Audreal XA – Das Power Trio

Wie viel Verstärker braucht der Mensch?

Das Pärchen Dynaudio Special One, seinerzeit mit bescheidenen Stu­dentenmitteln günstig aus einer Geschäftsauflösung erworben, hätte mich ohne weiteres in den Ruin treiben können. Was mir allerdings erst dämmerte, als ich die dänischen Edel-Kom­paktboxen aus dem fünften HiFi-Laden in Folge herausschleppte: wieder keinen passenden Antrieb gefunden. Potente Receiver, dicke Vollverstärker, was eben noch so ins Budget gepasst hätte – sie alle wurden der Lächerlichkeit preisgegeben.
Doch damit nicht genug: Selbst der Papierform nach bärenstarke Endstufen saugten die durstigen Dynaudios schneller leer als Dracula eine Jungfrau. Jahre später, als die gnadenlosen Special Ones zu Arbeitsgeräten geadelt waren und damit regelmä­ßig mit der Hautevolee des Verstärkerbaus anban­deln durften, fanden sie ihren Meister in Gestalt einer Burmester-Endstufe – leider im Gegenwert eines Kleinwagens. Eine unvergessliche, viel zu kurze Liaison. So wurde es dann Naim-Elektronik. Musikalisch ein Traum. Für den Rumms allerdings, fürs gnadenlose Zupacken, für „Gib ihm!“ blieben andere, bösere Kaliber die bessere Wahl.
Nun sind die fabelhaften Dynaudios schon seit langem durch die wirkungsgradstarken Stand­boxen Ayon Seagull/c ersetzt. Somit kommen die Monoblöcke Audreal XA-8800MNE – Eckdaten: 24 Kilo auf 30 x 43 cm Grundfläche, Dämpfungsfak­tor 200, 400 Watt bei 4 Ohm, davon laut Hersteller 50 Watt im schweißtreibenden Class-A-Betrieb generiert – eigentlich zu spät. Eine 90-Dezibel-Box braucht nun mal zum Glücklichsein selten mehr als echte 20 Watt. Bei 50 Watt ist eine Anzeige wegen Lärmbelästigung locker drin, bei 100 Watt herrscht Gefahr für Leib und Leben.
Was also tun? Unter „Mit Kanonen auf Spatzen“ abheften? Aufeinander loslassen, das Experiment wagen?
Moment mal: Wer ist eigentlich Audreal?
Das Trio aus Mono-Endverstärkern und der optisch passenden Vorstufe XA-8250 kommt aus China, wo es – wie auch überall sonst, außer in Deutschland – auf den Familiennamen Xindak hört. Die Unternehmensgeschichte von Xindak beginnt 1988 mit Vertriebsarbeit für hochwertige elektrische Bauteile renommierter internationaler Hersteller, die sich bald in eigenen Audio-Kom­ponenten der Chinesen finden. Seit 2006 stehen Xindak-Geräte auch auf Messen und bei Händlern im Ausland. Da ist der Hersteller aus dem zentral­chinesischen Chengdu längst schon Vollsortimen­ter, der von der audiophilen Silber-Feinsicherung über Kabel und Netzfilter bis zum ausgewachsenen High-End-Röhrenverstärker für jeden Anspruch das Passende in petto hat. Dabei zeigt Audreal/Xindak einen gesunden Ehrgeiz, die Welt um dezidiert unesoterische, sauber designte und mit hohem Klanganspruch antretende Audiokomponenten zu bereichern.

