Einstein Audio – Erlösung durch Auflösung? Bitte hier lang!

Der Einstein The Amp Ultimate steht ab sofort an der Spitze der hauseigenen Vollverstärker-Hierarchie.

Das ist insofern bedeutend, als es da bisher keine Hierarchie gab. Die Bochumer Elektronik-Manufaktur Einstein Audio hatte immer nur einen einzigen Integrierten im Programm. Am Anfang stand The Amp; neun Jahre lang war dieser Transistor-Vollverstärker das einzige Einstein-Produkt und begründete faktisch im Alleingang den guten Ruf der Firma. Den 2003 vorgestellten Nachfolger in Röhren/Transistor-Hybridbauweise namens The Absolute Tune gibt es in modellge¬pflegter Limited-Edition-Ausführung noch heute. Jetzt, mit etwas gutem Willen noch zum 25-jähri¬gen Firmenjubiläum, gesellen sich der mit einer D/A-Wandlersektion und einem Phonoeingang ausgerüstete „kleine“ Integrierte namens The Tune dazu – und besagtes Topmodell, (fast) ohne Extras, dafür aber mit, richtig, ultimativem technischem und klanglichem Anspruch.

Einstein Audio The Amp Ultimate 6 KopieOptisch macht der Neue auf den ersten Blick exakt genauso viel her wie sein kleiner Bruder The Absolute Tune. Das ist nicht wenig, denn der typische eigenständige Einstein-Materialmix aus glänzenden Metall- und Acryloberflächen sorgt für einen ausnehmend eleganten, ja geradezu noblen Auftritt. Bei Draufsicht fallen die voluminöseren Trafoabdeckungen des Topmodells auf. An dessen Rückseite gibt es einen symmetrischen Hochpegel-eingang zu entdecken sowie ein Pärchen kleiner Mehrpolanschlüsse – da lässt sich das optional gleich mit erwerbbare externe Phonoteil The Little Big Phono andocken. Clever!
Wer den Gegenwert eines kleinen Stadtautos für einen Vollverstärker ausgibt, darf zu Recht absolute, um nicht zu sagen: ultimative Qualität verlangen. Der Einstein übertrifft da schon bei der Ankunft die Erwartungen. Er kommt in ei¬ner ausgesprochen ansehnlichen Holzkiste, im Lieferumfang befindet sich neben einem Paar weißer Baumwollhandschuhe auch ein überra¬schend aufwendiges Netzkabel sowie eine exqui¬site Systemfernbedienung in schwarz eloxiertem Aluminiumgewand namens The Remote, deren Oberflächenwölbung dem Krümmungsradius der Frontplatte entspricht. Falls Einstein auf derselben Basis eines Tages ein Funktelefon anbieten möch¬te: Meine Vorbestellung habt ihr!
Standesgemäß geht es auch im Inneren des 23 Kilo schweren Integrierten zu. Einstein-Chef Volker Bohlmeier und Entwickler Rolf Weiler verfolgen in ihren Verstärkern seit langem konsequent das selten anzutreffende Schaltungskonzept des Circlotrons (nicht zu verwechseln mit dem Cyclotron – das wäre ein Teilchenbeschleuniger). Die Idee stammt vom Ende der Röhren-Ära zu Beginn der 1950er Jahre. Das Ziel damals war es, Röhrenverstärkern Verzer¬rungsarmut, größere Bandbreite und niedrigere Ausgangsimpedanz (vulgo höhreren Dämpfungs¬faktor) anzuerziehen sowie die Ausgangsübertrager vor Gleichstromanteilen zu schützen. Im The Amp Ultimate ist die Circlotron-Schaltung allerdings, wie unschwer zu erkennen, mit Transistoren (genauer: Leistungs-MOSFETs) realisiert.


