Es lebe die CD!

Was seine Konkurrenten bisweilen derart vernachlässigen, dass es kaum noch richtig funktioniert, hat beim brandneuen Moon Neo 260D unerwartete Qualitäten: das CD-Laufwerk

Jaja, lachen Sie ruhig über mein Vorhaben. Auch bei meinen Redaktionskollegen ruft es schmunzelnde Gesichter hervor. Die ganze Audio-Welt rippt, downloadet und streamt, was das Zeug hält, aber ich beabsichtige ganz ernsthaft, mir im Jahr 2014 einen neuen CD-Player anzuschaffen. Genau: einen dieser zunehmend vom Aussterben bedrohten Digital-Dinosaurier. Zugegeben, ein Computer als Musik-Quelle wäre bestimmt komfortabler, und vielleicht würde meine Musik sogar noch etwas besser klingen, wenn sie auf einer Festplatte gespeichert wäre. Aber wissen Sie was? Ich hantiere eigentlich ganz gerne mit CDs. Außerdem bekommt man inzwischen für durchaus überschaubares Geld einen CD-Klang, der bei mir persönlich kaum noch Wünsche offenlässt – zumindest ohne direkten Vergleich mit einem sehr hochkarätigen und vielfach teureren Plattenspieler. Im Übrigen ist meine Frustrationsschwelle bei Computern prinzipiell äußerst gering. Da die Kisten für meinen Geschmack viel zu oft etwas anderes machen, als das, was ich will, sehe ich mich mit PC im Hörraum eher über Konfigurationsprobleme fluchen als Musik genießen.
Nichtsdestotrotz wirken CD-Spieler auf die meisten jüngeren Menschen heutzutage natürlich ziemlich altbacken und uncool. Möchte ein Unternehmen seine CD-Player dennoch unters Volk bringen, sollte es daher tunlichst vermeiden, sie als solche zu vermarkten. Viele Hersteller nennen ihre CD-Player deshalb nicht mehr CD-Player, sondern „D/A-Wandler mit CD-Laufwerk“. Auf diese Weise schlagen sie gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Sie müssen zum Beispiel kein von Grund auf neues Gerät entwickeln. Einige zusätzliche Digitaleingänge genügen vollauf für die Umbenennung. Und weil jeder, der anständig per Computer Musik hören möchte, einen externen DAC benötigt, verkauft sich die Kiste dank des neuen Namens plötzlich viel besser als zuvor, wo sie noch CD-Player hieß.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum die Fähigkeit, CDs abzuspielen, in den Hintergrund gerückt wird. Die offizielle Begründung von Herstellerseite für die Herabwürdigung der Abspieleinheit zum unbedeutenden Anhängsel ist ja hinlänglich bekannt: Angeblich sind aktuelle D/A-Wandler so gut und unempfindlich gegenüber Jitter, dass das Laufwerk keine Rolle mehr spielt. Solange es die Nullen und Einsen nur fehlerfrei ausliest, soll es keinerlei Einfluss auf den Klang haben. Seltsam. Meiner Erfahrung nach bringen bessere Wandler die klanglichen Unterschiede zwischen CD-Laufwerken nur noch deutlicher zu Gehör, und wirklich erstklassiger CD-Klang ist fast nie ohne eine solide Mechanik für die Datenauslese anzutreffen. Könnte es sein, dass immer mehr Firmen nur deshalb billigste DVD-Dreher mit fummeligem Einzugmechanismus verbauen, weil sie am Markt schlicht keine Alternativen mehr finden? Inzwischen werden nämlich weltweit kaum noch reinrassige – geschweige denn hochwertige und zuverlässige – CD-Laufwerke hergestellt. Ich kenne einen Entwickler kostspieliger CD-Player, der 50 Prozent (!) der an ihn gelieferten CD-Laufwerke aussortieren muss, weil sie fehlerhaft sind. Über die Lebenserwartung der letztlich verbauten Exemplare möchte ich lieber nicht nachdenken.
In den vergangenen zwei Jahren habe ich mir eine ganze Menge „D/A-Wandler mit CD-Laufwerk“ und CD-Player bis etwa 6000 Euro angehört. Ob Sie es glauben oder nicht: CDs so abzuspielen, wie man es bereits von jedem 200-Euro-Player mit Fug und Recht erwarten darf, stellte für viele dieser Geräte eine echte Herausforderung dar. Beispiele gefällig? Zwei Probanden surrten, fiepten und brummten beim Auslesen der Silberscheiben dermaßen laut, dass sie ruhigere Musikpassagen selbst am Hörplatz übertönten. Manche weigerten sich komplett, einige (nagelneue) CDs abzuspielen oder bequemten sich erst nach dem zweiten oder dritten Einlesevorgang dazu. Gelegentliches Springen und Störgeräusche zwischen einzelnen Titeln waren überdies eher die Regel als die Ausnahme.

