Er hatte noch mit eigenen Augen die grausamen Ereignisse gesehen, die Nina Simone in „Strange Fruit“ verarbeitete. Vielleicht auch Freunde verloren, die aus der Beale Street nicht mehr zurückkamen. Samstagnacht wurde in den Chitlin’ Circuits, den Gebieten, in denen auch Schwarze sich vergnügen durften, gefeiert, bis der Morgen graute. Doch auf den Heimweg machte man sich besser nicht alleine, machte einen großen Bogen um die Rassenfanatiker unter weißen Kapuzen, wenn man nicht als leblos von einem Baum hängende merkwürdige Frucht enden wollte. Riley B. King erfuhr noch am eigenen Leib, dass der Blues aus Leid entstand, dass er den Schmerz der schwarzen Baumwollpflücker, die Hoffnungslosigkeit des Leibeigenen ausdrückte. Blues, das war von Gott verlassener Gospel, der Pakt mit dem Teufel, der der geschundenen Seele für zwei bis drei Minuten Linderung verschaffte, ohne ihr Hoffnung zu geben. Blues war der Versuch, die Schmerzen der Hände, Beine, des Kreuzes mit dem Aufschrei einer gemarterten Seele zu übertönen. „I woke up this morning“ – Erleichterung und zugleich Verzweiflung dessen, der sechs Tage in der Woche einen schweren Pflug in die trockene Erde drückte, um das von einem weißen Herrn okkupierte Land zu bestellen.
Dessen Nachkommen wiederum rissen sich in bewährter Tradition den schwarzen Rhythm and Blues unter den Nagel, um ihn der Welt als Rock ’n’ Roll zu verkaufen. B.B. King, wie er sich inzwischen nannte, kann dieser Kulturimperalismus nicht verborgen geblieben sein, auch wenn er noch nicht persönlich betroffen war. Aber selbst als gute zehn Jahre danach unreife Früchtchen aus der englischen Mittelklasse auf der Suche nach den Wurzeln „ihrer“ Musik zu ihm kamen, jagte er sie nicht vom Hof. Im Grunde waren es nette Jungs, Mick Jagger und Eric Clapton, vor allem dieser Wirrkopf Peter Green hatte es ihm angetan – der konnte den Blues spüren, ganz ohne körperliches Leid. Wie Einser-Schüler hielten sie ihm ihre Notenblätter unter die Nase, spielten ihm ihre Akkorde vor, aber er lachte sie nicht aus, obwohl es ihn belustigt haben muss. Vergesst eure Akkorde, der Blues steht auf keinem Blatt, riet er ihnen, in euren Gesichtern muss man lesen können, dass er in euch steckt. Natürlich verstanden sie kein Wort, konnten nicht begreifen, dass der Blues mit möglichst vielen Noten nicht besser wurde, sondern dass er nur eine Note brauchte, um sich aus dem Innersten Bahn zu brechen. Geduldig erklärte er es noch einmal, inspirierte die Grünschnäbel und respektierte sie für ihr Interesse, obgleich er wissen musste, worauf das hinauslief. War B.B. King naiv, blauäugig und dumm? Sicherlich, so wie die meisten Rockmusiker.
Wenige Jahre später spielte er im Vorprogramm der Rolling Stones. Betrachtet man Rockmusik als Religion – und wie sollte man sie sonst betrachten? –, mimte Gott den Supporting Act für die zwölf Apostel. Aber er beklagte sich nicht, stellte seine Verdienste nie in den Vordergrund. Nur ein Mensch hielt B.B. King nicht für den größten Gitarristen, nämlich er selbst. Ich hatte Glück, sagte er, was ich tue, können viele andere ebenso gut, sie haben nur das Pech, nicht ich zu sein. Zum Vergleich ein Zitat vom Teutonen-Heino, den ich in der letzten Ausgabe schon ausgiebig gewürdigt habe: Viele behaupten, was der kann, kann ich auch, aber sie können es eben nicht so gut wie ich.
Laut Barack Obama fand am 14. Mai eine „Killer Blues Session“ im Himmel statt. B.B. King war kurzfristig eingeladen. Wir alle nicht. „The thrill is gone / The thrill is gone away / You know you done me wrong baby / And you’ll be sorry someday …“

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