Besuche ich einen HiFi-Laden‚ gehöre ich meist zu den jüngeren Kunden. Eigentlich kein Problem‚ hätte ich die Fünfzig nicht längst überschritten

Illustration: Florian Schäfer

Die Überalterung der Gesellschaft ist unter Highendern längst von einem Prozess zu einem akzeptierten Zustand geworden. Einmal pro Jahr feiert man sich pompös auf der Fachmesse in München und wartet ansonsten mangels Nachwuchses fatalistisch auf das eigene Verschwinden. Das sollte uns nicht egal sein – und sei es nur, damit man beim Händler des Vertrauens mal wieder neuen Gesichtern begegnet, die nebenbei bemerkt dafür sorgen könnten, dass dieser noch ein paar Tage durchhält und wir zukünftig das wertvolle HiFi-Zeug nicht bei Amazon bestellen müssen. Wieso sollte ein junger Mensch ein HiFi-Geschäft betreten? Bereits die Schaufenster der Hifi-Fachhändler signalisieren puren Luxus. Komm hier besser nicht ohne den entsprechenden finanziellen Background rein! Die aufgebaute Schwellenangst ist für Nichteingeweihte unüberwindbar. Und dann die ausgestellte Ware: Was macht man mit Geräten ohne Touchscreen? Wo lässt sich die Bedienungs-App für den Plattenspieler downloaden? Früher durchlief ein Neuling zuerst eine Selbstbau-Phase und wurde so lang-sam an die HiFi-Zirkel herangeführt. Heute werden die Probanden gleich ins kalte Wasser geworfen. Wenn sie sich werfen lassen. Das Interesse Jugendlicher an Musik ist riesig! Das notwendige Hör-Equipment beschaffen sich die Halbwüchsigen im Fachhandel für DJ-Zubehör und Homerecording. Die Preise sind bodenständig, das Personal spricht die eigene Sprache und kennt die aktuelle Musik, Berührungsängste existieren nicht. Die angebotenen Gerätschaften sind vielfältig und bei weitem nicht so schlecht, wie High-End-Händler gerne predigen. Die ideale Spielwiese für Einsteiger also … und die Chance für den etablierten High-End- Handel zur Kooperation – wäre da nicht die Angst, dass die dunkle Seele des Homerecording die funkelnden Strasssteine auf den bohrinselähnlichen Plattenlaufwerken erlöschen lässt. Da geht man lieber auf Distanz, auch zum Nachwuchs. In der öffentlichen Meinung haben Audiophile die Grenze zur Spinnerei ohnehin längst überschritten. Hierfür sorgen regelmäßige Ausflüge ins Paralleluniversum, in dem physikalische und marktwirtschaftliche Gesetze außer Kraft gesetzt scheinen. Es ist leider einfacher, ein funkelndes Monstergerät an einen russischen Oligarchen zu verkaufen, als 1000 eng kalkulierte Einsteigergeräte abzusetzen. Der Gewinn ist der gleiche. Um die abgehobene High-End-Szene wieder hip zu machen, bedarf es einer großen Marketingkampagne oder pfiffiger Ideen. Soll der Nachwuchs in die HiFi-Tempel gelockt werden, reicht es nicht, die Tür zu öffnen und mit jugendfreundlicher Einstellung zu warten, bis ein günstiger Wind einen Jungkunden hereinbläst. Man muss im Gegenteil die jahrzehntelang ausgetretenen Pfade der Kundenakquise verlassen und nach neuen Wegen suchen, Jugendliche dort abzuholen, wo sie sich rumtreiben. Dies kann beispielsweise die Schule, der Jugendclub oder die Szenekneipe sein. Vielleicht ist eine Zusammenarbeit mit den dort Verantwortlichen möglich. Warum nicht mal einen Schnupperkurs anbieten, wie das beispielsweise Fußballvereine tun? Ein solcher Kurs sollte dann unbedingt anfängerfreundlich gestaltet sein – also einfaches Equipment, passende und mitgebrachte Musikbeispiele und, ganz wichtig, bitte kein High-End- Gerede! Die Industrie ist das Problem bereits vor Jahren offensiv angegangen, indem sie Computer-HiFi erfand. Hier können sich die Nerds nach Belieben austoben, Treiber aufspüren, in Kernels streamen, IP-Adressen tauschen, Datensicherungskonzepte perfektionieren …
Vielleicht drückt ja mal jemand versehentlich auf die Play-Taste und hört zu. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Jeder kennt Jugendliche, die man für hochwertige Musikwiedergabe begeistern kann. Oft reicht hierzu eine Vorführung der Musik des Angesprochenen auf der heimischen Anlage. Blöd nur, wenn das sorgsam zusammengestellte High-End-Gedöns mit der mitge­brachen Heavy-Metal- oder Dubstep-Scheibe nicht klarkommt. Vielleicht sollte man das vorher testen, um das Kind nicht gleich mit dem Bade auszuschütten. Ist echtes Interesse beim Publikum erkennbar, findet sich sicher noch das ein oder andere „wertlose“ Altertüm­chen im Keller, mit dem man dem Nachwuchs den Start ins HiFi-Leben erleichtern kann. Sollte FIDELITY ein paar Anlagen vorstellen, deren Komplettpreis unter 500 Euro liegt? Unvorstellbar, aber möglich!
Während meiner HiFi-Erweckungsphase Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrtausends besuchte ich regelmäßig die damals noch reichlich vorhandenen HiFi-Läden der Großstadt Köln, um dort Musik und Fachgesprächen zu lauschen oder meine Prospekt­sammlung zu erweitern. Bei zwei Händlern wurde ich dabei trotz vorbildlichen Verhaltens – ich war ein schüchternes Landei – wiederholt des Ladens ver­wiesen. Nach einigen Fehlversuchen belästigte ich diese Händler gar nicht mehr. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte habe ich einen gut fünfstelligen Betrag in unterschiedliche Gerätschaften investiert. Der Umsatz der beiden genannten HiFi-Händler profitierte davon jedoch nicht. Einer der beiden existiert noch heute und ich vermeide immer noch jeglichen Kontakt. Ein Händ­ler mit Weitsicht erlaubte mir damals sogar, meine Lieblingsplatten auf einer der „Superanlagen“ der Zeit zu hören. Mit Speck fängt man Mäuse, und das zahlte sich für ihn mehrfach aus. Die stärksten Bindungen entstehen in der Jugend!
Die Grauköpfe können auch weiterhin unter sich bleiben und ihre Geheimratsecken pflegen. Schlimm wäre das nicht, aber schade wäre es schon.

Die angezeigten Preise sind gültig zum Zeitpunkt der Evaluierung. Abweichungen hierzu sind möglich.
Abonnieren Sie den Newsletter und erhalten Sie Informationen rund um das FIDELITY Magazin, exklusive Spezialangebote, Gewinnspiele, neue Features sowie Angebote unserer Partner.