Hören wie Gott in Frankreich

Ein Vollverstärker nicht nur für Klang-Ästheten

Nicht erst seit Devialet genießen Verstärker „Made In France“ in audiophilen Kreisen allerbesten Ruf. Zu den traditionsreichsten französischen Verstärker-Schmieden gehört zweifellos YBA: 1981, also vor mehr als drei Jahrzehnten, gründete Yves Bernard André – Elektronik-Professor, Sohn eines Musiker-Ehepaares und Initialgeber für das Firmenkürzel – in Paris das Unternehmen mit einer einzigen Vor-/Endverstärker-Kombi. Andrés Ziel mit YBA war dabei kompromissloses Umsetzen seiner persönlichen Qualitätsansprüche, die sich während des Studiums an der renommierten Ecole Polytechnique sowie seiner Entwicklertätigkeit bei Goldmund und Audax herauskristallisierten. Yves Bernard André, der zahlreiche Patente hält, unter anderem auch für einen Lautsprecher mit quasi unendlicher Schallwand, begann also keineswegs als unbeschriebenes Blatt.
So ganz reinrassig französisch ist YBA allerdings nicht mehr. Um die steigende Nachfrage auch in wirtschaftlicher Hinsicht besser abdecken zu können, ging YBA im Jahre 2009 eine Liaison mit dem renommierten chinesischen Hersteller Shanling ein. André ist jedoch nach wie vor Teilhaber und Chef-Entwickler, zudem stammen die meisten der verwendeten Bauteile weiterhin aus Frankreich.
Die Schlüssel für exzellenten Verstärkerklang liegen Andrés Ansicht nach in einem einfachen, aber ausgefeiltem Schaltungskonzept sowie in einer nach klanglichen Kriterien ausgerichteten Qualität der verwendeten Bauteile. Mit „Elegance Of Simplicity“ beschreibt Bernard denn auch beispielsweise seine typischen Endverstärker-Grundschaltung: Als Eingangsstufe dient ein per Konstantstromquelle gespeister Differenzverstärker, gefolgt von zwei mit Komplementär-Transistoren bestückten, ultrabreitbandigen Spannungsverstärkerstufen in Class-A-Betriebsweise, die je nach Modell ein oder mehrere, ebenfalls komplementäre Leistungstransistor-Pärchen ansteuern. So kommt André, der sich übrigens eher als Musikliebhaber denn als Audiphiler betrachtet, mit acht bis zwölf Transistoren pro Verstärkerzug aus.
Der Vollverstärker Genesis IA3, um den es im folgenden geht, ist meine erste persönliche Begenung mit einem Produkt aus dem Hause YBA. Und es ist von Beginn an eine angenehme: Schon bei seinem Eintreffen erfreue ich mich an der mit seitlichen Holz-Verstrebungen ebenso stabilen wie liebevoll gestalteten Verpackung, die dem rund zwölf Kilogramm schweren Amp einen sicheren Schutz bietet. Auch innen präsentiert sich alles sehr geschmackvoll: Solider Polyurethanschaum statt knirschend in tausend Kügelchen zerfallendes (und sich in der Wohnung verteilendes) Styropor, eine in separatem Karton verpackte Fernbedienung sowie der Amp, eingehüllt in schwarzem Gazé – genauso lieben es audiophile Naturen.
Noch beeindruckender finde ich jedoch die wirklich gediegene Verarbeitung des IA3. Sein Aluminiumgehäuse ist nicht nur robust, sondern hat darüber hinaus auch noch das gewisse Etwas – beispielsweise die fein gebürstete Oberfläche oder das frontale, perfekt eingelassene Displayfenster. Auch bei genauerem Hinschauen findet sich nicht die kleinste Unsauberkeit – super!
