Welche Röhre darf’s denn sein?

Dieser Vorverstärker erhebt das „Tube Rolling” zum Prinzip. Aber eigentlich hätte er das gar nicht nötig.

Tube

Bezeichnen wir ihn einfach mal als „robust“. Oder vielleicht als „herbe Schönheit“? Geschmäcker sind nun mal verschieden – erst recht, wenn es um Schrauben, Frontplattenbeschriftung, Knöpfe oder Deckel geht. Fakt ist, der Tube One SE von MFE ist fast so stabil gebaut wie ein Panzer. Und das sieht man ihm auch an. Was noch gar nichts über seine inneren oder gar klanglichen Werte aussagt. Unter dem schwarzen, dicken Lochblech-Deckel stecken eine Hochpegel- sowie eine komplette Phonostufe. Das macht die MkII-Inkarnation des Tube One zu einem Komplett­paket, inklusive einiger zusätzlicher Filter und einer Klangregelung. Die wohlbemerkt abschaltbar ist. Und die der Vorverstärker – nach Meinung des Au­tors dieser Zeilen – ungefähr so dringend braucht wie sein Besitzer die Grippe. Doch Dipl.-Ing. Michael Franken, Inhaber und Designer von MFE (Motto: „Das Beste zu fairen Preisen“) erzählt, dass durchaus jeder zweite oder dritte Tube-One-Kunde gerne eine Klangregelung und damit die MkII-Va­riante hätte. Erstaunlich, nicht wahr? Wie gesagt: Die Sache ist abschaltbar. Und wer es so nicht mag, der bestellt einfach einen Tube One „ohne“, was für die auf Sonderwünsche ohnehin eingestellte Manu­faktur alles andere als ein Problem darstellt.
Wenden wir uns lieber Wichtigerem zu, nämlich dem Thema Perfektion. Wer ein Gerät in dieser Preisklasse anschafft, der besteht auf Perfektion. Auch in einem ganz objektiven Sinne. Es soll also weder knacksen noch rauschen, geschweige denn brummen. Und, bitte schön, fernbedienbar soll es auch sein. Handelt es sich um ein Röhrengerät, sind die Kundenansprüche vielleicht sogar noch höher, denn, seien wir mal ehrlich, einer auf Röhren basierenden Komponente wird, wenn es um ganz profane, grundlegende objektive Anforderungen geht, gerne mal prinzipiell misstraut. Also, machen wir es kurz: In dieser Beziehung verhält sich der seit 1993 „gereifte“ und 2009 überarbeitete Tube One SE MkII so rein wie frisch gefallener Schnee. Also perfekt. Ein Begriff, den wir im Verlauf dieser Geschichte vielleicht noch öfter bemühen werden.
Ein anderes Thema, über das man im Zusam­menhang mit dem Tube One sprechen sollte, sind Röhren an sich. Der Hype um gewisse Röhrentypen nimmt bisweilen ja pathologische Züge an, wobei uns die Amerikaner da einiges voraushaben. Was man im Netz manchmal über „Tube Rolling“, die ganzen „Stöpseleien“, also den „klanglichen“ Ver­gleich zwischen diversen Röhren oder den Spielar­ten ein und desselben Röhrentyps, lesen kann, ist mindestens kurzweilig, um nicht zu sagen knall­verrückt oder häufig nur von völligem Nichtwissen um die Materie geprägt. Dennoch ist diese Art der Suche nach „besserem“ Klang – oder nach individu­ellen Klangwünschen – natürlich legitim und macht vielen Röhrenfreaks einfach Spaß.
Was das mit dem Tube One zu tun hat? Ganz einfach: Bei ihm ist diese Röhren-„Archäologie“ quasi eingebaut. Oder, anders ausgedrückt, Be­standteil des Konzepts: Michael Franken zählt in der Bedienungsanleitung nicht weniger als 13 Röh­rentypen auf, die anstatt der üblicherweise in der Linestufe verwendeten Doppeltriode PCC88 zum Einsatz kommen können (im Testexemplar stecken 6922). Und zwar entweder „ab Werk“ oder nach Rücksprache. Ähnliches gilt für die Phonostufe und das mithilfe von Röhren geregelte Netzteil.
