In hoc signo vincent

Triode oder Halbleitertriode – während die Gelehrten noch streiten, erscheint der Hybrid Vincent SV-227 und beendet alle Glaubenskämpfe

Im Automobilbau hat die Hybrid-Technologie zu gespenstischen Phänomenen auf deutschen Straßen geführt: Nahezu geräuschlos gleiten Fahrzeuge dahin und erschrecken Jung und Alt. Erst ab einer gewissen Geschwindigkeit schaltet sich der Benziner zu, und das Auto fährt unter traditioneller Geräuschentwicklung weiter. Im Verstärkerwesen spricht man ebenfalls von Hybrid – und meint im Grunde etwas ganz Ähnliches. Nur dass ein leistungsstarker Verstärker wie der Vincent SV-227 sich keinesfalls geräuschlos anschleicht.
Der SV-227 ist ein Hybrid-Vollverstärker. Entsprechend lauern unter seine Haube zwei Antriebe: eine Röhrenvorstufe und eine Transistorendstufe. Daran lässt sich so allerlei anschließen, was als Signalgeber taugt: Mit Anschlüssen ist der SV-227 rückwärtig nicht zu knapp ausgestattet. Fünf Cinch-Eingänge stehen zur Verfügung. Das macht den Vincent zu einer erstklassigen Schaltzentrale im Wohnzimmer, denn die Anzahl der Zuspieler wird in Zeiten von Heimkino und digitalen Gadgets ja nicht geringer.
Der Nachfolger des SV-226 Mk II hat deshalb außerdem einen D/A-Wandler an Bord, der das am USB-Eingang anliegende Signal umrechnet. So lassen sich entsprechende Internetempfangsgeräte sinnvoll in die Audio-Kette integrieren. Da das Internet ja nicht mehr weggeht und zunehmend alle Lebensbereiche durchdringt, ist das eine gute Idee. Der Verstärker ist für die digitale Transformation gerüstet.
Man bekommt also eine ganze Menge für sein Geld. Vincent ist eine deutsche Marke, die in China gefertigt wird. Der SV-227 ist entsprechend preisgünstig im untersten vierstelligen Euro-Bereich angesiedelt. Und dafür gibt es ein sehr ordentliches Trumm Verstärker. Mit seinen 20 Kilo ist der SV-227 nicht gerade ein Leichtgewicht. Beim Auspacken sieht man, woran das liegt: Auf der Rückseite, in unmittelbarer Umgebung der Schallwandler-Anschlüsse (zwei Paar lassen sich betreiben), thront das massive Netzteil. Oben scheinen die drei 12AX7 durch das Gitter, jene klassischen Röhren also, die sich im Verstärkerbau schon oft bewährt haben.
An der Rückseite finden sich neben den erwähnten fünf Cinch-Anschlüssen und der USB-Buchse vier Lautsprecheranschlussklemmen, an die sich zwei Boxenpaare anschließen lassen. Es gibt einen klassischen „Rec out“-Aufnahmeausgang und einen Vorverstärkerausgang für zusätzliche Endstufen oder auch einen Aktiv-Subwoofer. Über einen Power-Control-Ausgang lassen sich weitere Geräte über den Verstärker ein- und ausschalten. Der Vincent selbst vermeldet nach einem Druck auf den gut einrastenden Einschaltdruckknopf nach gut 20 Sekunden Einsatzbereitschaft.
An der – in diesem Fall silbernen, aber auch in Schwarz erhältlichen – Vorderseite dominieren optisch zunächst ein großer Quellendrehschalter und ein ebenso großer Volumenregler das Bild. Darunter indes sind noch weitere Bedienelemente angebracht. Der Power-Knopf sitzt in der Mitte, links und rechts davon bieten zwei Drehregler eine zweistufige Klangregelung. Und das ist noch nicht alles: Ein Loudness-Schalter soll dazu dienen, im Falle einer besonders leisen Musikwiedergabe (weil vielleicht die Schwiegereltern gerade zu Besuch sind und in Ruhe Torte essen wollen) den Eindruck einer gewissen Klangfülle auch bei sehr geringem Pegel zu erhalten. Wer sich einen Vincent SV-227 zulegt, sollte sich aber im Klaren darüber sein, dass er sich ein ziemliches Biest ins Haus holt. Mit 2 x 200 Watt an 4 Ohm spielt das Gerät seine Stärken ganz gewiss nicht in der Hintergrundbeschallung von Kaffeetafeln mit älteren Leuten aus. Ein Umschalter für die beiden anschließbaren Lautsprecher-Paare und ein Kopfhöreranschluss komplettieren das Bedienpanel.


