Vivo V-20 – Ein Spaßvogel

Gute Breitband-Lautsprecher können lustig sein. Das weiß Eckhard Derks nur all ZU gut. Nach dem Motto „selbst ist der Mann“ entwickelte der Vertriebschef von TCG kurzerhand seine eigene Breitbandbox.

Ja, er wollte Lautsprecher mit hohem Spaßfaktor, aber kein nervenaufreibendes Hin und Her. Genau das aber hatte Eckhard Derks als Distributor von Zu Audio immer wieder erlebt und sich schließlich von der US-Marke getrennt. Nun hat der TCG-Chef mit Audes eine hervorragende Lautsprechermarke im Portfolio, es besteht also ganz grundsätzlich keine Not. Aber als Anlaufpunkt für die high-fidele Spaßfraktion können die Schallwandler aus Estland nicht unbedingt gelten; dafür sind sie zu konventionell gestaltet, sowohl optisch als auch technisch. Also sollte ein neuer Lautsprecher in Eigenregie entstehen, der genau diese Lücke füllt. Ein Lautsprecher, der schon mit wenigen Röhrenwatt Wände einreißen mag und ungewöhnlich genug ist, das ohnehin nicht ganz alltägliche HiFi-Segment der Breitbandlautsprecher zu bedienen.
Gesagt, getan: die Vivo V-20 ist da. Und sieht erst einmal deutlich unspektakulärer aus als die Vorbilder aus Utah: kein massiver Aluring um das Chassis, lediglich rechte Winkel im Gehäusedesign, kein zusätzlicher Hochtöner. Und auch die beiden Bassreflexöffnungen im Boden nehmen sich im Vergleich zur eigenständigen Zu-Konstruktion auf den ersten Blick eher schlicht aus.
Betrachtet man die neue Vivo aber genauer, fällt eine gesteigerte Gehäusequalität auf. Furnierkanten verlaufen exemplarisch sauber, das Chassis sitzt auf einer exakt gearbeiteten Fräsung. Obwohl die Feinarbeit hier gar nicht nötig gewesen wäre, denn der Chassiskorb greift über die Kante hinaus und deckt sie somit ab. Außerdem ist die Vivo – ungewöhnlich für solche Konstrukte – richtig schwer, was auf ein komplexes Innenleben schließen lässt. Tim Hoffmann, der Vivo-Experte bei TCG, steht mir dazu Rede und Antwort. Es sind die Materialstärken, die das Gewicht in die Höhe treiben. Denn im Inneren gibt es neben konventionellem Dämmmaterial an den Wänden nur kleine Streben, um die Stabilität zu erhöhen. Ansonsten ist die Vivo V-20 eine schlichte Kiste – nur eben in besonders solider Ausführung. Einzig das in Baumwolle gewickelte Solid-Core-Kabel fällt noch auf. Ein kleiner Saugkreis – nur aus einem Widerstand, einer Spule und einem Kondensator bestehend – sitzt direkt hinter dem vergoldeten, massiven Terminal. Bei dem schon erwähnten, 25 Zentimeter durchmessenden Breitbänder handelt es sich um ein Modell des US-amerikanischen Breitband-Großhändlers Commonsense Audio (Hausmarke: Audio Nirvana), das schon von der Papierform her recht interessant und beileibe kein Billigheimer ist.
Bevor ich die beiden Vivos bei mir aufbaue, werde ich noch mit reichlich guten Ratschlägen eingedeckt: Der Lautsprecher müsse besonders penibel platziert werden, eigentlich könne man ihn mit Transistorverstärkern gar nicht anhören, nur mit Röhren, und so weiter und so fort. Ich habe zu solchen „Bedingungen“ eine klare Meinung: Ein Lautsprecher, der nur mit diesem Verstärker oder in jener Position überhaupt als anhörbar gelten darf, ist kaputt. Zur Beruhigung vorab: Die Vivos sind nicht kaputt.


