FIDELITY im Gespräch mit Jean Michel Jarre, Musiker, Performancekünstler und kreativer Kopf des Audio-Unternehmens Jarre Technologies

Ich will nicht Opfer der Musik werden!

Jean Michel Jarre ist ein Mann der Superlative: Er machte den Elektropop massentauglich, sein epochales Instrumental-Album Oxygène von 1977 verkaufte sich weltweit rund 12 Millionen mal. Konzerte inszeniert der Franzose, Jahrgang 1948, als sensationelle Multimedia-Spektakel, sein Auftritt in Moskau 1997 hält mit geschätzten 3,5 Millionen Zuschauern den Besucherweltrekord eines Open-Air Konzertes. Und mit seiner Marke Jarre Technologies mischt er seit Kurzem den Audiomarkt auf. FIDELITY hat darüber mit Jean Michel Jarre auf der IFA Berlin gesprochen.

 

FIDELITY: Jean Michel, du warst als Künstler und Musiker über Jahrzehnte unglaublich erfolgreich. Was um Himmels Willen bringt Dich jetzt dazu, in den verrückten Audiomarkt einzusteigen und warum? Was war der Auslöser dafür?
Jarre: Als Künstler war ich immer ein wenig neidisch, wenn ich meine Kollegen in der Filmindustrie beobachtet habe. Sie bekommen oftmals direkt mit, wie sich die Zuschauer ihre Filme ansehen. Sie können am Ende der Filme mit den Menschen in Kontakt treten, zum Beispiel bei Kinovorführungen. Manchmal sind sie auch an der Entwicklung von Flachbildschirmen und Ähnlichem beteiligt. In der Musikindustrie dagegen arbeiten Künstler oder Produzenten monatelang ausschließlich in Aufnahmestudios. Sie haben keine Verbindung zu den Menschen, können nicht miterleben, wie das Publikum ihre Musik wahrnimmt. Ich meine, am Anfang waren die LPs mit der uns bekannten Qualität. Danach kamen CDs, deren Qualität schlechter war als die von LPs, und dann MP3, dessen Qualität schlechter ist als die von CDs. Gleichzeitig wurde die Technologie in Aufnahmestudios immer hochwertiger. Daher wollte ich nun mit verschiedenen Ideen dazu beitragen, wie die Anlage der Zukunft aussehen könnte. Und der erste Punkt ist die Ästhetik: Wir sollten uns von schwarzen Boxen verabschieden, auch wenn sie für Vintage-Fans sicher noch reizvoll sind. Wir sollten uns anderen Möglichkeiten öffnen und uns auch in Sachen Technologie mehr damit beschäftigen, wie die Musik heutzutage wiedergegeben werden kann.
Nehmen wir zum Beispiel MP3. Als wir Jarre Technologies gründeten, war MP3 der Standard. Wir können Tränen darüber vergießen oder uns dagegen stellen – es ist und bleibt die Realität. Wie können wir also wenigstens erreichen, dass MP3 so gut wie möglich klingt? Mit dieser Philosophie im Hinterkopf fing ich an darüber nachzudenken, welche Art von Anlagen meine Partner und ich entwerfen könnten, wie wir dabei vorgehen könnten. Und was das Design betrifft, dachte ich darüber nach, dass man beim Spielen eines Musikinstruments – wenn man eine Gitarre, eine Geige oder eine Trompete in die Hand nimmt – eine sinnliche, organische Beziehung zu diesem Instrument entwickelt.
FIDELITY: Genau das ist es, eine Beziehung.
Jarre: Eine natürliche Beziehung, die man zu einer Technologie nicht entwickelt.
FIDELITY: Kaum …
Jarre: (lacht) Kaum, und zwar in den meisten Fällen. Zur Musik jedoch hat man definitionsgemäß eine emotionale Verbindung. Ich dachte also über die „Werkzeuge“ und „Instrumente“ nach, die man braucht, um Musik zu Hause abzuspielen, und wie man diese gestalten könnte. Und dann kam ich auf so verrückte Ideen wie die Bulldogge, die eben ein Haustier darstellt. Ich wollte auch etwas Humor in einen relativ monotonen Markt einbringen, wo Lautsprecher doch irgendwie alle gleich aussehen.
FIDELITY: Genau darauf wollte ich auch noch hinaus: Du hältst großen Abstand zur traditionellen Art, Geräte und dadurch die Musik zu präsentieren. Man könnte auch sagen, dass Du Skulpturen herstellst, Objekte, die man gerne besitzt. Selbst wenn sie keine Funktion böten, wären sie noch immer für viele attraktiv. Der Unterschied zwischen einer schwarzen Box, die Musik wiedergibt, zu Deinen emotional gestalteten Produkten ist groß. Du hast offenbar festgestellt, dass Produkte nicht einfach nur schön, sondern wirklich außergewöhnlich sein müssen?
Jarre: So ist es. Ich wollte er auch ein paar provokative Gedanken für eine interessante Gestaltung einbringen und auch die Tatsache berücksichtigen, dass Musik Spaß macht und voller Emotionen steckt. Also haben wir bei unseren Designs auch auf Emotionen Wert gelegt.
Solch ein Objekt kann einem gefallen oder nicht – aus gestalterischer Hinsicht ist es ein Statement, aber eben nicht ausschließlich ein Designerstück, es ist auch funktionell. Und wie ich schon meinen Kollegen erklärt habe, sollte außergewöhnliches Design mit perfekter Qualität einhergehen. Wir haben den Anspruch, erstklassiges Design mit erstklassigem Sound zu kombinieren. Dafür habe ich einige meiner Toningenieure – professionelle Toningenieure – in meinem Studio in konkrete Spielsituationen miteinbezogen, um direkt am akustischen Aspekt zu arbeiten. Ich fand es schon immer unfassbar, dass all die großen Unternehmen – und wir sind wirklich winzig im Vergleich zu all den Industrieriesen – zwar viele Ingenieure beschäftigen, aber keine Verbindungen zu Musikern haben. Also, ich möchte jetzt keine konkreten Unternehmen nennen, aber ich habe in einigen Fällen miterlebt, wie diese ihre Audio-Systeme entwickeln. Und sie testen immer mit Musik, die ich nicht einmal kenne: irgendein unbekanntes tschechisches oder chilenisches Jazz-Trio, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, zum Beispiel. Das ist schon sehr weit von der Wirklichkeit entfernt.
