Neumann KH 420 – Studiomonitor versus High End

Einige Lautsprecherhersteller betätigen sich bereits seit geraumer Zeit durchaus erfolgreich parallel in den Marktsegmenten High End und Studiomonitore. Der hier vorgestellte Lautsprecher KH 420 von Neumann Berlin dürfte primär in die zweite Kategorie fallen und nicht ganz zu den typischen HiFi- oder High-End-Lautsprechern zu zählen sein.

Trotzdem schielen die Profis aus Berlin auch gerne ein wenig auf den privaten Musikliebhaber als potenziellen Kunden. Man mag sich fragen: Wo liegen eigentlich die Unterschiede? Gibt es diese überhaupt und wenn ja, warum? Eigentlich sollte der durchaus vergleichbare Anspruch – eine möglichst gute und neutrale Musikwiedergabe – beiden Gruppen zu Eigen sein. Etwas unterschiedlich sind jedoch die Herangehensweise und auch der Weg, dieses Ziel zu erreichen: Ein Studiomonitor wird meist als technisch umfassend durchkonstruiertes System mit möglichst exakt kalkulierbaren Eigenschaften entwickelt. Hinzu kommen gewisse Standards wie Filter zur Ortsanpassung, meist ein vollaktiver Betrieb und symmetrische analoge Eingänge. Im Vordergrund der klassischen High-End-Entwicklung stehen dagegen häufiger einzelne spezielle Aspekte und kunsthandwerklich höchst anspruchsvolle Ausführungen von Gehäusen. Etwas überspitzt könnte man auch sagen: „Erlaubt ist, was gefällt und bezahlt wird“, wogegen das Tonstudio, vor allem in der heutigen Zeit, ein klar wirtschaftlich ausgerichteter Betrieb ist bzw. sein muss. Ein unter allen Umständen verlässliches Abhörwerkzeug gehört da ohne Frage dazu. Und der Preis sollte in einem realistischen Verhältnis zur Leistungsfähigkeit stehen. Individuelle Extreme, welcher Art auch immer, sind dagegen weniger angesagt. Ein weiterer wichtiger Unterschied ist die aktive oder passive Betriebsart. 95% aller Studiomonitore sind aktive Systeme mit integrierter Elektronik. Bei den High-End-Lautsprechern ist das Verhältnis genau umgekehrt. Wie kommt das? Der Studiomonitor soll ein in sich durchkonstruierter Lautsprecher sein, wo alles optimal aufeinander abgestimmt ist und sicher funktioniert. Experimente sind hier seitens der Anwender nicht gewünscht. Das wird vom Tonmeister bei der Mikrofonierung erledigt oder später am Pult in der Mischung, aber niemals in der Abhöreinrichtung. Die High-End-Fans lassen sich typischerweise und etwas vereinfachend in Musikliebhaber und Technikliebhaber aufteilen. Der Musikliebhaber besitzt Tausende Tonträger und möchte Musik hören, wobei er durchaus dem Tonmeister ähnliche Ansprüche hat. Seine Anlage soll verlässlich und gut funktionieren. Wenn das beispielsweise seit 30 Jahren mit Elektronik von QUAD oder McIntosh und Lautsprechern von Spendor oder JBL geht, dann sollte er daran nicht ohne Grund rütteln – und er bleibt glücklich und zufrieden. Der Autor zählt sich mit 45 Jahre alten JBL-Monitoren und McIntosh-Elektronik selbst dazu. Dem High-End-Technikliebhaber dagegen geht es um ganz andere Dinge: Er möchte experimentieren, verschiedene Endstufen testen, Kabel tauschen, Streaming und CD vergleichen, sich an der Technik und deren möglichst vollendeter Ausführung erfreuen. Ein fertiges System, an dem er nichts (mehr) verändern und optimieren kann, empfindet er als eher kontraproduktiv, denn der Weg ist das Ziel. Es sei hier der Vergleich zur Modelleisenbahn gestattet, wo die Leidenschaft sich meist auch auf die Planung und den Aufbau bezieht, weniger auf die fahrenden Züge mit der fertigen Anlage. Bei den Herstellern könnte man auch ein wenig differenzieren zwischen denjenigen, die eher experimentell und intuitiv arbeiten, und denjenigen, die alle Entwicklungswerkzeuge an den Start bringen und lieber nichts dem Zufall überlassen. Neumann.Berlin als Teil des Sennheiser-Konzerns darf sich wohl zu Letzteren zählen und unterstreicht diesen Anspruch schon seit Jahrzehnten – genauer gesagt: schon seit 1928 – in der Mikrofon-Sparte. Es wird wohl weltweit kaum ein Tonstudio geben, wo nicht die Neumann- Mikrofone zur Grundausstattung gehören. Vor einigen Jahren nun gliederte sich der ebenfalls sehr renommierte, auf eine lange Tradition zurückblickende Lautsprecherhersteller Klein + Hummel in den Sennheiser-Konzern ein. Zunächst noch unter eigenem Namen weitergeführt, gingen die Studiomonitore dann 2010 in das Portfolio von Neumann über. Fast alle Modelle, vom kleinen KH 120 über KH 310 bis zum hier vorgestellten KH 420, wurden im Laufe der Jahre komplett bis in jedes Detail neu entwickelt und bilden heute die Studiomonitor-Linie von Neumann. Und damit kommen wir endlich zum Neumann KH 420, der trotz seiner klaren Ausrichtung als Studiomonitor auch für den High-End-Liebhaber so interessant sein dürfte, dass sich der Blick über den Tellerrand auf jeden Fall lohnt.

