Leidensgenossen unter sich: Wir beobachten einen Highender im angestammten Balzgebiet.

Unser heutiger Gastgeber wohnt verkehrsgüns­tig gelegen im Niemandsland zwischen drei Autobahnen, dem Rhein, der Sieg und den Flugrouten des Flughafens Köln/Bonn, wodurch die Anreise keinerlei Probleme bereitet. Der Empfang durch Herrn S. und seine attraktive Ehegattin, die ihm seiner Aussage nach ohne eigenes Zutun zugelaufen ist, fällt freundlich, aber betont nüchtern aus und wir werden ohne Umschweife oder Stärkung direkt ins Allerheiligste, den Herrensalon, geleitet. Beim Eintritt stockt uns sogleich der Atem!
Dies nicht nur wegen des Anblicks der über 2000 Tonträger, sondern auch aufgrund der von diesen ab­gesonderten Staubwolken, die eine besonders dichte Atmosphäre erzeugen. Es riecht nach Nikotin und Alkohol – die meisten LPs stammen aus dem ehe­maligen Inventar einer Kneipe. Die Szenerie und das Interieur erinnern an den morbiden Charme der 70er und beamen mich zurück in den abgeranzten Bundes­wehrparka, der mich als Teenager jahrelang treu durch das Nachtleben begleitet hatte. Welch ein Lifestyle!
Herr S. liebt diese Endzeitstimmung, die von der Beleuchtung noch verstärkt wird – im Licht der Sonnenstrahlen, die durch die Lücken der geschlosse­nen Rollläden einfallen, tanzen schwebend Millionen Staubpartikel. Durch die spärliche Dosierung des Son­nenlichts wird zudem vermieden, dass sich die seltenen Gäste über das bestehende Chaos echauffieren oder die Lautsprechermembranen übermäßig erwärmen, wo­durch die Klangqualitätskonstanz beinträchtigt würde.
Die größte Herausforderung der Wohnraumakus­tik bestehe darin, die hochtondämpfende Menge an Wollmäusen und ihre Verteilung im Raum konstant zu halten, da sich diese ständig vermehrten und zusam­menrotteten, so der Hausherr. Regelmäßig werde der Bestand daher selektiv reduziert, die verbleibenden Exemplare gereinigt, gekämmt und repositioniert. Wir mögen uns bitte ganz langsam bewegen, weil uns die possierlichen Tierchen sonst hinterherliefen und ihren angestammten Platz nicht wiederfänden. Während der 30-minütigen Erweckungsphase der Anlage werden unsere Hustenanfälle kontinuierlich weniger – die Hör­session kann beginnen.
Der geschmückte, lichtsaugende HiFi-Altar bildet den visuellen Höhepunkt des Arrangements. Zuoberst thront ein alter englischer CD-Player, hier als Laufwerk genutzt. Darauf findet sich ein gehäuseloser DAC, auf einem kleinen Brett frei aufgebaut, an den mehrere Kabel angeschlossen sind, wodurch der Eindruck ent­steht, diese Wandlerkrake wolle den Spieler mit ihren Fangarmen umschlingen und in die Tiefe ziehen. Herr S. ist großer Anhänger der norwegischen Mythologie und der Polarnacht … Eines der Kabelpaare führt zu einer Autobatterie. Sie versorgt im Wechsel den DAC und den in der Garage geparkten englischen Oldtimer, das zweite große Hobby unseres Gastgebers.
Herr S. legt großen Wert auf die Wandlungsfähig­keit seiner Anlage, tauscht manchmal gar mehrmals pro Tag Komponenten. Nach jeder Umbauaktion folgt deren Evaluation durch einen kurzen Hörcheck. „Wer in Bewegung bleibt, vermeidet Stillstand“, lautet das Credo. Über die Jahre hinweg seien die Umbauzeiten immer kürzer geworden. Dies garantiere die Vergleich­barkeit der gewonnenen Höreindrücke, beschleunige den kontinuierlichen Verbesserungsprozess und er­spare den Besuch eines Fitnessstudios. Nach dem Ziel seiner Bemühungen gefragt, gibt Herr S. unumwunden zu, dass sich dieses im gleichen Takt wandle wie die Zusammenstellung seines Equipments. Er lerne durch Fachmagazine und Diskussionen in den einschlägi­gen Foren des Internets ständig hinzu und passe sich dem aktuellen Stand der Wissenschaft an. Die größte Herausforderung sei jedoch, dabei das Ego zurückzu­nehmen, den eigenen Geschmack auszublenden. Was nütze der Spaß beim Musikhören, wenn man sehen­den Auges in eine Sackgasse laufe. Dann lieber ein paar Jahre musikalischer Enthaltsamkeit ertragen, um letztendlich dem audiophilen Nirwana umso näher zu sein. Dann werden wir von Frau S. zur Kaffeetafel ge­beten. Gereicht wird Tee vom Premiumdiscounter und Spritzgebäck vom vorletzten Weihnachtsfest. Nach der langen Zeit ohne Flüssigkeitsaufnahme eine wahre Wonne – was wieder einmal bestätigt, dass jedes Urteil immer aus einem bestimmten Blickwinkel gefällt wird. Frisch gestärkt geht es zurück zur Musik.
Dargeboten wird ein Frühwerk der Rockgruppe Jethro Tull, die laut Herrn S. in den 70ern den elemen­taren Bestandteil seiner musikalischen Sozialisation bildete und die er auch heute noch gerne und laut genießt. Auffallend ist die mangelhafte Produktion der CD im Vergleich zur Original-LP, die wir jedoch leider nicht zur Verfügung haben. Der obere Mittenbereich präsentiert sich deutlich überbetont, was die Musik­anlage überaus transparent zu Gehör bringt und damit ihre Qualität verdeutlicht. Herr S. outet sich gerade für solche Fälle als Fan von Klangregelungen, will aber den eingeschlagenen Weg zum audiophilen Klangnirwana nicht verlassen, um jede Manipulation des Originals auszuschließen und die Intention des Komponisten ungefiltert zum Rezipienten zu transportieren. Es gehe hier schließlich um höhere Werte, um Wahrheit, nicht um Spaß! Herr S. ist sicher, dass in der räumlichen Darstellungsfähigkeit seiner Gerätschaften Verbesse­rungspotenzial schlummert und plant den Umstieg auf ein Paar Hochleistungs-Monoendstufen, sobald sich der russische Aktienmarkt erholt. Alternativ will er aber auch die Wirkung von Raumanimatoren, Fluxkompensatoren und Duftbäumchen eruieren. Auf die klangstei­gernde Wirkung diverser Alkoholika, in der Szene bewährt, muss Herr S. bedauerlicherweise verzichten, da er als Allergiker davon immer Kopfschmerzen be­kommt. So bleibt ihm dieser besonders kostengünstige Weg zum klanglichen Optimum leider versperrt.
Von Hunger und Durst getrieben treten wir den Rückweg an. Herrn S.’ Monologe haben die Zeit wie im Fluge vergehen lassen. Die Verabschiedung durch unsere Gastgeber fällt noch herzlicher aus als die Be­grüßung am Morgen. Unvergesslich, dieser Besuch.

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