Verity Audio Leonore – Kanadische Kammermusik.

Wer im Raum hört‚ hört den Raum – und dessen Kooperation mit dem Lautsprecher. Von kongenialen Partnerschaften bis zu heftigen Abstoßungserscheinungen kann da alles passieren. Verity Audio hat sich für den freundlichen Ansatz entschieden.

 

Von Lautsprechern meinen viele, sie seien der wichtigste Teil der Anlage. Ich will da nicht widersprechen. Man nennt sie ja auch Schallwandler, und das bringt es auf den Punkt. Hier werden Ampere und Volt zu Bewegungsenergie von Luftmolekülen. Dass dieser Vorgang heutzutage, wo er pausenlos und überall stattfindet, alltäglich ist, lässt die tatsächliche Komplexität leicht in Vergessenheit geraten. Ja, beim Lautsprecher sind Chancen und Risiken im Vergleich zu allen anderen HiFi-Komponenten gewaltig.

Schuld sind die Räume. Die Privaträume, um genau zu sein, in denen unsereins lebt und hört und die leider nicht in die Berechnungen der Audio-Konstrukteure einfließen konnten. Weshalb Lautsprecher für eine optimale Performance die Anpassung der Umgebung an ihre bisweilen bizarren Bedürfnisse („… aufstellen mit dem 0,62-Fachen der Raumhöhe als Abstand zur Rückwand …“) erwarten.

Wäre es andersherum nicht besser? Nicht alle Hersteller berücksichtigen wirklich die Tatsache, dass der Großteil der potenziellen Kundschaft trotz eines unbestreitbaren Trends zum Loft in Räumen lebt, wo alles, was nicht Tisch oder Sessel ist, doch eher in Wandnähe Platz finden soll. Verity Audio aus Kanada jedenfalls lässt keinen Zweifel an der eigenen Raumakustikkompetenz. In Québec entstehen seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert in sympathischer Konsequenz vergleichsweise zierliche, elegant unauffällige dynamische Standboxen. Die alles andere als zierlich klingen, was, so der Hersteller, dem besonderen Zusammenspiel seiner Lautsprecher mit dem Hörraum zu verdanken sei. Die volle Wahrheit ist dann natürlich etwas komplexer. Aber sehen wir uns doch erst einmal Leonore an.

Die nur knapp 107 Zentimeter hohe Dreiwege- Box, aktuell das zweitkleinste Modell des Hauses, besteht aus zwei fest miteinander verbundenen, akustisch aber durch einen Luftspalt getrennten Gehäuseteilen aus dickwandigem MDF. Der untere Part ist ein großvolumiges Bassmodul mit zwei Tieftönern und Bassreflexöffnung. Obenauf sitzt die geschlossene Mittelhochtonbox in klassischem Kompakt- Format. Die gesamte Einheit ist makellos gefertigt, hier mit einem Klavierlack-Finish, für das sich kein Steinway schämen müsste. Und sie ist für die Größe ordentlich schwer. Zum Glück wohnt Marcello, der nette Fitnesstrainer, nur ein Stockwerk über mir.

Die schlanken Veritys setzen auf Understatement. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass die einzigen parallelen Wände Boden und Top des Bassgehäuses sind, alle anderen stehen leicht angewinkelt zueinander – ein probates Mittel gegen stehende Wellen in den Gehäusen. Auch für die Chassis ist ein trainiertes Auge gefragt. In Bass und Hochton kommt das Beste zum Einsatz, was die High-End-Spezialisten SB Acoustics und Audio Technology zu bieten haben. So ist Seide das klassische Material für den üppige 29 Millimeter durchmessenden Tweeter in, ich nenne es mal so, Donutform. Der Mitteltöner, der in der Leonore den wichtigen Bereich von 175 bis 4000 Hertz, effektiv also fast fünf (!) Oktaven verarbeitet, verfügt über eine Polypropylen-Membran mit hoher innerer Dämpfung. Im Bass arbeiten zwei relativ kleine, reaktionsschnelle 165-Millimeter-Chassis mit harten und leichten papyrusverstärkten Papierkonussen.

Leonore hält bei Verity eine Sonderstellung. Sie gilt als besonders leicht zu treiben und damit als geeignete Spielpartnerin von Röhrenverstärkern mit niedriger Ausgangsleistung. In den technischen Daten findet sich eine beeindruckende Wirkungsgradangabe von 93 Dezibel pro Watt und Meter und eine Nennimpedanz von acht Ohm. Halten diese vielversprechenden Zahlen dem Praxistest stand? Ein Trioden-Vollverstärker mit acht Watt Leistung läuft sich schon warm.

