Wie entstehen die meisten Aufnahmen in der klassischen Musik? Wie wird da gearbeitet? Einblicke in die Arbeit eines freischaffenden Tonmeisters.

Tonmeister

Leverkusen, im Februar 2014. Im „Erholungs­haus“, dem alten Konzertsaal der Stadt, haben sich vier Musiker und ein Tonmeis­ter eingefunden, um Kantaten von Vivaldi, Scarlatti, Piani und Caldara aufzunehmen. Uwe Walter, der Tonmeister dieser Unter­nehmung, ist Jahrgang 1954 und seit über 35 Jahren im Geschäft. Er arbeitete ursprünglich auch für große Studios, zog dann aber das freie und selbständige Arbeiten auf freischaffender Basis vor. Und folgte damit der aktuellen Entwicklung der Szene: Sämtliche Labels haben im Laufe der letzten Jahre ihre festange­stellten Tonmeister entlassen, um nun für jede Produk­tion Freelancer zu engagieren. So kommt es, dass Uwe Walters mittlerweile über 400 CDs zählende Referenz­liste alle Firmennamen aufweist, vom unbekannten Label bis zur Deutschen Grammophon. Daneben fin­det er immer noch Zeit für seine Leidenschaften, das Bergsteigen und die Lokalpolitik. Mittlerweile sitzt er nicht mehr im Gemeinderat, klettert dafür umso mehr.
Der Saal in Leverkusen verfügt über eine halbwegs trockene, jedoch warme Akustik. Das Ensemble hat sich auf der Bühne eingerichtet, die Mikrofone stehen nach wenigen Augenblicken an der klanglich besten Position – beherrschtes Handwerk und reiche Erfah­rung führen zu schnellen Ergebnissen. Neben neuen und noblen Produkten sehe ich auch ältere Mikrofone und Modelle günstigerer Hersteller. In einer Gardero­be neben der Bühne befindet sich die provisorische Regie. Überraschend spartanisch geht es hier zu: kein opulentes und luxuriöses Studioflair, sondern ein klei­nes Setup an einem schlichten Tisch.
Uwe Walter und das Ensemble stürzen sich sofort in die Arbeit. Ein produktiver und kollegialer Aus­tausch beginnt, bei dem der Tonmeister nicht nur mittels seiner Technik das Geschehen dokumentiert, sondern nach Absprache mit den Künstlern gestalte­risch eingreift, als „Ohr von außen“ einen ständigen Realitätsabgleich bietet. Reden sich die Musiker heiß, klinkt sich Walter mit einem kurzen „Lasst ihr mich mitdiskutieren?“ ein, um die Arbeit wieder in eine produktive Richtung zu lenken.
Abends sitzen wir bei Uwe Walter zu Hause, in der Nähe Kölns. Wir genießen Käse, Schinken, Brot und einige sehr spezielle Rotweine und können uns nach dem arbeitsreichen Tag in Ruhe unterhalten.

FIDELITY: Was haben Bergsteigen, Politik und die Tonmeisterei gemeinsam?
Uwe Walter: Auf jeden Fall Neugierde und Wachheit. Außerdem das schnelle Fällen von idealerweise richtigen Entscheidungen. Und natürlich Ehrlichkeit.

Das bezieht sich dann aber weniger auf die Politik?!
Ein unehrliches Arbeiten nur für den eigenen Profit wird sich irgendwann rächen, da bin ich si­cher. Also lohnt es auch da auf lange Sicht nicht.

Richtige Entscheidungen sichern also das Überleben?
Sicher, beim Bergsteigen sind das sehr deutliche und kurzfristige Resultate, in den anderen Bereichen ist es eine Frage der Zeit.

Wie äußert sich das in der musikalischen Arbeit?
Die Kollegen und Kolleginnen vor den Mikrofonen spüren sehr, sehr schnell, ob man es ehrlich mit ihnen meint und ob man in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen, die zum Wohle aller Beteiligten beitragen. Und je besser sie sind, desto schneller „erkennen“ sie den Tonmeister. Versagt man hier ein paar Mal, wird in Zu­kunft ein anderer gefragt. Man muss sich hier immer wieder aufs Neue beweisen.