Da ein solches Konstrukt kein Tiefbasswunder sein kann, bietet sich eine wandnahe, bassunterstützende Aufstellung an. Zumal das Bassreflexsystem bei der Vivo V-20 – aufgrund der höheren Abstimmung, die den meisten Musikrichtungen mit einem erwünschten Kick entgegenkommt – eben kein wohliges Polster in den untersten Regionen spendiert. Irgendwo zwischen 15 und 30 Zentimetern Abstand zur Rückwand sollte eine gute Position zu finden sein, bei mir waren es letztlich 20 Zentimeter. Aufgrund der zu hohen Frequenzen hin starken Bündelung eines großen Breitbänders kann es direkt auf der Hörachse etwas streng, weit davon entfernt wiederum muffig werden. Also ist Einwinkeln angesagt, um damit den Hochton zu dosieren. Bei mir genügt schon eine leichte Einwinklung, um bei einem Hörabstand von etwa 2,5 Metern und einer ebensolchen Distanz zwischen den Boxen zur Lautsprecherachse eine gute Balance zu erzielen.
Und ja: Mit Röhren spielen die Vivo V-20 lockerer, in den Mitten üppiger und mit einem satteren Grundton, als wenn sie von einem starken Transistorverstärker kontrolliert werden. Es ist aber keineswegs so, dass die Lautsprecher im ungünstigen Fall nicht anhörbar wären – aber das hatten wir ja schon.
Die Vivos spielen also aus dem Stand sehr manierlich und wagen erst gar nicht den Versuch, mit klassischem HiFi in den Ring steigen zu wollen. Keine Frage, die üblichen Konzepte besserer Machart spielen breitbandiger, klangfarblich sauberer und in den äußeren Frequenzbereichen präziser. Und gleichzeitig besitzen die Vivos eine Qualität, die viele konventionellen Konzepte nicht ohne weiteres hinbekommen: Sie vermitteln einen besonders einfachen und „unverkopften“ Zugang zur Musik. Die detaillierten Informationen von erstklassigen Zuspielern werden zwar deutlich übermittelt, allerdings steht das der Einfachheit des Genusses schon fast im Wege. So wie mir bei diesen Lautsprechern proper aufspielende MM-Systeme am Plattenspieler meistens mehr Spaß machen als hochgezüchtete MC-Abtaster.
Richard Wagner gilt allgemein als nicht allzu leichte Kost und eignet sich daher – er möge es mir verzeihen – als ideales Versuchsobjekt. Mit einem musikbegeisterten Nachbarn, der normalerweise nur Jazz- und Fusion-Produktionen hört, mache ich mir einen netten Abend mit einer Flasche Rotwein und der Götterdämmerung. Und mein Nachbar, nennen wir ihn Andreas, der normalerweise schon bei Beethoven oder Brahms Reißaus nimmt, findet auf einmal sogar die Nornengesänge „ziemlich spannend“. Nun gut, etwas streng würden die Stimmen schon klingen, meint der Nachbar, und doch sei da „echt was los“. Die Sache mit den strengen Stimmen ist wohl nur zu einem Teil Andreas’ Aversion gegen die Folgen einer klassischen Gesangsausbildung geschuldet. In der Tat haben die Vivos bei dieser Musik eine etwas harsche Beimischung im Klang, ihre breitbändertypischen Gene können sie also nicht ganz verleugnen. Was allerdings nicht schlimm ist, dürfte der typische Käufer doch nicht unter den Bayreuther Pilgern zu finden sein.
Später wechsle ich zu Andreas’ bevorzugter Musik, und er blüht regelrecht auf. Denn bei Musik, die von der klaren Artikulation der Transienten lebt, sind die Vivos ganz in ihrem Element und lassen die Puppen tanzen. Wie häufiger bei Breitbändern mit höherem Wirkungsgrad (die von Vivo angegebenen 99 dB buche ich jedoch unter Wunschdenken ab) zu erleben, zeichnen auch die V-20 feinste rhythmische Verschiebungen, die erst die Raffinesse eines guten Jazz-Trios ausmachen, auf den Punkt nach. Wenn Pianist Gene Harris (danke, Michael D., für den Tipp) zur Betonung eines harmonischen Bezugs die linke Hand minimal verzögert, feiert die Vivo dieses Detail geradezu. Bei den meisten „normalen“ Lautsprechern bleibt diese akribische Aufschlüsselung der zeitlichen Informationen vielleicht schon in der Frequenzweiche stecken, übrig bleibt die schlichte Betonung. Woher sie rührt, erfährt man mit der V-20, und genau diese Freude am rhythmischen Kick zeichnet den neuen Lautsprecher in einem erheblichen Maße aus.
Wobei man fairerweise sagen muss, dass nicht nur diese Art von Musik von zeitlichen Bezügen lebt. Sie profitiert aber in besonders hohem Maße davon. Allerdings kann auch ein Streichquartett, fokussiert man sich auf diese Aspekte, ganz neue und hochinteressante Eindrücke bieten. Denn ein richtig gut aufeinander eingespieltes Quartett gehört zu den spannendsten Organismen der Musikwelt. Wenn sich die vier Musiker seit vielen Jahren kennen, unendlich viele Konzerte miteinander gespielt und sich immer auf das haarkleinste Feilen an bestehender Musik konzentriert haben, entwickelt sich im besten Falle eine verblüffend exquisite Verfeinerung des Zusammenspiels, der man auch als Nicht-Klassik-Fan einmal vorurteilsfrei und aufmerksam ein Ohr leihen sollte. Was beispielsweise auf der rhythmischen Ebene los ist, wenn das Takacz-Quartett Beethovens Große Fuge (DECCA CDs) spielt, ist so großartig, dass der Platz hier nicht reicht, um diese Kunst auch nur einigermaßen angemessen zu beschreiben – sofern das überhaupt möglich ist. Mit den V-20 wird jede leichte Veränderung des Bogendrucks, das einen Richtungswechsel ankündigt, jede Veränderung des zeitlichen Gefüges bei Akkorden (solche Mehrklänge werden ganz bewusst nie ganz gleichzeitig gespielt) deutlich. Wenn sich die Strichgeschwindigkeit ändert, kurz bevor das Tempo angehoben wird, bleibt auch das nicht verborgen. Unterstrichen wird das von der präzisen räumlichen Darstellung, die einzelnen Musikern zentimetergenau ihre Plätze vorschreibt. Klar ist allerdings auch, dass man in diesem Fall mit den Vivos einige klangfarblichen Pinselstriche der Musiker nicht erleben wird. Was wiederum schade ist, da sich solche Ensembles auch diesbezüglich mit allen Mitteln in eine Interpretation einbringen.
Unterm Strich sind die Vivo-20 ein erfreulicher Neuzugang in der Lautsprecherwelt, denn sie bereichern das Segment der spaß- und emotionsbetont spielenden Boxen durchaus kompetent. Tonal sind sie für ein solches Konzept – sicherlich auch dank des Saugkreises – erfreulich gutmütig, lassen dynamisch dennoch wenig anbrennen. Sie sind rundum perfekt verarbeitet und zu einem vergleichsweise wirklich sehr freundlichen Preis zu haben. Und dass neben all diesen Qualitäten auch noch eine breitbändertypisch punktgenaue Raumabbildung serviert wird, nehmen wir gerne mit.

 

www.tcg-gmbh.de

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