Sternenhimmel des Nordens

„Meine Frau ist tolerant“, sagt Herr H. und schmunzelt dabei ein ganz kleines bisschen. Er weiß, dass seine HiFi-Installation gleich mehrfach jeden Rahmen sprengt!

Leseranlage

Die meisten Leute mit leidenschaftli­chem Interesse an High-End-Audio leben in einer ruhigen, nicht beson­ders auffälligen Gegend. Zum Bei­spiel im hohen Norden Deutschlands: Helle Bungalows reihen sich aneinan­der, mit ordentlich Grün drumherum. Herr H. wohnt mittendrin im Idyll. Am Telefon hat er vorsichtig eine High-End-Installation in Aussicht gestellt, wie ich sie bestimmt noch nicht erlebt hätte. Herr H. ist Jurist und tritt grundsätzlich zurückhaltend auf. Das hat schon was Norddeutsches.
In den ersten Minuten unserer Begegnung ist mir noch nicht ganz klar, ob Herr H. noch immer ein Suchender oder doch schon ein Süchtiger ist. Die Grenzen zwischen Suche und Sucht sind auch in der High Fidelity fließend und keineswegs immer eindeutig erkennbar. Oder ist Herr H. etwa doch schon „angekommen“ und kann völlig entspannt sei­ne Musik genießen? Eine simple Auflistung seiner Edel-Komponenten spräche dafür. Doch Hardware ist nicht alles. Ganz besonders nicht in diesem Fall.
So scheint beispielsweise die Raumakustik, also der Eigenklang seines Wohnzimmers, durchaus problematisch: Die riesigen Fensterflächen an der Längsseite und auch nach hinten heraus wollen akustisch erst einmal gebändigt werden. Zudem öffnet sich zur linken Seite des etwa 30 Quadrat­meter großen Hauptraumes eine offene, etwa zehn Quadratmeter große Kaminecke. Und macht aus einem halbwegs gutmütigen, weil berechenbar rechteckigen Wohnzimmer einen hinterhältigen „L“-Raum, bei dem man oft nicht so richtig weiß, wo man zuerst ansetzen sollte, um die Akustik in den Griff zu bekommen.

Zum Glück ist Herr H. ja kein Anfänger. Ganz im Gegenteil: Der sportliche Mann in seinen allerbesten Jahren ist, was HiFi und Tuning betrifft, ein alter Fuchs, ein mit allen Wassern gewaschener Vollprofi. (Oder sind’s die wenigen Fachhändler, denen Herr H. noch vertraut?) Innerhalb weniger Minuten wird mir klar, dass dieser vermeintlich so schwierige „L“-Raum alles andere als eine akustische Grotte ist. Vielmehr scheint’s hier sogar richtig gut zu klingen. Diesen überraschend positiven Eindruck kann selbst eine leise vor sich hindudelnde Andreas-Vollenwei­der-CD nicht stören. Ich mag elektrische Harfen­musik nicht, aber das kann Herr H. natürlich nicht wissen. Wir kennen uns ja bisher nur von kurzen Telefonaten, und die hatten viel mit Terminabstim­mung, ein bisschen mit Gerätschaften und rein gar nichts mit Musikvorlieben zu tun.
Obwohl das Wohnzimmer farblich in allen zarten bis kräftigen Rot- und Orange-Schattierungen schimmert, ist mein HiFi-Blick natürlich sofort auf die hochglanzschwarzen, elegant geschwungenen Lautsprecher gefallen. Die „Ktema“ von Franco Serblin, dem kürzlich verstorbenen Sonus-Faber-Gründer, will ich unbedingt einmal in Ruhe hören, werde sie zuvor aber ein bisschen näher in Augen­schein nehmen … „Oh, bitte aufpassen“, sagt Herr H. freundlich, aber bestimmt – und deutet auf eine Besonderheit seines Fußbodens: In der Auslegware rund um den dicken roten Teppich sind vereinzelte weiße Pucks eingearbeitet, auf die ich besser nicht drauftreten sollte. Kenne ich diese Pucks nicht von irgendwoher? Na klar: Das sind kleine „resonanzab­gestimmte Klebepunkte“ von Harmonix, die mich vor Jahren schon einmal ziemlich verblüfft haben. Weil man ihre Wirkung messtechnisch kaum er­fassen kann, weil man sich angesichts des Preises auch schon mal an die Stirm tippt – und weil man trotzdem eine eindeutig positive Wirkung erlebt. Bei Herrn H. kleben diese Punkte vorschriftsmäßig an Wänden, Fensterrahmen und Regalstreben, aber eben auch zentimetergenau in der Auslegware. Was denn seine Frau dazu sagt, möchte ich wis­sen. Herr H. schmunzelt. „Meine Frau ist tolerant und akzeptiert mein Hobby so, wie es ist. Dafür reitet sie ja auch auf ihrem eigenen Pferd …“ Und die paar Klebepunkte im Teppich gehören nun mal dazu, wenn man wirklich konsequent sein will. Sie sind einfach überall im Raum zu finden. An der Decke beispielsweise formieren sie sich fast schon zu einem kleinen Sternenhimmel. Oberhalb eines hölzernen Decken-umlaufs begleiten sie all die dort untergebrachten Skulpturen und Figuren. Sie finden sich auch hinter den Gardinen. Hinter einem großen, von Herrn H. selbst gemalten Ölgemälde. Unterm Tisch. Und auf dem Gestell des Hörsessels. Doch selbst wenn ich mich lange und ganz genau umschaute, ist sich der Hausherr sicher, würde ich vermutlich nicht alle „tuning devices“ entdecken. Tatsächlich sind derart viele Punkte in diesem Raum und auch nebenan im Kaminzimmer stra­tegisch verteilt, dass selbst Herr H. keine exakte Zahl (mehr) nennen kann. Nach einer wahren „Fachhändler- und Geräte-Odyssee“ sowie etlichen unbefriedigenden Versuchen, die Raumakustik zu optimieren, hat er vor ein paar Jahren Harmonix für sich als die klanglich herausragende Lösung erkannt. Seither stattet Herr H. seinen Hörraum konsequent mit den Produkten des japanischen Spezialisten Kazuo Kiuchi aus. Mittlerweile sei­en wohl „rund ein Dutzend“ der weißen Pucks im Einsatz. Zwölf Sets, wohlgemerkt. Ein Set besteht aus achtzehn Pucks. Und das sind nur die weißen, größeren Klebepunkte namens RFA-7800.

