Audio Note AN-E E/D: Der Einstieg

Der Einstieg in eine E-Klasse ist nun mal etwas teurer. Audio Note hat ihn nun deutlich günstiger gemacht.

Nein, sage ich, nur ein Paar Lautsprecher. Und diesmal fühle ich mich sicher, denn ich mache mir Alexander Voigts Argumentation zu eigen: Der neue AN-E E/D ist das Einstiegsmodell und die Einstiegsdroge in die Audio-Note-Welt. Die meisten Kunden, so der Deutschland-Distributor, werden über den Lautsprecher „angefixt“ – und so ist es für mich völlig realistisch, dieses Modell in einem markenfremden Kontext zu hören.
Als dann Cai Brockmann, zwischenzeitlich von Alexander Voigt „ordentlich versorgt“, bei mir die Lautsprecher anliefert, merke ich schnell, dass es auch diesmal nicht geklappt hat: Das Auto ist voll bis unters Dach. Denn es sei, so Voigt, ja wichtig zu erfahren, was dem Einsteiger danach blühe, wenn er nach seinem Einstieg die Anlage im richtigen Kontext komplettiere. Aus diesem Grund bekomme ich zu den AN-E E/D noch einen Vollverstärker, einen Plattenspieler mit MM-System, ein CD-Laufwerk, einen D/A-Wandler, einen kompletten Kabelsatz und ein weiteres Paar Boxen. Wie bitte? Ja, genau: ein Paar AN-E SPe HE, damit ich vergleichen kann, was innerhalb der E-Klasse noch geht, wenn man ungefähr doppelt so viel Geld ausgibt. Also sieht auch diesmal mein Arbeitszimmer nicht wie mein Arbeitszimmer aus, sondern wie ein Audio-Note-Messestand.
Die E-Klasse von Audio Note ist, vereinfacht ausgedrückt, ein riesengroßer Baukasten aus unterschiedlichen Gehäusen (Pressspan oder Multiplex), Chassis (unterschiedliche Empfindlichkeit und Magnetmaterialien), Weichenaufbauten und Verkabelungen (unterschiedlich hoher Silberanteil). Da es zudem noch verschiedene Selektionsgrade der Bauteile gibt, lässt sich aus diesen Komponenten eine fast unübersichtlich große Zahl an Lautsprechermodellen zusammensetzen.
Wir befinden uns mit der AN-E E/D am unteren Ende, was bedeutet: Spangehäuse und Mattlack, ein Wirkungsgrad von „nur“ 92 dB (Werksangabe), ausschließlich Kupfer zur Signalführung. Immerhin haben wir uns für einen Aufpreis von 500 Euro die blauen Hanfmembranen für die 20 Zentimeter durchmessenden Tiefmitteltöner gegönnt, womit wir bei einem Einstiegspaarpreis von knapp 4000 Euro landen. Immer noch eine Menge Geld, aber wir dürfen nicht vergessen, dass die „E“-Serie oberhalb der kompakteren „K“-und „J“-Linien rangiert, es sich hierbei also um den Einstieg in die „große“ Welt von Audio Note handelt. Und in dieser kann man problemlos auch ein wenig mehr Geld los werden.
Einen großen qualitativen Unterschied der E/D zu den besseren Modellen kann ich auf den ersten Blick nicht entdecken, das Furnier sitzt bis zu den Kanten hin perfekt. Lediglich im Ausschnitt für das Anschlussterminal ist der schwarze Lack nicht bis in die Ecken gekommen. Ansonsten sieht die neueste Inkarnation des klassischen Snell-Konzeptes aus wie jede AN-E vor ihr. Die Treiber sind alte Bekannte, deren – bei diesem Modell geringeren – Selektionsgrad wir freilich nicht überprüfen können, und auch der Weiche können wir nicht zu Leibe rücken, da die Chassis mit dem bei Audio Note omnipräsenten BluTac so fest an die Gehäuse gekoppelt sind, dass ich aus Angst vor Schäden meine Forschung kurzerhand einstelle. Die Werksangabe der unteren Grenzfrequenz von unter 30 Hertz (-3dB) sprechen für eine weniger impulsorientierte Auslegung, also vielleicht ein Bessel-Filter.
