Diesmal: Plattenspieler

Area 51

Ein mit dem Thema sehr erfahrener Kollege von mir behauptet rotzfrech, dass er Tonabnehmer in maximal einer halben Stunde perfekt einbauen würde. Damit befindet er sich in völligem Gegen­satz zu Stimmen, die in dieser Aktion einen Nerven verschleißenden Akt von mindestens einer Woche sehen, nicht zu vergessen die Einlaufzeit von wenigstens 300 Stunden, bevor sich das gute Stück endlich einkriegt und vielleicht halbwegs so klingt, wie es der Erfinder versprochen hat. Der sich, nebenbei bemerkt, nur schweren Herzens zur Herstellung von Tonabnehmern durchgerungen hat, weil er mühsam von ein­zelnen Glücklichen, die mithilfe seiner Experimental- Objekte ins Nirwana eintauchten, überzeugt wurde, seine Kreation doch bitte endlich auch dem leidenden Rest der Welt zugänglich zu machen.
So etwas funktioniert – wie unsereiner gelernt hat – um so besser, je exotischer die Herkunft der Stücke ist; insbesondere asiatische Küchentisch-Entwickler, die in höchst fortgeschrittenem Alter noch einmal aus gespinstfeinen Drähtchen Spulen aufwickeln, die nur noch unter Elektronenmikroskopen sichtbar sind, erfreuen sich höchster Beliebtheit. Das wirft natür­lich die aus eigener Erfahrung naheliegende Frage auf, wie um alles in der Welt es um die Sehschärfe so gereifter Daniel Düsentriebs bestellt ist, ganz zu schweigen von jenem seltsamen Händezittern, das wahrscheinlich nur jene befällt, die ihr audiophiles Leben lang Schweinefleisch und Weißbier statt Thun­fisch und Sake genossen haben.
Wieder erfahrungsgemäß muss man dennoch kon­statieren, dass dem Erfindungsreichtum in Bezug auf solche Analogmechaniken scheinbar auch im Jahre 130 nach Edisons Wachswalze offenbar keine Grenzen gesetzt sind. Taucht doch tatsächlich immer wieder das eine oder andere klanglich höchst erstaunliche „Generatorsystem“ auf, mit dem wissendem Lächeln des Eingeweihten weitergereicht in dunklen Hinterhö­fen und geheimen Zirkeln, die mit „herkömmlichem“ HiFi längst abgeschlossen haben. (Und kalten Blutes schon mal 100 Euro lockermachen für einen super-rauscharmen Sony-Transistor, dessen Produktion vor 20 Jahren eingestellt wurde). Dass die Exemplar Streuungen solcher meist in teuren Halbedelstein gehüllten Rillen-Spürhunde größer ausfallen als Bergbau-Tole­ranzen, spielt kaum eine Rolle. Was zählt, ist der gerne laut allseits bekanntgegebene Besitz, und sei es nicht in Betrieb, sondern in der Vitrine.

