Vexo Audio Design VX-LP-PS / VX-S40 – Wahnsinn mit Methode oder Berserker mit Samthandschuhen

Monumental, einzigartig, perfektionistisch, konsequent, märchenhaft, kolossal, fantastisch, unglaublich. Und komplett verrückt.

Wenn wir uns dem Thema, um das es diesmal geht, nähern wollen, ist es unumgänglich, vorher über Wahnsinn zu sprechen. Und zwar Wahnsinn in seiner positiven Ausprägung, nämlich in Form von Leidenschaft, von Verrücktheit, Aberwitz, Extravaganz oder Hirngespinsten :-). Das sind jene Formen des Wahnsinns, die das Synonymlexikon hergibt, wenn wir die negativ geprägten Beschreibungen dieses Geisteszustands einmal außen vor lassen. Was ich angesichts des Themas gerne tue, bereitet mir dieses doch – zumindest, seit es an seinem Platz steht oder besser: ruht – großes Vergnügen. So großes Vergnügen, dass ich geneigt bin, den offenbar völlig wahnsinnigen Erfindern die schweißtreibenden logistischen Probleme im Vorfeld gerne zu verzeihen. Außerdem könnte ich ja darauf spekulieren, dass alleine das schiere Beharrungsvermögen dieser Verstärker dazu führen könnte, dass sie nicht allzu schnell wieder bei mir abgeholt werden, weil sich jeder, der noch alle Tassen im Schrank hat – also nicht wahnsinnig ist – davor drücken wird, die Schlepperei zeitnah zu wiederholen.
Da ich aber aus eigener Erfahrung weiß, dass HiFi-Fans quasi chronisch an einer milden, üblicherweise von Mitmenschen noch lächelnd tolerierten Form von Wahnsinn leiden, ist es klar, dass mir die Vor-/Endstufenkombi des italienischen Herstellers Vexo Audio Design schnell wieder aus den Händen gerissen werden wird, ganz gleich, wie viel Mühe diese Aktion auch kosten wird. Immerhin reden wir hier von 60 Kilogramm Netzteil plus einer 40-Kilo-Kleinigkeit Endstufe plus zwei mit knapp 20 Kilo eigentlich kaum noch erwähnenswerten Bestandteilen eines Vorverstärkerchens. Alles in schönster, puristischer Röhrentechnik, versteht sich.
Und damit liegt hier ganz offensichtlich wieder einmal ein Fall vor, bei dem ein HiFi-Fan eine Wahn(sinns)-Idee hatte. Und es war offenbar gerade niemand da, der dem freudig grinsenden Irren den Einfall nett, aber bestimmt wieder ausredete, womöglich unter Zuhilfenahme einiger Tabletten, geistiger Getränke oder, simpler, mit Hilfe einer Kostenkalkulation. Die hätte nämlich bereits im Vorfeld glasklar aufgezeigt, dass das angepeilte Unterfangen zu „vernünftigen“ Preisen – was immer das auch sein mag – nicht zu realisieren ist …