Da tut sich also quasi ein Riesen-Spielplatz auf. Angesichts dessen die Frage erlaubt sein muss, ob der Tube One solche Aktionen überhaupt nötig hat. Oder ob es ausschließlich sein Benutzer ist, dem damit geholfen wird. Wer sich mit Schaltungstech­nik ein wenig auskennt, dürfte sich obendrein wun­dern, dass die ganze Sache mit so vielen (Röhren-) Alternativen sicher und stabil funktioniert. Kompli­ment an den Designer.
Die Phonostufe ist sowohl für MM- als auch für MC-Tonabnehmer umschaltbar und eingangsseitig standardmäßig mit der PC88 bestückt. Diese sehr rauscharme Triode wird in Bezug auf ihren Frequenzgang über ein in der Gegenkopplungschleife angeordnetes (RIAA-)Entzer­rernetzwerk kontrolliert, anschließend setzt Michael Franken die Triode/Pentode-Verbundröhre PCF80 ein, deren kräftiges Pentodensystem am Schluss auch für niedrigen Ausgangs­widerstand garantiert. Für das Teamwork mit den winzigen Ausgangsspannungen von MC-Abtastern ist ein abschirmend gekapselter Aufwärtsübertrager zuständig, der unmittelbar bei den Eingangsbuchsen sitzt. Zur Platine verdrahtet Franken dann mit seinem eigenen Spezialkabel. Als eine der möglichen Alter­nativen zur Einfachtriode PC88 nennt die Bedienungsanleitung übrigens die EC88.
In der zweistufig ausgelegten Linestufe, die hinter dem mo­torisierten Pegelsteller angeordnet ist, sitzt wie schon erwähnt normalerweise eine Doppeltriode PCC88. Sie liefert in einer zweistufigen Schaltung zehnfache Spannungsverstärkung, verbunden mit niedriger Ausgangsimpedanz von um die 100 Ohm. Einerseits können so praktisch alle denkbaren Endverstärker sicher angesteuert werden, andererseits ist zusätzlich ein Ausgangsabschwächer vorhanden, mit dessen Hilfe das Signal wahlweise um 13 Dezibel abgesenkt werden kann. Enorm praktisch, wenn sehr wirkungsgradstarke Lautsprecher, empfindliche Endverstärker und „lau­te“ Quellen zusammentreffen und schon bei „acht Uhr“ am Pegelsteller viel zu viel Lautstärke anliegt.
Hinter den symmetrischen Hochpegel-Eingän­gen verwendet MFE kompakte Übertrager, die das Signal für die unsymmetrische Verstärkerschaltung desymmetrieren. Am Ausgang läuft es umgekehrt: Hier produzieren Übertrager ein symmetrisches Ausgangssignal, während der unsymmetrische (Cinch-)Ausgang via Kondensator ausgekoppelt wird. Übrigens gibt es auch einen simpel paral­lel angeschlossenen Kopfhörer-Ausgang, da die Ausgangsstufe ja niederohmig genug und wirklich bärenstark ist.
