Test: Wilson Benesch Square 5 – Man bleibt sich treu

 

Bei Wilson Benesch ist alles rund. Der Plattenspieler, die Lautsprecher und sogar das Logo. Nur die Square 5 nicht. Und dennoch ist sie eine echte WB

Nur wenige Firmen haben in der High-End-Welt eine so starke Marken-DNA wie Wilson Benesch. Was die Produkte der in Sheffield beheimateten Firma schon immer auszeichnet, sind der exzessive und kompetente Gebrauch von Kohlefaser, üppige Grundlagenforschung und Akribie in der Fertigung. Das geht so weit, dass fast alle Chassis selbst gefertigt werden. Und damit ist nicht das schlichte Reconing eines zugekauften Treibers gemeint, sondern die komplette Eigenfertigung, vom Korb bis zum Membranmaterial – Letzteres natürlich Kohlefaser. Ganz nebenbei behauptet sich Wilson Benesch auch im 25. Jahr seines Bestehens gegen alle Internationalisierungstendenzen und hält tatsächlich als einer der wenigen verbliebenen wirklich britischen HiFi-Herstellern die Fahne hoch.

Meine erste Erfahrung mit Wilson Benesch machte ich vor vielen Jahren in Hamburg. Bei einem dortigen HiFi-Händler hörte ich eine Discovery an einer – gemessen am Wirkungsgrad des Lautsprechers lächerlich kleinen – Röhrenendstufe. Und dennoch faszinierte die Darbietung mit einer verblüffenden Lockerheit, Weite und einem Fluss, der angesichts der reinen Daten hätte gar nicht passieren dürfen. Als ich Jahre später Craig Milnes, den Gründer und Vordenker von Wilson Benesch, darauf ansprach, bestätigte er diese Beobachtung und meinte, dass dies seiner Meinung nach von der äußerst geringen Energiespeicherung durch das Gehäuse käme. Wenn eine Kiste, so sinngemäß, nicht ständig mitarbeiten und die eigentlichen Signale somit teilweise auch überlagern würde, könnte man endlich mal in reiner Form die eigentliche Arbeit der Chassis hören. Genau deshalb würde er diesen ganzen Aufwand überhaupt betreiben.

Die nun hier stehenden Square 5 scheinen mit der Marken-DNA von Wilson Benesch brechen zu wollen, weisen sie doch nicht die bei den anderen Lautsprechern der Firma üblichen extravaganten Formen und das überall sichtbare Carbon und Aluminium auf. Bei näherer Betrachtung allerdings werden wir noch genug der genannten Materialien finden, um der Square zweifelsfrei ihre Herkunft bestätigen zu können.

Schon „ganz unten“, also noch unterhalb des eigentlichen Gehäuses stoßen wir auf einen ersten Beweis der schon angesprochenen Akribie: Die mitgelieferten und mit 14 Millimeter Durchmesser besonders stabilen Spikes sind natürlich nicht zugekauft, sondern werden im eigenen Hause gefertigt. Mit ihrer elegant schwungvollen Verjüngung und der standesgemäßen Unterbringung in einem Koffer lassen sie sich allenfalls noch mit den Spikes von Avalon Acoustics vergleichen. Nun glaube ich nicht, dass diese Spikes wesentlich besser als irgendeine andere zugespitzte Schraube klingen werden. Und doch passen sie perfekt in das Konzept eines solchen Luxusprodukts. Denn auch ein edles Auto wird man nicht nur wegen der Fahrleistungen kaufen, sondern wegen des gesamten Erlebnisses. In einer solchen Karosse den Blinkerhebel eines günstigen Kleinwagens bedienen zu müssen, würde der Freude doch erheblichen Abbruch tun.

Beim Sockel, in dem diese Spikes Halt finden, fließt allerdings wieder jeder Cent – in diesem Falle besser: jeder Penny – in den Klang. Das eingesetzte Isobarik-System mit zwei 17 Zentimeter durchmessenden „Tactic“-Basstreibern ist sicher eine gute Methode, auch kleineren Gehäusen ordentlich tiefe Frequenzen zu entlocken. Dabei arbeitet ein Chassis parallel im Rücken des anderen und steigert so virtuell das angeschlossene Luftvolumen. Der außen liegende Treiber „spürt“ also eine geringere Federsteife der Luft im Rücken und kann den Bass bedienen, als säße er in einem weitaus größeren Kabinett.

