Wochenend’ und Sonnenschein

Es muss in der Röhrentechnik keineswegs immer heiß hergehen. Sogenannte „D-Röhren” beweisen‚ dass sie sogar noch kühler bleiben als so mancher Halbleiter. Gleich zwei Klassiker zeigen uns‚ wie einerseits elegant‚ andererseits aber auch zweckgebunden sich diese Röhren verpacken ließen: ein sprichwörtliches „Kofferradio” (das noch eine weitere Überraschung bereithält) und ein Messgerät‚ mit dem man auch heute noch die Flöhe husten hören kann.

Der Transistor war zwar schon er­funden, seine Eigenschaften aber noch nicht so weit entwickelt, dass man ihn guten Gewissens auf die Unterhaltungsgeräte-Industrie hätte loslassen können. Genau: Wir befin­den uns in den goldenen 50er Jahren, in denen sich die Röhrenhersteller an ihre Entwicklungswurzeln erinnerten. In den ebenfalls goldenen 20ern wurden Radios mit Batterien betrieben, denn die Stromver­sorgung auf dem Lande konnte man noch nicht als „Netz“ bezeichnen. Drei Dekaden später wiederum wurde der Wunsch nach tragbarer Unterhaltung fernab jeder Steckdose laut. Die jungen Leute wollten ihre eigene Musik nicht in der altbackenen Musiktruhe der Eltern samt eingebauter Likörbar im heimischen Wohnzimmer hören, sondern unab­hängig von Raum und Zeit zu Elvis, Bill Haley oder auch den Beatles tanzen. Gesucht war (auch) der richtige Stoff für die Pettycoatparty im Freien.
Um Mobilität und Unabhängigkeit vom Licht­netz zu gewährleisten, mussten Röhren konstru­iert werden, die erlaubten, mit möglichst wenig Heizleistung (kleiner Akku) und gleichzeitig einer nicht zu hohen Anodenspannung (kleine Batte­rie) auszukommen. Außerdem sollten sie nicht zu groß und zudem fähig sein, mit der Ultrakurzwelle, die gerade in den Jahren des Wiederaufbaus eine tragende Rolle zu spielen begann, zurechtzukom­men. Diesen Herausforderungen stellten sich die Röhrenkonstrukteure – und entwarfen die Typen der „D-Reihe“.
Selbst bei genauer Betrachtung ist es außeror­dentlich schwer, den Heizfaden in der Mitte der Röhre auszumachen. Hier ist es nicht die dicke glühende Kathode, die sich langsam auf Rotglut er­hitzt, um den Elektronen freien Lauf zu lassen. Hier ist es ein einzelner kleiner Heizfaden, dünner als ein menschliches Haar! Um ihn leichter zu finden, sollte man die Röhre „heizen“ – nach Anschluss der Spannung eine Sache von Sekundenbruch-teilen. Daher haben solche Geräte auch kaum eine Einschaltverzögerung, weil das klassische „Anwär­men“ entfällt.
Vergleicht man die Schaltungen von „ausge­wachsenen“ Röhrenradios mit denen der Kofferver­sion, fällt kaum ein Unterschied auf: Die Schaltzei­chen der Röhren sind die gleichen, auch die sonstigen Bauteile wie Widerstände und Kon­densatoren lassen sich zur Bestückung von beiden Gerätearten verwenden. Der ein­zige Unterschied ist tatsächlich die an den Lautsprecher abge­gebene Leistung. Im Single-Ended-Betrieb waren das mit der Endröhre DL 96 ganze 200 Milliwatt. Die hier vorgestellte Lu­xusversion des „Babyphon“ von Metz hat natürlich eine waschechte Gegentaktendstufe im AB-Betrieb und bringt es dann auf sage und schreibe 420 Mil­liwatt – immerhin fast ein halbes Watt! Selbst die seitlich neben der Skala mit den obligatorischen Sendernamen erkennbaren Höhen- und Bassregler hatten schon ein wenig Einfluss auf den Klang.
Der Clou an diesem für damalige Verhältnisse sauteuren Gerät (ca. 400 DM war ungefähr das Mo­natsgehalt eines Angestellten) ist ein eingebauter Plattenspieler für 17-cm-Single-Platten. Legt man das gesamte Gerät auf den Rücken, lässt sich an der Front eine Klappe öffnen, die einen zwar minia­turisierten, aber kompletten Plattenspieler freigibt: ein Reibradtriebler mit stufenloser Geschwindig­keitseinstellung für 45 rpm, dessen kleiner Gleich­strommotor mit 4,5 Volt aus extra Babyzellen betrie­ben wird. Das Kristallsystem im Tonarm ist direkt an den Eingang des Röhren-Gegentaktverstärkers angeschlossen und klingt selbst nach fast 50 Jah­ren noch recht unterhaltsam. Entscheidend in den frühen Jahren der tragbaren Musikanlagen war halt nicht, wie man hörte, sondern dass man hörte! Ein eingebautes Netzteil ließ übrigens auch den Betrieb an der Steckdose zu, bei dieser Gelegenheit wurden die eingesetzten Heiz-Akkus geladen.