Wann fühlen sich die Musiker denn wohl? Was macht die Meisterschaft des Tonmeisters aus?
Zu allererst einmal Sensibilität im Umgang mit Menschen und mit der Musik – verbunden mit der Fähigkeit, führen zu können. Das ist eine hochfeine und so entscheidende Gratwanderung. Wichtig ist Intelligenz, um möglichst vielen der komplexen An­forderungen gerecht werden zu können. Und Schnel­ligkeit. Aus all dem entwickelt sich im Laufe der Erfahrung die Fähigkeit, Menschen zu motivieren! Und man verfeinert immer weiter seine Klangvorstel­lung. Je klarer sie ist, desto schneller komme ich zu gutem Klang. Und wie schon gesagt: Die Fähigkeit und Sicherheit, schnell richtige Entscheidungen zu treffen, damit man sorgsam mit den Kräften der Spielenden umgeht.

Und die Technik? Das Beherrschen der tech­nischen Geräte?
Davon gehe ich aus. Das ist eine Selbstverständ­lichkeit, die man in der Ausbildung lernt. Den Rest sollte man mitbringen und immer weiter kultivieren. Dafür muss man wach bleiben. Man lernt ein Leben lang, und es ist großartig zu erleben, was sich alles entwickeln kann.

Wieso motivieren? Sind die Musiker, die end­lich eine Aufnahme machen können, nicht von sich aus hochmotiviert?
In der Regel sind sie hochmotiviert. Aber nicht alle und nicht immer. Für manche ist die Arbeit vor dem Mikrofon das tägliche Brot, die bekommen dadurch keinen Kick mehr. Sie machen nicht „endlich“ eine Aufnahme, sondern „schon wieder“. Auch kommt dazu, dass jeder Mensch nach einigen Stunden hoch-konzentrierter Arbeit mal durchhängt. Dann sollte man sehr fein erkennen können, was welcher Mensch wann braucht, um ihm oder ihr im richtigen Moment den richtigen Impuls geben zu können.

Deine Arbeit hat also fast schon therapeuti­sche Züge?!
Das klingt nicht freundlich. Es ist doch so: Wenn ein Musiker oder eine Musikerin alles gibt und jede Fassade fallen lässt, wird die Seele extrem verletzlich. Wir müssen uns aber immer wieder in eine so sen­sible Situation begeben, weil nur in diesem extremen Zustand gute Musik entstehen kann. Also muss ich als Tonmeister dafür sorgen, dass sich alle Spielenden bei mir so sicher und beschützt fühlen, dass sie keines weiteren Schutzes bedürfen. Nur dann können sie sich selbst vor dem Mikrofon begegnen.

Das hört sich nach einer besonders engen Beziehung zwischen Musikern und Tonmeister an.
Ich kann nur für mich sprechen. Und ich empfinde es genau so. Ich merke auch genau an meiner eigenen Kondition, wenn die Kraft der Beteiligten nachlässt. Fängt die Arbeit an, mir schwerzufallen, ist das in der Regel ein Zeichen dafür, dass vor den Mikrofonen die Luft raus ist.

Und was ist dann zu tun?
Dann muss ich eine schnelle Entscheidung treffen: Schaffe ich es, die richtigen Impulse zu geben und alle wieder in den Fluss zu bringen, oder sind sie so ausgelaugt, dass ein früher Feierabend und ein frischer Beginn am kommenden Tag die bessere Option ist. Ich sollte auf alle Fälle ein inspirierender Gesprächspartner sein. Das ist eine enorme Verantwortung! Deshalb werden wir in der Regel auch recht gut bezahlt. Aber letztlich sind es genau diese Fähigkeiten, die darüber entscheiden, wie gut eine Aufnahme wird. Nicht das Kabel oder das Mikrofon.