Mit den neuen AN-E E/D spiele ich jetzt erst einmal den AN-Einsteiger und verbinde sie mit allem Möglichen, nicht aber mit Audio Note. Und es geht. Sogar richtig gut. Doch vor dem genussvollen Hören kommt die Aufstellung der Lautsprecher, und hier geht Audio Note seinen eigenen Weg: In den Ecken sollen die Boxen stehen, mit einem Wandabstand der hintersten Kante von vielleicht drei, vier Zentimetern. Und die Achsen sollen sich einen guten Meter vor dem Hörplatz kreuzen. Das ist zunächst einmal sehr einfach und schnell erledigt. Das Ergebnis ist ein faszinierend großes und energievolles Klangbild, dem es mir allerdings im Grundton an Präzision und Klarheit mangelt. Also entferne ich die Boxen deutlich von der Wand, was den Grundton klärt, allerdings die unteren Mitten (tiefe Stimmen) verhungern lässt. Also schiebe und höre und messe ich einen Tag lang, bis ich in meinem Raum bei einem Wandabstand von 22 Zentimetern lande. Nun trennen sich auch sauber die Töne, wenn ein Pianist mit der linken Hand in die Vollen greift und gleichzeitig seine Sängerkollegen mit ganzem Brustkorb bei der Sache sind. Die große Basisbreite und starke Einwinkelung behalte ich bei, so ergibt sich in der Tat das weiteste und genussvollste Klangbild.
Wie beschreibt man nun einen solchen Lautsprecher, der einerseits so gründlich mit gängigen Mustern bricht, andererseits auch nicht eben günstig ist? Ich könnte es mir leicht machen, und ihn anhand einiger mir bekannter Aufnahmen in den Vergleich mit anderen Lautsprechern setzen und nach dem üblichen Raster einordnen. Das würde allerdings zu kurz greifen. Denn Audio Note will diese Kriterien – etwa eine tonmeisterlich exakte Abbildungspräzision – gar nicht bedienen, es geht eher um andere Dinge, die sich leider weitaus schwerer fassen und in Worte kleiden lassen. Als Beispiel möchte ich die Konzertmitschnitte der Beethoven’schen Klaviersonaten von András Schiff (ECM CDs) nehmen. Über mein normales Setup erfahre ich viel über die Aufstellung der Mikrofone, die Akustik des Saales, die Eigenheiten des Instrumentes, die Feinheiten eines jeden Anschlags. Baue ich zur AN-E E/D um, ändert sich einiges. Das Klangbild im Raum wird deutlich größer abgebildet, wobei allein schon diese Formulierung einen Hauch am Erlebnis vorbei geht. Der Klang wird weniger abgebildet, er ist eher „da“. Verzeihen Sie mir bitte diese unglückliche Wortsuche – ich bin mir allerdings sicher, dass Sie ziemlich genau wissen, was ich meine. Die exakten Rauminformationen treten zugunsten dieser größeren Darstellung deutlich in den Hintergrund. Bei dieser speziellen Aufnahme hört man gleichsam aus der Spielerperspektive „in den Flügel hinein“, kann tiefe Töne also links, hohe Töne eher rechts lokalisieren. Diese exakte Verortbarkeit ist mit den Audio Notes nicht gegeben, dafür steht die Musik viel größer und imposanter im Raum. Und auch wenn der Charakter des Flügels nicht so präzise wie beispielsweise über eine Geithain oder Dynaudio wiedergegeben wird, ertappe ich mich doch ständig bei einem deutlich gesteigerten Nachhören klanglicher Feinheiten. So absurd es vielleicht klingt: Ich meine, mich über die Audio Notes mehr mit der Intention des Musikers zu beschäftigen.


Gleiches erlebe ich immer wieder bei großen Orchesteraufnahmen. Technische Parameter treten zugunsten eines besonders prallen und involvierenden Hörvergnügens in den Hintergrund. Bei der neunten Sinfonie von Gustav Mahler mit den Berliner Philharmonikern und Sir Simon Rattle (EMI) erhalte ich weniger klare Sicht auf die Aufstellung des Orchesters und höre wohl auch etwas weniger Harz bei vehementen Streichereinsätzen. Dafür blühen die Töne opulenter auf, scheinen nicht nur an einem festen Ort dargestellt zu werden, sondern das Zimmer regelrecht zu fluten. Was das bei einer Mahler-Sinfonie bedeutet, kann jeder von Ihnen nachvollziehen, der im letzten Satz der Vierten schon mal eine Träne verdrückt hat, in der Sechsten düsterste Seelenschluchten durchwanderte oder in den Auflösungen der Neunten der Welt zumindest kurzzeitig abhanden kam. Es ist unbezahlbar, so etwas zu erleben – und unmöglich zu beschreiben.
