Clearaudio Nano Phono V2 / Smart Phono V2 – Der Winzling und der Schlaue

Großer Vinyl-Genuss aus kleinen Silberdosen

Der Chef kommt ins Schwärmen. Ob das nicht der reinste Weg zum Musikgenuss sei? Der Plattenspieler, angeschlossen an einen Phono-Entzerrer mit Lautstärkeregelung, dieser direkt mit einer Endstufe verbunden – die Direttissima ins analoge Glück!
Der hier sein Herz ausschüttet, ist Peter Suchy, Gründer und Senior-Chef von Clearaudio. Zufällig hat er gleich mehrere passende Geräte im Programm. Klappern gehört eben zum Handwerk. Trotzdem hat unser Gespräch einen besonderen Charme, denn die Phonovorstufen, um die es sich dreht, sind ausgerechnet die beiden günstigsten: die Nano Phono V2 für sympathische 298€ und die Smart Phono V2 für immer noch höchst erschwingliche 499€. Also für, nein, kein Taschengeld, aber doch überschaubar kleine Münze ins puristische analoge Glück?
Beide Clearaudios bieten fürs Geld erstaunliche Einstellmöglichkeiten: Schon die kleine Nano lässt die Wahl zwischen MM- und MC-Betrieb, erlaubt eine Impedanzanpassung an den Innenwiderstand der Tonabnehmerspule, verfügt sogar über ein Subsonicfilter gegen Rumpelstörungen – und über besagten Lautstärkeregler an der Oberseite. Die Anpasswiderstände werden nicht wie allgemein üblich per DIP-Schalter („Mäuseklavier“) angewählt, stattdessen gibt es pro Stereo-Kanal einen Steckplatz an der Gehäuseunterseite. Da hier direkt die Anschlussdrähte von Widerständen hineinpassen, steht Experimenten mit exotischen Werten nichts im Wege (eine kleine Auswahl wird mitgeliefert). Eine kostengünstige, aber perfekt praktikable Lösung, laut Peter Suchy gar aufgrund der direkten Kontaktierung klanglich besonders vorteilhaft.
Im höheren Budget für die Smart Phono V2 waren dann aber doch richtige DIP- und Druckschalter drin. Mit denen lässt sich sogar noch der Kapazitätswert wählen – selbst bei deutlich teureren Entzerrern eine Seltenheit. Außerdem gibt es nun vergoldete, mit dem Alugehäuse verschraubte Cinchbuchsen. Und: Die Schraubklemme für das Massekabel ist hier anders als beim doch sehr fummeligen kleinen Bruder gut zugänglich oberhalb des fest montierten Netzteilkabels angebracht. Wenn ich einen Vorschlag für die V3-Version des Nano machen darf …
Die fest installierten Steckernetzteile lassen mit ihren auswechselbaren Steckdosenadaptern unwillkürlich an Reisezubehör aus dem Flughafenshop denken. Keine Frage, als Audiophiler wünscht man sich hier eigentlich eine Buchse, an der gerne auch Aufrüst-Netzteile andocken dürfen. Aus kaufmännischer Sicht hat da Clearaudio aber eine unbestreitbar clevere Lösung für ein altes Problem gefunden, denn so kann mit einem Packungsinhalt die ganze Welt bedient werden.