Der Signalweg im Schnelldurchlauf: Pro Kanal zwei besonders rauscharme und breitbandige Dop-peltrioden des von der bekannten E88CC abgeleite¬ten Typs PCC88 nehmen in Differenzschaltung die Eingangssignale entgegen und stellen am Ausgang ein symmetrisches Signal bereit. In der folgenden Circlotron-Endstufe setzt Entwickler Rolf Weiler auf starke Gegenkopplung – „Gegenkopplung muss man können“, lautet die Antwort auf meinen leisen Hinweis auf diese in audiophilen Kreisen gerne ver-teufelte Regeltechnik. Voraussetzung sei allerdings eine Schaltung mit hoher Bandbreite und Linearität.
Weil die Verstärkerschaltung ohne Massebezug arbeitet (auf der schwarzen Ausgangsklemme liegt das invertierte Signal, der Lautsprecher sitzt damit quasi im Zentrum eines symmetrischen Push- Pull-Systems), steckt in der Stromversorgung ein besonders großer Aufwand. Jeder Transistor verfügt über eine eigene Gleichrichtung und Siebung, was eigens gewickelte Trafos mit nicht weniger als sie-ben Sekundärwicklungen notwendig macht.
Vom beschriebenen Aufwand hört man erst einmal nichts. Jawohl, im Betrieb fehlen alle ge¬wohnten akustischen Rückmeldungen: nicht das leiseste Brummen, weder mechanisch noch aus dem Lautsprecher, ebensowenig Rauschen. Nur das stille Glimmen der Röhren und eine blaue LED an der Front weisen auf Betriebsbereitschaft hin. Daran ändert sich selbst nach Umschalten auf die Phono-Vorstufe The Little Big Phono nichts.
Der Einstein ist zu einer Zeit bei mir gelandet, als neben meiner eigenen Vor-/Endstufen-Kombi von Naim noch der digitale Hightech-Integrierte Devialet 110 und der koreanische Röhren-Exot JI-300B Mk.III von Silbatone zu Gast sind. Das ist in etwa so, als hätte man als rechtschaffener Passat-Fahrer Zugriff auf einen Tesla und einen Jaguar-Zwölfzylinder. Und dann bringt jemand einen BMW M5 vorbei.


Klar hinkt der Auto-Vergleich. Aber in puncto Sprintfähigkeit hat der Amp Ultimate ohne Frage M-Qualitäten. Das fällt als Erstes auf: die ungeheu¬re Rasanz, die altbekannte Aufnahmen wie dyna-mikexpandierte Remasterings klingen lässt. In den Worten meiner Frau, nach nur wenigen Sekunden des Hörens (Soloklavier, Violoncello mit Orchester): „Der klingt wie Pfefferminz. Alles ist so frisch!“
Zur subjektiv empfundenen Schnelligkeit gesellt sich ein Auflösungsvermögen, das Mu¬sikhören bisweilen wie akustische Mikroskopie scheinen lässt. Mehr als einmal hat mich diese Eigenschaft aus der bequem zurückgelehnten Sitzposition im Hörsessel getrieben, stattdessen rückte ich ein ganzes Stück näher an die Lautspre¬cher und lauschte auf der Sesselkante konzentriert in Hallräume und Spielgeräusche.
Als großartiges Detail-Jagdgebiet hat sich völlig unerwartet die CD In A Space Outta Sound von Nightmares on Wax herausgestellt. Eigentlich wollte ich mir vom Einstein nur die Bassspuren der Club-Tracks um die Eingeweide hauen lassen. So einen Tiefton, wie ihn der Bochumer den Mem-branen diktiert, erlebt man schließlich nicht alle Tage. Ungemein punchy, kontrolliert vom bösesten Synthie-Rumpeln bis ins letzte feine Nachbeben. Nun spielt der Verstärker aber auch enorm lässig und kippt im feinst luftigen Hochton nie ins Plärren – also dreht man mit Vergnügen lauter, und noch lauter, und plötzlich, die Wände wackeln schon, zeigen die Samples, was in ihnen steckt: hier ein Rauschen, da ein Netzbrumm, dort ein Vinyl-Knackser …
Das mit dem Lautspielen will ich noch einmal unterstreichen. Der Amp Ultimate spielt gerne laut und lädt auf schwer zu erklärende Weise regelrecht zum Hochdrehen ein. Woran es liegt? Vielleicht ist es die große Sauberkeit und Klarheit, mit der er zu Werke geht. „Laut“ bedeutet dann nicht ein Mehr an allem, Musiksignal wie auch selbst generierte Verzerrungen und Störgeräusche, sondern tatsächlich ein Näherrücken ans Geschehen, ein tieferes Eindringen in den Klangraum.
Wo wir gerade von Raum sprechen: Das phänomenale Auflösungsvermögen des Einstein macht sich natürlich auch bei der Raumwiedergabe bemerkbar. Ich hatte einen geradezu kindlichen Spaß am Erlauschen der Sekundenbruchteile zwischen Beginn eines Tracks und tatsächlichem Einsetzen der Musik. Spielt die Anlage mit, ergeben sich da regelrecht magische Momente. Das kann das kaum wahrnehmbare und doch einen ganzen Saal definierende Rauschen einer Klimaanlage sein, wie jenes in der Pariser Bastille-Oper, bevor das Orchester zur Rimski-Korsakows Shéhérazade ansetzt. Sind nicht genau das die Gänsehaut-Momente, für die wir Audiophile leben?