Vor den Erfolg haben die Götter den Schweiß gesetzt, und der fließt reichlich – bei der Suche nach der perfekten Aufstellung. Tipp: Eine polierte Steinplatte lässt sich auch mitsamt 37,5 Kilo Lautsprecher einigermaßen komfortabel über den Teppich schieben.

Die Damen landen schließlich so nah vor der Rückwand wie noch kein Lautsprecher zuvor – ich messe rund 25 Zentimeter von der hinteren Oberkante. Der Bass ist in dieser Aufstellung fulminant, das Bühnenbild in Breite wie in Tiefe opulent, das Timbre warm und unmittelbar ansprechend.

Warum so wandnah? Alle anderen Boxen haben sich bisher an einer nach dem Goldenen Schnitt ermittelten (und von meiner Frau klaglos akzeptierten) Position weit im Raum wohl gefühlt. Aber bei Verity Audio stimmt man die Lautsprecher, und ganz besonders die Leonore, auf ein Bass und Leistungsverwertung (hier der treffendere Begriff als „Wirkungsgrad“) unterstützendes Zusammenspiel mit den Wänden ab. Die Position der Tieftöner, die Filtercharakteristik der Frequenzweiche sowie Eckfrequenzen und Wirkungsgrad der einzelnen Chassis werden so eingestellt, dass sich das erstrebte lineare Ergebnis bei wandnaher Aufstellung ergibt. Lesen Sie mehr über das Akustikkonzept von Verity-Chef Bruno Bouchard im separaten Technik-Kasten.

Ich muss gestehen, dass Leonore für ordentlich Vorfreude sorgt. Diese Box sollte für alle drei derzeit bei mir vorhandenen Verstärker ein besonderer Leckerbissen werden. Mein Naim-Gespann (Vor-/Endstufe NAC 202/NAP 200), das unkomplizierte Lasten schätzt und im Idealfall klanglich weit über seine Gewichtsklasse hinauswächst, wird leichtes Spiel haben. Weil die Naims im Bass eher leichtfüßig unterwegs sind, rechne ich zudem mit einer ausgesprochen harmonischen Einbindung des Tiefton-Boosts der wandnahen Aufstellung. Wir erinnern uns da mit Wehmut an vergangene britische Lautsprecher-Traditionen …

Der Röhren/Transistor-Hybrid Einstein The Amp Ultimate ist dagegen ein veritabler High- End-Bolide und problemlos in der Lage, auch störrische Schallwandler zu domestizieren. Für die mit besten Komponenten bestückte Verity ist der auch optisch hervorragend passende Integrierte auf jeden Fall ein angemessener Spielgefährte, der die Kanadierinnen in Sachen Dynamik, Breitbandigkeit und Raumdarstellung gut in die Mangel nehmen wird.

Ja, und dann wäre da noch der Silbatone JI-300B Mk III. Acht heiße Watt aus Eintakt-Trioden. Glaubt man Verity Audio, wird er sich an Leonore pudelwohl fühlen. Auch von Silbatone kommt grünes Licht: “Here in Korea, JI-300B and Verity speakers are known as one of the best matchings.”

Der Bass ist schon eine Nummer. Vier Sechseinhalbzöller bewegen ordentlich Luft. Eine Test-CD bringt nicht nur Aufschluss über bisher unbekannte Raummoden und lässt mich flugs eine ausgedehnte Lautsprecher- und Sitzplatzverschiebeaktion einleiten. Die Sinustöne offenbaren auch, dass noch unter 30 Hertz durchaus Leben in der Bude ist. Kontrabass-Soli werden in den Wochen des Verity-Gastspiels ein stetiger Quell der Freude.

Ansonsten liegt mit Vorliebe Klassik, und da besonders das frühe Repertoire, Musik der Renaissance und des Barock, im CD-Player. Anfangs zu Testzwecken, denn der rau resonierende Hochton etwa von Gamben ist eine harte Prüfung für jegliches Audiogerät. Die Interpretation der Veritys ist da gewissermaßen mit Samt unterfüttert. Das auf dem Label Winter & Winter mit ordentlich Biss aufgezeichnete Instrument von Vittorio Ghielmi wird ohne den Anflug von Aggressivität in den Raum gestellt, den ich von meinen mit harten Keramikmembranen bestückten Ayons durchaus kenne. Eine Materialfrage? Ich denke nicht, aber bemerkenswert ist auf jeden Fall, dass Erinnerungen wach werden an meine ersten „richtigen“ Lautsprecher, die auch mit Seide und Polypropylen bestückten Dynaudio Special One. Deren unbedingt singende, nie keifende Diktion erkenne ich in den Veritys wieder.