Hochemotional und sehr chinesisch fasst das ein Messefazit aus dem Jahr 2006, zu finden auf der informativen Homepage des Herstellers, zusammen: “Although this show was very successful for Xindak, all of our staff intend to put in extra effort this year to produce even more superb audiophile products for 2007.”
Dass die Vorstufe den gedrungenen Formfaktor der Monos aufgreift, ist ein sympathischer Zug der Designer. Dass das Blechkleid hinter der fetten Metallfront weder schwarz noch silbern, sondern in einem freundlichen blaugrünen Ton lackiert ist, erfreut noch mehr. Und dass selbst in der ebenfalls blauen Beschichtung der Endstufenkühlkörper Metallic-Partikel glitzern, schießt geradezu den Vogel ab. Sehr schick, um nicht zu sagen: stylish. Alles andere als eine solide Metallfernbedienung würde jetzt enttäuschen, und in der Tat gibt es einen griffigen Infrarot-Geber aus fein gefrästem Aluminium. Der gleich mal zwei Dinge richtig macht: Die Knöpfe für die Lautstärkeregelung sind perfekt platziert, und die eingebaute IR-Diode ist ein veritabler Strahler – vermutlich lässt sich der Pre selbst noch aus dem Keller bedienen.
Ausstattungsseitig herrscht Minimalismus. Drei Hochpegeleingänge – das war’s. Einer ist als XLR-Buchse ausgeführt und empfängt symmetri­sche Eingangssignale. Da Vor- und Endverstärker vollsymmetrisch aufgebaut sind, liegt eine XLR-Verkabelung der ganzen Kette allein schon aus technischer Sicht nahe. Das gesamte Buchsenwerk ist von bester Qualität, wie überhaupt das Äußere der Amps aus Fernost höchste Ansprüche befriedi­gen kann.
Auch beim Blick unter die Deckel gibt es nichts zu meckern. Goldene Leiterbahnen, auf zahlreichen Bauteilen prangen Namen renommierter Hersteller wie Burr-Brown, Toshiba oder Rubycon, die Ferti­gung ist makellos. Was genau elektrisch passiert, lässt sich nur erahnen, die sprachgewaltigen Aus-führungen auf der Xindak-Homepage sind – na, sagen wir, schwer zu durchschauen.
Die symmetrische Bauweise beider Geräte steht außer Frage. Die Konstrukteure sind Verfechter ge­sunder (Strom-)Gegenkopplungsraten, um auf diese Weise besonders saubere und stabile Ausgangs-signale zu erhalten. Die Verstärkung obliegt bipola­ren Leistungstransistoren, die 24 Kilo Gewicht pro Monoblock resultieren nicht zuletzt aus dem massi­ven 600-Watt-Trafo, der mittig unsichtbar unter der Hauptplatine sitzt. Der Herstellerangabe von enor­men 50 Watt Class-A-Anteil (in 8 Ohm) misstrauen wir. Ein Nachhaken in China wird auch tatsächlich mit dem etwas zivileren Wert von 30 Class-A-Watt beantwortet. Wie auch immer, die eigenhändig ge­messenen 235 (bei Kaltstart) bis rund 170 Watt (nach einer Betriebsstunde; Temperaturfühler regeln die Ruhestromzufuhr) Leistungsaufnahme im Leerlauf sind schon ein Wort. So warm, wie die Endstufen schlussendlich werden, hat man jedenfalls bei Ein­halten auch gehobener Lautstärken den besonders verzerrungsarmen A-Bereich sicher nie verlassen. Entscheidungen, Entscheidungen: Cinch oder XLR? Ganz klar: Symmetrisch per XLR-Kabel! Und zwar sowohl beim Anschluss der Quelle wie auch zwischen den Verstärkern. Das Klangbild profitiert deutlich in den Disziplinen Offenheit und Lockerheit. Dass nur ein XLR-Eingang zur Verfügung steht, ist angesichts dieses Ergebnisses höchst bedauerlich. Entscheidungen, Entscheidungen, die zweite: Ausschalten oder nicht? Bei den Endstufen beantworten Geldbeutel und grünes Gewissen die Frage. Und die Vorstufe? Niemals! Erstens, weil hier im Leerlauf keine Kilowatt durch den Zähler rauschen, und zweitens, weil durchaus von Tag zu Tag Klangfortschritte zu beobachten sind. Und zwar nicht unerhebliche. Bei Audreal wird nichts dem Zufall überlassen. Die Vorstufe, so ist in der Produktbeschreibung zu lesen, wird mit Natürlichkeit, Transparenz und hoher Auflösungsfähigkeit für sich einnehmen. Die Charakterisierung der Endstufen lautet auf dick (jawohl!), weich, süß und warm, jedoch ebenfalls mit hoher Transparenz und großer Schnelligkeit. Ideal für die Wiedergabe von Bariton und Mezzosopran, heißt es. Bedauere, aber von dick und warm merke ich nichts. Zum Glück! Weder polstert das Audreal-Trio das Klangbild im Oberbass auf, was ich unter „dick“ verstünde, noch tönt es den Präsenzbereich schönfärberisch ab. An meinen Ayon Seagull/c gehen die Audreals sogar regelrecht knackig zur Sache. Von Romantik keine Spur. An dieser Stelle nochmals der dringende Rat: Finger weg vom Netzschalter der Vorstufe, ansonsten droht Lustlosigkeit und Farbarmut. Überhaupt brauchte die Combo aus Chengdu erstaunlich lange, um sich in meinem Hörraum zu akklimatisieren. Umso erfreulicher der Morgen, an dem sie alle Zurückhaltung aufgab und beschloss, ihren Charme spielen zu lassen.