Auch der tonale Fingerabdruck des Einstein steht ganz im Zeichen von Sauberkeit und Klarheit. In den oberen Mitten und im Hochton ist viel Luft; wer explizit Süße und Klangfarbenzauberei sucht, der sollte entweder Zuspieler und Lautsprecher passend kombinieren oder anderswo suchen.
Die schiere Power des The Amp Ultimate verlangt nicht nur nach passenden Lautsprechern. Das schlüssigste Resultat wird sich in großen Räumen erreichen lassen, die dem grandiosen Bass-Punch genügend Auslauf bieten und Klangbäder bei Live-Lautstärken zulassen.
Die Phonostufe ist allein wegen des sensationell geringen Aufpreises (als „Stand-alone“-Phono-Pre mit separatem Netzteil kostet sie 2300 Euro!) ein Muss. Einsteins The Little Big Phono ist ein volldiskret aufgebauter reiner MC-Pre mit passiver Entzerrung. Eine Impedanzanpassung an den verwendeten Tonabnehmer erfolgt mit Cinch-Steckern, intern sind als Maximalwert 470 Ohm eingestellt, die sich via Stecker nach Wunsch reduzieren lassen. Mein Lyra Kleos, das sich an den 47 Kiloohm des Bauer Phono pudelwohl fühlt, kam mit den 470 Ohm blendend zurecht.
Klanglich schlägt Die Kleine Große Phonostufe in die gleiche Kerbe wie der sie stromversorgende Verstärker. Am Kleos zeigte sie ein phänomenales Auflösungsvermögen und verlieh Klangereignissen starke Präsenz. In meiner Studienzeit war ich glühender Rickie-Lee-Jones-Fan, die legendäre Debüt-LP der US-Sängerin hatte ich nun aber schon viele Jahre im Plattenschrank ruhen lassen. Mit Einstein-Verstärkung stand Mrs. Jones frisch (Pfefferminz!) und, jawohl, von ihrer berüchtigten nasal-nölenden Stimmfarbe fast gänzlich befreit im Raum und erinnerte mich an ihren Auftritt vor vielen Jahren in der Berliner Kulturbrauerei, bei dem ich die „Audiophilen-Ikone“ als klasse Sängerin erleben konnte, deren Körpergröße in diametralem Gegensatz zum Stimmvolumen steht.
Ich hatte mich gefreut, ich war bereit, beeindruckt zu sein, aber so überrollt zu werden – damit hatte ich nicht gerechnet. Einsteins The Amp Ultimate kann tatsächlich das werden, was sein Name ankündigt: der endgültige Verstärker.
Mit einem Wort: fulminant!

 

www.einstein-audio.de

 

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