Ehrliche Haut

Echtes HiFi ohne High-End-Allüren. Expolinears T-300 L zeigt‚
was bei gewichtigen Standboxen fürs Geld möglich ist.

Expolinear T-300 L Mk2

Gerne gebe ich es zu: Mit der Preispolitik in unserer schönen HiFi-Welt habe ich immer öfter meine Probleme. Für mar­ginale – wenn überhaupt vorhandene – Verbesserungen werden immense Summen verlangt, viele Begründungen für ein Gerätedesign oder ein Zubehörteil entfernen sich erschreckend weit vom sicheren Boden der natur­wissenschaftlichen Erklärbarkeit – die Verhältnismä­ßigkeiten sind meiner Ansicht nach absolut aus dem Ruder gelaufen.
Besonders anschaulich erlebe ich das, seit ich unterschiedlichste Musikzimmer akustisch vermesse. Erst werden Paargleichheiten von Lautsprechern und Kanalabweichungen von Potentiometern diskutiert und dann all diese erstklassigen Geräte in einem Raum gehört, der auf beiden Seiten so unterschiedlich arbei­tet, dass man aufgrund des Messschriebs nicht vermu­tet, den rechten und linken Lautsprecher des gleichen Modells gehört zu haben. Oder es werden sündteure Kabel gesucht, die den Bassbereich klarer darstellen sollen, während der Raum im Bereich der Eigenmoden gerne mal 20 Dezibel draufpackt.
Was soll das alles?
Und was soll diese Vorgeschichte?
Während ich bei der ersten Frage ratlos dastehe, kann ich zumindest die zweite beantworten: Dieser kleine Exkurs definiert den (virtuellen) Raum, in dem wir Jörg Henning-Reinelt, den Gründer, Leiter und Ent­wickler von Expolinear, eben nicht finden können.

Highendiger Spinnerei ist er völlig unverdäch­tig, und die besonderen Materialien, die auch in seinen Lautsprecherkreationen unter dem Label Expolinear zum Einsatz kommen, kann er bestens begründen. Wirklich greifbar und auch messtech­nisch. Als Beispiel seien die steinernen Seiten­wangen der Box genannt. Lediglich die Farbe des Materials wird nach optischen Gründen gewählt, der Stoff an sich mit Masse, Schallausbreitungs­geschwindigkeiten und Übergangswiderständen erklärt. Und zwar im Detail. Dass Herr Henning-Reinelt zudem kalkulatorisch mit beiden Beinen im Diesseits steht und keine Künstlerhonorare abruft, sei schon jetzt mit Freude erwähnt. Manche anderen Lautsprecherpreise wirken daneben schon fast ausgewürfelt. Jörg Henning-Reinelt bemerkt dazu pragmatisch, dass das ja jeder Hersteller nach eigenem Gusto gestalten könne – er jedoch wolle morgens noch mit ruhigem Gewissen in den Spiegel blicken. Und über viele Jahre treue und zufriedene Kunden zeigten ihm, dass er nicht ganz falsch liegen könne.
Dass man trotz eines für eine solche Box mo­deraten Anschaffungspreises keine billige Kiste bekommt, zeigt schon das Gehäuse. Allein die Seitenwände dürften in puncto Beschaffung und Verarbeitung ihren Preis haben, der weit über das übliche MDF hinausgeht. Expolinear will aller­dings nicht auf das Material verzichten. Die harten Seitenwände gäben den Gehäusen eine besonders große Stabilität, welche Biegeschwingungen verhindere. So soll sich das Klangbild zum einen sauberer gestalten (das Gehäuse strahlt weniger selbst ab), zum anderen viel besser von den Boxen ablösen. Dieser letzte Punkt gelingt übrigens für einen Lautsprecher mit einer so breiten und geraden Front faszinierend gut. Als Standard-Steinwangen werden Carrara, Jura und Travertin angeboten, andere Oberflächen – etwa der hier vorgestellte Andenphylit – sind gegen Aufpreis lieferbar. Henning-Reinelt attestiert den unterschiedlichen Gesteinen aufgrund ihrer individuellen Härten und Dichten eigene klangliche Auswirkungen auf den Lautsprecher. So kann man nicht nur das Aussehen, sondern auch noch die Performance in Maßen an den eigenen Geschmack anpassen. Die aufgeklebten Glasplatten unterschiedlicher Dicke sollen ebenfalls der Oberflächenberuhigung dienen. Anfang der 80er Jahre als rein akustische Maßnahme eingeführt, sind sie mittlerweile untrennbarer Bestandteil der Marken-DNA geworden. Genau wie die Steinwangen. Die eingebauten Chassis sind ebenfalls wahre Leckerbissen. Das beginnt bei dem seit vielen Jahren selbst produzierten Bändchenhochtöner, der ohne Probleme Frequenzen bis 40 000 Hertz abstrahlen können soll. Bin ich allgemein mit solchen Herstellerangaben sehr vorsichtig, neige ich doch in diesem Fall dazu, es zu glauben. Denn nach meinen Messungen ist Expolinear einer der ganz wenigen Hersteller, die beim Wirkungsgrad noch nicht einmal ein kleines, verschämtes Dezibel dazudichten. So viel Ehrlichkeit ist selten. Außergewöhnlich ist in dieser Preisklasse auch, dass ein exklusives und somit teures Chassis wie der 130 Millimeter durchmessende Görlich-Mitteltöner Verwendung findet. Als Vertrieb dieser Treiber hat man kalkulatorisch bessere Möglichkeiten als der Mitbewerb. Uns Kunden kann das nur recht sein: Wir bekommen die schnellen, offenen „Görlich-Mitten“ zum Freundschaftspreis.

