Vorsicht, Satire!

Illustration Florian SchaeferNeulich in der ZukunftEU-WAHN: DEUTSCHER SCHLAGER SON­DERMÜLL?“, titelt die Bild-Zeitung vom 04.01.2016. Die FAZ weiß Genaueres: „EU sanktioniert volkstümliche Musik aus Deutsch­land“, heißt es dort verschämt beleidigt. Was wirklich dahintersteckt, erklärt die Neue Zürcher Zeitung: „EU entwirft Emissionsrichtlinie für Unter­haltungsmusik“.
Im Zuge eines zum Jahreswechsel in Kraft getretenen Gesetzes ließ der Leiter des Untersu­chungsausschusses für Schadschall, EU-Kommissar Adriano Celentano, gestern Richtlinien zum Kauf akustischer Emissionszertifikate verlautbaren. Demnach werden Tonträger und Musikvorführun­gen, die nach Ansicht des Ausschusses mutwillig die geistige Gesundheit in Mitleidenschaft zie­hen, mit einem erhöhten Quantum an Zertifikaten beaufschlagt. Dass es im europaweiten Vergleich deutsche Schlager- und Volksmusik-Künstler unverhältnismäßig hart treffe, rechtfertigt Celenta­no bei Markus Lanz mit neuesten medizinischen Erkenntnissen, wonach insbesondere diese Musik zum rapiden Identitätsabbau führe. „Aber, verstehe ich Sie richtig, Herr Gelato …“, Lanz adressiert den italienischen Sänger mit dem Zeigefinger, „… dass jede Form der akustischen Umweltverschmutzung gesundheitsschädlich ist, aber trotzdem wieder ein­mal wir Deutschen die Hauptlast tragen? Könnte es denn nicht vielleicht sein, dass es sogar viel gefähr­licher ist, wenn ich etwas sage – also könnte nicht sogar ich selbst zum Gesundheitsrisiko werden, sobald ich anfange …?“ „Si …“, antwortet der EU-Kommissar, bevor ihm der Simultanübersetzer ins Wort fällt, „… nach allem, was ich heute hier gehört habe, gibt es Lücken, das System ist nicht gerecht, aber notwendig. Es geht um Ihre Gesundheit.“ Celentano begleitet die letzten Worte aus dem Off mit einem stummen Schulterzucken in die Kamera.
Innerhalb der letzten Jahre verschmolzen in Deutschland die randständigen Phänomene Schla­ger und volkstümliche Musik zu einer Einheit und breiteten sich bis in die Mitte der Gesellschaft aus. Mit verheerenden gesundheitlichen Folgen, wie eine Studie an der deutschen Fußballnationalmann­schaft während und nach der Weltmeisterschaft in Brasilien zeigt. Wochenlang wurden die Sportler schutzlos Helene Fischers „Atemlos“ ausgesetzt und trugen schwere psychische Schäden bis zum Verlust der Sprache davon. Zu diesem The­ma befragt, antwortet Mesut Özil: „Das einzigste Wichtigste ist, dass wir die besten Weltmeister sind und so. Und die anderen nicht. Wie war gleich nochmal die Frage?“ Als Konsequenz kommt das neue Album der Schlagersängerin nun zu einem Preis von mehreren hundert Euro auf den Markt. Die Kosten der Emissionszertifikate müssten auf die Verbraucher umgelegt werden, entschuldigt sich die Plattenfirma. Die ARD ließ wissen, man plane den Musikantenstadl und alle Formate mit Florian Silbereisen ins Nachtprogramm zu verschieben. Dazu bezog der Moderatorendarsteller chargierend Stellung: „Geh weiter! Diese EU-Bürokraten, die wollen uns doch nur unser’ Gaudi nehma. Meine Frau, die Helene, die probt gerade für einen Auftritt mit Rammstein beim Frühlingsfest in den Bergen. Das könn’ ma uns doch gar nimma leisten!“

Was? Herrje! Schon so … Ich muss wohl kurz … Ist das Heft schon zu Ende? Ich hab’ bestimmt die Hälfte verschlafen. Manchmal träumt man vielleicht einen Unsinn!

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