Nun ist es nicht ganz einfach, eine solche Konstruktion korrekt zu berechnen und auch der Verstärker muss etwas mehr Arbeit als üblich leisten. Für Craig Milnes ist es bei einer solchen Konstellation auch eminent wichtig, dass die auftretenden Kräfte das Gehäuse in keiner Weise „verziehen“ können. Dass also die relative Position der Treiber zueinander immer exakt gleich bleibt. Daher besteht der komplette Sockel, in dem beide Chassis untergebracht sind, aus einem einzigen massiven Aluminiumblock. Hier wird sich mit Sicherheit nichts bewegen, welche Musik bei welcher Lautstärke auch immer gehört wird. Und vielleicht sorgt Milnes’ Konstruktion ja auch wieder einmal dafür, dass tatsächlich doch weniger Verstärkerkraft ausreicht, als man zunächst annehmen möchte.

Für einen besseren Stand sorgen kleine Ausleger an der Rückseite. Darüber schließt sich das so ungewohnt eckige Gehäuse an, das in der Tat nicht aus Kohlefaser besteht. Recht konventionelles MDF ist in diesem Falle das Mittel der Wahl. Allerdings nicht ausschließlich. Denn bei Wilson Benesch vertraut man diesem Werkstoff nur, wenn man ihm eine ordentliche Portion Carbon zur Seite stellt. Im Innern finden sich daher zahlreiche Verstrebungen und Stabilisierungen, sogenannte „Ribs“, aus diesem Leichtwerkstoff, um Festigkeit und Resonanzarmut noch zu verbessern. Erklärtes Ziel sind beste Arbeitsbedingungen für eine Chassiskonstellation, die bei Wilson Benesch in bester Marktingsprache „Troika“ genannt wird. Ein Tieftöner im eigenen Bassreflexgehäuse, ein Mitteltöner mit Passivmembran im Rücken und eine zugekaufter Scan-Speak-Hochtöner bilden diese angepriesene Dreieinigkeit. Die Passivmembran dient übrigens zur Resonanzkontrolle des Gehäuses, nicht zur Grundtonunterstützung. Für einen noch klareren Mittenbereich soll sie alle Schwingungen, die sich in dem eingeschlossenen Luftvolumen aufschaukeln könnten, gründlich bedämpfen. Das Trio erinnert also nur optisch ein wenig an eine D’-Appolito-Anordnung, ist aber keine. (Wie übrigens auch sonst fast keine der üblichen Konstellationen wirkliches D’Appolito verkörpert, aber das nur am Rande.)

Die großen Verstärker aus der 3000er-Serie von T+A laufen seit einigen Wochen in meinem Musikzimmer, und so dürfen die Square 5 zuerst an ihnen spielen. Bevor ich mich jedoch der Musik widme, bei der die Wahrnehmung und das daraus resultierende Qualitätsempfinden doch sehr individuell geprägt ist, möchte ich zunächst noch ein paar Fakten abklopfen.

Ein sauberes Mono-Rauschsignal eignet sich beispielsweise immer bestens, um „Raumwunder“ zu enttarnen. Viele Lautsprecher neigen schon bei einem solchen Signal zu einer „üppigen“ Darstellung. Die logische Frage ist dann, wie ein Lautsprecher, der noch nicht einmal eine saubere Phantommitte platzieren kann, denn letztlich bei weitaus komplexeren Signalen sauberes Stereo liefern soll?! Für unser Wilson-Benesch-Pärchen stellt das allerdings überhaupt kein Problem dar. Sie projiziert das Rauschen auf einen exemplarisch kleinen Punkt in der Mitte der Basisbreite. Das lässt auf präzise „Räume“ hoffen.

Danach möchte ich die Prospektdaten mittels einer kleinen Messung überprüfen. Denn auch bei einem Isobarik-System ist ein Minus-drei-Dezibel-Punkt bei 34 Hertz für eine volumenmäßig so kleine Box schon eine Ansage. Aber offensichtlich keine Angeberei: In meinem bis 30 Hertz weitgehend linearisierten Raum sind die Square 5 auch unterhalb der angegebenen 34 Hertz noch voll da, selbst unter 30 Hertz lässt sich da noch einiges messen. Das erhebt Wilson Benesch in den kleinen, feinen Club jener Hersteller, die nicht mit phantasievollen Prospektdaten werben, sondern diese eher konservativ angeben und in der Praxis fast immer übertreffen. In diesem Club trifft man zum Beispiel auch auf Accuphase, Mark Levinson oder McIntosh, um hier nur einige spontan zu nennen.

Mit der richtigen Musik spielen die Square 5 wunderbar frei und locker auf, treten als Klangquelle weitgehend hinter die Musik zurück. Sie gehören auch zu den wenigen Lautsprechern, die schlicht keine musikalischen Vorlieben zu haben scheinen. Und die räumliche Abbildung gerät – wir ahnen es schon – extrem präzise, ohne je ins Kleingliedrige zu zerfallen. Das sehr kleine Bild, das die meisten Studiomonitore entwerfen, ist den Square 5 zum Glück völlig fremd. Stimmt die Konserve, wird es grenzenlos, dann lassen sie die Wände verschwinden. Und noch eine Besonderheit kann ich feststellen: Das musikalische Geschehen beginnt einen guten Schritt hinter der Lautsprecherebene und breitet sich von da zur Seite und nach hinten aus. Freunde eines „nach vorne gezogenen Klangbildes“ müssen also eher weitersuchen, eine solche Vorliebe wird hier nicht bedient.

