Die meisten Audiophilen würden die Frage nach Ihrem Hobby mit „Musikhören” beantworten. Das ist aber nicht einmal die halbe Wahrheit

Aus der Kindheit kennen wir zwei Spielertypen. Diejenigen, die ihre Eisenbahn von innerer Unruhe getrieben ständig auf- und umbauen, und diejenigen, die sich innerlich ausgeglichen an den fahrenden Zügen erfreuen. Welcher Typ Highender sind Sie? In der Jugend, wenn sich der Spaß an Musik ausbildet, ist es egal, ob sie live gespielt wird oder im Supermarkt zur Hintergrundsberieselung ertönt. Es gefällt, was gefällt! Die Qualität der Wiedergabe ist vollkommen bedeutungslos, ja man weiß nicht einmal, dass überhaupt Qualitätsunterschiede existieren. Man ist ahnungslos … und glücklich. Nach dem Kauf der ersten eigenen Musik folgen irgendwann die notwendigen Abspielgeräte, um endlich von den Eltern unabhängig zu werden und den eigenen Musikgeschmack auszuleben. Diese Gerätschaften begleiten den Heranwachsenden als verlässliche Konstante über viele Jahre hinweg bis ins Erwachsenenalter. Die Tonträgersammlung wächst unaufhaltsam, genau wie das musikalische Wissen. Die Liederfolge der Lieblingsplatten kann zu jeder Tages- und Nachtzeit locker lächelnd heruntergebetet werden. Von HiFi-Magazinen hat man schon mal gehört und findet diese genauso spannend wie in China umfallende Reissäcke. Tonträger sind Gebrauchsgegenstände und werden auch so behandelt, Geräte werden nur dann ausgetauscht, wenn sie defekt sind. Später gründet man eine Familie und vergrößert diese stetig, genau wie die heimische Musiksammlung. Irgendwann, wenn die Kinder das abbezahlte Haus längst verlassen haben, die beiden Autos finanziert und zwei Urlaube pro Jahr gesichert sind, investiert man vielleicht noch mal in eine „ordentliche Anlage“, die dann aber auch bitteschön die nächsten Jahrzehnte bis ins Altersheim halten soll. Solide muss sie sein, also darf der Preis ruhig etwas höher ausfallen. Das Leben könnte so schön sein. Wären da nicht die lieben Mitmenschen … Hat man nämlich Pech und konvertiert nicht schleunigst zum Sozialautismus, so wird man eines Tages – meist in der Jugend – von „einem guten Freund“ und elenden Besserwisser darauf hingewiesen, dass der Klang des Lieblingssongs mit einfachen Mitteln zu verbessern sei. Ein Zeit-punkt, der das weitere Leben ganz entscheidend beeinflussen wird. Leider weiß man das aber – wie bei allen entscheidenden Momenten im Leben, beispielsweise der eigenen Hochzeit – nicht, sonst würde man gegensteuern oder wenigstens fliehen. Niemand rennt sehenden Auges ins eigene Verderben! Da der Mensch aber neugierig ist, probiert er die vorgeschlagenen Veränderungen aus. Wirken sie positiv, so ist der Floh im Ohr und die highendige Karriere nimmt ihren Lauf. Der soziale Abstieg beginnt. Das vorhandene Budget wird von nun an in Equipment investiert, die bis dahin erworbenen, überschaubaren Tonträger werden der frisch angeschafften Plattenwasch-maschine – dreimal so teuer wie der Plattenspieler – anvertraut und nur zu besonderen Anlässen abgespielt. Die Suche nach einem Lebenspartner wird ersatzlos gestrichen – wer nimmt schon einen, dessen Nase ständig in High-End-Magazinen steckt? Die dort gelobten Komponenten geben sich zu Hause den Netzanschluss in die Hand, der Dispo ist dauerhaft am Anschlag. Die Meinung der Internetcommunity wird zur eigenen – so viele erfahrene Spezis kön­nen doch nicht irren. Die schlussendlichen Kauf­entscheidungen werden aber nach wie vor dem Händler-Guru überlassen – dessen Erfahrung zählt! Die Zahl der Freunde nimmt weiter ab. Gut so, im Sweetspot herrscht Platzmangel. Die Rangfolge der Aufnahmequalität der Lieblingsplatten kann zu jeder Tages- und Nachtzeit locker lächelnd herun­tergebetet werden.
Manchmal wird natürlich auch Musik gehört, denn die durch das teuer angeschaffte Equipment hervorgerufenen Klangveränderungen wollen schließlich erlauscht werden. Hierzu dienen ex­zellent produzierte, meist spärlich instrumentierte Musikstücke, die außerhalb der Community keiner kennt. Nach einer Warmlaufphase von vier Wochen klingt es aber auch wirklich fast göttlich. Nur noch diese eine kleine Verbesserung, dieses widerstands­freie Kabel aus der Weltraumforschung, dann habe ich endlich Frieden!
Dabei wäre nichts schlimmer, als wenn der op­timale Klang erreicht würde. Der Audiophile wäre auf diese Weise seines Hobbys und seiner wenigen Freunde beraubt. Glücklicherweise handelt es sich aber beim klanglichen Optimum um ein bewegli­ches Ziel, das täglich neu festgelegt werden kann.
Irgendwann träumt man vielleicht von der Rück­kehr zur unbelasteten Musikliebhaberei, aber daraus wird nichts. Die im Kopf gespeicherten highendi­gen Klangbilder verhindern es. Die Fähigkeit, den Lieblingssong auch über miesestes Equipment oder einen Telefonhörer genießen zu können, ist verloren gegangen. Einmal Highender – immer Highender.
Innerhalb der Highender existiert eine kleine Untergruppe, die genügend Wissen besitzt, um sich ihre Geräte selbst zu konstruieren und zu bauen. Sie genießt meinen höchsten Respekt, und wir sollten ihrem Vorbild ein klein wenig folgen. Durch ein bisschen Ahnung der physikalischen Zusammen­hänge immunisiert man sich gegen Übergriffe der esoterischen Sterndeuter, die unter Herstellern und Händlern zunehmend anzutreffen sind.
Es ist in Ordnung, wenn das Spiel mit der Technik genauso wichtig wie oder gar wichtiger als das Musikhören selbst ist. Man müsste sich das vielleicht nur mal eingestehen.

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