Witzigerweise bietet das Netzteil des Tube One prinzipiell ebensolche „Röhrchen-wechsel-dich“- Optionen wie die Verstärkerschaltung. Als Gleich­richter wird eine 5Y3 verwendet, die laut MFE auch durch GZ32, GZ33, 5AR4, GZ34 oder EZ81 ersetzt werden könnte, anschließend kümmert sich eine Regelschaltung um konstante Anodenspannung. Als Regelröhre im Netzteil arbeitet eine 6EM7 (für die nennt MFE nur eine Alternative), als Span­nungsreferenz dient schließlich eine 0D3A. Sogar für diese sogenannte Glimmröhre stehen noch Alterna­tiven zur Wahl. Interessant, dass Michael Franken, der dieses Netzteil durchaus puristisch und prinzipientreu mithilfe „alter“ Röhrentech­nik spannungsstabilisiert, auf eine der üblichen Siebspulen verzichtet und stattdessen einen Gyrator einsetzt. Das ist eine kleine Transistorschaltung, mit der man Induktivitäten quasi nachbilden kann; platz­sparend, effektiv und, wie man sprichwörtlich hört, dem Klang sehr zuträglich. Und die Röh­renheizung? Dazu dient eine Konstantstrom-Quelle, beim Einschalten röhrenschonend langsam hochgefah­ren. Nach 60 Sekunden gibt der Microcontroller-ge­steuerte Vorverstärker schließlich die Ausgänge frei. So, denkt sich der Berichterstatter schließlich, wenn man jetzt auch noch den Microcontroller ge­gen Ersatztypen auswechseln könnte … Nein, den nicht. Zumindest nicht offiziell. Er kommandiert unter anderem einen Satz schöner Relais mit Gold/Silber-Kontakten und kümmert sich etwa um kurzes Muting, wenn der Eingang umgeschaltet wird. Ergebnis: Da knackst nichts. Perfekt. Ebenso wie die Fernbedienung, ein angemessenes, schwe­res Metallteil. Wieder perfekt.
Was die beiden zuschaltbaren Filter angeht, so ist meinerseits eine Entschuldigung fällig. Denn ich habe weder das Rumpel- noch das Rauschfilter eingesetzt oder einer genaueren Inspektion unter­zogen, beide Schalter ohne allzu schlechtes Ge­wissen frohgemut ignoriert. Künstlerische Freiheit sozusagen.
Den dritten Filter an Bord mochte ich dagegen nur zu gerne inspizieren, ist er in RIAA-Auslegung doch für die Phonoentzerrung zuständig. Die ist akribisch genau, was man durchaus hört, die gesamte Phonostufe stellt schließlich ein rauschar­mes, plastisch-präzise spielendes Kunstwerk dar, an dem Röhren zu tauschen mir nicht mal im Traum einfallen würde. Der eingebaute Step-up-Trafo ist übrigens sehr gut, wenn normale MC-Tonabnehmer (die den üblichen Standard-Abschluss mit 100 Ohm benötigen würden) mit von der Partie sind.
Doch wer es eher rund und freundlich bis an­schmiegsam mag, ist hier an der falschen Adresse. Und wer es superanalytisch kühl bis eisig vorzieht, wird sich ebenfalls woanders umschauen müssen. Will sagen: Tonal beschreitet der MFE einen durchaus vernünftigen, goldenen Mittelweg. Gleichzeitig ist er bei aller nötigen Reproduktionsgenauigkeit noch so brav, dass auch nach Stunden keine Ermüdungser­scheinungen beim Zuhörer aufkommen. Dabei klingt er zunächst, na ja, eher nach „Transistor“ (was immer das heißen mag :-). Das hat er übrigens mit einer Handvoll absoluter Top-Röhrenvorstufen, zu denen er preisunabhängig zweifellos zählt, gemeinsam.
Ich persönlich vermute, man kommt zu solchen Aussagen, wenn die Erwartungen zwar alles andere als enttäuscht, aber doch irgendwie verfehlt werden. In puncto Röhrenverstärker scheint man ja geradezu auf freundliche Magie zu hoffen respektive auf ir­gendeinen Effekt, der sozusagen als „Röhrenbeweis“ herhalten muss. Aber das funktioniert nicht, hat noch nie funktioniert. Und den Röhren ist es auch wurscht. Sie haben ja keine Ahnung, was von ihnen erwartet wird. Transistoren übrigens ebenso wenig. Das jetzt nur so am Rande, um die gerne verwendeten Begriff­lichkeiten ein wenig zu untersuchen. Und vernünfti­gerweise ad acta zu legen. Vielleicht einigen wir uns einmal so, dass es vielmehr darauf ankommt, was man aus den aktiven Bauteilen macht.