Treiber und Gehäuse

Größe und Bestückung klassifizieren den KH 420 im Studio als so genannten Midfield- oder Main-Monitor für größere Abhörentfernungen. Wie auch schon beim KH 310 setzt man auf ein 3-Wege-Design mit einer großen 3″-Mitteltonkalotte, die zu den höheren Frequenzen hin bei 2 kHz an eine 1″-Hochtonkalotte übergibt. Beide Kalotten sind komplette Neumann-Eigenentwicklungen und werden exklusiv für die Firma gefertigt, ebenso die Werkzeuge zu deren Herstellung. Große Kalotten sind ohnehin eine Rarität, es gibt nur wenige Hersteller für diese exklusiven Chassis. Die Auswahl ist daher nicht gerade üppig – ganz im Gegensatz zum Preis, wo eine Eigenentwicklung erst bei entsprechenden Stückzahlen interessant wird. Ein Schwerpunkt der Entwicklung wurde auf niedrige Verzerrungswerte gelegt, die über einen besonders linearen Antrieb mit Neodym-Magnet und einer speziellen Schwingspule erreicht werden. Entwicklungsleiter Markus Wolff präsentierte dazu eine Reihe aussagekräftiger Messungen mit der bekannten Klippel-Messtechnik (Abb. 1 und Abb. 2), die der großen Neumann-Kalotte im Vergleich zu zwei Mitbewerbern ein fast perfektes Antriebsverhalten für Auslenkungen von bis zu über ± 1 mm attestieren. Die Membran der Mitteltonkalotte ist aus einem besonders leichten und resonanzarmen Gewebe gefertigt. Der Hochtöner arbeitet mit einer Metall- Gewebe-Membran. Beide Kalotten sind mit jeweils eigenen, großzügig gestalteten Waveguides ausgestattet. Für den Mitteltöner, der bereits ab 500 Hz arbeitet und hier auch schon ein kontrolliertes Abstrahlverhalten haben sollte, ist dabei schon eine gewisse Größe erforderlich, und so nimmt die imposante Mittelhochtoneinheit bereits die Hälfte der Frontfläche des KH 420 ein. Entwickelt werden die Waveguides bei Neumann nach dem MMD-Verfahren (Mathematically Modeled Dispersion). Der Verlauf des Waveguides wird dazu zunächst in einer Computersimulation optimiert (siehe auch Abb. 3), dann wird er als Prototyp hergestellt und gemessen und anschließend im Hörtest erprobt. Der schnelle Weg zum Ziel hat seinen Vorzug: Das mühselige Bauen vieler Prototypen in der Optimierungsphase entfällt, da man die Ergebnisse schon vorher in der Simulation betrachten kann.