Die Audreal-Combo ist kein Kind von Trau­rigkeit. Wunderbar zu erleben bei – genau, Men­delssohn. Felix Mendelssohn Bartholdy, Rondo capriccioso, der große Murray Perahia spielt (CBS Masterworks MK37838). Ganz sachte spannt er den dynamischen Bogen, im langsamen Vorspiel setzt er Note an Note, im Studiohintergrund fährt ein Laster vorbei – die Aufnahme ist ein highfideles Gedicht. An den Klaviertönen wirkt nichts poliert, nichts beschnitten, keine Färbung, nicht mal Tönung ist zu erkennen, die Audreals leiten einfach durch, vom CD-Player zum Lautsprecher. Gutes Handwerk. Wenn es laut wird – das Rondo heißt nicht umsonst „capriccioso“ –, darf es auch mal klirren, wo so eine Stahlsaite eben klirrt, wenn sie hart angeschlagen wurde. Das ist realistisch. Und doch, ich habe da so eine Ahnung, hier ließe sich vielleicht ganz subtil nachintonieren … Und tatsächlich, drei Stillpoints unter dem Gehäuse der Vorstufe fügen einen winzigen, durchaus willkom­menen, feinfühlig entschärfenden Schuss Wärme hinzu. Es müssen nicht unbedingt die teuren, auf­wendig gebauten Untersetzer mit ihrer Anordnung von Keramikkugeln sein. Wichtig ist die Erkennt­nis, dass der Audreal-Pre hier sensibel reagiert und Zuwendung bei der Aufstellung honoriert.
Etwas Jazz. Das französische Label Sketch Music ist mir bisher nur in Gestalt eines mittlerweile auch schon zwölf Jahre alten Samplers untergekommen. Darauf finden sich elf famose Tracks, klein besetzt und stark klavierzentriert, sehr klar und direkt aufge­nommen. Ein Fest für’n Test. Bei „Humeurs“ ist das Trio aus Daniel Humair (Schlagzeug), René Urtreger (Klavier) und Pierre Michelot (Kontrabass) zugan­ge. Das Resultat fordert die Anlage aufs Äußerste. Der Track beginnt mit Trommeln, die mit weichen Paukenschlägeln gespielt werden, umgehend setzt der gezupfte Bass mit einem starken Thema ein. Wie das knackt! So und nicht anders hat ein fettfrei-seh­niger, vollkommen kontrollierter Tiefton zu klingen.
Da hat der Drummer schon zu Sticks und Becken gewechselt, gleichzeitig steigt das Klavier ein. Die verschiedenen Cymbals füllen den Raum zwischen den Boxen mit einem gleißenden messingfunkeln­den, bronzesirrenden Hochtongespinst. Nein, das ist kein Hochton für Kuscheljazzer. Das Klavier: kräftig, leuchtend, mit starker Präsenz. So viel ist klar: Für Verschleierungsmanöver sind die Audreals die fal­sche Adresse. Hier geht’s ums Ganze.
Oh ja, meine Dynaudios selig hätten sich wohlgefühlt. Audreal und Ayon kommen bestens miteinander zurecht, ein kurzer Quercheck mit den weniger sensiblen Kompakt-Zweiwegern Spendor S3/5 zeigt aber auch, wie sehr dergleichen von der schieren Power und Kontrolle der Audreals profitiert – die britischen Mini-Monitore laufen in Sachen Dreidimensionalität und Klangablösung zu unge­ahnter Größe auf.

Hatte der Hersteller nicht klassische Stimmen erwähnt? Ich höre Maria Callas von Vinyl, und ihre in Mono aufgenommenen Arien (EMI 1C 0531010131) erweisen sich als kongenialer Tonträger für die chinesischen Amps: die Präsenz der Callas, die so bewegliche, ständig neue Schattierungen anneh­mende Stimme – einfach umwerfend. Als Jazz-Altis­tin findet Shirley Horn in den CD-Player (You Won’t Forget Me, Verve 847 482-2). Die 2005 verstorbene Diva wirkt kehliger, als ich es gewöhnt bin, gleich­zeitig scheint der virtuelle Raum um ihre Stimme größer, aber auch um einige Grad heruntergekühlt. Da zeigen die hochauflösenden Audreals ihre analy­tische Seite. Mit Vinyl – das bitteschön nicht per se wärmer klingt als Digital – verstehen sich die Audre­als in tonaler Hinsicht übrigens besonders gut.
Also, wie viel Verstärker braucht der Mensch nun? Mehr als die drei von Audreal bieten? Schwer vorstellbar. Das Trio spielt in der Champions- League mit, gar kein Zweifel. Angesichts der aufgerufenen Preise eine kleine Sensation. Gleichwohl sind sie keine Schönfärber. Hintergrundbeschallung ist so gar nicht ihr Ding, dafür packen sie schon bei Flüsterpegeln zu beherzt zu. Wer es aber direkt mag, wer seinen Schallwandler-Mimöschen endlich zeigen möchte, wo der Hammer hängt, wer das Feintuning mit Kabeln und Gerätebasen genießt, wird mit den Weltklasse-Verstärkern aus Chengdu sehr glücklich werden.

 

www.audreal.de

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
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