Der Vincent lässt sich am bequemsten über eine angenehm schmale Fernbedienung steuern, die wie der Verstärker selbst nicht ganz leicht ist. Sechs Quellen-Schalter, eine Mute-Funktion und die Lautstärkeregelung, die sich optimalerweise dort befindet, wo sich beim In-der-Hand-Halten der Daumen befindet: Damit hat man alles im Griff. Je nach Temperament (oder Wirkungsgrad der Boxen) ist hier aber mitunter Fingerspitzengefühl gefragt: Der SV-227 ist durchaus waffenscheinpflichtig. Ein zu langer Aufenthalt des Daumens auf dem Lauter-lauter-lauter-Taster kann eindrucksvolle Auswirkungen haben.
Beim Aufbau ist darauf zu achten, dass der Vincent vornehmen Abstand wahrt. Die Röhren sorgen für eine angenehme Wärme – und das nicht nur hinsichtlich des Klangs. Spiegeleier lassen sich auf deren Abwärme nicht unbedingt braten, aber kühl bleibt der Vincent auf keinen Fall. Das soll er freilich auch gar nicht. Denn er ist angetreten, die klangliche Eleganz, die den Röhren gemeinhin zugesprochen wird, mit der Leistungsstärke der Transistoren zu verheiraten. Zu erwarten ist also ein transparentes Klangbild mit einer gewissen Eleganz, das aber gleichzeitig unterfüttert wird von einem präzise zupackendem Bass.
Tatsächlich musiziert der Vincent vollpfundig und kraftvoll. Dabei ist er kein roher Gesell. Der Hybrid-Amp ist dem Schöngeistigen durchaus zugewandt. Mag die Lautstärkeregelung der Fernbedienung durchaus die gleichen Anforderungen an den Alkoholpegel stellen wie der Straßenverkehr (zero tolerance!), so musiziert der SV-227 nicht mit der Rohheit eines blutig gebratenen Steaks, sondern farbenfroh und nuanciert. Er meistert rockige Gitarrenbretter ebenso wie Kammermusik – und legt, wie man es vom einem highendigen Gerät erwarten darf, dabei auch Schwächen in der Aufnahme schonungslos offen.
Der Purist mag gerne spotten über den Höhen- und Tiefenregler. Vollkommen unnütz sind diese jedoch nicht. So gibt es Lebenslagen, in denen ein bestens aufgenommenes Streichquartett der oberen Güteklasse nicht ganz das Richtige ist. Wer aus Gründen einer plötzlich hereinbrechenden Lebenssituation – Frau weg, Hund entlaufen, das ganze Bier schon ausgetrunken – sich in die Lage versetzt sieht, sich von der „End Of Silence“ von Henry Rollins eine ordentliche Standpauke halten zu lassen, der freut sich ganz sicher, wenn es ihm ermöglicht wird, die Höhen ein wenig herauszudrehen. Dann klingt die nicht gerade zur Referenzklasse gehörende Aufnahme immerhin recht manierlich, und die inbrünstig gebrüllten Straight-Edge-Ermahnungen des Herrn Rollins, gefälligst mehr Sport zu treiben, sich nicht so hängen zu lassen und gerade in der Erkältungszeit mal einen Apfel zu essen, erklingen LAUT und DEUTLICH.
Die neue Platte von Tom Petty ist noch viel lauter. Tatsächlich empfiehlt sich bei jedem Wechsel des Tonträgers ein Zurückdrehen des Lautstärkereglers. Eine reine Vorsichtsmaßnahme: . Der SV-227 packt ordentlich zu und liefert mitunter brutalen Pegel. „Hypnotic Eye“ ist nicht hot gemastert, aber Mastering-Engineer Chris Bellmann hat einen sehr überzeugenden Kompromiss zwischen hot und hoher Dynamik gefunden. Hier wäre die Klangregelung dann auch zwingend wieder auszuschalten. Knopfdruck genügt.
Ja, der Vincent liefert ein Bass-Fundament, dass es die Magengrube freut, überstrahlt aber nicht in den Höhen, sondern bleibt stets ausbalanciert – auch wenn es mal lauter wird. Den Class-A-Betrieb werden die meisten Hörer wohl kaum je verlassen. Und den Punkt, an dem die Transistoren an ihre Leistungsgrenzen kommen, wollen und werden die meisten Nachbarn nicht erleben. Wie wäre es also mit ein wenig Speed Metal? Bitte sehr: Karajan und seine Berliner, Bruckners Fünfte in B-Dur von der Deutschen Grammophon anno 1976: Es möge sich niemand von den sanften Pizzicati der Kontrabässe täuschen lassen und unbedacht am Lautstärke- (oder gar Loudness-) Regler herumspielen: Das Forte-Fortissimo, das der Komponist so sehr liebte, wird mit großem Respekt aufgeführt werden! Die Aufnahme verlangt dem Hörer darüber hinaus so einiges ab. Die Instrumentengruppen sind registerhaft wie bei einer Orgel zusammengefasst und werden en bloc eingesetzt. Das macht es vor allem bei den schmetternden Bläsern nicht ganz einfach, die Einzelinstrumente zu orten. Der Vincent bildet das Geschehen klar ab und erzeugt einen luftigen räumlichen Eindruck, der die Tiefenstaffelung des Orchesters eindrucksvoll und bis ins strahlendste Fortissimo zu Gehör bringt.
Doch der Vincent kann nicht nur Geballer. Er arbeitet auch feinere Strukturen sauber heraus. So bringt er die „Matona mia cara“ von Orlando die Lasso in der SFB-Einspielung der Lautten Compagney ebenso souverän zur Geltung wie die vollgriffigen Klavierakkorde von „Le festin d’Esope“ des Klaviervirtuosenkomponisten Charles Valentin Alkan.
Es ist ein durch und durch stimmiges Bild, das dieser Verstärker abliefert: Der Vincent SV-227 ist ein echter Allrounder. Er ist für jede denkbare musikalische Situation gerüstet und fügt sich gut ein in eine nahezu beliebige Kette. Für verhältnismäßig schmales Geld erlaubt es der Vincent, sich in High-End-Gefilde vorzuwagen und das beste beider Welten zu erleben: die Klangeleganz der Röhre und die Power des Transistors. Mit opulenter Ausstattung und viel Leistung setzt der Vincent durchaus Maßstäbe.

 

www.vincent-tac.de

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