Thelonious Monk und Francesco Bearzatti Tinissima 4ET

Es gibt nicht nur Coverversionen von Songs. Auch Plattenhüllen werden „gecovert”. Das gecoverte Cover – ist es witzige Anspielung‚ respektvolle Verehrung‚ Parodie‚ oder hat es einen tieferen Sinn?

Unter den Exzentrikern des Bebop war Thelonious Monk der schrägste. Zum Jazzstar wurde er erst, als ihn die Großfirma Columbia unter Vertrag nahm und auf Welttournee schickte – 20 Jahre nach der Erfindung des Bebop. Was für eine skurrile Idee, diesen von Halluzinationen geplagten Klavier-Hünen, der ohne seine Frau absolut hilflos war, mit der Weltpresse zu konfrontieren, die auf ein verrücktes Genie hoffte! In den Interviews, die seine Plattenfirma organisierte, konnte er minutenlang nur schweigend dasitzen oder antwortete in genuschelten Rätselsätzen: „Die Stille ist der schrillste Ton.“ Meist war es schon schwierig genug, von Monk die Titel seiner Kompositionen zu erfahren. Auf den Vorschlag seiner Plattenfirma, doch mal ein Beatles-Album aufzunehmen, hat er wahrscheinlich überhaupt nicht reagiert. Selbst in seinen Konzerten begann er zunehmend, während des Spielens unterm Klavier herumzusuchen, das Pedalbrett abzubauen oder den Kipp-Punkt des Klavierhockers zu erforschen.
Die Missverständnisse zwischen Columbia und Monk machten auch vor der Platten-Verpackung nicht Halt. „Underground“ war 1968 ein Modewort der angesagten Pop-Kultur. Um ausgerechnet dieses Wort irgendwie auch für Monks neue Platte reklamieren zu können, erfand man doch tatsächlich eine Blödel-Story über eine angebliche Vergangenheit des Pianisten im politischen Untergrund: als „Capitaine“ der französischen Résistance gegen die Nazis. Laut dieser auf der Cover-Rückseite abgedruckten Story zeigt die Vorderseite Monks Heimstudio in Manhattan, geschmückt mit Erinnerungsstücken aus seiner Résistance-Zeit. Am Piano: Monk mit Zigarette und umgehängtem Maschinengewehr, daneben ein Dynamit-Sprengsatz. Auf dem Tisch: Granaten, Pistole und Funkgerät nebst Brot, Trauben und Wein. Im Hintergrund: ein gefangener deutscher Soldat, ein Foto von de Gaulle, eine junge Widerständlerin, eine Kuh und sogar eine Hakenkreuzfahne. Genial oder daneben? Abgefahren oder geschmacklos?
Auf die Idee, Monk zur Pop-Figur zu erheben, kam die Firma vielleicht durch die Musik selbst. Denn gleich vier neue Stücke von Monk sind auf dem Album: Das hatte es seit Jahren nicht gegeben – und es machte Monks Musik plötzlich wieder zu etwas sehr Aktuellem! Vor allem: Was waren das für großartige Stücke: „Ugly Beauty“ – der einzige Walzer, den Monk je schrieb; „Boo Boo’s Birthday“ – eines seiner sperrigsten Themen, eine AAB-Form von 21 Takten; dazu „Green Chimneys“ und der Blues „Raise Four“, raffinierte Konfrontationen von Ostinato-Motiv und Harmonie-Zirkel. Doch keines dieser markanten Stücke hat Monk danach wieder gespielt. Keines wurde ein Monk-Klassiker. Auch darin war Underground ein wirklich sehr spezielles Album. Und wegen des schrägen Covers natürlich.

Erst kürzlich ist Monks Musik erneut ganz Ungehöriges widerfahren. Einige der bekanntesten Monk-Themen, dieser heiligen Herztöne des Jazz, wurden doch tatsächlich mit Rock-Riffs verkuppelt! „Bemsha Swing“ erklang über der Bassfigur von Queens „Another One Bites The Dust“. „Criss Cross“ wurde mit Lou Reeds „Walk On The Wild Side“ gekreuzt. „Bye-Ya“ tänzelte im Rhythmus von Roy Orbisons „Oh Pretty Woman“. „Trinkle Tinkle“ wurde vom Sound von AC/DCs „Back In Black“ begleitet. „In Walked Bud“ vermischte sich mit Michael Jacksons „Billie Jean“. Auch hat man dabei an den Chorusformen herumgebastelt, die Themen und Metren frisiert, Monks Harmonien stark eingestaucht – eine Häresie? Nein, „Monk’Roll“ funktioniert frappierend gut. Nach einer Live-Präsentation in meiner Heimatstadt schrieb ein Kritiker von einem „Geniestreich voll schrillem Temperament, Inspiration und Witz“. Ein anderer Kritiker allerdings empfand die lauten Rock-Riffs als gewalttätige Angriffe, als „Anschläge auf die Trommelfelle“. Die Täter aus dem italienischen Jazz-Untergrund heißen Francesco Bearzatti, Giovanni Falzone, Danilo Gallo und Zeno De Rossi. Allesamt bärtig und mit dunkler Kopfbedeckung. Mafia-Kontakte sind nicht ausgeschlossen.
Womit wir wieder bei den Granaten, Schießeisen und Dynamitstangen des Monk-Covers wären. Natürlich haben der Saxophonist Francesco Bearzatti und seine Band die martialische Underground-Hülle als Cover-Vorbild für ihr Album gewählt. Schräg und abgefahren ist es auf jeden Fall, was sie tun. Provozierend und hinterhältig auch. Als Untergrund-Terroristen jedoch verstehen sie sich nicht: Alles Waffenähnliche wurde in ihrer Version des Covers entfernt. Statt Pistole und Granaten: Klarinettenbirne und zwei Trompetendämpfer. Statt Dynamit: eine Flamingoblume. Die Musiker posieren friedlich mit ihren Instrumenten. Brot, Wein und Trauben durften bleiben. Auch die Kuh und de Gaulle und natürlich das Klavier sind noch da. Der Gefangene auf dem Stuhl allerdings ist jetzt Thelonious Monk persönlich. Und er wird mit einer Trompete gefährlich bedroht.

 

Thelonious Monk: Underground (Columbia)
Francesco Bearzatti Tinissima 4ET: Monak ’n’ Roll (CamJazz)

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