Das alles passt perfekt zum Understatement-Styling des IA3, das in seiner optischen Zurückhaltung definitiv nicht vom Musikhören ablenkt. Umso bemerkenswerter jedoch die vielen audiophil geprägten Konstruktionsdetails – beispielsweise, dass der Genesis IA3 auf drei Füßen ruht, wobei der zentrale vordere unmittelbar unter dem Netztransformator platziert ist und damit – ähnlich dem Brinkmann-Vollverstärker – quasi den Geräteschwerpunkt stützt. Nützlich beim Netzkabel-Ausphasen ist wiederum die entsprechend gekennzeichnete Buchse auf der Rückseite.
Eine eher ungewöhnliche, allerdings sympathische gestalterische Eigenheit sind die beiden links und rechts auf der Frontblende angeordneten Schalterpärchen: Für Lautstärke-Einstellung und Quellenwahl stehen je zwei bidirektionale Kipptaster zur Verfügung: Zum Erhöhen der Lautstärke beziehungsweise Weiterschalten der Programmquelle ist jeweils der rechte Taster zuständig, zum Verringern und Zurückschalten hingegen der linke – dabei lassen sie sich jedoch beliebig nach oben oder unten betätigen. Wer an solch netten Spielereien kein Interesse hat, darf dagegen zur ebenfalls hochwertig und übersichtlich daherkommenden Fernbedienung greifen.
Schaltungstechnisch mag der YBA Genesis IA3 durchaus puristische Wege verfolgen, in puncto Ausstattung jedoch gibt er sich ausgesprochen großzügig. Klar, dass er als klassischer analoger Vollverstärker über entsprechende Hochpegeleingänge verfügt: zwei unsymmetrische Line-Inputs mit robusten RCA-Armaturen, ein dritter elektronisch symmetriert mit XLR-Buchsen. Ungewöhnlicher ist, dass der Genesis IA3 einen integrierten D/A-Wandler mitbringt: Der verfügt dabei nicht nur über einen koaxialen Digitaleingang nach S/P-DIF-Standard, sondern auch über eine USB-B-Buchse zum direkten Anschluss von PCs oder Laptops. Beide akzeptieren dabei ungeschränkte Hi-Res-Datenraten bis hin zum 24/192-Format.
„DarYBA“ hinaus klappt das Zuspielen digitaler Audiodaten aber auch gänzlich ohne Kabel: Der Genesis IA3 ist mit einer eigenen, aptX-fähigen Bluetooth-Schnittstelle ausgerüstet und kann drahtlos verbunden mit mobilen Bluetooth-Zuspielern musizieren. Komplettiert wird die umfangreiche Austattung des YBA mit einem analogen, pegelabhängigen Vorverstärkerausgang (Pre Out) zum Anschluss von Subwoofern oder zusätzlichen Leistungsverstärkern sowie einem koaxialen S/P-DIF-Digitalausgang – der arbeitet naturgemäß nur beim Zuspielen digitaler Tonquellen. Das einzige, was man beim Genesis IA3 wirklich vergeblich sucht, ist ein Kopfhöreranschluss.
Die Bedienungsanleitung zeigt sich relativ knapp, aber völlig ausreichend. In der Tat gibt es darüber nicht viele Worte zu verlieren – der IA3 bedient sich sozusagen selbsterklärend. Was man nicht sofort erkennt: Die aktuell eingestelllte Lautstärke lässt sich über längeren Druck auf die FCT-Taste der Fernbedienung als Grundeinstellung beim Einschalten abspeichern, während sich das angenehm amber leuchtende Display via „View“-Taste heller, dunkler oder aber auch ganz ausschalten lässt. Ach ja, nicht zu vergessen: Zum Betrieb der USB-Schnittstelle ist noch ein Software-Treiber zu installieren, der auf der beiliegenden CD zu finden ist oder aber unter www.ybahifi.com zum Download bereit steht.