Die kleinen Vor-Vorverstärker sind schnörkellose Plug&Play-Geräte. Die Bedienungsanleitungen führen anschaulich durch die wenigen notwendigen Einstellungs- und Anpassungsschritte, ansonsten sind die rundherum makellos aus massivem Aluminium gefertigten, mit den Typenaufklebern regelrecht versiegelten silbernen Gehäuse als Black Box zu betrachten. Tatsächlich ist von Herstellerseite nur zu erfahren, dass SMD-Bauteile zum Einsatz kommen, die Entzerrung aktiv erfolgt, der Smart V2, na was wohl: aufwendiger gebaut sei als der Nano V2 und die neuen Versionen gegenüber den Urmodellen, genau: verbessert worden wären. Wirklich befriedigend ist das alles noch nicht. Wir trösten uns damit, dass es letztendlich doch nur darum geht, wie‘s klingt.
Der sehr leichte Nano Phono V2 hat seine liebe Mühe mit meinen teils recht steifen Cinch-Kabeln, ein überzähliger Plattenpuck als Auflagegewicht kommt da gerade recht. Beide Entzerrer bekommen es mit einem Lyra Kleos als Vertreter der Moving-Coil-Bauart zu tun, die Fahne der Moving-Magnet-Fraktion halten Systeme von Grado und Audio Technica hoch. Subsonic bleibt deaktiviert, als Impedanzeinstellung für das Lyra wähle ich 402 Ohm.
Den Pegelregler stelle ich so ein, dass sich vergleichbare Lautstärken wie am Hochpegeleingang ergeben. Ist das nicht praktisch? Während die meisten digitalen Quellen bei Vollaussteuerung eine Ausgangsspannung von 2V liefern, variiert die „Lautstärke“ von Tonabnehmern bisweilen doch recht deutlich. Da kommt eine Anpassungsmöglichkeit direkt in der Phonovorstufe wie gerufen.
Hören wir Rickie Lee Jones, „Chuck E.‘s In Love“ vom Debütalbum der Sängerin: Das rockt am Nano V2 ausgesprochen nett. Der Bass ist nicht ultratief oder felsenfest, knarzt aber ordentlich, auch das Schlagzeug ist schön präsent. Rickie Lee Jones‘ Stimme könnte sich noch besser durch das dichte Arrangement nach vorne kämpfen, sie wirkt ein wenig umzingelt von ihren Mitspielern.
Zum unvermeidlichen Klaviertest landet das Moskau-Konzert von Vladimir Horowitz auf dem Teller des dps3. Kein Wunder, dass der Konzertsaal des Moskauer Konservatoriums bei einem 298€-Entzerrer nicht seine vollen Dimensionen preisgibt. An feinen Nebengeräuschen mangelt es nicht, sie schweben aber eher um den Pianisten herum und finden noch nicht die Verankerung im Raum, wie sie die besten der Zunft darstellen können. Der Klavierton ist singend und eher weich, die ganz feinen Klangfarbschattierungen unterschlägt Clearaudios Kleinster zu Gunsten eines eher pragmatischen Fokus’ auf Melodie und Rhythmik.
Der Smart V2 setzt sich im direkten Vergleich tatsächlich mit Großer-Bruder-Qualitäten in Szene – mit Souveränität, Größe, Entspanntheit. Bringt der Nano V2 einfach Schallplatten gut zu Gehör, weiß der Smart V2 schon echte Analog-Aura zu verbreiten. Der Bassdruck ist merklich gewachsen, gleichzeitig wirken die tiefen Töne besser integriert und können so auch der Raumdefinition dienen. Zwischen den Lautsprechern bauen sich echte Bühnen auf, mit plastisch von einander abgesetzten Akteuren. Die Klarinette etwa auf der Direktschnitt-LP Occident & Orient (Berliner Meister Schallplatten) hat ein schönes holziges Volumen, das begleitende Kammerorchester Leipzig tritt als Ensemble auf und nicht nur als Streichertapete.
Bei der Besetzung Jazztrio setzt der Smart V2 Schlagzeugbecken schön voneinander ab, die Musik beginnt zu grooven. Horowitz‘ Flügel ist deutlich fokussierter abgebildet, klingt prägnant, frisch, mit deutlich erweiterter Farbpalette. Der Raum ist noch immer nicht bis in die letzten Ecken identifizierbar, es sind aber viele Kubikmeter Luft dazugewonnen. Auch Rickie Lee Jones schält sich jetzt aus dem Mix heraus, die begleitenden Gitarren haben eine ganze Menge mehr Schmackes. Der Smart V2 ist definitiv ein Gerät für ambitionierte Schwarzhörer mit entsprechend guten Anlagen.
Zur Orientierung schließe ich kurz meinen aus 2006 datierenden, seinerzeit um mehr als die Hälfte teureren Lehmann Black Cube SE an. Der kleine schwarze Quader mit seinem großen externen Netzteil agiert auf den ersten Blick zurückhaltender als der antrittstarke Clearaudio Smart V2, aufs zweite Hinhören profiliert er sich mit entspannter Gangart und wärmeren Klangfarben. Wer hier die Entscheidung sucht, wird sich je nach Tonabnehmer und persönlichem Geschmack mal diesem und mal jenem Entzerrer zuwenden.
Unterm Strich ist es ein so unterhaltsamer wie erkenntnisreicher Paarlauf geworden. Der Smart V2 wurde erwartungsgemäß seiner Favoritenrolle voll gerecht, was soll man da noch sagen? Clearaudios „Schlauer“ ist ein richtig feiner, dynamisch und lustvoll aufspielender Phono-Pre. Und der Nano V2? Ganz klar: „Der WInzling“ ist die Einstiegsdroge. Klein und günstig, sehr flexibel, elektrisch wie mechanisch tiptop, klanglich ein aufs Wesentliche fokussierter Mitreißer. Passt.

 

Clearaudio Nano Phono V2
Phono-Vorverstärker für MC- und MM-Systeme

Einstellmöglichkeiten: Rumpelfilter ein/aus, Eingangsimpedanz individuell mit Widerständen
Besonderheiten: Pegelregler, festes Steckernetzteil mit Steckdosenadaptern
Ausführung: Aluminium
Maße (B/H/T): 85/25/106 mm
Gewicht: 500 g
Garantie: 3 Jahre

Clearaudio Smart Phono V2
Phono-Vorverstärker für MC- und MM-Systeme

Einstellmöglichkeiten: Rumpelfilter ein/aus, Eingangsimpedanz 50-5000 Ohm, Kapazität 150 pF/250 pF/400 pF
Besonderheiten: Pegelregler, festes Steckernetzteil mit Steckdosenadaptern
Gehäuse: Aluminium
Maße (B/H/T): 123/40/93 mm
Gewicht: 600 g
Garantie: 3 Jahre

www.clearaudio.de

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