Marten Django L – Kleiner Bruder?

Die große Marten Django XL ist ein echtes Pfund und bringt kleinere Räume schnell an ihre Grenzen. Die neue kleinere Django L soll hier helfen.

Wann steht ein „L“ für „kleiner“? – Wenn es innerhalb einer Serie auch eine „XL“-Variante gibt. Beispiels­weise bei den Django-Modellen der schwedischen Lautsprecher­manufaktur Marten. Im Vergleich zur Django XL hat die neue L schon deutlich abge­speckt, doch auch die Kleinere ist immer noch ein echtes Statement in Sachen Standlautsprecher. Trotz ihrer gefälligen Rundungen kann man sie mit ihrem Gardemaß von 115 Zentimetern und einer ebenfalls beträchtlichen Tiefe keinesfalls übersehen.
Uns in der Redaktion freut so etwas, können wir doch in der Regel mit um Unsichtbarkeit bemühten Lautsprechern reichlich wenig anfangen. Für ordent­lichen Klang muss schlicht Luft bewegt werden, und deshalb braucht es für Fullrange-Wiedergabe einfach große Lautsprecher. So viel Ehrlichkeit muss sein.
Diesem Umstand trägt man bei Marten Rech­nung, indem man einer Box, die bis 30 Hertz hinun­ter spielen soll, auch ein ordentliches Kabinett spen­diert. Das Gehäuse baut man in Schweden aus MDF und überzieht es anschließend mit einem tadellosen Acryllack. Die edlen Holz- und Kohlefaserarbeiten einer noblen schwedischen Bootswerft, die auch Jachten für den America’s Cup schreinert, sind den teureren Modellen im Marten-Programm vorbehal­ten. Auch eine große Auswahl an Farben fiel dem Rotstift zum Opfer; man kann sich bei Django zwi­schen Silbergrau oder Schwarz entscheiden. Aber Sparzwang bei knappen 7000 Euro? Entwickler Oloffsen erklärt: Irgendeine Art Kostendruck herrscht bei jeder Entwicklung. Und da ihm eine komplette Fertigung in Schweden sowie beste Qua­lität bei den technischen Bauteilen wichtig waren, musste einfach bei den Punkten gespart werden, die man nicht hört. Und wenn man sowieso einen Lautsprecher in Silbergrau oder Schwarz haben möchte, ist die Welt in Ordnung, denn nach Spar-paket sieht die Django L nicht im mindesten aus.
Daran gemahnt auch der selbst für Großabneh­mer keinesfalls günstig zu erwerbende Keramikhochtöner von Thiel und Partner aus Deutschland. Oloffsen kennt dieses Chassis mittlerweile sehr gut, setzt es in fast allen Modellen ein und weiß somit um die Eigenheiten dieses harten Treibers. Das sind – nach 13 Jahren Schreiben über HiFi darf ich das sagen – markige Worte, die Entwickler sehr gerne in den Mund nehmen, ihnen aber leider nur durchschnittlich oft Tatsachen folgen lassen. In die­sem Falle allerdings geht das für mich in Ordnung, habe ich doch noch nie eine Marten gehört, die mich angezischelt hätte oder mit irgendwie artifiziellen Höhen aufgefallen wäre.
Die beiden Konustreiber darunter stammen aus dem Hause SEAS und sind eigentlich recht norma­le Tiefmitteltöner mit einer Aluminiummembran, bevor sie für Marten mit einer besonders dicken Eloxalschicht versehen werden, was ihr Resonanz­verhalten deutlich positiv verändern soll. Mit dieser verhärteten Membran, so der Entwickler, lasse sich die Anbindung an den Keramikhochtöner besser gestalten. Für Oloffsen liegt nämlich genau hier das Problem vieler Bo­xen, bei denen der Thiel nicht klingen will. Das Weichendesign habe er betont schlicht gehalten, da er in zu großen Bau­teilsammlungen an die­ser Stelle einen Grund für leblosen und müden Klang vermute. Beim Thema Kabel verlasse man sich bei Marten auf Jorma Design, was den Preis natürlich wieder in die Höhe treibe, aller­dings auch jeden Cent wert sei.