Ist die Technik also egal?
Keineswegs. Sie ist allerdings nur eine Basis und nicht mehr. Sie muss so gut sein, dass ich alle meine Ideen ohne Limitierung umsetzen kann. Sie muss außerdem funktionieren. Das ist aber nicht die Ebene, auf der Musik entsteht.

Dennoch möchte ich kurz in diesen Niederungen bleiben. Ich habe bei den Mikrofonen neben großen Namen auch Modelle gesehen, die gerne mal als Amateurware durchgehen.
Ach ja, ich bin jetzt wohl alt genug, um mich von Trends und Moden freimachen zu können und mit meinen Ohren zu entscheiden. Gerade bei den Stützmikrofonen bin ich recht undogmatisch. Ich brauche dort ja oftmals nicht den gleichen Klang wie von den Hauptmikrofonen, sondern eine zusätzliche Information. Ein Sirren auf der Saite, ein scharfes Anblasgeräusch, das dunkle Brummen des Cembalokorpus. Alles Dinge, die auf die Distanz zu den Hauptmikrofonen verloren gehen können. Und da brauche ich einfach nur das passende Mikrofon, nicht das hochgelobte Referenzgerät. Wenn man vorurteilsfrei ausprobiert und einfach zuhört, kann man so zu wunderbaren Ergebnissen kommen.

Stichwort Stützmikrofone: In der High-End-Szene stehen bei manchen Hörern ungestützte, mit nur zwei Mikrofonen produzierte Aufnahmen hoch im Kurs.
Das ist doch Blödsinn. Es geht ja darum, Musik in ihrer Geschlossenheit und in dem, was der Komponist bezweckte, rüberzubringen. Und da muss man abseits des normalen Konzerts schon mal nachhelfen. Dass eine Aufnahme ein reines Kunstprodukt ist, erkennt man schon an der Position der Hauptmikrofone. Von dem Ort aus hat noch kein Zuschauer gehört. Und wenn jetzt in einem größeren Ensemble eine Melodie in Teilen durch die einzelnen Stimmen gereicht wird, muss man doch diesen Bogen halten können. Gerade wenn die Abstrahlrichtungen der Instrumente völlig unterschiedlich sind. Eine Trompete, ein Horn und dann eine Oboe – das bekommen die Ohren im Konzertsaal zusammen mit den Augen noch hin. Zwei Mikrofone können das schlicht nicht mehr.

Es geht also Musik verloren?
Genau! Solche Aufnahmen finden auch meistens diejenigen „Tonmeister“ gut, die keine Partitur lesen können. Wenn ich also nicht erfassen kann, um was es in dem Werk geht, merke ich auch nicht, wenn Dinge fehlen.

Noch einmal zur Auswahl der Technik. Was ist ein guter Tipp für ganz normale Musikhörer?
Genau wie bei mir: den eigenen Ohren trauen. Und nichts ist schwieriger, wenn man eine Wei­le lang in einer Szene gehirngewaschen wurde. Dennoch hilft nur das. Denn meine Klangvorstellung muss befriedigt werden – nicht die der anderen.

Aber es geht doch um neutrale Wiedergabe? Was ist neutral?
Wir haben heute ja einige Mikro­fone ausprobiert. Alles klang irgendwie richtig, und dennoch haben wir uns für ein bestimmtes Modell entschieden. Auch weil es uns in diesem Kontext am besten gefiel. Und wenn eine Aufnahme mein Arbeitszimmer mit der eigenen Akustik und den hier benutzten Geräten verlässt, ist jedes weitere Abhören an anderen Orten und mit anderen Geräten schon nicht mehr in dem Sinne neutral. Es geht darum, dass Musik Spaß macht, dass sie über den Alltag erhebt, dass sie einen im Innersten anrührt. Und da soll jeder die Anlage kaufen, die bei ihm wirkt.

Was wirkt bei dir? Womit hörst du?
Ich höre nur sehr wenig. Wenn ich am Tag schon stundenlang aufnehme oder schneide, setze ich mich abends nicht hin, um endlich mal Musik hören zu können. Kommt aber vor. Und dafür habe ich Laut­sprecher von KEF. Eine Aussage über deren Qualität gilt allerdings auch nur für mich in meinem Raum.