Aber Highend hieß schon immer: Grenzen überschreiten, nie da Gewesenes bauen!
Single-Ended-Verstärker mit der 300B gibt es mittlerweile so viele, dass das Thema schon wieder langweilt. 300B-Gegentakter (Push-Pull) sind als Profi-Serienprodukte dagegen sehr selten; in der Selbstbaugemeinde aber schon ein wenig häufiger anzutreffen. Und 300B-Gegentakter in Parallelschaltung zur weiteren Leistungserhöhung sind super rar, hier stehen allein schon erhebliche Kosten für die Röhren dagegen, plus natürlich enormer technischer Aufwand, man bedenke allein die Heizspannungen für die direkt geheizten Trioden. Doch genau ein solches Konzept wurde nun durch Vexo Audio Design realisiert: In der Endstufe VX-S40 arbeiten pro Kanal jeweils vier (!) 300Bs im Push-Pull-Betrieb, dabei sollen schließlich 50 Watt an den Klemmen anstehen. Das Ganze residiert, in Netzteil und Verstärkertrakt aufgetrennt, in zwei 55 Zentimeter tiefen Gehäusen mit jeweils 44-Zentimeter Normbreite, 26 Zentimeter Höhe und wiegt zusammen genommen 100 Kilogramm.
Ob man diesen Verstärker nun für komplett verrückt oder für schlicht konsequent hält – ich weiß es einfach nicht. Aber ich bewundere den Mut, so ein Konzept im Umfeld ähnlich teurer „Sand“-Leistungsriesen überhaupt anzubieten. Und Fakt ist: Man bekommt hier etwas sehr, sehr Seltenes zu hören, nämlich eine echte direktgeheizte (alte) Triode mit vorbildlich linearer Arbeits-Kennlinie ohne Gegenkopplung im Parallel-Push-Pull-Betrieb. Um genauer zu verdeutlichen, was eigentlich gemeint ist, müssen wir ein wenig Theorie bemühen:
Bei den Single-Ended-Verstärkern dominiert ja Klirr so genannter zweiter Ordnung, eine „freundliche“ Art von Verzerrungen, die unserem Hörsinn sogar entgegen kommt. Doch in einem Gegentakt-Amp hebt sich dieser geradzahlige Klirr am Ausgang bei der Zusammenführung der beiden Halbwellen auf, er verschwindet also, während sich die kleineren, ungeradzahligen Verzerrungen sogar addieren. Im Gegensatz zu den Pentoden erzeugen die Trioden aber deutlich weniger Klirr 3ter Ordnung, so dass ein Gegentakt-Class-A-Amp mit Trioden in der Theorie systembedingt schon sehr „sauber“, also sehr verzerrungsarm aussieht. Deshalb dürfte ein 300B-Gegentakter für eingefleischte Single-Ended-Fans womöglich eine klangliche Überraschung bereit halten, denn er hört sich ganz anders an als die doch eher von „schönen“ Verzerrungen geprägten Eintakter. In der Praxis spielt freilich noch das Design von Eingangs- und Treiberstufe eine sehr dominante Rolle in Bezug auf das Klirrspektrum. Die Gitter-Wechselspannung für die nur schwach verstärkende 300B muss nämlich relativ hoch sein, schaltet man Trioden zur Leistungssteigerung parallel, addieren sich auch noch parasitäre Kapazitäten, was die ganze Sache nicht einfacher macht, zumal dann, wenn man ordentliche Messwerte wünscht und auf eine Über-Alles-Gegenkopplung verzichtet.
In der Vexo-Endstufe kommen in der Treiberstufe pro Kanal zwei Doppeltrioden des Typs 6SN7 zu Einsatz, sie enthalten folglich vier Triodensysteme für die Treiberschaltung, während am Eingang eine 12BH7 verwendet wird; auch deshalb ist die Endstufe mit nominal einem Volt Eingangsempfindlichkeit bei unsymmetrischer Ansteuerung nicht besonders empfindlich. Die laut Hersteller symmetrische Schaltung bietet aber via XLR-Eingang doppelt so hohe Empfindlichkeit (500 mV) und sollte im Optimalfall auch so betrieben werden.
Der ganze Verstärker ist als Dual-Mono-Konzept gebaut, doch das schon unglaublich aufwändige Netzteil besitzt sogar insgesamt fünf Trafos: Vier große Ringkerne sind kanalgetrennt jeweils für Anoden- und Heizspannungen zuständig, ein fünfter Trafo kümmert sich um Kontroll- und Schaltfunktionen. Die Heizspannungen sind mit Hilfe von Leistungstransistoren elektronisch geregelt und justierbar, an Bord befinden sich sage und schreibe zwölf diskret aufgebaute Spannungsregler sowie eine ganze Reihe weitere, zusätzliche Gleichspannungserzeugungen für die negativen Gittervorspannungen der Endtrioden, die ebenfalls einzeln (!) einstellbar sind. Um die Ruheströme der Endtrioden kümmert sich dann noch eine Schutzschaltung (“Bias Guard“) sowie eine ganze Batterie von Feinsicherungen, die präzise Justage der Gittervorspannung obliegt, so der Hersteller, einer „Digital Bias Control“. Zwei „Fenster“ in der Frontplatte des Verstärkerteils enthalten die Ruhestrom-Kontrolle und -Einstellung, die Stromanzeige erfolgt über ein dreistelliges Display, erwünscht sind 60 Milliampère, was für die 300B durchaus noch auf der schonenden Seite liegt. Über dem ganzen, schon brutal zu nennenden Aufwand könnte es sogar hart gesottenen Röhrenkennern fast schwindlig werden – ich habe so etwas vorher noch nie gesehen, geschweige denn gehört!
