Reine Musikmaschine

Gutes kann man nicht besser machen!

SME Model 10

Der Plattenspieler ist keineswegs neu. Seine Premiere feierte Model 10, das kleinste Laufwerk des Traditionsherstellers SME, gegen Ende des vorigen Jahrhunderts. Und es hat sich seither praktisch nicht verändert. Ticken die Uhren in Steyning, West Sussex, etwa anders als anderswo auf der Welt? Produkte wie der unsterbliche Tonarm SME Series V, dessen grundlegende Konstruktion seit 1986, also seit fast 30 Jahren nicht angetastet wurde, könnten diese Vermutung nahelegen. Sehr gut möglich, dass auch Model 10 heimlich, still und leise zum Klassiker geworden ist.

Das etwas andere Subchassis

Seine beiden größeren Brüder, Model 20 und 30, bewegen sich preislich deutlich in fünfstelligen Regionen. Daher wirkt der „kleine“ 10A (das „A“ verrät den mitgelieferten Tonarm) für 6000 Euro geradezu preisgünstig. Klar, dass sich der Preisunterschied in diversen „Sparmaßnahmen“ manifestieren muss. So spart SME bei der Herstellung des Model 10 augenscheinlich an der Menge des verwendeten Materials (Aluminium), nicht aber an dessen vorzüglicher Verarbeitung. Nummer 10 wiegt komplett mit externer Steuerung zwar auch schon 16 Kilogramm, ist damit aber nur gut halb so schwer wie das nächstgrößere Modell 20/3. Deutlicher dürfte sich hingegen der Verzicht auf die extrem aufwendige Subchassiskonstruktion auswirken, ein SME-typisches Design, das – vereinfacht ausgedrückt – darin besteht, dass ein massives, schweres Subchassis mittels zahlreicher Gummiringe an vier „Türmen“ hängt. Diese Konstruktion entkoppelt das Subchassis und damit den Abtastprozess in allen drei Raumdimensionen von Einflüssen durch Körper- und Luftschall. Auch der 10er ist ein Subchassislaufwerk, allerdings in einer Variante, die ich bisher bei keinem anderen Hersteller gesehen hatte. Hier steht das eigentliche Laufwerk auf einer kreisförmigen Basisplatte, deren Durchmesser kaum größer als der einer LP ist. Sie wird von drei flachen, höhenverstellbaren Füßen getragen, deren dämpfende Wirkung durch die Verwendung eines Polymers zustande kommt. Über diesen weichen Kunststoff sind keine genaueren Informationen verfügbar, er soll aber (noch) weicher sein und (noch) stärker dämpfen als das bekannte Sorbothan. Auf der Basisplatte befindet sich auch der Synchronmotor, der innerhalb seines eigenen Gehäuses bedämpft befestigt ist. Die Übertragung von Motorvibrationen auf das Chassis wird so wirkungsvoll minimiert. Um sechzig Grad versetzt zu den Standfüßen ragen drei verchromte Säulen empor. Sie übernehmen die Funktion der bei Subchassis-Konstruktionen sonst üblichen Spiral- oder Blattfedern, setzen dazu aber ebenfalls das bereits erwähnte Polymer ein. Diese Dämpfungssäulen tragen das Subchassis, ein T-förmiges Bauteil aus zwei rechteckigen, aufeinandergelegten und fest miteinander verbundenen Aluminiumplatten, an den drei Enden. Der von vorne betrachtet rechte Querbalken des T-Stücks ist verlängert, ragt über die Basis hinaus und weist an seinem Ende die SME-typische Bohrung zur Aufnahme des Tonarms auf. Im Mittelpunkt des durch die Dämpfer aufgespannten gleichseitigen Dreiecks ist das Lager positioniert – ebenfalls eine aufwendige Konstruktion: Die Lagerachse besteht aus poliertem Edelstahl und läuft auf einer Wolframcarbid-Kugel in einer Buchse aus Bronze. Die Achse weist eine spiralförmige Nut auf, die während des Betriebs ständig Lageröl nach oben transportiert. Das Lagerspiel ist übrigens einstellbar, doch die Bedienungsanleitung rät dringend davon ab, sich selbst daran zu versuchen. Das sollte man lieber dem Händler seines Vertrauens oder besser noch dem Vertrieb überlassen. Das Lager trägt einen Subteller, der mittels eines Präzisionsflachriemens angetrieben wird. Der darauf aufzulegende Hauptteller besitzt eine angeraute Oberfläche, die laut SME für einen besseren Kontakt mit der Schallplatte sorgen soll. Integraler Bestandteil dieses Konzepts ist zudem eine mitgelieferte Plattenklemme, die auf den Mitteldorn aufgeschraubt wird und für eine feste Verbindung zwischen Platte und Teller sorgt. Die Motorsteuerung sitzt in einem rechteckigen Extragehäuse, in dessen angeschrägter Front drei silberne Bedienungsknöpfe und fünf grüne LEDs untergebracht sind. Die drei Knöpfe sind nicht nur für die Wahl der Geschwindigkeit (33, 45 und 78 U/min), sondern auch für deren jeweilige Fein-einstellung zuständig. Die Leuchtdioden zeigen an, ob der Hauptschalter eingeschaltet ist, welche Geschwindigkeit gewählt wurde und ob die Geschwindigkeit gehalten wird. Gesteuert wird das alles von einem 8-Bit-Mikroprozessor, der seine Steuersignale von mehreren Hall-Sonden empfängt und gegebenenfalls nachregelt.