Ob ich nun Deep Purple, Chick Corea, „Brand, Brauer, Frick“, Mahler, Stockhausen oder Bach höre – die Wilson Beneschs scheinen immer den richtigen Ton zu treffen. Was sich eigentlich wie die Grundvoraussetzung für jeden ordentlichen Lautsprecher anhört, wird meiner Erfahrung nach in diesem Maße nur selten erreicht. Denn auch wenn ein Lautsprecher beim ersten und auch beim zweiten Hinhören universell einsetzbar wirkt, merke ich im Nachhinein, dass ich von Modell zu Modell unterschiedliche Musik bevorzugt habe. Bei der Wilson Benesch hingegen fällt mir eine solche Zuordnung sehr schwer, weil sie sich mit besonderer Gründlichkeit einer eigenen klanglichen Signatur enthält.

Auch bei der Sprachverständlichkeit – einem mir als Opernliebhaber eminent wichtigen Thema – leisten die Britinnen Erstaunliches. Selbst bei schwer verständlichen, älteren Aufführungsmitschnitten extrahieren sie derart viel Klarheit, dass sie meiner in diesem Punkt ungekrönten Königin, der Diapason Adamantes 25th, schon verblüffend nahe kommen.

Benötigt man dafür eine solch hochwertige Versorgung wie etwa durch die T+A-Verstärker? Nach mehreren Versuchen mit anderen Amps kann ich guten Gewissens behaupten, dass dies wohl eine Frage des Geschmacks ist und auch bleibt. Trotz ihrer recht komplexen Konstruktion stellen die Square 5 den jeweils angeschlossenen Verstärker offensichtlich nicht vor unlösbare Aufgaben. Selbstverständlich festigt unerschütterliche Verstärkerleistung das Klangbild hörbar, doch in erster Linie machen die Wilson Beneschs nichts weniger, als die klanglichen Qualitäten des Verstärkers hörbar. Und so kann sich beispielsweise ein nominell gar nicht mal so starker Lavardin IT deutlich vor einigen viel kräftigeren Kollegen platzieren. „Klein und fein“ sticht auch in diesem Fall „plump und kräftig“ wieder einmal gründlich aus. Und ja, auch die superben Qualitäten der T+A-Kombi werden minutiös umgesetzt. Hier limitiert ganz offensichtlich nur die angeschlossene Elektronik das Klangerlebnis. Die Biwiring-Option habe ich noch ausprobiert und keine Unterschiede gehört. Die mitgelieferten, qualitativ wirklich sehr guten Brücken können also ohne Bedenken und nicht nur als Zwischenlösung eingesetzt werden.

Und jetzt habe ich noch gar nicht über das verblüffende und doch niemals nervige Auflösungsvermögen der Square 5 geschrieben. Manchmal sind die Textvorgaben einfach zu knapp.

So bleibt festzustellen, dass auch die Square 5 – trotz des MDF-Einsatz und einer eckigen Grundform – eine echte Wilson Benesch ist, durch und durch, mit all den Tugenden, für die diese Firma berühmt wurde und zu Recht gerühmt wird. Es wird leicht fallen, „spektakulärere“ Lautsprecher zu finden. Doch eine solch universelle Feinheit und Zurückhaltung, wie sie diese WB bietet, kann man mit der sprichwörtlichen Lupe suchen!

 

Info

Wilson Benesch Square 5

Standlautsprecher

 

Prinzip: elektrisch 2,5 Wege, akustisch 4 Wege

Empfindlichkeit: 87 dB

Nennimpedanz: 6 Ω

Übergangsfrequenzen: 5 KHz / 500 Hz

Bestückung: 1 x 25mm Soft Dome Wilson Benesch Spec. Tweeter, 1 x 170mm Wilson Benesch Mid-Range Tactic Drive Unit, 1 x 170mm Wilson Benesch Bass Tactic Drive Unit, 2 x 170mm Wilson Benesch Isobaric Tactic Drive Unit Tieftonunterstützung: Bassreflex und Passivmembran

Ausführungen: Gloss Wood Finishes: Piano Black, White, Red Birds Eye, Birds Eye Maple, Burr Walnut, Ebonised Walnut, Walnut, Zebrano; Satin Wood Finishes: Natural Cherry, Maple, Oak

Besonderheiten: Bi-Wiring-Anschluss, Isobarikbass, Spezialspikes

Maße (B/H/T): 20/112/26 cm

Gewicht: 47 kg

Garantiezeit: 3 Jahre

 

Wilson Benesch

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