Dass das komplexe Netzteil – übrigens auch mit LC-Siebung in der Anodenversorgung ausgestattet – mit einer Einschaltverzögerung versehen sein muss, erstaunt nicht. Mich beeindruckt vielmehr, dass auch unter den großen Aluminium-Deckeln peinliche Ordnung herrscht. Platinen und Verdrahtung sind praktisch verschwunden, alles steckt unter dem Chassis oder hinter Abdeckungen. Für die Verbindung zwischen Netzteil und Amp sind große Multistecker mit vergoldeten Kontakten zuständig, wobei die beiden Chassis definitiv nicht aufeinander stehen sollten. Durch sein enormes Röhren-Ensemble entwickelt der Verstärkerteil sehr viel Abwärme, seine Ausstattung mit wärmereflektierenden, verchromten Chassisplatten und gekapselten Übertragern legt durchaus nahe, die Augenweide wenn möglich offen zu betreiben.
Zwei wichtige Bemerkungen liegen mir noch am Herzen. Erstens: die Geräte machen einen professionellen Eindruck, sie sind hervorragend gebaut. Zweitens: Weder Ein- noch Ausschaltvorgang verursachen Nebengeräusche im Lautsprecher, außerdem gibt es keinerlei Brummen, Rauschen oder sonstige Nebengeräusche und auch keinen auffälligen Trafobrumm. Und jetzt hätte ich beinahe den Vexo-Vorverstärker vergessen!
Der ebenfalls zweiteilig ausgeführte LP-PS ist eine reine Hochpegelvorstufe und basiert auf einer SRPP-Schaltung mit den zu Recht viel gerühmten, russischen 6H30-Röhren. Acht Stück davon machen ihren Job auf einer bildschön ausgeführten Platine, neben der natürlich nur die gut beleumundeten Koppelkondensatoren von Mundorf zum Einsatz kommen dürfen. Die laut Hersteller symmetrisch ausgeführte Schaltung verfügt über einen 80-stufigen Vierfach-Pegelsteller in Gestalt von Relais, die Präzisions-Widerstände umschalten und dabei auch via Fernbedienung fröhlich vor sich hin klicken. Ein Rundinstrument auf der Frontplatte zeigt an, wie weit aufgedreht ist – auch eine Idee, wenn man unbedingt retro aussehen möchte 🙂 Versorgt wird der mit unsymmetrischen und symmetrischen Schnittstellen ausgestattete Vorverstärker von einem aufwändigen Netzteil, das nach einer Gleichrichterröhre vom Typ GZ34 und induktiver sowie kapazitiver Filterung eine elektronisch stabilisierte Anodenspannung zur Verfügung stellt. Selbstredend sind auch die Heizungsversorgungen geregelt und alle nicht für die Verstärkerschaltung benötigten Spannungen werden von einem Extra-Trafo erzeugt. Eine Besonderheit stellt der „Direct“-Schalter dar: Er nimmt den Verstärker (der normalerweise zwölf Dezibel Verstärkung liefert) aus dem Signalweg, belässt aber den Pegelsteller in Funktion; damit wird der LP-PS zum passiven Vorverstärker. Eine gute, klanglich immer ausprobierenswerte Idee bei kräftigen Quellen, kurzen Kabeln und höherer Lastimpedanz seitens des Endverstärkers.
Und wenn Sie mich jetzt fragen, wie es klingt, dann ist die erste Antwort: lange nicht so spektakulär, wie man angesichts des schieren Aufwands vielleicht vermuten würde … Logisch, das Unterbewusstsein suggeriert: Nun geht es mächtig zur Sache. Genau das Gegenteil ist – zunächst – der Fall. Dass die acht 300Bs hinlangen können, als wären die Amps eine Frankenstein’sche Schöpfung, erschließt sich nämlich erstaunlicherweise erst mit der Zeit. Wenn genug gehört wurde, was man zu kennen glaubte. Dann ist eine Nachdrücklichkeit am Werk, die man der guten alten 300B nie zugetraut hätte. Natürlich, es sind jetzt vier Stück davon am Werkeln, pro Kanal, vereint im Gleichschritt. Manchmal ist es wie eine Wand, die herabkommt, gerade dann, wenn man, wie bei mir, mit Kanonen auf Spatzen schießt, „hinten“ 96 Dezibel pro Watt und Meter, die in den Stahlklammern dieser 50 Watt scheinbar gleich die Schwingspulen verrauchen.