FIDELITY: Stimmt.
Jarre: Ich meine, man kann ja auswählen, was man will: Klassik, Jazz, Rock, Hip Hop, Punk. Aber es sollte schon etwas sein, was bei den Hörern tatsächlich aktuell ist. Sie sollten es wenigstens in die Entwicklung ihrer Geräte einfließen lassen. Wie wir zum Beispiel wissen, hat sich die Beziehung zum Bass über die letzten 20 Jahre grundlegend verändert. Die Menschen brauchen heute mehr Bass. Das hat mit der digitalen Welt und der Filmindustrie zu tun, mit den Anlagen und der Tonqualität in Kinos und Autos. Ob es uns gefällt oder nicht: Unsere Art, Musik zu hören, hat sich in den letzten 20 Jahren maßgeblich verändert. Das muss berücksichtigt werden.
FIDELITY: Gehen wir kurz zurück zu den Anfängen. Wann hat es ‘klick’ gemacht? Wann hast Du diese Eindrücke gewonnen, wann den Gedanken, dass sich etwas verändern müsse und Du etwas dafür tun wolltest?
Jarre: Vor rund zehn Jahren. Damals kam mein Partner Roland Caville, der Präsident des Unternehmens, auf mich zu und fragte mich, ob ich daran interessiert sei, unter meinem Namen eine Audiomarke zu entwickeln. Ich sagte sofort „ja“ – aus den Gründen, die ich eben genannt habe. Und wir entschieden uns, gleich aus dem ersten Produkt – der VROC-Anlage, dem Turm – ein wegweisendes Produkt zu machen. Wir beschlossen, die Anlage möglichst hochwertig, nur aus Glas und Metall herzustellen. Alle hielten uns für verrückt und sagten, das würde nie klappen. Wir aber wollten ein in seiner Preisklasse konkurrenzloses Produkt. Es sollte zugleich ein richtiges Stereo-System, aber auch ein „Monolith“ sein, eine Art Skulptur und ästhetisches Statement. Und so fing alles an.
FIDELITY: Euer erstes Produkt war also diese gigantische, dreieinhalb Meter hohe Anlage? (Aero DreamOne, Anm. d. Red.)
Jarre: Ja. So wie die Formel 1 die schnellsten Autos hat, wollten wir die ultimative Anlage entwickeln. Also entwickelten wir die größte Anlage, die es gibt: 20000 Watt und dreieinhalb Meter hoch, ein Statement, ein Symbol. Mit der Leiter, mit der man oben ein iPad andocken kann, ist die Anlage so etwas wie die moderne Version einer Musikbibliothek. So wie früher, als man in der Bücherei die Encyclopædia Britannica oder Tschechows Erzählungen mit Widmung an Tschaikowsky erst einmal aus dem Regal holen musste …
FIDELITY: (lacht) Als ich dieses Foto zum ersten Mal sah, dachte ich, okay, das sieht ganz gut aus, guter Einfall. Dann fiel mir die Leiter auf. Und ich stellte fest, dass das winzige Gerät obendrauf kein iPhone, sondern ein iPad ist – erst dann erkannte ich die Dimensionen der Anlage.
(Gelächter)
Jarre: Ja, es war wirklich verrückt, ein Statement. Und ich sage das mit großer Bescheidenheit, denn wir spielen aus wirtschaftlicher Hinsicht nicht in der gleichen Liga mit all den großen Unternehmen. Ich denke jedoch, dass es für die Audiowelt eine klare Botschaft ist, ein Weckruf, um mehr über die Bedürfnisse der heutigen Hörer nachzudenken und diese zu respektieren.
FIDELITY: Es gibt einen großen Markt für innovative Produkte. Und der Erfolg deiner Geräte macht deutlich, dass die Branche noch enorm ausbaufähig ist …
Jarre: Das ist der zentrale Punkt. Genau darum geht es. Wenn man zum Beispiel einmal den Erfolg von Beats nimmt …
FIDELITY: Ein sehr gutes Beispiel.
Jarre: Beats wurden plötzlich zu einem Statement und gleichbedeutend mit einem Modeaccessoire. Es drehte sich seither nicht mehr nur um Audio.
Offen gestanden bin ich persönlich kein großer Fan von Beats, aber das steht hier nicht zur Debatte. Ich hatte zum Beispiel schon seit Langem die Idee, Kopfhörer zu entwickeln, wobei wir uns uns derzeit noch im Entwicklungsprozess befinden. Jedenfalls hat dieser Trend wenigstens zu einem Statement über Kopfhörer geführt. Sie sind nicht nur für Audiodateien und Computerfreaks in Labors gedacht. Man kann sie auf der Straße tragen, als Teil des alltäglichen Lebens.
FIDELITY: Apropos Alltag: Du bist als Musiker von morgens bis abends im Tonstudio, Tag für Tag von Musik umgeben. Wie wichtig ist Dir eigentlich Musik in deiner Freizeit? Spielt Musik für dich zu Hause überhaupt eine Rolle oder denkst Du eher, okay, jetzt ist Feierabend, jetzt ist Ruhe angesagt?
Jarre: Eine interessante Frage. Im Moment arbeite ich Tag und Nacht an meinem aktuellen Projekt, deshalb höre ich rund um die Uhr die Musik, die ich mache und erschaffe. Deshalb neige ich dazu, Musik komplett abzustellen, sobald ich mit der Arbeit fertig bin.