Auch der Tieftöner, ein 10″-Konus-Chassis französischer Provenienz, ist eine exklusive Neuentwicklung für Neumann. Dank der ELFF-Technologie (Extremely Linear Force Factor) mit einem speziellen Schwingspulendesign erreicht der Tieftöner eine ungewöhnlich große lineare Auslenkung. Damit diese auch an anderen Stellen keine ungewollten Störgeräusche verursacht, ist der Gusskorb des Chassis strömungsgünstig geformt, ebenso die beiden Bassreflextunnel, die zudem noch mit einem Dämpfungssystem gegen Resonanzen ausgestattet sind. Da bei Neumann nichts dem Zufall überlassen wird, wurde das gesamte Gehäuse auch noch mittels Strukturanalyse betrachtet und optimiert; Abbildung 4 und 5 zeigen die Unterschiede vor und nach der Optimierung des Gehäuses, die sich vor allem in inneren Versteifungen niederschlägt. Die Frontplatte ist möglichst glatt ohne Kanten und Sprungstellen gestaltet, und alle Gehäusekanten wurden großzügig gerundet, um Diffraktionen zu reduzieren. Die komplette Mittelhochtoneinheit kann zudem als Ganzes mit vier Schrauben gelöst und um 90° gedreht werden. Falls der Monitor einmal quer liegend betrieben werden muss, kann so zumindest die Mittelhochtoneinheit in der günstigeren Anordnung mit den beiden Wegen übereinander bleiben. Für den Übergang vom Tieftöner zum Mitteltöner stellt sich die Lage aufgrund der größeren Wellenlänge bei der Trennfrequenz bereits weniger kritisch dar, wo die nebeneinander liegende Anordnung sich nur noch durch eine kleine Einschnürung bei 500 Hz in der Directivity bemerkbar macht.

Elektronik

Der Perfektionismus bei Treibern und Gehäuse setzt sich konsequent bei der Elektronik fort. Wer jetzt allerdings riesige Trafos, Kondensatorbatterien, viel Kupfer und Aluminium erwartet, wird schwer enttäuscht werden. Moderne Endstufenelektronik kommt ohne viel Masse aus und ist im äußeren Auftritt eher zurückhaltend und smart. Gleiches gilt für die aktiven Filter. Selbstverständlich ist die Elektronik auf der Rückseite des Monitors in einer eigenen, vom Tieftöner getrennten Kammer untergebracht. Schraubt man die Rückwand aus dem Gehäuse, dann findet man einen völlig aufgeräumten Schaltungsaufbau, der sich um ein großes diagonal verlaufendes Kühlprofil gruppiert. Die Ein- und Austrittsöffnungen für den Kühlkörper sind dabei so angeordnet, dass sie unabhängig von der Aufstellung des Monitors – aufrecht oder liegend – gleich wirksam sind. Im Innern gibt es drei Endstufen nach dem klassischen Class- AB-Schaltungsprinzip. Hoch- und Mitteltöner werden von je einem Pärchen gebrückter Endstufen mit 140 W angetrieben, der Tieftöner von einer speziellen Brücken-Parallel-Schaltung aus vier Endstufen, die so 330 W bereitstellen können. Die gebrückten Schaltungen liefern die wichtige hohe Ausgangspannung für unverzerrte Wiedergabe kurzer Signalspitzen und sind in puncto Verzerrungen nicht gebrückten Schaltungen auch noch etwas voraus. Zwei moderne HF-Schaltnetzteile – eines für den Tieftöner, eines für die Mittelhochton- Endstufen – sorgen für eine optimale Stromversorgung ohne Rückwirkungen. Die Bedienelemente des KH 420: ein analoger Eingang, symmetrisch auf XLR mit Ground-Lift, und ein optionaler digitaler Eingang (DIM 1) im AES3-Format mit XLR- und BNC-Anschluss sowie einer Link-Buchse. Per Drehschalter wird ausgewählt, ob sich der Monitor im digitalen Datenstrom den linken oder rechten Kanal oder die Summe von beiden abgreift. Angenommen werden alle Signale bis 192 kHz. Das Modul erlaubt außerdem, sowohl das digitale als auch das analoge Eingangssignal um bis zu 400 ms zu verzögern, um die Synchronizität zu digitalen Bildwiedergabegeräten zu gewährleisten oder aufstellungsbedingte Laufzeitunterschiede zu kompensieren.