Ähnliche Gespenstergeschichten betreffen nicht selten auch Tonarme – je exotischer das Material des Armrohres, um so besser soll es, nein: muss es klingen. Von aus Panzerantennen nächtens ab­gesägten Carbonstücken wird da schon gar nicht mehr geraunt, angesagt sind Balsaholz, Schilfrohr, hohle Buntstifte (nur Faber-Castell klingt!), aus dem tiefsten Urwald entwendete Hölzer sowie Metalle, die, von exotischen Atomen umschwirrt, aus Teilchenbeschleunigern stammen sollen, von ausgekochten Röhrenknochen seltsamer Herkunft ganz zu schweigen. Sich da noch groß über Geome­trie – Einbauabstand, Nulldurchgänge, Überhang, Schablonen – Gedanken zu machen, lehnen solche Alchemisten glatt ab. Es ist Sache des Käufers, sich um Kleinigkeiten zu kümmern, die längst nicht so wichtig sind wie ein aus Spinnenfäden bestehendes Lager oder eine Antiskating-„Einrichtung“, die auf Telekinese beruht.
So ketzerische Gedanken führen unweigerlich noch viel weiter, nämlich zu den Plattenspielern, nein, sorry: „Laufwerken“. Die ohnehin nur dann ernst zu nehmen sind, wenn sie per Gabelstapler aufs Fundament gesetzt werden und den Gegenwert eines Einfamilienhauses repräsentieren, ein „Effekt“, der, wie man hört, von den asiatischen Märkten her­rührt. Man sei doch gezwungen, für solche gehobe­nen Ansprüche etwas zu bauen, klagen die Manufak­turen mit sorgenvoller Leidensmiene, übrigens halte man mittlerweile sogar die Motorsteuerungs-Soft­ware V.15.0.1 zum Download bereit, mit Rücksicht auf die schwankende Netzversorgung in Hongkong. Die Spannen, so wird noch treuherzig geraunt, wären halt viel besser als im Schiffs- oder Lokomotivenbau, was inzwischen aus jeder Stahlbau-Klitsche mit angeschlossener Dreherei eine Laufwerks-Boutique macht. Da fragt man sich, wann endlich die Glocken­gießer einsteigen, das wäre zumindest vielverspre­chendes Rohmaterial.
Echt lustig wird es spätestens dann, wenn noch Astronauten aufs Trittbrett springen und gleich eine Werbeagentur beauftragen, die HiFi-Gazetten zu beackern. „Ein Super-Plattenspieler“, heißt es dann, „sage und schreibe 20 Kilogramm schwer, mit einem Fünf-Kilo-Plattenteller aus massivem Aluminium, revolutionärem Gleichstrommotor und nie da ge­wesenem String-Antrieb, wird demnächst auf einer Pressekonferenz auf den Kanaren präsentiert“, der Entwickler (vormals in der Uhrenbranche tätig) werde natürlich eingeflogen, um Fragen zu beantworten. Zusage bitte per Mail, Kopie des Presse-Ausweises, und mit wie vielen Journalisten man denn anreise?

Doch das sind alles Erscheinungen eines deka­denten Marktes, die man als alter Hase mit einem Lächeln übergeht. Viel schlimmer und kaum aus­zuhalten ist dagegen eine scheinbar schwerelose Manifestation, die ich mal mit „Justierer“ beschreiben möchte. Sie taucht gerne auf Messen, in Foren, spezi­ellen Analog-Websites oder sogar in HiFi-Magazinen auf und kommentiert jede, aber auch wirklich jede Bemerkung zu Plattenspielern mit hochgezogenen Augenbrauen und überheblichem Lächeln. Niemand, wirklich niemand auf diesem gebeutelten Plane­ten, nicht einmal der längst verstorbene Erfinder des jeweiligen Systems, hat so viel Ahnung von der Materie wie der Justierer, der sich – lässig hinge­worfene Bemerkung – erst jüngst wieder über das Laufwerk eines Bekannten hergemacht hat, um nach schweißtreibenden Tagen endlich ein Klangergebnis zu erzielen, das natürlich seinesgleichen sucht. HTA minus 2,7 Grad, VTA 21,3 Grad, am Tonarm Mikrome­ter montiert, um Zehntelmillimeter-Schritte einstel­len zu können, die Testplatte ist natürlich geheim, Tonabnehmer-Abschluss nach Gehör, geendet mit 127,3 Ohm, abgesehen davon scheint der lausige Her­steller seine Nadeln nicht ordentlich zu polieren! Den einfachsten elektrotechnischen oder geometrischen Nachfragen weicht der Justierer selbstredend elegant aus; unter seiner Würde so was, klar, ganz abgesehen davon, dass seine hochgezüchtete Anlage wohl die einzige wäre, mit der man überhaupt in der Lage sei, so diffizile klangliche Vorgänge zu beurteilen – blah, bläh, blub, garglblahfatz …
Spätestens dann benötigt man eigentlich jenen Plastikbeutel, den Fluglinien bei Turbulenzen bereit­halten. Alternative: Einfach gehen respektive nicht mehr weiter lesen und/oder seufzend tiefschwarze Gedanken über die menschliche Rasse verdrän­gen, soweit sie mit HiFi zu tun hat. Ich kann nur dringend raten, sich den Spaß an der wunderbaren Sache nicht von solchem Geschwätz verderben zu lassen. Die Regel: Justierer mit Nichtbeachtung stra­fen, 50.000-Euro-Laufwerke schlicht ignorieren und gut gelaunt Schallplatten kaufen. Flohmärkte nicht vergessen!

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