Letztlich wird der Aufnahme auf diesem Wege beim Abspielen etwas Technisches genommen, ohne indes so eigen zu klingen wie beispielsweise mit den Breitbändern von Zu Audio, die ich ebenfalls als sehr involvierend erlebte. Deren objektive Einschränkungen mögen dann allerdings für viele Hörer schon zu groß sein, während die Audio Notes im Prinzip immer noch mehrheitsfähig agieren. Sicherlich keine leichte Aufgabe, eine solche Balance bei der Entwicklung hinzubekommen.
Eine weitere Möglichkeit, sich dem Charakter einer AN-E zu nähern, ist der schon angesprochene Bass. Durch die Aufstellung an der Rückwand oder sogar in den Raumecken wird er ordentlich unterstützt, was dem Lautsprecher – und den angeschlossenen, nominell eher schwachen Röhren – die Arbeit durchaus erleichtert. Bei der Abstimmung wurde auf eine große Bandbreite, also ein sanftes Ausblenden am unteren Frequenzende auf Kosten der letzten Impulstreue geachtet. In der Praxis wird man dann bei einigen Aufnahmen eben diese feinen Informationen vermissen und sich ein wenig mehr Trennung einzelner Töne beispielsweise bei tiefen Klavierläufen wünschen. Gleichzeitig gewinnt der gesamte Klang durch die immer mit sanfter Wucht mitarbeitenden Tiefbässe allerdings an einer solchen Glaubhaftigkeit und Größe, dass man es in der Regel nicht lange schafft, sich auf diese einzeln abgegrenzten Parameter zu konzentrieren. Dabei hilft auch – eine Stärke der AN-E, die ich noch gar nicht erwähnt habe -, dass diese Boxen sehr gut „am Gas hängen“, also dynamische Abstufungen mit großer Lockerheit darstellen. Auch das nimmt einer Konserve zum Teil das Künstliche.
Als ich nach und nach die Komponenten meiner Anlage durch die mitgelieferten Audio-Note-Geräte ersetze, verstärkt sich dieser Eindruck stetig. Gerade der Vollverstärker Oto (auf den ich an anderer Stelle in diesem Artikel noch gesondert eingehe) hat an dem erreichbaren Erlebnis entscheidenden Anteil. Bei jedem Schritt steigert sich das Gefühl des „Dabeiseins“, auch wenn mitunter ganz objektiv im Vergleich zu anderen guten Geräten ein paar Details unter den Tisch fallen. Sehr deutlich höre ich das auch beim Plattenspieler. Der TT-2, bestückt mit Arm 2 und IQ-3, bietet im Vergleich zu meinem mir sehr vertrauten (und auch erheblich teureren) Gerät zwar weniger Rauminformationen und weniger Auflösung gerade am unteren Frequenzende, empfiehlt sich dafür aber immer wieder als Musik- und Spaßvermittler ersten Ranges. Interessanterweise führen auch die digitalen Zuspieler (CDT-3 und DAC 3.1x) zu einem vergleichbaren Ergebnis.
Die im Vergleich zur E/D ebenfalls gehörte AN-E SPe HE offenbart dann tatsächlich noch ein paar zusätzliche Details. Gerade Tonanfänge werden mit mehr Definition, lange Ausschwingvorgänge mit mehr Feinheit dargestellt, was dem steiferen Multiplex-Gehäuse geschuldet sein mag. Die Unterschiede sind in direktem Vergleich hörbar. In einem Blindtest würde man allerdings nach einer halben Stunde Pause wohl nicht mehr mit absoluter Sicherheit sagen können, welcher der beiden Lautsprecher nun gerade spielt. Daher meine ich, dass diese Mehrinvestition eher etwas für treue Audio-Note-Kunden ist, die es sich zum Ziel gesetzt haben, ihre Anlage nach und nach zu verbessern und dabei auch jede Feinheit zu berücksichtigen.
Wer ist nun der „richtige“ Hörer für einen Audio Note AN-E Lautsprecher? Jemand, der die Lockerheit und mühelose Dynamik von Lautsprechern mit höherem Wirkungsgrad mag, allerdings nicht mit deren oftmals vorhandenen tonalen Macken leben kann und will. Oder auch der Hörer, der ein besonders empfindsames Hören der Musik über die Möglichkeit der Analyse stellt und daher eine betont volle, pralle, energievolle, süffige und völlig untechnische Wiedergabe schätzt. Ein gewisser Hang zur Exklusivität steht dabei sicher nicht im Wege.
Audio Note
Alexander Voigt Audiosysteme
Altenhainer Straße 20
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