Und jetzt kommt der neue Moon Neo 260D und setzt, wie es zunächst scheint, noch eins obendrauf. Eingeschaltet, CD rein, auf „Play“ gedrückt, Verstärker aber noch stummgeschaltet: Nichts. Nicht das winzigste Laufgeräusch ist aus wenigen Zentimetern Abstand zu vernehmen. Au weia, der ist wohl defekt, befürchte ich, doch das Display zeigt unmissverständlich an, dass eine Scheibe abgespielt wird. Wow: Ich muss bei absolut ruhiger Umgebung mein Ohr fast auf die Frontplatte pressen, um ein ganz dezentes Surren wahrnehmen zu können. Auch sonst erweist sich dieses Laufwerk als absolut allürenfrei. Die Kanadier wissen offenbar um die Güte und Wichtigkeit ihrer flüsterleisen Abspielvorrichtung, denn der auf vier Gel-Kissen gelagerte „M-Quattro-Drive“ werkelt auch in Moons großen Playern für 8000 respektive 11000 Euro. Der Neo 260D ist in allererster Linie ein reines CD-Laufwerk, das für knapp 2000 Euro ohne DAC angeboten wird und über zwei Digitalausgänge (Cinch und XLR) verfügt. Die optionale Wandlersektion, die in unserem konkreten Fall mit an Bord ist, lässt den Endpreis auf immer noch sehr vertretbare 2850 Euro klettern. Anstatt CD-Hörer also mit einer klapprigen Alibilösung abzuspeisen, spendieren die kanadischen Entwickler selbst ihrem günstigsten Player ein Top-Laufwerk. Wer deshalb beim Wandler des Neo 260D eine Sparversion vermutet, liegt jedoch gründlich daneben, wie wir gleich sehen werden.
Wie macht sich der Moon Neo 260D nun klanglich als CD-Player? Mit einem Wort: prächtig. Eine so rhythmisch trittsichere und musikalisch überzeugende Vorstellung ist mir zu diesem Preis noch nicht untergekommen. Es mag ein wenig unfair anmuten, wenn ich ihn nachfolgend mit teils erheblich teureren Geräten vergleiche. Allerdings zeigt es, welche Kaliber man auffahren und wieviel mehr Scheine man lockermachen muss, um den kleinen Moon letztlich nur knapp zu übertreffen. Dass er meine beiden derzeitigen Favoriten unterm Strich nicht ganz erreicht, hat überdies eher mit subjektiven Vorlieben zu tun als mit objektiven Qualitätsunterschieden. Außerdem spielen sowohl der große Lector-Player als auch das musicbook 25 von Lindemann auf Augenhöhe mit den Besten der Besten, bieten also ihrerseits überdurchschnittlich viel Klang fürs Geld.
Mir persönlich sagen die etwas substanzielleren Darbietungen des Italieners und des Deutschen zwar mehr zu, aber andere Hörer (oder Ketten) werden mit der leicht schlankeren Abstimmung des Kanadiers sicher glücklicher. Er ähnelt nicht nur in dieser Hinsicht eher Norbert Lindemanns großem 825er: Er spielt im Grundton schlackenfrei und drahtig, aber trotzdem mit echtem Druck im Tiefbass. Er bietet einen genauen Blick auf Details, und selbst wenn er sie nicht ganz so facettenreich auflöst wie die in dieser Hinsicht maßstabsetzenden Lindemänner, bleibt er wie sie stets auf der angenehmen und musikdienlichen Seite der analytischen Medaille. Seine Raumabbildung ist absolut unangreifbar. Mir gefällt die minimal abgerundete und hauchzart angewärmte Wiedergabe des Kanadiers sehr. Steigerungsmöglichkeiten gibt es nur, wenn man mehr investiert – etwa in den Lector mit seiner Röhrenausgangsstufe, der ein noch etwas geschmeidigeres Mittenband bietet. Allerdings glänzen die zahlreichen digitalen Ein- und Ausgänge des Moon am Lector durch Abwesenheit. Ach ja, und der symmetrische Analogausgang des Kanadiers fehlt dem Italiener ebenfalls. Selbst in Bereichen, in denen der Lector und Lindemanns musicbook ihre größten und für mich wichtigsten Stärken offenbaren, kommt ihnen der Moon überraschend nahe. Beide überragen die Konkurrenz sonst klar und deutlich mit ihrer herrlich mitreißenden Spielfreude und Energie, aber der Moon vermittelt ähnlich viel Spaß an der Musik.

