FIDELITY zu Besuch bei KEF, Maidstone, England

Younger than ever!

Verkehrte Welt? Bereits vor über zehn Jahren lernte ich KEF von innen kennen: Ich besuchte das Hauptwerk in China. Da die Marke aber selbstverständlich als „typisch englisch“ gilt, kommt die Einladung, nun auch das hifi-historisch enorm wichtige Hauptquartier von KEF kennenzulernen, genau richtig.
Seit mehr über 50 Jahren werden im südenglischen Maidstone alle KEF-Modelle entwickelt. Und GP Acoustics, die chinesische Muttergesellschaft seit mehr als 20 Jahren, lässt den Tüftlern reichlich Freiheiten, um sich auch weiterhin zu Recht als „typisch britisch“ zu präsentieren. Unverändert ist in Maidstone nicht nur die Forschungs- und Entwicklungsabteilung beheimatet, sondern auch die Manufaktur, welche die Spitzenmodelle der Marke in jeweils kleinen Einheiten nach allerhöchsten Maßstäben fertigt. Hier zählt echtes Know-how und Handwerkskunst mehr als alle Vorgaben für eine maximal effiziente Fließbandfertigung.
Wieviel den Eigentümern das historisch gewachsene Headquarter wirklich wert ist, zeigte sich, so KEF-Markenbotschafter Johan Coorg, als „pünktlich zu Weihnachten 2013“ die „Mutter allen Hochwassers“ wichtige Teile des Unternehmens zerstörte. Anfang 2014 meldete dann auch noch der größte Gehäusezulieferer aus Dänemark Konkurs an. Daraufhin investierte GP Acoustics große Summen in die Erweiterung des hauseigenen Maschinenparks, um in China die eigene Gehäusefertigung auf höchstes Niveau zu hieven. Zudem beschloss man, die unbrauchbar gewordenen Gebäudeteile in England von Grund auf komplett neu zu bauen. Der Wiederaufbau hat natürlich gedauert, sich aber auch gelohnt – für die Firma ebenso wie für Mitarbeiter. Und für Besucher.


Wir folgen Johan Coorg durch die strahlende Spätsommersonne hinein in den neuen Gebäudetrakt. Im neuen Empfangsraum gibt es zwar einen Empfangstresen, aber keine Empfangsdame, sondern einen großen Bildschirm, auf dem ein KEF-Promofilm in einer Endlosschleife läuft. Der wahre Hingucker aber ist eine aufgeschnittene Blade, die über dem Tresen „schwebt“, zweifellos das markanteste KEF-Produkt der letzten Jahre. Rechterhand grüßen weitere Modelle die Besucher, weiter geht’s in den Konferenzraum. Nach einem kurzen historischen Abriss der Ereignisse entern wir kurz einen kuschelig-dunklen Demo-Raum. Man präsentiert uns die jüngsten, vor allem „unsichtbaren“ Lautsprecherentwicklungen für das ambitionierte Heimkino. Nach raumfüllendem „Dolby Atmos 7.2.4“ freue ich mich schon darauf, später ein paar audiophile Schmankerl in klassischem Stereo genießen zu dürfen. Sie sollen sich als das Highlight meines Besuches entpuppen.
Bevor es soweit ist, lernen wir einige der insgesamt 45 Mitarbeiter in Maidstone kennen – sofern diese sich nicht gerade in der Teepause befinden … Der Chef des vierköpfigen Ingenieurteams heißt Jack Oclee Brown und wirkt unglaublich jung. Was daran liegt, dass er tatsächlich erst 32 Jahre alt ist. Doch er hat bereits vor einigen Jahren die Blade verantwortlich mitentwickelt. Somit verkörpert Jack geradezu idealtypisch das Bestreben von KEF, die besten Akustikingenieure frisch von den Unis in Southampton und Manchester (nicht aber in China!) zu verpflichten. Er demonstriert anschaulich, wie bei KEF geforscht und entwickelt wird, nämlich mithilfe von ziemlich schlauen, großteils selbstgeschriebenen Computerprogrammen, mit 3D-Druckern für erste Prototypen, mit reichlich Messplätzen und einem anständigen reflexionsarmen Raum. Entscheidend für die endgültige Feinabstimmung eines Produkts ist übrigens immer noch das gemeinsame Musikhören im ganzen Team.
Darauf ist man bei KEF ebenso stolz wie auf die traditionell geprägte und bereits 1979 eingeführte Fertigung der Topmodelle in kleinen Einheiten, die sogenannte „cell production“. Auf diese Weise behält KEF die volle Kontrolle der Fertigung und kann bei Bedarf sofort korrigierend eingreifen. Überall wird hier konzentriert geschraubt, gemessen und gewienert. Und bei Bedarf auch professionell wiederaufbereitet: Ein Pärchen der Blade in Leuchtgrün zieht im Eingangsbereich der stattlichen Halle die Blicke auf sich. Der prominente Besitzer, der nicht genannt werden möchte, hatte sie nach nicht unbedingt artgerechter Benutzung vorsichtshalber zum Check-up nach Maidstone verfrachtet. Er darf auf perfekten Service hoffen.
Wir biegen nun ab ins hauseigene Museum, wo praktisch alle Klassiker (und einige Kuriositäten) des Unternehmens zu sehen sind. Kleinere Unvollständigkeiten auf der Zeitachse weisen noch immer auf das zerstörische Werk des Hochwassers hin. Ich selbst hätte notfalls mit dem einen oder anderen Klassiker aushelfen können, muss es aber nicht: Der legendäre BBC-Kleinmonitor LS 3/5A ist ebenso vor Ort wie die gute alte „Luftpumpe“ namens 103/4, die mich einst „koaxial infizierte“ und noch immer bei einem Freund in Schweden für Musik und gute Laune sorgt. Die LS50, eine der meistunterschätzten Lautsprecher überhaupt und mein persönlicher Schreibtischfavorit, führt uns allmählich in die Jetztzeit zurück. Vielleicht sogar ein Stückchen in die Zukunft?