Merke: Fünfzig 300B-Watt, noch dazu solche mit diesem Netzteil, wirken subjektiv einfach hammerhart. Zuviel schiere Leistung, viel zuviel, aber das monumentale Drehmoment fasziniert vom ersten Ton an. Doch der ist deutlich sanfter als gedacht, schlackenfrei, wie strahlend blank poliert, superpräzise durchhörbar und ohne den goldfarbenen Schmelz des Eintakters; der windet sich ja wie geschmiert ins Gehör, da sind die Push-Pulls bestimmt nicht rauher, aber weniger samtig. Eher wie mit Chrom beschichtet, nun auch nicht so knallig, durchaus dynamisch intensiv, aber mit mehr Zeit im Einsatz. Seltsam. Der schnelle Antritt ist trotzdem da, die Töne sind perfekt umrissen, ja sogar schier stofflich sichtbar, widerstandslos aufploppend in der Luft, die eine streng geordnete Bühne vortäuscht; das Stereo-Dreieck löst sich dabei völlig auf, so tief geht es nach hinten. Beeindruckend, auch flüssig, fließend, transparent, doch niemals schneidend. Bisweilen fehlt mir fast ein Hauch Bosheit, etwas diamantene Schärfe in der weichen Kurvigkeit eines Klanges wie aus den gut genährten fünfziger Jahren.
Dabei offeriert die mächtige Endstufe weniger Sanftheit als der Vorverstärker, der den mitunter bösen Vergleich zwischen reinem Pegelsteller und den verschlungenen Signalwegen durch vier 6H30 pro Kanal ermöglicht. Und sich dabei wacker schlägt, im letzten Fall deutlich mehr Druck und Fülle beibringt, was ihm gut tut, dann wird die Vorstellung sogar blumiger, farbiger gemalt und nochmals muskulöser. Die viel gerühmte, vielleicht manchmal schreiende Pracht der Single-300B, besteht sie teils aus Verzerrung? Möglich, denn die Vexo-Kombi lässt es tonal sachlicher angehen, aber nie weniger königlich, der große Auftritt, die begleitende Pracht, alles ist da, stilvoll erzählt, dennoch nicht übertrieben ausgeschmückt. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich, wie immer, irgendwo dazwischen. Und die Leichtigkeit des Seins, sie resultiert hier aus schierer Power, die Trioden wirken kontrollierter, zielsicherer, schneidiger und viel perliger als die im Vergleich wie am Stock humpelnden Pentoden und Beam-Power-Tetroden mit Gegenkopplung. Wer sich daran gewöhnt, der kann vielleicht nicht mehr zurück. Das ist die schlechte Nachricht in der Vexo-Story, weil die „Standards“, die Mehrzahl der vielen KT-sonstwas- oder EL-irgendwas-Verstärker eigentlich neidisch sein müssten auf die Fähigkeiten einer echten Triode. Die es nun, in Gestalt der Vexo, auch mit fast jedem Lautsprecher aufnehmen kann!

 

www.transparent-acoustic.de

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