Die interne Signalverarbeitung im KH 420 ist, allen Trends und den Möglichkeiten der modernen Digitaltechnik zum Trotz, vollständig analog. Zur Verfügung stehen drei schaltbare Filter („Acoustical Controls“) für Bass, Mid und High sowie ein parametrischer EQ zur Unterdrückung einer möglicherweise störenden Raummode. Einstellbereiche und Wirkung der Filter sind in Abbildung 6 dargestellt. Im Handbuch, das diesen Namen auch wirklich verdient, gibt es ausführliche Hinweise dazu, wie die Filter je nach Aufstellung des Monitors anzuwenden sind. Ein Schalter ermöglicht eine präzise Einstellung des Ausgangspegels für 0 dBu Eingangssignal. Zur Auswahl stehen in 0,5-dB-Schritten Werte von 94 bis 114 dB, bezogen auf 1 m Entfernung. Nicht unerwähnt bleiben sollte, da es leider nicht immer selbstverständlich ist, dass die Filter und Pegelsteller der Elektronik auch tatsächlich genau das machen, was ihnen zugeschrieben wird. Rein äußerlich ist der KH 420 eine massive, schwere Box, bei der die überragende Verarbeitung und Detailversessenheit gut sichtbar und auch fühlbar ist. Die Standardfarbe ist ein dezentes mattes Anthrazit (RAL 7021). Wie es sich für ein professionelles Gerät gehört, gibt es reichlich Zubehör für den KH 420, etwa diverse Halterungen für die Wand- und Deckenmontage, Stativeinsätze, TV-Zapfen, ein Transport-Case und ein Schutzgitter für den Betrieb unter unsicheren Bedingungen. Für die Elektronik gibt es noch ein Montageset, um die Elektronik abgesetzt von der Box unterzubringen, z. B. wenn der Monitor von der Rückseite unzugänglich in einer Wand eingebaut wird. Falls erforderlich, beispielsweise für Surroundsound-Abhören mit separatem Subwoofer-Kanal oder für große Räume, bietet Neumann auch noch den 2-x-10″- Subwoofer KH 870 mit integriertem 7.1-Bassmanager als Ergänzung an.

Messwerte

Wohl wissend, dass ein gerader Frequenzgang bestimmt nicht das allein Seligmachende ist, wird dieser trotzdem immer als Erstes betrachtet, so auch hier. Abbildung 7 zeigt für den KH 420 einen sehr schön geradlinigen Verlauf, der, legt man die -6-dBEckfrequenzen zu Grunde, von 25 Hz am unteren Ende bis 22 kHz reicht. Die Welligkeit des nicht (!) geglätteten Verlaufs liegt bei nur 2,7 dB von der höchsten Spitze bis zum tiefsten Einbruch. Der zum komplexen Frequenzgang zugehörige Phasengang (Abb. 8) lässt den zu den Filtern gehörigen minimalphasigen Anteil erkennen. Das sind pro X-Over 4. Ordnung je 360°, dazu weitere 360° für die akustische Hochpassfunktion des Bassreflexgehäuses und 270° ganz am unteren Ende für ein zusätzliches elektrisches Hochpassfilter. Unstetigkeiten oder Sprungstellen gibt es keine. Der Phasengang und das entsprechende Laufzeitverhalten spiegeln sich auch in der Sprungantwort wider, wo sich die drei Wege gut erkennbar separieren. Das Spektrogramm in Abbildung 10 lässt diese Zusammenhänge ebenfalls erkennen. Das Ausschwingen geht zu den tiefen Frequenzen hin mit einem leichten Anstieg in der Zeit einher. Unabhängig davon ist das Ausschwingverhalten jedoch nahezu perfekt. Resonanzen, egal in welchem Frequenzbereich, sind hier nicht zu finden. Ein wenig beachteter, dennoch wichtiger Messwert in mehrerlei Hinsicht ist bei Lautsprechern die Paarabweichung. Hier wird der Unterschied im Frequenzgang für ein Stereopaar ermittelt. Für eine gute Mittenlokalisation und eine präzise Quellenortung sollte diese natürlich so gering wie möglich sein. Manche Hersteller paaren dafür ihre Lautsprecher, indem vor der Auslieferung messtechnisch besonders gut passende Lautsprecher zu Paaren zusammengestellt werden.