Der in einem Rohr und nach hinten nur über etwas Dämmmaterial und somit fast offen spielende Treiber arbeitet hier zwischen 400 und 2700 Hertz. Um seinen lockeren Charakter zu bewahren, wollte ihm Henning-Reinelt möglichst wenig Widerstand der Luft in den Rücken stellen. Die Dämpfung sorgt dafür, dass nach hinten nicht zu viele Schallanteile entweichen und die Abstrahlcharakteristik verwässern. Bei Expolinear schätzt man eine definierte Keule, hier ca. 75°, um die Auswirkungen des Raums auf die Abbildungspräzision möglichst gering zu halten.
Im Bass helfen solche Tricks freilich nicht weiter, denn dort wird (außer bei Dipolen) immer kugelförmig abgestrahlt. Und das bei der T-300 L nicht zu knapp: Was diese noch überschaubar große Box mittels ihrer Reflexunterstützung an Bässen in den Raum schiebt, ist absolut erstaunlich. Der Treiber, ein von Peerless gefertigtes 20-cm-Chassis mit Zellulose-Membran, wird vom Entwickler als „ganz erstaunlich“ eingestuft, als eines der wenigen Chassis, bei dem man „noch echten Gegenwert für sein Geld“ bekomme. Bis die T-300L Mk2 in meinem Musikzimmer steht, ist es freilich ein beschwerlicher Weg, der einem kräftigen Helfer und mir viel Schweiß und auch ein klein wenig Blut abverlangt – unhandliche 65 Kilogramm eine Spindeltreppe hinunter zu wuchten macht keinen Spaß. Unten angekommen gestaltet sich das Leben dann viel angenehmer, denn die Positionierung des Schwergewichts gerät dank der abgerundeten Gleitfüße zum Kinderspiel. Nachdem sie richtig aufgestellt sind, wird ein kleiner Test erste Aufklärung über die Qualitäten der Expolinear bieten: Sie sollen ein schlichtes, natürlich genau in der Mitte liegendes Monosignal darstellen. Raum und Boxen können jetzt zeigen, ob sie das sauber und klar abgegrenzt platzieren können. Klappt es nicht, braucht man eigentlich mit Stereo gar nicht weiterzumachen; Sie können sich vorstellen, wie „präzise“ dann die Raumdarstellung gerät. Dieser im Studiobereich durchaus übliche Test ist leicht zu bewerkstelligen: Schnell mal eines der überall im Netz zu findenden Testsignale herunterladen, auf CD brennen, und schon kann es losgehen. Und wenn Sie schon dabei sind: Lassen Sie doch einmal einen Helfer mit einem Spiegel an den Wänden rechts und links der Lautsprecher entlanggehen, während Sie auf Ihrem Hörplatz sitzen. Die Punkte, an denen Sie im Spiegel die Chassis der Lautsprecher sehen, sollten mit einem Kissen (idealerweise Basotect, fragen Sie Thomas Fast) entschärft werden. Das Gleiche wiederholen Sie noch mit Decke und Boden, und schon werden Sie merken, wie die Monomitte geschärft wird.

