Ohrenkino

Grados neuer PS 1000e ist ein echt amerikanischer Kopfhörer: groß, auffällig, imposant und damit jederzeit bereit für den großen Auftritt

Kopfhörer, so denke ich, sind mit die schwierigsten Spezies der gesamten Hifi-Welt. Denn sie bieten einen Klang, der so gar nicht von räumlichen Einflüssen „verwässert“ wird. Ihre Sound-DNA schicken sie ohne Filter in des geneigten Hörers offenes Ohr – man hört wirklich den Kopfhörer. Mit allen seinen Stärken und Schwächen. Daher kommt es wohl, dass man in diesem Bereich so vehemente Grabenkämpfe wie nur selten sonst erlebt: Die Liebhaber oder Ablehner bestimmter Modelle stehen sich unversöhnlich gegenüber, denn ein so kompromisslos servierter Klang polarisiert. Mag man ihn nicht, dann aber gründlich. Trifft er den eigenen Geschmack, erfüllen sich gleich alle Wünsche.
Damit aber nicht genug. Hat man den richtigen Klang gefunden, muss der Kopfhörer auch noch zum eigenen Schädel passen, weshalb ich bei der Auswahl eines neuen Hörers den Tragekomfort letztlich für wichtiger als die absolute Klangqualität erachte. Die detaillierteste, feinste, schönste Übertragung nützt Ihnen nichts, wenn nach kurzer Zeit der Nacken fest wird und dann langsam, aber sehr, sehr sicher die Verspannungkopfschmerzen nach oben kriechen. Beim Kauf ist also noch mehr als bei anderen Geräten Zeit das entscheidende Element. Und natürlich ein kompetenter Händler, der mehrere in Frage kommende Modelle zum ausgiebigen Ausprobieren bereithält und nicht nur bestellen kann.
Wenn denn alles stimmt – Sie kennen diese schlichte und dennoch wahre Binsenweisheit – lässt sich mit einem guten Kopfhörer und einem passenden Verstärker ein Setup zusammenstellen, das zehnmal so teure Kombinationen aus Verstärker, Kabel und Lautsprechern mühelos hinter sich lässt.
Eine gewisse Vorsicht ist beim Grado PS1000e schon geboten, denn er bringt stolze 630 Gramm auf die Waage. Und das muss ein Kopf erstmal dauerhaft tragen. Im Vergleich dazu wiegen ein Beyerdynamic T1 rund 530 Gramm oder ein AKG 702 knappe 300 Gramm. Sein Sitz auf dem Kopf unterscheidet sich grundlegend von dem der meisten anderen Kopfhörer, da er den Kopf nicht „einspannt“, sondern nur relativ leicht aufliegt. Auch decken seine kapitalen Ohrpolster einen recht großen Bereich des Gesichts ab. Zu Beginn mag das alles irritierend sein, und man fürchtet, er drohe, vom Kopf zu rutschen. Das passiert allerdings nicht und nach kurzer Eingewöhnungszeit fühlt sich alles ganz normal an. Zumindest auf meinem Kopf.


Den Verstärker sprach ich schon an, und wenige Takte Musik mit dem PS1000e an einem normalen Kopfhöreranschluss lassen vermuten, dass ich weiter in diese Richtung denken sollte. Denn an einem schwächlichen Ausgang klingt der Grado trotz seiner moderaten 32 Ohm einfach nur wie ein guter Kopfhörer, der hübsche Mitten macht. Allerdings löst er in keiner Weise das Versprechen seiner Preisklasse ein. Daher darf zuerst ein Lake People Verstärker mitspielen und schon wendet sich das Blatt. Der Grado PS1000e – jetzt zeigt er es – ist ein sehr spezieller Kopfhörer, der offensichtlich wachgeküsst werden will. Denn mit diesem Antrieb breitet er vor mir mit lockerer Hand eine immense Detailfülle aus, die ihresgleichen sucht. Beispielsweise fällt mir auf einer Aufnahme der 7. Sinfonie von Anton Bruckner (RCA, Wand, Berliner Philharmoniker) gleich zu Beginn ein Knarzen auf, das mir bisher entgangen war. Ein Stuhl oder das Dirigentenpodest mischt sich akustisch ein. Schnell mit dem Beyerdynamic T1 gegengehört: Ja, auch hier kann ich das Knarzen hören, allerdings schwimmt es viel tiefer im Teppich der vielen Nebengeräusche. Aufgefallen wäre es mir hier nicht.
Faszinierend ist in dieser Kombination (es wird sich noch steigern) die Opulenz der Klänge, die im Englischen so wunderbar mit dem Wort „rich“ beschrieben wird. Das impliziert nicht gleich dick oder schwerfällig, sondern ist durchweg positiv gemeint. Denn angesichts dieser Detailfülle ist klar – schwerfällig kann der Grado PS1000e nicht sein. Beim Malen der Klangfarben mit sattem Pinsel kann allerdings auch manch kleine Differenzierung verloren gehen: Wenn auf besagter Aufnahme zu Beginn Horn und Cello das Thema vorstellen, entsteht im Grado ein wundervoller Mischklang, in dem man baden möchte. Nach sehr konzentriertem Hören kann man auch die einzelnen Instrumente voneinander trennen. Dies gelingt mit dem T1 deutlich leichter, der beide Gruppen klar voneinander abgrenzt und sogar noch minimale Unterschiede in der Artikulation darstellt.
Räumlich lässt der Grado nichts anbrennen und zieht den Hörer mitten ins Geschehen. Der Beyerdynamic geht hier etwas distanzierter zu Werke, mit dem AKG entsteht die Bühne gar etwas vor dem Kopf. Somit bleibt sich der PS1000e auch in diesem Punkt treu und versucht, maximal zu involvieren. Unmittelbarer, unverstellter Genuss ist sein Credo. Und das auf technisch höchstem Niveau.
Eine kleine Steigerung der genannten Meriten des Grado darf ich noch erleben, als Fosgates Signature Headphone Amp mit ins Rennen einsteigt. Während der Lake People auf größtmögliche Definition setzt, zaubert der übertragerlose Fosgate feinste Obertöne, locker federnde Bässe und noch samtigere Mitten dazu. Ohne merklich detailärmer zu klingen. Das ist so eine Kombination, von der ich zu Beginn sprach. Wenn der Grado mit dem eigenen Kopf harmoniert, kommt man mit diesem Set den Sternen sehr, sehr nah.

 

Grado PS 1000e

Dynamischer Kopfhörer, offen
Impedanz: 32 Ohm
Ausführung: Metall-Massivholz-Sandwichgehäuse
Gewicht: 470 g (ohne Kabel)
Garantiezeit: x Jahre

Fosgate Signature Headphone Amp

Röhren-Kopfhörerverstärker
Eingänge: 2 x unsymmetrisch (CInch)
Ausgänge: 1 x Kopfhörer (6,3 mm Klinke), 1 x unsymmetrisch (Cinch)
Bestückung: 2 x 12AX7
Spannungsverstärkung: 15 dB
Max. Ausgangsspannung (500/200/30 Ohm): 2x 180/387/1000 mW
Besonderheiten: anpassbarer Basspegel (0/+6/+9dB @ 30 Hz), anpassbarer Raumklang (
Ausführung:
Maße (B/H/T): 18,2/14/30 cm
Gewicht: 3,5 kg
Garantiezeit: 2 Jahre

 

www.high-fidelity-studio.de

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