Bei Neumann geht man einen anderen Weg und legt die Toleranzgrenze für jeden Lautsprecher generell so niedrig, dass beliebige Lautsprecher zu Paaren oder auch zu 5.1- oder 7.1-Sets kombiniert werden können. Unsere Messung dazu (Abb. 11) bestätigt das. Dividiert man die Frequenzgänge der beiden Testexemplare des KH 420 durcheinander, dann liegt mit 1/3 Oktave Bandbreite geglättet der Maximalwert der Paarabweichung bei gerade einmal 0,24 dB. Die Feinstruktur des ungeglätteten Verlaufs ist hier weniger relevant, da sie sich auch schon durch minimale Abweichungen im Aufbau oder in der Ausrichtung verändern kann. Die Bedeutung einer so geringen Paarabweichung zwischen quasi beliebigen Exemplaren ist für den Privatanwender vermutlich weniger relevant. Für den Studiobetreiber bedeutet es jedoch, dass er von einem bestehenden Stereo-Setup problemlos auch nach Jahren noch weitere Exemplare des Lautsprechers zur Erweiterung auf ein Surroundsystem dazukaufen kann, ohne sich große Gedanken machen zu müssen, ob das System im Ganzen jetzt noch stimmig ist. Darüber hinaus zeugt eine so geringe Abweichung natürlich auch von einer hochpräzisen Fertigung mit sehr eng gefassten Toleranzen.

Isobaren

Für das Abstrahlverhalten lautete das Ziel bei der Entwicklung, horizontal einen weiten Öffnungswinkel zu erreichen, der dem Anwender Bewegungsfreiheit gibt, vertikal aber eher eng zu bleiben, um störende Refl exionen auf der Pultoberfl äche oder sonstigen Arbeitsfl ächen im Studio zu vermeiden. Zusätzlich sollte das Abstrahlverhalten für beide Ebenen natürlich möglichst gleichmäßig ausfallen. Für Privatanwender sind diese Aspekte ähnlich wichtig. In der horizontalen Ebene möchte man ebenfalls einen möglichst großen Bereich der Bewegungsfreiheit haben, in der vertikalen Ebene gilt es, störende Refl exionen der meist schallharten Flächen von Decke und Boden zu reduzieren. Abbildung 12 und 13 zeigen die Isobaren dazu bei aufrechter Aufstellung des Monitors. In Zahlen kann der Abstrahlwinkel mit 110 x 77° angegeben werden.

Speziell in der Horizontalen ist hier die Abweichung von der Ideallinie mit nur 9° Schwankungsbreite extrem gering. Vertikal ist der Verlauf durch die Anordnung der Treiber naturgemäß etwas unruhiger, aber mit 23° Schwankungsbreite immer noch gering. Isobarenverläufe in dieser Perfektion sind nur mithilfe der Waveguides zu erreichen. Mögliche Assoziationen zu „quäkenden Hörnern“, wie sie manch einer gerne darstellt, kann man hier getrost vergessen. Die Waveguides und die hier verwendeten Treiber sind feinstes High End im wahrsten Sinne des Wortes und haben absolut nichts mit Kompressionstreibern oder schlecht gemachten alten Exponentialhörnern zu tun.

Maximalpegel und Verzerrungen

Für die Verzerrungsmessungen wurden die beiden üblichen Messverfahren mit Sinusbursts und einem Multisinussignal angewandt. Wir betrachten dazu zunächst die Messreihe aus Abbildung 14, bei der Verzerrungsgrenzwerte von 3% und 10% vorgegeben wurden und dann ermittelt wurde, welchen maximalen Schalldruck der Lautsprecher dabei bezogen auf 1 m Entfernung unter Freifeldbedingungen erreicht. Die 10%-Messreihe wurde hier nur unterhalb von 300 Hz durchgeführt; die Messung erfolgt mit 185 ms langen Sinusburst-Signalen. Zusätzlich gibt es in diesem Messalgorithmus noch eine Leistungsbegrenzung und eine Limiter-Erkennung, um wenig verzerrende Lautsprecher nicht irgendwann durch eine Überlastung zu zerstören und den Messalgorithmus zu stoppen, wenn ein Limiter gegenregelt oder die Endstufen zu verzerren beginnen. Dort, wo beide beiden Kurven für 3% und 10% Verzerrungen nahezu zusammenfallen, limitiert in der Regel nicht der Lautsprecher, sondern die Elektronik, entweder durch einen Limiter oder durch ein einsetzendes Clipping der Endstufen. Der Neumann KH 420 ist in seiner Elektronik mit diversen Limitern zum Schutz gegen Endstufen-Clipping und gegen thermische oder mechanische Überlastung der Treiber ausgerüstet und somit weitgehend sicher vor unmäßigen Verzerrungen oder gar Schäden. Die Kurve in Abbildung 14 macht deutlich, wozu die große Mitteltonkalotte fähig ist: 120 dB bei weniger als 3% Verzerrungen von 400 Hz bis 2 kHz setzen Maßstäbe für einen Lautsprecher dieser Klasse. Zu den tiefen Frequenzen hin fällt die Kurve ab, da es hier naturgemäß zu Limitierung durch die maximale Auslenkbarkeit des Tieftöners kommt. Trotzdem sind hier ab 60 Hz schon 108 dB mit schnell steigender Tendenz möglich.

