Will man dem deutschen Wesen in die Seele schauen, kommt man an der „Stimme der Heimat“ nicht vorbei. Anfangs nur Seelentröster für Ewiggestrige, entwickelte Heino sich parallel zur Studentenbewegung zum die Republik spaltenden Symbol für einen historisch motivierten Generationenkonflikt. Ganz unschuldig war er daran nicht, bediente er doch mit traditionellem Liedgut, das während der jüngsten Geschichtswirren eben auch Einzug in „Soldaten singen“, dem „Marsch- und Soldatenliederbuch“ der Wehrmacht gefunden hatte, und der im Auftrag Filbingers 1977 aufgenommenen Nationalhymne in allen drei Strophen ungeniert revanchistische Bestrebungen. Dass er sich mit solchen Techtelmechteln am rechten Rand mit den Spontis vom AStA Ärger einhandeln würde, lag auf der Hand. In solchen Angelegenheiten kommunizierte man damals eine eindeutigere Haltung. Sicher ist das der Grund, warum Heino die „jungen Leute“ im Publikum des Wacken-Festivals, wo er mit Rammstein („da kann man marschieren“) auf der Bühne stand, heutzutage „viel toleranter“ findet als in den 70er- und 80er-Jahren. Aus seiner Sicht nachvollziehbar, ist das doch eine Frage der Perspektive. An Heino selbst, dessen „Erinnerungen an seine ersten Jahre von Bomben-Angst und Hunger geprägt sind“, prallen Vorwürfe der Deutschtümelei von jeher ab, bislang sah er auch noch keine Veranlassung, sich von einem zahlungskräftigen Teil seines Publikums zu distanzieren. Bis heute kennt Heino Filbinger nur flüchtig und der wahre Missbrauch deutschen Liedguts fand vor seiner Zeit statt. Wenn man auch letztere Aussage kontrovers diskutieren möchte, hat Heino von seinen Anhängern der ersten Stunde doch eines gelernt: Wer von nichts wusste, darf seine weiße Weste behalten.

Sein derzeitiger ist nicht der erste Versuch, „Heimatliebe“ an den Nachwuchs heranzutragen. Aber entgegen der aktuellen Legende, war sein Enzian-„Rap“ 1989 weder erfolgreich, noch machte es ihn zum „Kult“. Sondern zur Witzfigur. Noch 2006 ging ein belustigtes Raunen durch die Öffentlichkeit, als er sich ungefragt als Sänger der Nationalhymne zur WM-Eröffnung anempfahl. 2007 stornierte Lidl eine Werbe-Tournee aufgrund mangelnder Nachfrage. Plötzlich war Heino ein Volkssänger ohne Volk. Wo mochte es geblieben sein? Für einen kurzen Moment machte es den Anschein, als habe die Hippie- und Protestkultur gewonnen. Aber nur bis Heino unter neuem Management doch noch zu Cash gemacht werden konnte, weil kultureller Pluralismus für die Musikindustrie auch als Beliebigkeit hervorragend funktioniert, und sein Herz für die „Rockmusik“ entdeckte. Wie tief empfunden und authentisch dieses Bedürfnis gewesen sein muss, mit „Heavy Metal“ an die nachfolgenden Generationen anzuknüpfen, wird an seiner Verwunderung über fehlende Bestuhlung anlässlich seines ersten „Rockkonzerts“ deutlich. Erneut, wie vor vierzig Jahren, verhalf die Bild-Zeitung auch Heinos zweiter Karriere als „Rock-Opa“ auf die Sprünge. Nun könnte man angesichts so dreister Anbiederung gelangweilt mit den Schultern zucken, wenn es nicht auch um eine kulturhistorische Deutungshoheit ginge. Gibt es wirklich keine verdienteren Helden, denen wir als Musikfans einen sorgenfreien Lebensabend gönnen? Wecker hat doch eine bewegte Biografie. Oder wie wär’s mit Hannes Wader? Stattdessen sitzt Heino im grotesk wirkenden Zip-Hoody neben dem zweiten Super-GAU der deutschen U-Musik in der „Jury“ einer „Talentshow“, wo sie den Nachwuchs verhöhnen. Jedes Volk bekommt den Johnny Cash, den es verdient.

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