Aus seinem beachtlichen musikalischen Feingespür können wir zweifellos ableiten, dass sich seine Digitalabteilung keineswegs hinter dem herausragenden Laufwerk verstecken muss. Immerhin handelt es sich beim optionalen DAC des Moon Neo 260D um einen echten 32-Bit-Wandler, der den besagten Verdacht auf übertriebene Sparmaßnahmen als haltlos entlarvt. Die Kanadier reklamieren für ihren Wandlerbaustein einen extrem niedrigen Jitterwert, der unter einer Picosekunde liegen soll. Außer vom internen „M-Quattro-Drive“ akzeptiert der asynchron arbeitende DAC natürlich auch Daten von externen Zuspielern via seiner vier Digitaleingänge. Zwei koaxiale, ein optischer und ein USB-Port stehen zur Auswahl. Letzterer verdaut wie die beiden Cinch-Eingänge Samplingfrequenzen bis 192kHz, während der ohnehin weniger gebräuchliche Toslink-Anschluss bei 96kHz halt macht. Der USB-Input beinhaltet eine galvanische Isolation; es gibt also keinen elektrischen Kontakt zwischen dem Computer/Server und dem Wandler.
Das aufwändige Netzteil des in Kanada gefertigten Gerätes verfügt über insgesamt 13 Spannungsregulationsstufen, wovon fünf für das Laufwerk zuständig sind und acht für den DAC. Die Front des auffällig gut verarbeiteten Moon ist in drei verschiedenen Ausführungen erhältlich: ganz in Schwarz, ganz in Silber oder zweifarbig wie unser Exemplar. Die Plastikfernbedienung ist zwar weder ein Handschmeichler noch ein Hingucker, erfüllt ihren Zweck aber zuverlässig. Was mich, der am liebsten im Dunkeln Musik hört, jedoch stört, ist die ultrahelle blaue LED auf der Front des Moon Neo 260D, denn sie lässt sich im Gegensatz zum schön großen roten Display leider nicht abschalten. Nach etwa zwanzig Minuten der Nichtbenutzung verabschiedet sich der Moon automatisch in den Standby-Modus – es sei denn, man deaktiviert dieses Feature, indem man die „Program“-Taste am Gerät etwas länger gedrückt hält.
Mancher mag sich sicher fragen, weshalb Moon den Neo 260D überhaupt als reines Laufwerk anbietet, wenn er als vollständiger Player doch eine so gute Figur abgibt. Nun, überflüssig ist sein DAC zum Beispiel dann, wenn der angeschlossene Verstärker bereits über einen sehr guten Wandler verfügt. Dieses Szenario ist immer häufiger anzutreffen, teils auch bei Amps aus gleichem Hause, wie etwa dem in FIDELITY Nr. 11 vorgestellten Moon Neo 340i. Ferner kommen zunehmend echte Digitalverstärker auf den Markt, die naturgemäß ausschließlich über digitale Eingänge verfügen. Um sie mit CD-Kost zu füttern, spart man sich die Investition in den optionalen DAC im Neo 260D, genießt aufgrund seines Top-Laufwerks aber trotzdem CD-Klang vom Allerfeinsten für kleine Münze. Der Moon kann also je nach Kundenwunsch ein erstklassiges Laufwerk, ein toller (USB-)DAC und/oder ein ganz normaler, aber ausnehmend gut klingender CD-Player sein. Für alle preisbewussten Silberscheiben-Liebhaber mit gleichermaßen hohen Ansprüchen an die mechanische und musikalische Kompetenz ihrer Quelle ist der Moon Neo 260D der perfekte Allrounder.

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