Also der klassische Tipp – mit den Lieblings­aufnahmen zum Händler gehen?
Ja. Und davor noch überlegen, wie ich denn hören will. Was macht mir Spaß, wie will ich genießen, nach was verlangt der Raum? Das sind Informationen, die schon vor dem Hören die Auswahl einschränken.

Und welches Format empfiehlt sich?
Ich bin voll und ganz digital.

Kein Vinylgenuss?
Was sollte ich an mangelhafter Kanaltrennung, Nebengeräuschen, Abtastverzerrungen, Abnutzun­gen des Mediums und Resonanzen des Abspiel-gerätes sexy finden?

Vielleicht gerade das?
Nein, ich nicht. Aber das mag ja jeder anders sehen.

Ist High-End-Audio also Spinnerei?
Weiß ich nicht. Es ist auch egal, was ich davon halte. Als Profi habe ich einen recht pragmatischen Umgang mit der Technik. Würde ich mich aber in dieses Technikhobby reinhängen, könnte es durch-aus sein, dass ich auch versuchen würde, Kabelunterschiede zu erhören.

Gibt es die denn?
Bestimmt. Fragt sich nur, ob sie relevant sind.

Was ist denn an einer Wiedergabekette be­sonders wichtig? Und was weniger?
Wieder die eigene Klangvorstellung. Darü­ber sollte ich mir im Klaren sein, und dann kann ich dazu passende Geräte kaufen. Danach ist es wichtig, dass der Raum nicht alles verhindert, was die Anlage kann. Dann müssen die Lautsprecher passen. Danach kommt der Rest.

Im Moment wird im Digitalbereich die Formatfrage kräftig diskutiert. Wo sind da die großen klanglichen Zugewinne zu holen?
Im Vergleich zu den ersten digitalen Aufnahmen klingt es schon richtig klasse, wenn die volle Wort­breite von 16 Bit ausgeschöpft wird. Der wirklich hörbare Schritt besteht auch immer noch zu den 24 Bit. Die Diskussion über die Frequenz halte ich allerdings für überbewertet. Die Unterschiede zwischen 48, 96 und 192 Kilohertz sind minimal im Vergleich zu dem, was sich bei der Wortbreite tut.

Ist es denn so, dass nur Hobbyisten Moden verfallen?
Keineswegs. Das ist bei den Profis genauso. Und das versperrt den Weg zur eigenen und freien Ent­scheidung, die die Basis für zufriedenstellende Er­gebnisse ist. Ob ich nun eine Aufnahme mache oder eine Anlage kaufe: Hier wie dort wird achtsam den Protagonisten der Szene gelauscht und der eigenen Wahrnehmung misstraut. Das ist falsch. Auch jungen Tonmeistern möchte ich immer wieder mit auf den Weg geben, angstfreier an die Sache heranzugehen und mit den Musikern kollegial zu arbeiten. Wir hatten einen fürchterlichen Respekt vor unserem scheinbar allwissenden Professor und gingen mit enormen Hemmungen in unsere ersten Aufnahmen. Wir dachten, alles hören, können und wissen zu müssen. Oder zumindest so zu tun, als sei dies der Fall. Dabei ist das Quatsch. Man kann nie alles hören, und wenn das Orchester merkt, dass man angibt, führt es einen schneller vor, als einem lieb ist.

Am nächsten Morgen blicke ich Uwe Walter noch ein paar Stunden über die Schulter. Ich kann alles, wovon er mir erzählt hat, in seiner Ar­beit wiedererkennen: das sensible Aufspüren von Stimmungen und Möglichkeiten vor dem Mikro­fon, die Klarheit und Kollegialität bei der Führung durch die Aufnahmesitzung, die Schnelligkeit beim Beantworten von Fragen der Musikerinnen und Musiker. Und das alles nur, damit der kostba­re Moment, in dem das ganz Besondere entsteht, nicht ungenutzt vorüberzieht.

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