FIDELITY: Das wundert mich nicht …
Jarre: Aber in weniger kreativen Momenten genieße ich es, Musik zu hören. Okay, wir sind hier auf der IFA – aber ich mag es nicht, wenn in der Öffentlichkeit Hintergrundmusik läuft. Ich hasse das, für mich ist das akustische Luftverschmutzung. In Restaurants benutze ich häufig sogar Ohrstöpsel, vor allem in den USA, wo die Musik in Restaurants oft so laut ist, dass man seine Freunde anschreien muss. Es ist einfach furchtbar. Ich liebe es, Musik zu hören – und nicht zum Opfer der Musik zu werden.
FIDELITY: Wie wichtig ist Dir eine gute Tonqualität? FIDELITY als HiFi-Magazin legt großen Wert auf die Qualität der Wiedergabe. Trotzdem gibt es Momente zu Hause, wo das ultimative Klangerlebnis durchaus in den Hintergrund tritt. Gibt es für Dich ein Qualitätsminimum? Oder ist es Dir ganz einfach egal, solange nur die Musik gut ist und nicht die Ohren quält?
Jarre: Schon wieder eine sehr interessante Frage. Und ich teile Deine Einstellung zum Hörverhalten zu Hause. Ich höre gerne mit einfachen Geräten Musik, da es mich dem näher bringt, wie die meisten Menschen Musik hören. Das ist meine persönliche Einstellung, mein eigenes Interesse. Wenn ich in einer Situation bin, in der ich mich bewusst aufs Hören konzentriere, höre ich gern über eine gute Anlage. Im Alltag aber benutze ich Geräte mit durchschnittlicher Soundqualität. Gleichzeitig mag ich Hintergrundmusik nicht besonders. Ich neige dazu, mir lieber keine Musik anzuhören, wenn es nicht gerade die Aktivität ist, auf die ich mich konzentriere. Für mich ist das ungefähr so, wie den Fernseher einfach laufen zu lassen und nicht hinzuschauen. Man sollte sich für eins entscheiden: ausschalten oder fernsehen. Beides geht nicht.
FIDELITY: Also handelst Du sehr bewusst?
Jarre: Ja. Ein anderes Beispiel: Wenn ich im Urlaub bin und Musik hören will, verwende ich normalerweise ein gewöhnliches Gerät. Ich brauche nicht die ganze Zeit ultimative Soundqualität, aber wenn ich bewusst höre, genieße ich sie schon.
FIDELITY: Jean Michel Jarre, wir bedanken uns für diese interessanten Einblicke.
Jarre: Die Freude ist ganz auf meiner Seite.

 

www.jarre.com

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