Überhaupt erweisen sich die Kanadierinnen unabhängig vom angeschlossenen Verstärker als Meisterinnen des Mitteltons. Alles, was natürliches Instrument oder Stimme ist, hat Wärme, Fleisch, Plastizität und verlangt dem Hörer nicht eine Sekunde highendiger Grübelei ab – es fühlt sich einfach alles sofort richtig an.

Der Einstein-Amp spielt unerwartet fein, ja regelrecht nobel an den Veritys. Der Vollverstärker aus Bochum ist ein Tier in Sachen Auflösung und Rasanz, und dass er mit nicht hundertprozentig harmonierenden Schallwandlern gerne einen akademisch kühlen Unterton annimmt, ist mir bekannt. Nichts dergleichen an Leonore, da greift ein Rädchen ins andere. Die musikalisch wie klanglich beeindruckende Sinfonia Concertante von Sergei Prokofjew mit dem norwegischen Cellisten Truls Mørk (Virgin Classics VC 5 45282 2) eröffnet mit massivem Kontrabass-Donner, gewährt schon nach wenigen Takten dem Cello einen triumphalen Einstieg voller Tenor-Grandezza und verästelt sich nur kurz darauf aufs Farbigste in Holzbläsermelodien. Die Veritys liefern das auch bei hohen Pegeln mit stoischer Gelassenheit ab, zeichnen den Solisten wie gemeißelt in die Stereomitte, wobei sein Instrument eine sehr schön schillernde Fülle erhält. Genau so möchte man in Orchesterklang baden.

Spätestens an dieser Stelle wird aber auch klar, dass die zierlichen Standboxen duchaus bemerkenswerte Energien entfesseln können. Deswegen gehören sie in nicht zu kleine Räume (20 qm aufwärts) mit angemessenem Abstand zu den Seitenwänden. So erhält sich der Eigner alle Möglichkeiten des Tunings per Justage von Rückwandabstand und Einwinkelung.

Dass die kanadischen Boxen einen ausgesprochenen Sinn fürs Feine haben, beweisen sie an den Naims. Die englischen Transistor-Amps, deren oberstes Ziel nicht unbedingt die Lautsprecherkontrolle ist, begeistern mit einer betörenden Zeichnung zarter Zwischentöne. Gleichzeitig zeigen sie sich von einer unerwartet dreidimensionalen Seite. Ja, die Veritys beherrschen das Spiel mit der Tiefe ganz hervorragend, da müssen selbst meine Ayons, ausgewiesene Meister der offenen Bühne, passen.

Die Röhre hat tatsächlich keinerlei Schwierigkeiten mit Leonore. Pegel ist genug drin, um in normalen Wohnzimmern Musik physisch spürbar werden zu lassen, und mehr braucht kein Mensch. Die Dynamik und Power der koreanischen 300B-Implementation beeindruckt einmal mehr. So souverän spielt kaum ein Transistor!

Ich höre dann noch einige der ganz ausgezeichneten Sampler des Jazzlabels ACT, und da stößt man durchaus auch mal auf schwere Kost mit tiefsten elektronischen Bässen und knallendem Schlagzeug. Das fiese Zulangen bei peitschenden Snaredrum-Attacken ist aber nicht Sache der Veritys. Sie sind prädestiniert für das große Bild, die realitätsnahe akustische Bühne, egal ob darauf Klassik, Jazz oder Rock stattfindet.

Plastizität und Dreidimensionalität sind die Schokoladenseiten von Leonore, und die betörend natürlichen, warmen Klangfarben die Sahne obenauf.

 

Verity Audio Leonore
3-Wege-Standlautsprecher‚ Bassreflex
Wirkungsgrad: 93 dB
Nennimpedanz: 8 Ω
Bestückung: zwei Tieftöner (165 mm) mit Papier/Papyrus-Membran‚ Polypropylen-Mitteltöner (130 mm)‚ Gewebehochtöner Ringstrahler (29 mm)
Anschluss: Single-Wiring
Maße (B/H/T): 25/107/44 cm
Gewicht: 37‚5 kg
Ausführungen: Klavierlack weiß oder schwarz; Echtholzfurnier hochglanz oder geölt gegen Aufpreis
Garantiezeit: 5 Jahre

Sieveking Sound GmbH & Co KG
Plantage 20‚ 28215 Bremen‚ Telefon 0421 68483-0

www.sieveking-sound.de

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
Abonnieren Sie den Newsletter und erhalten Sie Informationen rund um das FIDELITY Magazin, exklusive Spezialangebote, Gewinnspiele, neue Features sowie Angebote unserer Partner.