Was jetzt noch für Unklarheit sorgt, sind die Lautsprecher selbst. Nach diesem kleinen Exkurs zurück zu den Expolinears: Sie verhalten sich in diesem Punkt absolut vorbildlich und nageln das rosa Rauschen auf einen Punkt, wie man es sonst nur von besten Studiomonitoren kennt. Was bei Mono so gut funktioniert, lässt auf Stereo hoffen. Und tatsächlich: Die Expolinears bilden die Protagonisten bei Hindemiths Bläserkonzerten (Eterna LP 827797) wunderbar präzise ab. Allerdings gönnen sie dem Geschehen ein wenig mehr Weite, Strahlkraft, „Aura“, als es Profiboxen gemeinhin erlauben. Vor allem aber stellen sie die unterschiedlichen Holzblasinstrumente klangfarblich fein nuanciert dar, ohne das Geräuschhafte des Tonansatzes in den Mittelpunkt zu stellen. Die Basspotenz dieser Lautsprecher ist wie schon erwähnt durchaus beachtlich. Dabei poltern sie nicht tumb drauflos, sondern zeigen ohne pegelmäßige Abstriche einfach nur, was in diesem Bereich gerade Sache ist. So steht denn auch die Große Trommel der Dresdner Philharmoniker völlig locker und profund im Raum, als wäre es die leichteste aller an einen Lautsprecher gestellten Aufgaben. Was mir an der Expolinear besonders gefällt, ist der „ehrliche“ Raum, der ganz der jeweiligen CD, LP oder Datei entspricht: von flach, separiert an den Kisten klebend bis hin zu einer wirklich unglaublichen Tiefe, wie ich sie gerade bei Antonin Dvoráks Erster Sinfonie mit der Tschechischen Philharmonie unter Václav Neumann (Supraphon LP 1110 2877) erlebe. Die am vorderen Bühnenrand platzierten Streichergruppen sitzen schon fast vor der Lautsprecherebene, die Holzbläser deutlich dahinter, während die Posaunen im dritten Satz ihre motivische Arbeit hörbar aus der größtmöglichen Bühnentiefe verrichten. Diesen „Dienst am Dokument“, für das Henning- Reinelt eine Tonaufnahme offensichtlich hält, ist mir überaus sympathisch. Er sorgt für die faszinierendsten Momente, allerdings auch für manch herbe Ernüchterung beim Musikhören. Man kann nicht mehr jede Platte mit der unschuldigen Freude am schönen Klang genießen – gleichzeitig weiß man nun mehr über diese Aufnahme. Die T-300L beweist jedoch ständig aufs Neue, dass dieses Vergnügen kein rein tonmeisterliches ist. Denn bei Aufnahmen, die in enger Zusammenarbeit zwischen Musikern und Tonmeistern entstanden, erfährt man auf diesem Wege ungleich viel mehr über die persönliche Lesart des Künstlers als über einen highendigen Schönklinger. Den Einwurf einiger „Experten“, dass Tonmeister und Musiker doch immer zusammenarbeiten würden, überhöre ich jetzt einfach mal. Zu oft habe ich es erlebt, dass den Technikern die klangliche Idee der Künstler reichlich egal war und sie ihr eigenes klangliches Gewand um die Noten zurrten. Und damit zurück zur Expolinear: Sie zeigt also, was auf der Aufnahme vorhanden ist und enthält sich weitestgehend eines eigenen Kommentars. Zum Bändchenhochtöner habe ich noch kein Wort verloren – und das mit gutem Grund. Denn er fällt nicht im Mindesten auf. Die hohen Frequenzen sind einfach da, fügen sich nahtlos ins Klangbild ein, stören nie und sorgen doch für diese Leichtigkeit und Weite, die in amerikanischen HiFi-Magazinen als „Air“ bezeichnet wird. Die Expolinear T-300L ist sicher kein Lautsprecher für jeden, dafür ist sie viel zu ehrlich und unprätentiös. Wer allerdings wirklich gut Musik hören möchte, ohne dabei auf bestimmte Gattungen festgelegt zu sein, wer auf berühmte Etiketten verzichten möchte und einen Händler mit kräftigen Armen kennt, kann mit ihnen wunderbar tief in die Klänge eintauchen, den Künstlern auf Kehle und Finger blicken und der eigentlichen Aufnahme so nahe kommen, wie mit nur wenigen anderen Lautsprechern.

www.expolinear.de

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