Norddeutsche HiFi-Tage 2016 – Moinmoin mit Tusch und Tusche

Wer braucht Karneval und Fassenacht, wenn er die Analogue Audio Association hat: Beim Anblick von Uli Apel, Rainer und Lilo Bergmann konnte man sich kurzzeitig auf der falschen Veranstaltung wähnen: Der „Röhrenprofessor“ trug rote Clownsnase zum Doktorkittel, seine Kollegin einen respektablen Lametta-Tannenbaum als Hut und Rainer Bergmann war als Hausmeister Kaczmarek unterwegs – tja, echte rheinische Frohnaturen kann halt nichts aufhalten, und erst recht keine HiFi-Messe.

Die Hamburger trugen es mit norddeutscher Fassung und kümmerten sich umgehend wieder um die wahren Stars der Norddeutschen HiFi-Tage 2016: gutes HiFi und echte Neuheiten im Holiday Inn, direkt an den Elbbrücken.
Der Besucherstrom war streckenweise ziemlich stark. Vor allem der Messesamstag war derart gut besucht, dass es mitunter zu leichten Staus in den Fluren und im Foyer kam. Die allgemeine Stimmung blieb dennoch auffällig und unbeirrbar gut. Das FIDELITY-Team konnte dies praktisch überall spüren, und auch das Veranstaltungsteam vom HiFi-Studio Bramfeld zeigte sich äußerst zufrieden. Selbst das im Vorfeld der Messe von einem heftigen Diebstahl arg gebeutelte High Fidelity Studio aus Augsburg zeigte mit Know-how, wie man auch ungewöhnliche Kombinationen, die quasi aus der Not zusammengestellt wurden, zum Klingen bringen kann. Bravourös, Jungs!


Fidele Neuheiten und Premieren waren quer übers Hotel verstreut und keineswegs immer auffällig geschmückt. Die meisten fügten sich nahtlos in bestehende Musiksysteme ein. So etwa die neuen Superhochtöner von Tannoy, die vor allem der landhausmäßig gestylten Prestige-Serie der Schotten zu noch mehr Glanz verhelfen sollen. Ganz anders AVID aus England. Conrad Mas krönte das nunmehr komplettierte High-End-Audiosystem des Hauses mit der Weltpremiere der „kleinen“ Lautsprechern aus der Reference-Serie. Die „Ref 3“ bringt schlanke 100 Kilo Edelschwermetall auf die Waage, kostet soviel wie eine sehr ordentliche Mittelklasse-Limousine und wurde befeuert von der passenden Reference-Elektronik. Klangerlebnis, Gesamtpreis und optische Erscheinung waren gleichermaßen beeindruckend und echt XXL. Als Friedensangebot spielte gleich nebenan ein kleines Komplettsystem mit Q-Acoustic-Böxchen, das insgesamt kaum 1500 Euro kostete und wirklich ordentlich klang. Man sollte es aus Fairnessgründen aber unbedingt VOR den AVIDs gehört haben …


Ungebremstes Vergnügen vermittelten mindestens drei Anlagen auf den NDHT, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Bei Clearaudio und Ascendo sorgten domestizierte Profi-Treiber in einer noch nicht ganz fertigen Hülle für große Live-Eindrücke. Bei Euphonic Architects versteckte sich High-End-Beschallungstechnik in einer harmlosen weißen Schrankwand und bespielte den Raum mächtig und lässig mit Rock und Reggae. Der insgesamt beste Sound der Messe war erneut bei Audio Components zu erleben: Die Alexia von Wilson Audio wurde von Devialets exklusivem „Original d’Atelier 900“ befeuert, ein brandneues, auf 100 Sets limitiertes Super-Outfit der Franzosen, das in einem zartorangenen Kupferton auch optisch ein echtes Highlights setzte. Zudem darf man davon ausgehen, dass die geschickte akustische Behandlung des Vorführraumes einen kräftigen Anteil am Gesamterlebnis hatte. Das Thema Raumakustik scheint allmählich den Stellenwert zu bekommen, den es unbedingt verdient.
Bei Einstein war ein neuer Kopfhörerverstärker mit rückseitigen Lautsprecherklemmen zu entdecken, der mit „rund 30 Watt pro Kanal“, so Einstein-Chef Volker Bohlmeier, nicht nur Schallmützen entspannt und geschmeidig zu Höchstleistungen treiben kann. Klein und fein und wohltuend musikalisch ging’s bei HEAR zu. Eine neue Version des Audiomat-Phonoentzerrers bewährte sich „hear“ als zauberhafter Zuspieler, die eigentlich lautstarken Orangutans von DeVore Audio bewiesen auch mit leisen Tönen Substanz und Grandezza.

