Herausfordernd! – Life is hard and then you die.

Illustration: Ralf Wolff-Boenisch

Wie sich unsere Sprache im Laufe der Jahre doch ändert. In meiner Jugend hatte ich noch Probleme zu lösen, heutzutage muss ich mich Herausforderungen stellen, wie mir mein Arbeitgeber sicher nicht ganz zufällig täglich erklärt, denn schließlich mutiert durch die veränderte Wortwahl jedes ausgewachsene Debakel zur harmlosen Bagatelle. Herausforderungen bestimmen das Leben, ohne sie ist es langweilig, jeder nimmt sie bereitwillig an, sucht sie gar, auch in der Freizeit. Der eine stürzt sich ohne Training in das Abenteuer eines Marathonlaufs, der andere erobert in Sandalen die schneebedeckten Dreitausender der Alpen. Leistung ist sexy!
Manche Problemstellung entpuppt sich jedoch im Nachhinein als unlösbar. So kaufte sich ein Zeitgenosse aus dem Nachbarort ein SUV, das nicht in seine Garage passte. Da der Händler das Fahrzeug nicht zurücknahm, parkt es jetzt im Freien. Durch einen Blick in die Prospektdaten hätte sich das Malheur leicht verhindern lassen.
Highender sind da nicht anders! Über eine Anlage aus miteinander harmonierenden Komponenten – vielleicht sogar vom gleichen Hersteller – einfach nur Musik genießen kann doch jeder. Wo sind denn da bitte die Herausforderungen? Da ist es doch viel spannender, Probleme zu lösen, die man sich vorher selbst geschaffen hat. In den 1980ern verbrachte ich über ein Jahr lang meine Freizeit damit, wohlklingende Monoendstufen geringer Leistung mit einem Paar der damals angesagten fetten Standboxen (mit ihren charakteristischen Impedanzkratern im Bassbereich) zu „verheiraten“, was letztendlich natürlich scheiterte und zu einem nervigen, unkontrollierten und aufgedickten Bassbereich führte. Ich lernte dabei auf die harte Tour, dass es Geräte gibt, die einfach nicht zueinander passen. Ein Blick in die technischen Daten hätte zum gleichen Ergebnis geführt, und zwar bereits ein Jahr früher!


Niemand käme wohl auf die Idee, sich einen fetten Geländewagen als Stadtauto anzuschaffen. Obwohl – sicher bin ich mir nicht, denn schließlich glaubt selbst der unfähigste Autofahrer, in einem dieser übergewichtigen Privat-LKWs die ihm sonst abgehende Übersicht über den Verkehr zu bekommen. Nur weil er ein paar Zentimeter höher sitzt. So parken denn immer mehr dieser Sprit fressenden Automonster vor den Garagen unseres Landes – reinpassen tun sie ja nicht. Doch ich schweife ab …
Zurück zu meinen Boxenmonstern. Nachdem weder neue Lautsprecherkabel noch eine Röhrenendstufe die gewünschte Besserung erzielen konnten – wie sollten sie denn auch –, kam mir die zündende Idee, mir eine Bassfalle zu bauen. Ich hoffe, alle Anwesenden wissen, was das ist. Falls nicht: Google ist dein Freund (das war nur ein Scherz, also das mit dem Freund, nicht das mit dem Googeln). Die Falle linderte zwar die schlimmsten Symptome der Fehlpaarung, aber der Bass zeigte sich immer noch undefiniert. Trotzdem war ich glücklich – Hauptsache, das bedrohliche Gewummer verschwand. Das Licht leider auch, denn aufgrund der exorbitanten Dimensionen der Boxen nebst Boxenfalle war die Fensterfläche nun zugestellt. Egal, der Audiophile in mir freute sich, denn je größer die ihm abverlangten Opfer ausfallen, desto größer fällt auch seine Zufriedenheit aus. Bekanntlich helfen ja nur bittere Pillen.
Die kleinkarierten Einwände der besten Ehefrau von allen, dass kleine Boxen optisch und womöglich auch klanglich besser gepasst hätten, wurden mit weltmännischer Geste großmütig beiseitegewischt. Für Warmduscherei ist im Allerheiligsten eines Highenders kein Platz. Fehlt es dem Audiophilen an der nötigen Kreativität für eigene Problemstellungen, hilft ihm die Industrie gerne weiter und errichtet für ihn die Windmühlen, gegen die er in den Kampf ziehen kann. Die süchtige Klientel ist für jedes Feindbild dankbar. Obwohl nur minimale oder gar keine klanglichen Fortschritte zu erwarten sind, sorgt jede Neuanschaffung trotzdem für kurzzeitige Zufriedenheit. Der Wunsch, das Möglichste für den Wohlklang zu tun, treibt den Highender voran, und die Trophäen seiner Pyrrhussiege schmücken den heimischen HiFi-Altar, auch wenn die Familie dafür auf den nächsten Urlaub verzichten muss.
Doch wer braucht schon Erholung in fernen Ländern, wenn es vor der eigenen Musikanlage genauso schön ist? Nachdem die Kinder im Schwimmbad geparkt wurden und die Lebensabschnittsgefährtin zum Shopping aufgebrochen ist, lässt es sich bei ohrenschmeichlerischen Klängen entspannt sinnieren, was die Audio-Anlage denn nun wirklich einen entscheidenden Schritt weiterbringt. Das ist die wahre Herausforderung!

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