Denn nun nehmen wir vor der großen Vorzeigeanlage im Hause KEF Platz. Auch dieses Soundsystem ist an einigen Stellen hochwasserbedingt neu besetzt worden, etwa mit einem quasi „handgesägten“ Vorverstärker oder einem überaus stattlichen Quartett massiver Mono-Endstufen aus dem Hause Luxman. Die Monster-Transistorverstärker sind eine gute Wahl, um die notorisch leistungshungrigen KEF-Spitzenmodelle standesgemäß anzutreiben. In den nächsten Stunden bekommen wir gleich drei hochinteressante Pärchen der obersten Kategorie zu Gehör, darunter auch eine modifizierte Muon, deren frisch montiertes und vielversprechendes Upgrade-Kit nicht einmal Johan Coorg bisher gehört hat.
Wir staunen nicht schlecht: So sind beispielsweise die klanglichen Unterschiede zwischen der ikonischen Blade 2 und der aktuellen, geometrisch strengen Reference 5 zwar hörbar, aber nicht wirklich riesig. Überhaupt spielen beide auf einem derart hohen Niveau, dass sich die frisch entblätterten Muons (oder besser: die Luxman-Monos) schon ein kleines bisschen anstrengen müssen, um die HiFi-Hierarchie korrekt aufrecht zu erhalten. Falls Sie zufälligerweise ein Pärchen dieser Zwei-Meter-Ikonen besitzen: Ja, das Update lohnt sich unbedingt, mit rund 8000 Euro darf es angesichts einer neuen Leichtigkeit des Hörens sogar als Schnäppchen durchgehen. Aber das nur als Randbemerkung für die Unersättlichen mit extradickem Portemonnaie.
Verkehrte Welt? Für diese Summe gibt es doch auch ein Paar der sagenhaft guten Reference 1, die uns in FIDELITY Nr. 19 (Ausgabe 3/2015) bezaubert hat. Oder gleich acht Paar LS50, quasi ein Set für jeden Schreibtisch der FIDELITY-Redaktion … Wie auch immer. Ich bin froh, dass es nach dem Hochwasser mit KEF wieder steil aufwärts geht. Findet auch Johan Coorg und lässt schon wieder einen extrascharfen Track über typisch englische Lautsprecher erklingen. Wozu braucht KEF eigentlich einen Belastungstest? Sie haben doch ihren Markenbotschafter Johan.

http://www.kef.com/html/de

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