So richtig raumfüllend erklang’s wie immer bei Duevel. Die größeren omnidirektionalen Hörner sind nun auch in Vollholz zu haben und spielten an einem Lyric Ti100, der übrigens häufiger auf der Messe zu sehen und zu hören war. Für die kleinen Planets, die regelmäßig für Verblüffung sorgen, stand eine 50/50 von MusicaNova bereit – großes Klangkino für kleines Geld. Bei Duevel stand auch in diesem Jahr wieder eine Bandmaschine als Quelle zur Verfügung, ebenso bei EternalArts, obwohl das Team um Dr. Burkhardt Schwäbe vor allem ein neues, enorm aufwändiges Netzteil für Plattenspieler präsentierte: Das TCM hat nichts mit einem bekannten Kaffeeröster, vielmehr mit einer OTL-Schaltung nach Futterman zu tun, abgerundet mit Nixie-Röhren für die Geschwindigkeitsanzeige. Witzig, exklusiv und mit 6500 Euro sportlich bepreist. Weitere Neuzugänge in der Analogszene zeigten beispielsweise AMG mit einem neuen Tonarm, Clearaudio mit einem leicht abgespeckten Laufwerk sowie Technics, die zwei Exemplare des komplett neu überarbeiteten Modells SL-1200 GAE Limited Edition aus Las Vegas eingeflogen hatten und die Seriennummer „0000“ (von – achwas! – 1200 Stück) auch demonstrierten. Noch immer steht der Preis für die tiefergelegte und schwer getunte Variante nicht endgültig fest, soll sich aber noch diesseits von 4000 Euro einpendeln. Eine unlimitierte Version für Normal-DJs und Japanfans wird natürlich preisgünstiger, aber auch erst noch später im Jahr zu haben sein.
Apropos Japan: Luxman mischt die Szene mit frischen Gerätschaften auf. Neben schweren glaskolbenbestückten Amps war ein neuer, vergleichsweise „kleiner“ SACD-Player zu sehen, über den wir in FIDELITY zeitnah berichten werden. Melco wiederum, die sich nicht erst zum 40-jährigen Firmenjubiläum als ausgesprochene Digitalexperten präsentieren, zeigte ein mittleres Modell ihres High-End-Musikservers mit satten 6 TB Speicher und allem, was daraus richtig gut Musik extrahiert. Riemengetriebene CD-Player von CEC tummelten sich in Hamburg gleich reihenweise, um an AudioQuest-Kopfhörern für gute Laune zu sorgen. Ein einzelnes Exemplar spielte zusammen mit preisgünstigen Audreal-Röhrenmonos an Elektrostaten von Silverstatic. Vertriebschef Frank Koglin trug passenderweise versilberte Sneakers, die sogar im reeperbahntauglichen Schummerlicht auffielen.
Zugespitzt klang’s bei Zugspitz, deren Monster-Röhren (made by Silvercore) an den Big-Boy-Boxen in Baumstamm-Optik kräftig Spaß machten, aber auch feine Töne beherrschten. Krasses Gegenteil in puncto Optik: Burmester Phase 3 – wir warten noch immer, und zwar gerne, auf den Serienstart der Komplettanlage. Erstaunlich raumfüllend erklangen Larsen 6 am Pioneer A30PH (tuned by Phonosophie) und Audiobyte-DAC bei Tom Habke. Grandiose Performance am AudioQuest Nighthawk: Dave von Chord Electronics, ein Super-DAC mit dezent-opulenter Rolex-Optik, quasi der ganz große Bruder vom kleinen Mojo.

Und sonst? Unauffälligst verpackter Topsound: Input Audio mit Harbeth und Creek. Unauffälligster Subwoofer: ein audiophiles Passivmodell von HornKultur. Auffälligster Subwoofer: der erstaunliche Rabauke von Mass Audio (bei Robert Ross). Musikalischster DAC: Canever Zero Uno (Friends Of Audio). Beste untergehende Technik: UKW stereo – auf den NDHT gespielt von Isenberg Audio (K+H FM11 von 1958), aktuelle Empfangsgeräte mit Röhren baut MusicaNova. Bestes „Not-Setup“: Audio Physic an Pathos Mini-Röhre mit 10 Watt – ja, das geht ordentlich! Beste Kaffeespezialitäten: wie immer bei Bryston/AVitech. Beste Musikauswahl: ebenso.

Originellster Spruch der Messe: „Für das beste Klangergebnis müssen Sie eine Fläche von 90 mal 250 Zentimetern kacheln!“ (Bridge Audio).

Bester Karnevalsbeitrag: Audio Analogue Association – aber das hatten wir ja schon.

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
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