Acoustic Solid 111 Metall: Massenhaft Spaß

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit analoger Musikwiedergabe von der Schallplatte. Und fast immer war es neben dem Spaß auch Arbeit. Bis jetzt.

Wer Plattenspieler liebt, leidet. Einerseits unter den Blicken aus dem Bekanntenkreis, die einen treffen, wenn man in einem schwachen Moment zu sehr ins Schwärmen kommt und ins Detail geht. Erst recht, wenn man dann über Kosten spricht. Andererseits leidet man auch unter der Szene selbst. Mitunter scheint guter Klang nur durch eine erhebliche Leidensfähigkeit erkaufbar zu sein. Hört man sich in gewissen audiophilen Zirkeln um, scheinen genau die Geräte nichts zu taugen, die ohne größere Probleme erstens erwerbbar und zweitens bedienbar sind. Wirklich guter Klang, so raunt es durchs Dickicht von Gerüchten und Halbwissen, sei nur von einer Handvoll Eingeweihter zu erreichen, die seltenste Geräte aus obskuren Quellen mit enormem Aufwand zu bester Performance überreden können. Da hört man von Spezialisten, die einen Linn LP 12 für einen stattlichen Betrag feinst justieren, was natürlich auch 14 Tage (!) dauert. Reine Arbeitszeit, versteht sich.
Wirklich lustig ist es hingegen, wenn man diese – meist selbsterklärten – Heroen der Szene auf ihr musikalisches Wissen abklopft. Und so beschleicht mich dann oft die bange Frage, was diese Menschen eigentlich suchen, wenn sie noch nicht einmal wirklich wissen, worum es geht.
Langer Vorrede kurzer Sinn: Es geht auch anders. Karl Wirth, der Gründer und Chef der kleinen und feinen schwäbischen Analogmanufaktur Acoustic Solid, stellt sich dieser Esoterik mit solidem Ingenieurswissen in den Weg. Seine Produkte sollen erklärtermaßen dem Kunden dienen, nicht umgekehrt. Das möchte ich nachvollziehen und so landet schließlich der Acoustic Solid 111 Metall – leider noch ohne das neue „Auffrischset“ (der Mann ist Ingenieur und kein Werbetexter) – bei mir. Ein kompakter Karton, in dem nichts klappert oder wackelt, wenn man ihn etwas schüttelt. Sie ahnen nicht, wie selten das ist. Die obere Etage wird von einem Schaumstoffblock eingenommen, in den mehrere Vertiefungen für die Anbauteile und das Zubehört des Plattenspielers inclusive eines Paares weißer Handschuhe eingelassen sind. Das wirkt durchdacht und ist sauber umgesetzt. Über allem liegt eine Bedienungsanleitung, die – ebenfalls selten in dieser Szene – ihren Namen auch verdient. Der ohnehin unproblematische Aufbau des Plattenspielers wird hier ausführlich und bebildert beschrieben. Dass die Bilder und das Layout etwas hausbacken wirken, soll uns nicht weiter stören, da alles dennoch sehr ernsthaft wirkt. Mir ist das in jedem Fall lieber als eine professionell werbewirksam aufbereitete Mogelpackung.
Der Aufbau geht letztlich schnell und leicht von der Hand. Das eigentliche Laufwerk aus der unteren Etage heben, auf das Rack stellen und über die drei Spikefüße ins Wasser zu stellen, ist eine Sache von höchstens fünf Minuten. Dann schnell noch die Sicherungslage aus Schaumstoff entfernen und den Teller sanft ins Lager gleiten lassen. Jetzt gibt es eine kleine Pause, denn Lagerachse und -buchse passen derart gut zusammen, dass der Teller eine gute Weile benötigt, vollends in das invertierte Lager zu sinken. Bei dieser Konstruktion handelt es sich im Übrigen nach wie vor um das von Karl Wirth seit Jahren bevorzugte Konzept, bei dem die Lagerbuchse aus einem harten, extrem glatten und gleitfähigen Kunststoff aus dem Maschinenbau um die Achse gegossen wird, um perfekt sitzende Passungen zu gewährleisten. Dieser Materialkombination, an der man schon den Maschinenbauprofi erkennt, attestiert Wirth eine besonders gute Gleitfähigkeit, minimale Toleranzen und die Minimierung üblicher Hafteffekte, bei denen sich ein Lager (natürlich in ganz kleinem Maßstab) immer wieder „festsaugt“ und dann erst wieder losbrechen muss. Die bessere Darstellung klanglich feinster Details soll die Folge sein. Die Lagerkugel aus Keramik ist fest mit der Stahlachse verbunden und läuft auf einem Teflonspiegel, den sie erfahrungsgemäß erst einmal einlaufen muss. Auf dem Teller liegen eine Filzmatte und eine fünf Millimeter starke Acrylscheibe. Wiederum in Kombination mit dem Aluminiumteller eine ausgefuchste Zusammenstellung, auf die Karl Wirth aus klanglichen Gründen schwört.
Der vormontierte Arm ist in diesem Fall ein kleiner Rega, was eine durchaus gute Wahl ist. Der Abtaster, ein Nagaoka MP110, ist schon montiert, und das – wie ich bei eingehender Prüfung feststelle – auch sehr genau. Korrekturen sind nicht erforderlich. Der neue Besitzer muss lediglich das Gegengewicht montieren und die Auflagekraft einstellen. Dann noch den Motor platzieren, mit der Steuerung und dem Netzteil verkabeln, den überraschend elastischen Silikonring auflegen und schon steht das analoge Komplettpaket. Seit dem Öffnen des Kartons sind gerade einmal 15 Minuten vergangen und – hurra! – es dreht sich die erste Platte. Das habe ich bei einem aufwändigen Masselaufwerk noch nicht erlebt, Respekt. Und, nein, auf die Diskussion einiger Highender, ob ein Laufwerk mit einer Masse von 17 Kilogramm schon der Masse-Klasse zugerechnet werden darf, oder ob dafür allein der Teller schon so viel auf die Waage bringen muss, lasse ich mich hier und jetzt erst gar nicht ein.
Preislich nimmt sich die Angelegenheit auch noch recht moderat aus: 2090 Euro verlangt Acoustic Solid für das gesamte Set, bestehend aus dem Laufwerk 111 Metall samt Tonarm WTB303 (von Rega) und besagtem Tonabnehmer. Das in diesem Bericht nicht mit verarbeitete „Auffrischset“ kostet noch einmal freundliche 500 Euro und umfasst eine Basisplatte mit Dämpfungsfüßen, eine entsprechende Motorerhöhung und weitere Dämpfungsblöcke aus POM. Es lässt sich jederzeit nachrüsten, wobei freilich weder Löt- noch Schraubarbeiten nötig sind.


