene Fans der Abteilung „hart & düster“. Ich habe nur kurz in dieses (mir auch nicht unbedingt geläufige) Genre hineingehorcht: Die 3.7 stellen selbstverständlich auch diese Musik dar, allerdings auf eine seltsam „unbeteiligte“ Art. Es klingt, als wollten sie mit solchen Geräuschen nicht unbedingt in Zusammenhang gebracht werden. Das verstehe ich persönlich sehr gut und füttere die Maggies fürderhin ausschließlich mit Jazz und Klassik. Dabei kann es dann zu diesen wunderbaren wie eingangs beschriebenen Erlebnissen kommen. Die 3.7 schaffen es tatsächlich, dass der Raum verschwindet und einzelne Instrumente weit hinter der real vor einem existierenden Zimmerwand zu stehen scheinen. Allein schon wegen dieser Irritation ist dies für mich ein Lautsprecher zum Hören mit geschlossenen Augen. Dann lässt es sich auch so richtig abtauchen und die majestätisch großen Klangbilder intensiv genießen. Gerade bei Opern und großer Sinfonik ist das ganz großes Kino.

Als ich beispielsweise Richard Strauss’ Elektra (Solti, Wiener Philharmoniker, Decca) auflege, erlebe ich die opulente Klangwelt dieser mit einem „Decca-Tree“ aufgenommenen Produktion in einem für mich ganz neuen Ausmaß. Bei geschlossenen Augen geht der Raum weit über die Basisbreite der Lautsprecher hinaus. Völlig faszinierend ist allerdings die immense Tiefe, mit der die beiden Magnepans das Geschehen abbilden. Bewegungen der Sänger im virtuellen Bühnenraum – die Tonmeister der Decca klebten dazu ein Raster auf den Boden des Sängerpodestes, um Bühnenbewegungen einer Inszenierung gezielt nachstellen zu können – geraten mit den Maggies großzügiger als sonst, vor allem, wenn sich einer der Protagonisten weiter von den Stützmikrofonen entfernt. Er verschwindet dann fast durch die Wand im Nachbarhaus. Der Preis dafür ist, dass die Köpfe der Sänger etwas größer als mit studiostrengen Monitoren abgebildet werden und um sich eine Art „Aura“ ausbilden.

Sagte ich „Preis“? Für den Tonmeister oder Anhänger eines entsprechenden Klangbildes mag das zutreffen. Beim reinen Genusshören allerdings merke ich mal wieder, wie sehr eine derart charmante Abbildung entspannen kann. Der Sweet Spot ist bei Folien schon klein genug, da will ich nicht auch noch in Versuchung kommen, ständig meinen Kopf zu verrücken, um das Zentimeterraster der Darstellung zu überprüfen. So gesehen intensiviert diese Abstimmung den Genuss – wenn man sich denn darauf einlässt.

 

Größe im Kleinen

Bei einer klar umrissenen Besetzung wie einem Streichquartett ist das zugegebenermaßen zunächst etwas irritierend. Die einzelnen Musiker wirken doch recht groß, das ganze Ensemble titanisch – nun gut, zu den späten Quartetten von Beethoven passt ein so ehrfurchtgebietender Auftritt zweifellos. Sonst aber brauche ich etwas mehr Zeit, um mich daran zu gewöhnen. Wie gesagt: Ein Nachteil ist das nicht. Es ist eine Eigenheit, um die man wissen sollte – und die zum eigenen Hörgeschmack passen muss.

Magnepan 3.7Jetzt muss ich endlich noch auf einen Punkt eingehen, den ich bisher sträflich vernachlässigt habe und der gerade bei so sensibler Musik besonders auffällt: Die Magnepans scheinen die dynamische Bandbreite der Wiedergabe schon bei Zimmerlautstärke im Vergleich zu „normalen“ Konstruktionen auszuweiten. Bei Stücken mit leisem Beginn ertappe ich mich immer wieder, dass ich einen „gewohnten“ Pegel einstelle und dann bei der ersten richtig lauten Stelle fast aus dem Sessel falle. Was diese Fähigkeit für Kammermusik bedeutet, können Sie an drei Fingern abzählen: Jede noch so kleine Veränderung des Bogendrucks, jeder kleine Schweller, auch minimale Terrassendynamik wird deutlich wie selten umgesetzt. Und das auch schon mit einem Verstärker, der pro Kanal nicht mehr als 50 Watt ins Rennen wirft. Als ich dann vergleichsweise eine wirklich starke Endstufe anschließe, gewinnt die Maggie noch deutlich an Selbstverständlichkeit, wenn sie Impulse in den Raum wirft. Da der Charme in den Mitten und Höhen nun allerdings deutlich verliert, werde ich hier nicht verraten, welcher Verstärker nach nur kurzer Zeit seinen Platz wieder an den Lavardin IT verliert.

Ja, die Magnepan 3.7 ist etwas Besonderes. Und sie erlaubt sich Eigenheiten. Und all das sehe ich ihr nicht nur einfach nach, sondern schätze sie gerade deswegen. Schön, dass es nach all den Jahren nun doch endlich einmal geklappt hat mit einem Besuch bei mir zu Hause, denn ohne dieses intensive Erlebnis wäre meine HiFi-Welt ärmer.

 

Magnepan 3.7

Magnetostatischer Lautsprecher

 

Prinzip: 3-Wege-Flächenstrahler mit Bändchenhochtöner

Empfindlichkeit: ca. 86 dB

Besonderheiten: Widerstände zur Anpassung von Mittel- und Hochton im Lieferumfang

Ausführungen: Seitenteile in Aluminium, Eiche natur oder Kirsche, Bespannung in Weiß, Schwarz oder Anthrazit

Maße: (ohne Füße, B/H/T): 61/180/4,5 cm

Garantiezeit: 3 Jahre

 

www.taurus.net

 

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in FIDELITY Nr. 8 (4/2013)

 

 

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