Die tief abgestimmte Bassreflexkonstruktion der Django L atmet nach unten, was eine kluge Wahl darstellt. So blei­ben Strömungsgeräu­sche komplett im Hin­tergrund, zudem ist der Abstand zum Fußboden der einzige dem Ent­wickler bekannte Parameter bei der Aufstellung des Lautsprechers im Heim des Kunden. Die knubbeligen, an Traversen verschraubten Spikes lassen sich im Übrigen bestens bedienen: Dank des feinen Gewindes ist eine Höhenjustage ohne große Fummelei erledigt, und die leicht abgerundeten Spitzen schonen den Boden. Man kann also auf die üblichen Unterlegschei­ben verzichten, die ja ohnehin den eigentlichen Effekt eines Spikes konterkarieren. Und was noch gefällt: Das stabile Single-Wiring-Terminal auf der Rückseite der Django!
Vor dem Kauf eines Lautsprechers steht die Bedarfsanalyse und die genaue Betrachtung der örtlichen Gegebenheiten. Andernfalls sitzt man kurze Zeit später wieder beim Händler und sieht sich nach einem anderen Modell um. Wie also will ich hören? In welchen Räumen soll die Box spielen?
Um eine lange Ge­schichte abzukürzen, hier die simplen Fakten: Die Django L ist interes­sant für Menschen mit größeren Wohnräumen, die den Lautsprecher auch etwas weiter von der Wand entfernt auf­stellen können und es durchaus mögen, damit auch mal ordentlich auf den Putz zu hauen.
Zu kurz? – Nun gut, dann gibt es jetzt noch eine ausführlichere Version.
Zuerst darf die Django L mit kleineren Verstärkern spielen, was auch schon erstaunlich gut und laut funktio­niert. Allenfalls eine ge­wisse Konturschwäche im schon jetzt hörbar potenten Tieftonbereich legt die Benutzung kräftiger Verstärker nahe. Nach einem Wechsel zum Burmester 101 – meiner Meinung nach ein absolutes Vollverstärker-Highlight – gibt es hier nichts mehr zu bemängeln: Der Berliner Junge hat die schwedische Dame fest im Griff.
Ein paar kleine Messungen zeigen, dass die Djan­go L im oberen Bass ein paar Dezibel draufsattelt, um auch in größeren Räumen ein stabiles Klangbild ablie­fern zu können. Zwar ist diese Anhebung deutlich ge­ringer als bei der großen Schwester Django XL, jedoch immer noch vorhanden. Daher verbietet sich auch ein Platz direkt vor der Wand, weil das ein eher bolleriges und unterhalb der Mitten undifferenziertes Klangbild zur Folge hat. Bereits wenn man sie um gute 70 Zen­timeter von der Wand abrückt, sieht die Sache (jeden­falls in meinem Raum) schon deutlich anders aus: Der Bass wirkt nun immer noch kräftig, allerdings nicht mehr schwerfällig. Vielmehr ist es nun ein schön warmer, federnder Bass, der das sonstige Geschehen trägt und sanft schiebt. Leichte Einwinkelung auf den Hörplatz ist Pflicht; bei paralleler Aufstellung zerfällt das Klangbild im Zentrum ein wenig.
Im CD-Player liegt die Neunte Sinfonie von Gustav Mahler (Sir Simon Rattle, Berliner Philharmoniker, EMI), und nach nur wenigen Tönen ist klar, dass sich hier kein Leisetreter präsentiert. Denn schon bei diesem leisen und unkonkreten Anfang bringen die Martens jeden kleinen Akzent, jedes instrumentale Aufblitzen nach vorne. In dem ausufernd weiten, aber normal tiefen Klangbild, in dem sich die vielen Instru­mente platzieren, gerät ein mit Nachdruck gespielter, gestopfter Hornton schnell zur Schau. Auch die ersten Einsätze der Pauken werden durch ihren spürbaren Nachdruck in ihrem Erlebniswert gesteigert.

Für Freunde einer betont zurückgenommenen Wiedergabe, wie sie beispielsweise die klassischen BBC-Konzepte bieten, mag sich hier etwas zu viel „tun“, der Lautsprecher zu engagiert einbringen. Das Erlebnis wird so allerdings leicht gesteigert, wie mir immer wieder bedingt freiwillige Testhörer bestätigen. Audiophil unverdorbene Gäste setze ich recht gerne vor die Anlage, kommen dann doch oft Kommentare, die meine Sicht aus dem Elfenbeinturm entlarven und dadurch aufkommende Betriebsblindheit schnell entsorgen. Und eines, da sind sich alle unsere Gäste der letzten Wochen einig, können die Djangos in besonderem Maße: Spaß bereiten. Wenn ich zum Vergleich meine kleinen Spendors anschließe, heißt es meist, dass dies ja sicher ganz klasse für Kenner wäre oder so … aber nun wolle man doch bitte noch ein oder zwei Titel über die Marten hören. Und diese ein oder zwei Titel enden dann meist viel später als geplant mitten in der Nacht. Damit schafft die Marten Django L etwas, was vielen High-End-Konzepten bei diesem simplen Test misslingt: Sie bringt Menschen dazu, sich mit Musik zu beschäftigen und weniger auf die Anlage zu hören.
Mit barocker, kleiner besetzter Musik sollen sie nun zeigen, dass sie auch leise Töne beherrschen. Und tatsächlich haben schon einige Lautsprecher bei Kantaten der Bach-Familie (Magdalena Kozena, Reinhard Goebel, Musica Antiqua Köln, DGG) einstecken müssen, blieben sie doch einige wichtige Differenzierungen schuldig. Oftmals wird die Sängerin beispielsweise zwischen den Musikern platziert. Die Djangos stellen sie ordnungsgemäß davor, wobei sie die Sängerin ein wenig vor der Lautsprecherebene abbilden und das Ensemble in eher flachem Rund dahinter platzieren. Also nicht übermäßig weit ausladend, aber klar gegliedert und glaubhaft proportioniert.
Viel wichtiger ist allerdings die bemerkenswert ausgeprägte Fähigkeit, Klangfarben zu differenzieren – meiner Meinung nach keine Kernkompetenz von Aluminium-Mitteltönern. Die in Phrasierung und Artikulation sehr dicht beieinander spielenden Geigen lassen sich anhand der individuellen Klangmuster leicht voneinander unterscheiden. Kompliment. Bei aller Detailliebe zeigt sich allerdings auch hier, dass die Djangos ein Herz für das intensive Erlebnis haben. Magerer und asketisch durchleuchteter Klang liegt ihnen weniger als ein pralles, leuchtendes und pulsierendes Event. Dass sie dabei Details pflegen und nicht plump darüber hinwegfahren, spricht von der kundigen Hand der Entwickler. Die Django L ist nicht nur einfach das kleine Brüderchen der Django XL, sondern auch ein klanglich eigenständiges Modell. Weniger Bass und – ohne eigenständigen Mitteltöner – weniger Auflösung in den Mitten sorgen für ein Klangbild, das subjektiv geschlossener wirkt, nicht so weit in die Extreme geht. Wobei „weniger Auflösung“ bei solchen Konstrukten eigentlich ein Dysphemismus ist. Denn solche Treiber in einem solchen Gehäuse bieten jede, wirklich jede nötige Information – in diesem Falle auch noch mit viel Verve serviert.

 

www.gaudios.info

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