SME oder Nicht-SME?
Der britische Hersteller bietet sein Laufwerk wahlweise auch mit einem Tonarm gleichen Namens an. Bei dem – nur in Verbindung mit diesem Laufwerk verfügbaren Tonarm – SME Model 10 handelt es sich um einen Model 309 ohne dessen komfortable Basisplatte, bei der man mittels eines Spezialwerkzeugs den Einbauabstand verändern und so den Tonabnehmer auf einfachste Weise justieren kann. Wer sich für das Komplettpaket entscheidet, findet den Tonarm im vorzüglich gestalteten Karton zusammen mit dem Laufwerk. Aufbau und Justage gehen anhand der (englischsprachigen) Bedienungsanleitung derart leicht von der Hand, dass man durchaus von „Plug and Play“ sprechen kann: eine stabile Stellfläche suchen, das Laufwerk mit einer Wasserwaage waagerecht ausrichten, den Tonarm montieren und das System justieren – fertig. Selbst jemand, der so etwas zum ersten Mal macht, sollte einen SME Model 10 inner- halb einer Stunde spielbereit machen können. Selbstverständlich kann man sich auch für jeden anderen SME-Tonarm entscheiden – oder auch für das reine Laufwerk, das „nackt“ für 4200 Euro zu haben ist. Verwegene Naturen montieren gar Tonarme von anderen Herstellern auf das kleine SME-Laufwerk; viele Tonarmhersteller oder auch Drittanbieter bieten Adapterplatten für typische SME-Basen an. So wurden bereits der Ortofon TA-110 oder auch der Naim Aro auf einem Model 10 gesichtet. Allerdings kommen grundsätzlich nur 9-Zoll-Tonarme in Frage – eine Einschränkung, mit der ich persönlich gut leben kann. Auswahl gibt es neben dem bereits erwähnten Model-10-Tonarm allein im Produktan­gebot von SME genug: M2-9, M2-9R, Model 309, Series IV, IV.Vi und V.
Wer sich nicht sofort einen Series V leisten kann (oder will), dem würde ich zum 309 raten, der sich im Falle eines späteren „Upgrades“ leichter weiter­verkaufen lässt als die Sonderversion des Model-10-Tonarms. Möchte man hingegen Tonabnehmer betreiben, die explizit nach einem schweren Ton­arm verlangen, oder wenn man gar mit den SPUs von Ortofon liebäugelt, dann ist der M2-9R die beste Wahl. Die Krönung ist natürlich unbestritten der Series V, der freilich auch seinen Preis hat.
Wie bereits angedeutet, entspricht die Verarbei­tungsqualität des Laufwerks denen der Tonarme und ist schlichtweg nicht zu überbieten. Selbst wenn man mit der Lupe nach Schwächen sucht, ist nichts zu finden. Es gibt bei SME einfach keine „finsteren Ecken“, über die man als Autor gerne den Mantel des Schweigens hüllt. In jeder Hinsicht überzeugend wirkt übrigens auch das Gesamtkonzept dieses Plattenspielers: Physikalisch zweifelhafte Theorien oder gar esoterische Ideen sind nicht nötig, um die Funktionsweise dieses Plattenspielers zu verstehen. Es handelt sich ganz einfach um astreinen Maschi­nenbau. So hat zum Beispiel der starke, elektronisch geregelte Motor den Teller jederzeit im Griff. Hoch­lauf- und Abbremszeiten des Tellers erinnern eher an japanische Direkttriebler aus der „guten alten Zeit“ als an einen „typisch englischen“ Plattenspieler. Darüber hinaus scheint auch die Subchassiskonstruktion so effektiv wie unkritisch zu funktionieren: Justieren oder gar klangschädigend verstellen kann man hier nichts. Tatsächlich ist der SME Model 10 eines der problemlosesten Laufwerke, die ich jemals betrieben habe. So kann ich beispielsweise keinen Einfluss der Stellfläche auf die Performance ausma­chen. Und Experimente mit Zubehör wie alterna­tiven Tellermatten quittiert der Model 10 eher mit Einschränkungen der Klangqualität. Kurzum, dieses Laufwerk ist nichts für Leute, die gerne mit Zubehör herumexperimentieren. Es ist serienmäßig „kom­plett“ und klanglich ausbalanciert.

