Kleos bedeutet „Ruhm“

Kleos – Ein von der griechischen Mythologie inspirierter Name weckt große Erwartungen

Jonathan Carr dürfte schweigen. Keiner würde ihm das übel nehmen. Ist sein gutes Recht, nicht zu verraten, was es mit der hohen Kunst des Tonabnehmerbaus auf sich hat. Aber was tut der Mann? Das genaue Gegenteil! Bis ins kleinste Detail erklärt er seine Arbeit bei Lyra, beantwortet in Internet-Foren in aller Offenheit Fragen und erlaubt, als sei das alles noch nicht genug, dass präzise Zeichnungen der von ihm erdachten und von seinem Kollegen Yoshinori Mishima in Japan gebauten MC-Systeme auf den Produktverpackungen abgedruckt werden.

Druck und Details

Lyras jüngster Tonabnehmer-Generation gehören vier nach dem Moving-Coil-Prinzip arbeitende Systeme an. Den kleinsten gemeinsamen Nenner der Modelle Delos, Kleos, Etna und Atlas bildet Lyras „New Angle Technology“. Dabei ist der Spulenträger in seiner Ausrichtung in Bezug auf das Magnetsystem so voreingestellt, dass sich erst mit Absenkung des Systems auf die Platte, also unter dem aufs hundertstel Gramm genau angegebenen empfohlenen Auflagegewicht die vom Konstrukteur gewollte Generator- Geometrie ergibt. Lyra will hier eine Lösung gefunden haben, die Nichtlinearitäten in der horizontalen und vertikalen Beweglichkeit des Spulenträgers auf dem Dämpfungsgummi ausschließt. Eine weitere Gemeinsamkeit aller aktuellen Lyra-Systeme ist die Magnetanordnung. Jonathan Carr setzt auf zwei scheibenförmige (manche mögen sagen: ringförmige) Magnete unmittelbar vor und hinter dem Spulenträger. So ergibt sich ein offenes, ganz ohne Polplatten auskommendes Magnetsystem, das Carr eben wegen der Abwesenheit der – wie er sagt – einen enormen klanglichen Einfluss ausübenden Eisenteile bevorzugt. Das Testobjekt Kleos kommt wie alle Lyra-Systeme jüngeren Datums als minimalistisches „nacktes“ System daher. Der recht massive Systemträger besteht aus einer besonders festen Aluminiumlegierung. Um dem Metall jegliche Resonanzfähigkeit auszutreiben, bekommt es von hinten zwei zylindrische Bohrungen verpasst. In diese wird jeweils ein Zylinder aus Bronze eingepresst. Die Kombination zweier unterschiedlicher Metalle sorgt in Verbindung mit dem Druck, unter dem sie verbunden wurden, für eine äußerst effektive Eigenbedämpfung. Die Kontaktfläche zum Headshell, die beim kleineren Bruder Delos plan ist und damit vollflächig aufliegt, wurde beim Kleos bis auf einen schmalen Steg im Bereich der Montagelöcher abgefräst. So wird auf einer kleineren Auflagefläche ein höherer Anpressdruck erreicht – auch das soll zum klanglichen Vorteil gereichen. Den Generator des Kleos vervollständigt ein quadratisches vergoldetes Eisenplättchen, auf das die Spulen aus feinem hochreinem Kupferdraht gewickelt sind. Der Nadelträger ist ein Boron-Stäbchen; an dessen Ende sitzt ein Diamant mit nach Lyra-Vorgaben modifiziertem Line-Contact-Schliff.