Für einen völlig anderen Zweck, aber mit den gleichen Röhren, baute die Münchner Firma Rohde & Schwarz ebenfalls ein Koffergerät. Die bereits erwähnte junge Ultrakurzwelle erforderte für ihr Wachstum nämlich handliche Messgeräte, mit deren Hilfe sich schnell und unkompliziert die Ausbreitungsbedingungen der neu zu bauenden UKW-Sender ermitteln ließen. Auf diese Weise entstand der Feldstärkezeiger: ein UKW-Empfänger mit sehr großem Empfangsbereich und selbstver­ständlich auch Eichfähigkeit des eingebauten Millivoltmeters. Damit der UKW-Technik zugleich auch das analoge Telefonieren aus dem Auto Einzug hielt, war der Frequenzbereich des alten A-Netzes (156 bis 174 MHz) natürlich auch enthalten.
Auch der Feldstärkezeiger aus dem Hause Rohde & Schwarz wusste mit einigen Vorteilen zu glänzen. Er ist leicht, tragbar, batteriebetrieben und mit Röhren bestückt, deren elektrische Stabilität im Vergleich zu den damaligen Halbleitern un­schlagbar war. Trotzdem gab es in diesem Apparat auch schon die ersten Transistoren. Sie hatten aber nur die Aufgabe, mit Schaltimpulsen eine kleine Batteriespannung auf eine höhere umzusetzen, da man in diesem Gerät ohne Anodenbatterie auskommen wollte.
In der Mitte beherrscht eine Walze mit den auf­gedruckten Frequenzwerten das Erscheinungsbild. Das Besondere ist, dass der Frequenzbereich von 47 bis 225 MHz sich auf einer einzigen durchge­henden Trommelskala befindet, die im ausgezoge­nen Zustand eine Länge von 1,50 Metern hätte. Für den schnellen Frequenzwechsel befindet sich daher an der rechten Seite eine Kurbel. Darunter gibt es diverse Anschlüsse für verschiedene Antennen; damals wurde noch zwischen symmetrischer und unsymmetrischer Antenne unterschieden. Eine symmetrische Antenne mit einer Ausladung von bis zu 2,50 Metern findet – entsprechend zusam­mengeschoben – ebenfalls noch im Gehäuse Platz. Übrigens: Auch das zuvor beschriebene „Baby­phon“ hat eine solche symmetrische Antenne, erkennbar an den beiden links und rechts ausgezogenen Teleskopen.
Auf der anderen Seite des Gerätes schließlich befindet sich der Bananenstecker-Kopfhöreran­schluss mit einer speziellen Schaltbuchse zum Abschalten des eingebauten Lautsprechers.
Das Instrument auf der linken Seite ist in Millivolt (mV) und Mikrovolt (?V) geeicht, da man für Messungen brauchbare Zahlen benötigte. Der Schalter darunter besitzt auch Stellungen zur Eichung des gesamten Gerätes.
Geräte mit D-Röhren sind mittlerweile ziemlich in Vergessenheit geraten. Wenn man nicht gerade Sammler auf diesem Gebiet ist, kommt man auch kaum mit ihnen in Berührung. Bei näherer Beschäf­tigung mit diesen Bauteilen stellt man aber fest, wie viel Forschungsarbeit und auch Entwicklungs­energie in diese Typen gesteckt wurde. Das schlägt sich auch in der Literatur nieder, die sich speziell mit dem minimalen Energieaufwand zum Betrieb von gleichzeitig miniaturisierten Geräten ausein­andersetzt. Die europäischen Sparfuchs-Beamten hätten sicherlich ihre helle Freude daran … Dieser Vorgang ist recht kompliziert: Ein kleiner, im Gerät zusätzlich eingebauter Röhrengenerator gibt einen bestimm­ten Pegel bei einer festgelegten Frequenz ab. Auf diesen Generator muss man sich verlassen können, ist er im Grunde genommen doch das Maß aller Ein­stellungen. Einen Button „autocalibrate“, der sich mit der Maus anklicken lässt, gibt es selbstredend noch nicht. Stattdessen muss in einer bestimm­ten Reihenfolge „zu Fuß“ vorgegangen werden. Ein kleiner Wermutstropfen im Betrieb ist der sich ständig verändernde Ladezustand der Akkus für die Stromversorgung; eine Änderung geht direkt in die Messung ein. Also muss vor jeder Messung die Eichung überprüft werden – ganz besonders nach einer vielleicht etwas ausgiebigeren Kaffeepause …

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