Ebenso erwähnenswert wie die Maximalwerte ist der gleichmäßige Kurvenverlauf. Schwachstellen, wo die Kurve einbricht, gibt es beim KH 420 nicht. Die zweite Messreihe wurde zum Thema Intermodulationsverzerrungen mit einem Mittlungspegel von 85 dBA in einer typischen Hörentfernung von 4 m unter Freifeldbedingungen durchgeführt. Der Spitzenpegel bei dieser Messung, ebenfalls in 4 m Entfernung, betrug 100 dB, entsprechend 112 dB in 1 m Entfernung. Als Testsignal wurde ein Multisinus mit 60 Anregungsfrequenzen und einer Gewichtung nach EIA-426B für ein mittleres Musiksignal genutzt. Das Signal hat einen Crestfaktor von 12 dB. Die Grafik aus Abbildung 15 zeigt dazu das Spektrum des Anregungssignals (grüne Kurve), das gemessene Spektrum des vom Lautsprecher abgestrahlten Signals (rot) und die daraus extrahierten Verzerrungsanteile (blau). Beides wird sowohl mit einzelnen Spektrallinien wie auch in 1/6-Oktavbandbreite aufsummiert dargestellt. Der Gesamtverzerrungsanteil (Harmonische und Intermodulationen THD + IMD) liegt A-bewertet für den Abhörpegel von 85 dBA Leq in 4 m Entfernung bei sehr schön niedrigen -34 dB, entsprechend 2%. Auch hier ist wieder gut zu erkennen, wie die ohnehin schon geringen Verzerrungen oberhalb von 500 Hz noch mal deutlich geringer werden. Ein Dreiwege-System kann hier seine grundsätzlichen Vorzüge ausspielen, wo die Mitten nicht mehr durch die großen Auslenkungen im Bass beeinträchtigt werden. Hinzu kommen die Verzerrungsarmut und die hohe Sensitivity der beiden Kalotten.

Fazit Messwerte

Ein schlauer Spruch sagt: „Kaum macht man es richtig, dann funktioniert es auch.“ Das trifft so auch auf den Neumann KH 420 zu. Macht man in der Entwicklung eines Lautsprechers alles richtig, dann wird man auch durch ein entsprechendes Ergebnis belohnt. Der entscheidende Punkt ist, immer alles in seiner Gesamtheit zu betrachten, d. h. Frequenzgang, Directivity, Verzerrungen etc. Nur dann stellt sich auch der gewünschte Erfolg ein. Einzelne Aspekte exzessiv zu bearbeiten und andere zu vernachlässigen ist dagegen weniger erfolgversprechend, auch wenn sich das im Marketing durchaus gut darstellen lässt. Der Monitor KH 420 zeigt ganz klar auf, was heute dank entsprechendem Entwicklungswerkzeug machbar ist – und das sogar ganz analog ohne DSP oder andere Digitaltechnik. Perfekte hochmoderne Treiber, kombiniert mit einem durchkonstruierten Gehäuse und ebensolcher Elektronik, führen zu einem Lautsprecher, der in seiner Kategorie schon recht nahe am Ideal ist. Die messtechnischen Werte sind allesamt bestens, Ausführung und Verarbeitung sind auf höchstem Niveau, und das alles spiegelt sich auch noch unvermindert im Höreindruck wieder. Der offizielle Paarpreis des Neumann KH 420 liegt bei exakt 9132 Euro, was in Anbetracht der gebotenen Fähigkeiten und Qualitäten – und auch im Vergleich zu anderen Produkten – geradezu ein Schnäppchen ist.

 

www.neumann.com

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
Abonnieren Sie den Newsletter und erhalten Sie Informationen rund um das FIDELITY Magazin, exklusive Spezialangebote, Gewinnspiele, neue Features sowie Angebote unserer Partner.