Von den vielen kleineren, dunklen Klebepunkten ist da noch gar nicht die Rede. Von denen sind hier noch viel mehr im Einsatz, beispielsweise am, auf und im Lautsprecher. Richtig gelesen: im Lautspre­cher, etwa auf Chassiskörben und Frequenzwei­chen. Die Ktema etwa ist mit rund 250 (!) dieser Punkte ausgestattet … Gleichwohl ist Herr H. auch weiterhin „ready for tuning“, wie das rechte Fensterbrett beweist. Dort hat sich eine stattliche Sammlung an noch nicht (oder nicht mehr) benutz­ten Spezialfüßen und Spezialspikes und Klebepunk­ten und Entmagnetisierern und Aktivatoren etcetera. pp. zu einer Art „Tuningparadies“ gruppiert.
Für seine Elektronik scheint Herr H. bereits per­fekt funktionierende „Support“-Lösungen gefunden zu haben. Sein Wadia-CD-Player 781i, aber auch die drei Reimyo-Komponenten (999x ltd., CAT 777 Mk II, KAP 777) stehen selbstredend nicht einfach direkt auf dem bleischweren Copulare-Rack, son­dern werden jeweils von einem respektablen Mix verschiedener Harmonix-Produkte „bedient“: Füße, Spikes, Basen – das ganze Programm. Konsequen­terweise sind auch die Lautsprecherkabel, die wie alle Verbinder von Harmonix stammen, speziell entkoppelt …
Als ich irgendwann nur noch Bauklötze staune über so viel Hingabe und Liebe zum Detail, muss die Praxis für Klarheit sorgen. Ich darf auf dem Hörsessel im Sweetspot Platz nehmen, mir etwas wünschen und wähle die Symphonie fantastique op.14 von Hector Berlioz (BMG, 1998).
Stille. Innere Spannung. Dann öffnet sich plötz­lich der Raum. Und nach wenigen Sekunden spielt das San Francisco SO allein für mich, dirigiert Mi­chael Tilson Thomas allein für mich. Ich sitze ohne jeden Zweifel im Konzertsaal auf dem best seat in the house und freue mich über das fantastische Privatkonzert zu meinen Ehren. Der Orchesterappa­rat kommt überhaupt nicht aus den Lautsprechern, er steht vollkommen selbstverständlich im großen virtuellen Raum. Einzelne Instrumente, aber auch Instrumentengruppen erklingen in voller Größe und Klangschönheit. Ein energetischer, fantastisch ausbalancierter Klang umspült mich, erfasst mich, begeistert mich bis tief ins Innerste. Diese Installation, die ich als Musikma­schine schon längst nicht mehr wahrnehme, hat mich mit einer unfassbar federnden dynamischen Wucht, mit einer Echtheit von Zeit und Raum, wie ich sie bisher kaum je erlebt habe, total verzaubert. Sensationell!
Also: Suche hin, Sucht her – nach meinem Dafürhalten ist Herr H. mit seiner Installation, die dank unglaublicher Feinarbeit und Liebe zum Detail die Raumakustik fast schon überlistet, bereits „angekommen“. Und zwar ganz oben. Aber so, wie ich Herrn H. jetzt kennengelernt habe, werden ihm die erzielten 99,9 % Prozent noch nicht ganz reichen.

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