Wie es uns gefällt

Im Handling macht das Kleos Freude. Dank griffigem Korpus mit genügend geraden Kanten sind Einbau und Justage ein Kinderspiel. Der ausgezeichnete, absolut unfummelige Nadelschutz verdient ebenfalls höchstes Lob. So soll ein gehäuseloser Tonabnehmer aussehen! Den Test absolvierte das Kleos im Bauer- Tonarm auf meinem DPS3-Laufwerk. Weder Gewicht (8,8 g) noch Geometrie noch die Nadelnachgiebigkeit des Systems wecken Befürchtungen, dass es in den gängigen mittelschweren Tonarmen nicht ebenso gut funktionieren wird. Mit Sicherheit fühlt es sich aber im Bauer-Arm besonders wohl, hat doch Willi Bauer bei dessen Entwicklung ausgiebig auf Lyra-Systeme zurückgegriffen. Bei genauem Hinsehen lässt sich sogar eine gewisse geistige Verwandtschaft erkennen: Der clevere, auf „natürliche“ Bedämpfung setzende Materialmix ist auch ein Merkmal von Bauers Laufwerk und Tonarm. Als Phonoentzerrer war die meiste Zeit mein Bauer Phono im Einsatz, daneben gastierte noch ein Shigaraki 4718 des japanischen Herstellers 47 Laboratory im Hörraum. Beide Geräte kommen aufgrund ihrer Bauweise ohne jegliche Anpassungsmöglichkeiten an den Innenwiderstand (hier: 5,4 Ohm) des MC-Generators aus – der Bauer Phono ist fest auf 47 Kiloohm Eingangsimpedanz eingestellt, der Shigaraki arbeitet im sogenannten Stromanpassungsmodus. Ich mache mir da, auch aufgrund meiner Praxiserfahrungen, gerne den Standpunkt von Entwickler Jonathan Carr zu eigen: „Was die Tonabnehmeranpassung betrifft, zählt an erster Stelle, was gefällt. Als angenehm empfundene Werte werden allerdings nicht nur je nach Tonabnehmer und Anlage (und beteiligten Hörern) variieren, sondern sind auch abhängig von der jeweils verwendeten Phono-Vorstufe und dem Tonarmkabel.“ Entsprechend lautet die Herstellerempfehlung zum Anschlusswiderstand ganz undogmatisch: 86,6 Ohm – 47 Kiloohm. Sehr genau sollten allerdings das Auflagegewicht und das Anzugs-Drehmoment der Befestigungsschrauben kontrolliert werden. Ersteres wird aufgrund der Erfordernisse der New Angle Technology auf präzise 1,75 Gramm festgelegt. Letzteres wird nirgends beschrieben, ist aber ein immer wieder Verblüffung hervorrufender Erfahrungswert – der Unterschied zwischen „fest“ und „ein kleines bisschen weniger fest“ war beim Kleos enorm, besonders in den Disziplinen Bass und Spielfreude (Tipp: nicht zu fest!). Im Vergleich dazu fiel der Effekt kleiner Änderungen der Tonarmhöhe geradezu marginal aus. Es ist ja ein Wunder, dass sich unsereins, von allen Seiten umworben von mit dem Label „hochauflösend“ dekorierten digitalen Musikdateien „in Masterbandqualität“, überhaupt noch ernsthaft mit Schallplatten auseinandersetzt. Oder etwa nicht? Nun, dazu sage ich hier und jetzt: Die Menge an Information, die eine Plattenrille bietet, muss alle HD-Digitalmusik- Gläubigen beschämen.

An Klangschrauben drehen

Mit dem Kleos lassen sich zarteste Hallspuren und subtilste Klangfarbschattierungen hervorzaubern, wie es auch die bitreichsten und rasantest sampelnden digitalen Formate nicht besser können. Das Lyra ist ein Detaildetektor par excellence. Weil das gerne mit Hochtonlastigkeit gleichgesetzt wird: nein, Fehlanzeige. Da ist schon mal der Bassbereich vor, der gekonnt ausbalancierend bis in tiefste Tiefen nichts anbrennen lässt; komme, was wolle. Und der große Rest zwischen Rumms und Zing, der sich absoluter Neutralität bis hin zur regelrechter Eigenschaftslosigkeit befleißigt. Wie urteilt die Gattin mit dem empfindlichen Ohr? „Ganz ehrlich!“ – und will gleich ihre Lieblingsplatten aufgelegt haben. Das Kleos verweigert sich jeder Charakter-Schublade, und wäre sie auch noch so verführerisch beschriftet. Denn Schublade bedeutet: Reduktion. So ist es nicht „das Körperhafte“, obwohl es auf der legendären audiophilen Scheibe Jazz At The Pawnshop das Vibrafon so hinreißend glockig-plastisch vor den Lautsprechern nachzeichnet, dass man die Legierung der Klangstäbe zu erkennen glaubt. Es will nicht „das Ultradynamische“ heißen, obwohl Rickie Lee Jones’ immer schon unfassbar abgehende Version von „Under The Boardwalk“, zu finden auf der 10″-Scheibe Girl At Her Volcano, mit ihm zuverlässig alle im Raum anwesenden Kinnladen in Bodenrichtung befördert. Das Kleos ist bitte auch nicht „das Charmante“ – obwohl, wer mit ihm Frauenstimmen hört, genau das ohne Umschweife unterschreiben würde. Wenn überhaupt, dann würde ich die Souveränität des japanischen MCs besonders hervorheben. Die prüfe ich mit „Jungle Bill“ von der Yello-LP Baby. Darin verwursten die Herren Meier und Blank so ziemlich jeden Soundschnipsel, den ihre Sample-Datenbank hergibt – und zwar gleichzeitig. Das Kleos marschiert stoisch durch das irrwitzige High-Speed-Spektakel und nagelt jeden Effekt förmlich an der ihm am Mischpult zugewiesenen Stelle fest. Ein so neutral abgestimmtes Tonabnehmersystem ist die ideale Basis für die Feinjustage hin zu subjektiven Hörvorlieben. Mit dem Bauer Phono kam die phänomenale Auflösung und Souveränität des Kleos voll zur Geltung. Wer „analog“ explizit mit Wärme und Emotion verbindet, der kann mit einem Entzerrer wie dem 47 Labs Shigaraki 4718 genau an diesen Schrauben drehen, bei nur geringen Abstrichen an ultimativer Detailtreue und Übersicht in komplexen Passagen. Den Kombinationsmöglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. Das Lyra Kleos ist ein absolut alltagstaugliches Weltklassesystem. Dass es noch besser gehen soll, ist kaum vorstellbar. Da allerdings Lyra noch zwei höherwertige Offerten im Angebot hat, muss es wohl so sein. Jonathan Carr wird sicher wieder bereitwillig jedes Konstruktionsdetail erklären. Guter Mann.

 

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