Das Beste aus allen Welten

Der Zehner ist sogar so gut ausbalanciert, dass man, wenn man ihn eine gewisse Zeit bei sich zu Hause gehört hat, überhaupt kein Bedürfnis mehr verspürt, Tonarme und Tonabnehmer im Wochen­rhythmus zu wechseln. Nachdem ich mein Exem­plar mit einem Series V und dem vorzüglichen EMT JSD-6 versehen hatte, musste ich mich regelrecht dazu zwingen, auch den SME M2-9R zu montieren, um von den Eigenschaften dieses Laufwerks einen besseren Eindruck zu bekommen. Ich wollte wissen, ob die einzigartige Konstruktion des SME 10 eher nach Masse-, Subchassis- oder Brettspieler klingt. Okay, dieses Schubladendenken hat zwar schon lange keine absolute Gültigkeit mehr, doch man kann anhand dieser vorurteilsbehafteten Kategorien die Eigenschaften des kleinsten SME-Laufwerks sehr schön beschreiben.
Früher galten leichte „Brettspieler“ als schnell und lebendig, in manchen Fällen aber auch als nervös. Von Nervosität kann beim SME überhaupt keine Rede sein. Er wirkt so lebendig wie rhyth­misch exakt, wie man es gerne Subchassis-Lauf­werken nachsagt (bei denen es oft genug aber nicht zutrifft). Das Timing des Model 10 ist jedenfalls auf höchstem Niveau – es ist schlicht Weltklasse! Ich habe tatsächlich noch nie etwas Besseres erlebt; auch nicht bei deutlich teureren Kandidaten oder bei alten großen japanischen Direkttrieblern wie Technics SP10 Mk II oder Denon DP-80. Der SME ist diesen Laufwerken mehr als nur eine Nasenlänge
voraus, weil er ein großes, keineswegs übertrieben wirkendes räumliches Klangbild aufzubauen ver­steht, das in puncto Stabilität und Souveränität wie­derum an die allerbesten Masselaufwerke erinnert – allerdings ohne deren gelegentliche „Trägheit“. Manche Schwergewichte stellen den Bass ja etwas zu voluminös dar, was bei tiefen Tönen einen gewis­sen Mangel an Differenzierungsvermögen nach sich zieht. Das allerdings ist beim SME 10 nicht nur im Bass, sondern auch und insbesondere im so wich­tigen Mitteltonbereich überragend gut. Gleichwohl stellt er diesen Frequenzbereich nicht durch eine Fokussierung auf Stimmen zu sehr in den Vorder-grund. Überhaupt nimmt sich der SME Model 10 insgesamt zurück. Er lässt der Musik den Vortritt und ist gerade deshalb nichts weniger als eine perfekte Musikmaschine. Aus diesem Grund hält er, wenn Sie mich fragen, auch nach fünfzehn Jahren Produktionszeit noch jedem Vergleich stand!