„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.“ Diese philosophische Essenz von Friedrich Nietzsche (Jenseits von Gute und Böse) ist natürlich eine schrecklich überdimensionierte Kanone für den HiFi-Spatz, um den es hier geht, und beschreibt die Situation dennoch recht genau. Die vielen Jahre der Beschäftigung mit High End Audio haben mich zu einem misstrauischen Wesen deformiert, wenn ich auch einfache Lösungen treffe. Und all das, wogegen ich in der Einleitung wettere, ist offensichtlich auch tief in mir, ist ein Teil von mir geworden, den ich gerade in mühevoller Kleinarbeit wieder zu vertreiben suche. Die bange Frage: Kann ein Plattenspieler wirklich gut spielen, wenn er derart simpel zu installieren ist? Gegenfrage: Warum eigentlich nicht? Oder noch besser: Kann ein so einfaches System nicht viel besser auf den Punkt kommen?
Bereits die erste Platte zeigt mir wieder einmal, was audiophile Vorurteile wirklich wert sind: rein gar nichts. Der Acoustic Solid 111 Metall spielt nämlich aus dem Stand heraus und ohne Aufwärm- oder Einlaufzeit dermaßen schlüssig, locker und schwungvoll, dass es eine Freude ist. Holly Coles „The House Is Haunted“ liegt auf dem Plattenteller und die kraftvollen Big-Band-Arrangements machen sofort Spaß, spielen mit Verve aus der Mitte. Die Darstellung vermeidet jede akademische Langeweile, die Masselaufwerken mitunter nachgesagt wird. Was allerdings nicht bedeuten soll, dass der 111 Metall weniger akribisch mit Nuancen umgeht: Ein schneller Wechsel zu Caterina Valentes New-York-Album mit der wirklich grandiosen Sy Oliver Band zeigt, dass das schwäbische Komplettangebot in Sachen Timing keine Fragen offen lässt. Gerade bei den unangenehmen Midtempo-Nummern auf der ersten Plattenseite geht bei manchen Plattenspielern der Zusammenhang verloren, bleibt das Tempo seltsam seelenlos in der Luft hängen. Der Acoustic Solid wahrt hier den Fluss, was deutlich für Lager und Antrieb spricht. Ich probiere anstelle des Silikonriemens noch fix einen simplen Bindfaden aus, und schon ist bei diesen sensiblen Timingsachen ein Teil des Zaubers dahin. Karl Wirths Konzept geht also gut auf.
Diese Fähigkeit des schlüssigen Timings erhebt den 111 Metall meiner Meinung nach über viele Konkurrenten dieser Preisklasse. Allerdings gibt es auch bei ihm Bereiche, in denen noch Luft nach oben ist. Andernfalls ließen sich ambitioniertere Produkte aus gleichem Hause oder von anderen Herstellern auch nicht rechtfertigen. Dabei lassen sich diese Defizite unterschiedlichen Quellen zuordnen. Ein Mehr an Auflösung in den hohen und höchsten Frequenzen erreicht man hauptsächlich durch den Wechsel zu einem höherwertigen Tonabnehmer. Ortofon Vienna, Koetsu Black oder Lyra Dorian lesen da noch deutlich mehr aus den Rillen, wobei man auch fairerweise bemerken muss, dass jedes dieser Systeme allein schon so viel kostet wie dieses gesamte Set.
Sucht man hingegen mehr Auflösung, räumliche Information und Schwärze im Frequenzkeller, stoßen in diesem Fall Arm und auch das Laufwerk selbst an ihre Grenzen. Auch die hier benutzte Arm/System-Kombination liefert an einem deutlich „größeren“ Laufwerk noch ein paar Informationen mehr, was Charakter, Farbe und Standort der Kontrabässe am Beginn von Wagners Tristan und Isolde angeht. Doch auch bei diesem Vergleich sind wir preislich diesem Set, das sich eher an den analogen Einsteiger oder Gelegenheitshörer richtet, weit entwachsen.
Zu einem späteren Zeitpunkt werden wir bestimmt noch nachhören, welche Klangsteigerungen das Auffrischset ermöglicht. Spannend ist diese Frage auf jeden Fall, wirkt sich doch gerade bei Analoglaufwerken die Aufstellung entscheidend auf die Performance aus.
Was bleibt nach einigen Wochen mit dem Solid 111 Metall? Er ist, kurz gesagt, ein guter Freund. Ein Plattenspieler, der unkompliziert im Aufbau und der Bedienung ist, klanglich allerdings schon ganz weit nach vorne fährt und dabei einen für Masselaufwerke untypischen, leichten Einschlag in die spaßbetonte Klangrichtung bietet.

 

www.acoustic-solid.com

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