So auch beim Tube One, der zur sauberen, klaren, durchsichtigen, aber keineswegs überanalytischen Fraktion gehört. Subjektiv nach oben hin weit, weit offen, dabei nicht gläsern oder gar harsch, jedoch durchaus sehr detailfreudig. Diesen Eindruck enor­mer Bandbreite vermittelt er auch am anderen Ende des Übertragungsbereichs. Ohne zu trocken, zu kantig oder gar anämisch zu wirken, spielt er immer druckvoll und extrem tief hinunter, falls gefordert mächtig, jedoch glücklicherweise ohne jede künst­liche Aufdickung. Das berühmte „Oberbass-Bäuch­lein“, immer wieder gerne genommen oder sogar in Lautsprecher „hineinkonstruiert“, fehlt ihm komplett. Und das ist auch gut so. Hörte man dann doch wohl kaum jenes weit darunter subsonisch angelegte Grollen, das sich manchmal überraschend einstellt, so etwa auf „Iron Hand“ von den Dire Straits. Und, ja, schon gut: Für die Musikauswahl kann ich mich nur mit meinem Alter entschuldigen.
Was ich am Tube One so mag, ist nicht nur sei­ne Ausgeglichenheit. Die über Tage und Wochen beweist, den besseren Weg darzustellen; an jeder Art von Sound nutzt man sich letztlich ab, selbst wenn es sich zu Anfang ganz anders anhört. Nein, vielmehr fasziniert mich auch seine lässige Art, mit Dynamik umzugehen: ungeheuer leicht, wie aus dem Ärmel geschüttelt, auch mal hingehaucht, und feine Pegelunterschiede erscheinen wie mit der Lupe vergrößert. Sonderbarerweise ohne jene seltsamen Bremsen, die aktiv spannungsgeregelte Netzteile manchmal darstellen – wider die elekt­rotechnische Theorie, ich weiß, aber ich höre nur sehr, sehr selten Regelungen, die einem Verstärker subjektiv kein Hinkebein verpassen. Hier funktioniert es. Und zwar prächtig. Außen herum baut er dann einen großen Raum, gefüllt mit reiner, durchsichtiger Luft. Wie einer jener kalten, klaren Tage, an denen die Fernsicht ausnehmend gut ist. Nicht jene „Show“-Räumlichkeit, die Dinge einfach nur nach hin­ten versetzt, nein, vielmehr eine schöne, höchst differenzierte 3D-Abbildung, die bereits ab der Lautsprecherebene eine tiefe Bühne aufbaut. Phono- und Linestufe im Tube One arbeiten da übrigens auf ein und demselben Niveau, ermöglichen so auch teils überraschende Vergleiche zwischen der guten alten Schall­platte und HD-Musik aus dem Rechner plus D/A-Wandler. Ein Experiment, das jeder einmal machen sollte und bei dem sich dieser Vorverstärker unparteiisch heraushält, einfach nur seinen Job macht, auf dem Niveau eines perfekten Werkzeugs, über das es nichts mehr zu diskutieren gibt.
Dies ist sicherlich einer der seltenen Fälle, in denen sich der Berichterstatter weit aus dem Fenster lehnen sollte, nein, muss. Denn er hat in puncto Vorstufe Vergleichbares noch niemals in diesem Preisrahmen gehört. Also ist hier eine dicke Empfehlung fällig, die, weil es auch um Röhren geht, von Herzen kommt. Ob man dabei am Tube Rolling teilnimmt, bleibt jedem selbst über­lassen. Meine persönliche Meinung? Lieber Musik hören. Und ein Set Ersatzröhren bunkern.

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