Three-O-Nine, Four, Five
Tonarm-Optionen für den SME Model 10

SME hat seit der Premiere des überragend guten Tonarms Series V – im Jahre 1986! – auch preiswertere Versionen des „Best Pick-Up Arm In The World” herausgebracht. Neben längeren 10- und 12-Zoll-Varianten sowie OEM-Produkten (beispielsweise für Transrotor und Oracle) basieren alle auf den Grundversionen Model 309‚ Series IV und V.
Diese unterscheiden sich voneinander in den Selektionsstufen bei den Kugellagern und in diversen Ausstattungsdetails. So verfügt nur der Fünfer (Series V) sowohl in den vertikalen wie lateralen Lagern über Kugellager nach ABEC-7-Spezifikation‚ über eine dynamische Einstellung der Auflagekraft mittels Fe­der‚ aufwendigstes Montagezubehör sowie eine Dämpfungs-wanne‚ die zugleich eine komfortable Tonarmhöheneinstellung während des Betriebs („on the fly”) ermöglicht. Letztere ist auch bei allen anderen Modellen nachrüstbar. Der „IV” muss sich in der Vertikalen mit ABEC-3-Lagern begnügen‚ und die Auflagekrafteinstellung erfolgt statisch mittels eines kleinen skalierten Rädchens am Gegengewicht. Beim Model 309 fiel dieses dem Rotstift zum Opfer‚ dafür ist der Sechskantschlüssel zur Einstellung der Auflagekraft mit einer Skala versehen.
Bereits seit einigen Jahren wird auch der kleinste SME-Tonarm mit einem einteiligen Tonarmrohr aus einer Magnesiumlegie­rung gefertigt. Ältere Versionen mussten sich noch mit einem mehrteiligen Rohr aus einer Aluminiumlegierung zufrieden­geben. SME nennt zwar keine Spezifikationen für die Lager‚ offensichtlich sind sie aber von wirklich guter Qualität.
Im Laufe der Jahre hatte ich alle drei Grundversionen in meinem Besitz. Und auch wenn die klanglichen Unterschiede hier von subtil bis deutlich reichen‚ ist schon der Model 309 ohne Wenn und Aber ein Tonarm‚ mit dem man jahrelang‚ nein‚ jahrzehntelang zufrieden leben kann. Keine Frage‚ der Series IV spielt im Vergleich zum 309 präziser und dynami­scher auf. Mich hat allerdings doch überrascht‚ dass sich der „Fünfer” klanglich deutlicher vom „Vierer” absetzt als dieser vom Model 309. Insbesondere die Basslagen wirken deut­lich nuancierter und detailreicher. Es scheint also doch zu stimmen: Wer jemals einen SME Series V über einen längeren Zeitraum gehört hat‚ für den gibt es anschließend kein Zu­rück mehr. Das gilt auch und insbesondere für den Einsatz auf dem Laufwerk SME Model 10.

www.transrotor.de

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