Nun jedoch ist es an der Zeit für ein kleines Bekenntnis – nämlich, dass ich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit in den YBA Genesis IA3 überhaupt nicht hineingeschaut habe. Der Grund: Ich hab’s einfach nicht übers Herz gebracht, ihn technisch zu entmystifizieren, weil er mir irgendwie wie ein Gesamtkunstwerk vorkommt. Übrigens darf man bei ihm den Begriff „Warmspielen“ durchaus wörtlich nehmen: So „verrät“ sich der Genesis IA3 in meinem Wohnzimmer durch seine nicht unbeträchtlichen Wärmeentwicklung, verursacht offenbar von den Class-A-Spannungsverstärkerstufen. Sein Aluminium-Gehäuse wird dabei zwar nicht mehr als handwarm, das allerdings ganzflächig rundherum.
Gestehen muss ich auch, dass mich der YBA in klanglicher Hinischt einigermaßen überrascht – und zwar in äußerst angenehmer Hinsicht. Es mag zwar aus audiophiler Sicht ein wenig unromantisch klingen, aber während meiner Tätigkeit als HiFi-Journalist habe ich buchstäblich hunderte von Transistorverstärkern gehört – viele exzellente, noch mehr sehr gute aber nur ganz wenige wirklich schlechte. Diese gesammelte, überwiegend positive Hörerfahrung schlägt sich natürlich in einer Art Prägung nieder, die man als „So klingen typische Transistorverstärker“ bezeichnen könnte – unabhängig davon, welche Abstimmungsrichtung der jeweilige Proband gerade verfolgt. Der relativ hohe Standard impliziert naturgemäß eine gewisse Beliebigkeit, frei nach dem Motto „Mit jedem halbwegs vernünftigen Amp kann man eine Anlage zum Klingen bringen.“
Beim YBA läuft das irgendwie anders, weil er auf bestimmte Weise nicht meiner Hörerfahrung mit typischen Transistorverstärkern entspricht – allerdings auch nicht mit der von Röhrenverstärkern. Vielmehr empfinde ich ihn als unspektakulär „echt“, als angenehm leichtfüßig und flüssig. Lange habe ich überlegt, welcher Begriff seinen Klangcharakter wohl am treffendsten beschreiben würde – „blumig“ liegt wohl am nächsten dran. Nach einigen Tagen Hörerfahrung kann ich nun präziser ausdrücken, was mir am Genesis besonders positiv auffällt. Es ist seine perfekte Ausgewogenheit von Klangfarbendichte und Detailreichtum, kombiniert mit einem ungezwungenen, dynamischen Antritt. Viele Amps tendieren dagegen bevorzugt in die eine oder die andere Richtung: Das bewirkt auf den ersten Moment zwar einen gewissen Kick, ist fürs langfristige Hörvergnügen aber eher abträglich.
Sehr deutlich werden die Vorzüge des YBA beispielsweise bei Gesangsstimmen. So erwische ich mich sogar beim Hören einer CD, die ich eigentlich nicht wirklich mag, und zwar I’ve Loved These Days von Monica Mancini. Aus professioneller Sicht ganz ohne Frage ein absolut perfekt gesungenes, ebenso eingepieltes und von Gregg Field und Phil Ramone hervorragend produziertes Werk – mir aber insgesamt doch eine Spur zu glatt. Dem YBA allerdings gelingt es, den Tracks diejenige Emotionalität mitzugeben, die bei den Aufnahmen offensichtlich geherrscht hat. Sein Facettenreichtum an Klangfarben und die plastische Darstellung auch in den schwierigen, mittlleren Tonlagen kommt beispielsweise beim von Brian Wilson und Take 6 absolut meisterhaft mehrstimmig mitgesungenen „God Only Knows“ zum Ausdruck. Wow, was sich auf dieser Scheibe alles an musikalischen Schätzchen findet – Steely Dan hätten es kaum besser hingekriegt! Über den eingebauten D/A-Wandler des YBA ertönt das ganze sogar noch eine Spur randschärfer und nochmals luftiger, durchhörbarer. Mein Kompliment: Der Genesis IA3 ist eine echte „YBA-Raschung“ – er schafft es mit seiner Spielweise, beim Zuhörer Türen selbst für bislang unerschlossene Musikgefilde zu öffnen.

www.haertel-vertrieb.de

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