Voxativ PI – Das unbestechliche Werkzeug

Oder der größte anzunehmende Hörspaß

Wahrscheinlich ist es ohnehin höchste Zeit für ein ehrliches Umdenken. Denn wer kritisch hinsieht, hat doch längst bemerkt, dass sich die High-End- Lautsprechertechnik gerade in einer Einbahnstraße befindet: immer aufwendigere und teurere Schallwandler auf der einen, völlig abgefahrene Konstrukte mit zweifelhaften klanglichen und technischen Eigenschaften auf der anderen Seite. Beides mit Einschlagen eines Gigantismus, der eigentlich nur noch dazu taugt, interessierte Newcomer gründlich zu verschrecken. Dass da die Vintage-Szene formlich boomt, ist kein Wunder, denn dabei kommt wieder Spannung und Kreativität auf – die so manchen HiFi-Freak bis zurück in die Beschallungstechnik der ersten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts umtreibt. Aber seien wir ehrlich: Manche (nicht alle) dieser Installationen sind monströs, ebenfalls unbezahlbar oder klingen schon ein bisschen schräg.

Ein Gegenvorschlag

Ein klein wenig, aber wirklich nur prinzipiell betrachtet, stammt mein heutiges Thema ebenfalls aus der Vergangenheit und hat dort auch Vorbilder. Wenn Sie mögen, betrachten Sie es als Gegenvorschlag zu einer Szene, der offenbar die Ideen ausgegangen sind – außer jener, das nächste Modell im sechsstelligen Preisbereich anzusiedeln. Um objektiv zu bleiben: Es gibt unter diesen Luxuskarossen einige, die im Teamwork mit adäquater Elektronik praktisch keine Wünsche mehr offen lassen. Aber dieses Vergnügen wird eben nur Wenigen zuteil. Die Frage muss also lauten: Geht es auch anders? Kleiner, weniger aufwendig, passend für normale Wohnverhältnisse, mit bezahlbaren Verstärkern, preiswerten Kabeln? Mit anderen Worten: Geht es auch bodenständiger? Und mit „geht es“ meine ich nichts weniger als ein Klangniveau, das, noch zurückhaltend formuliert, faszinierend ist und ein Hörvergnügen liefert, das, wenn überhaupt, nur alle Jubeljahre anzutreffen ist. Dass so ein (nun nicht mehr) hypothetischer Traumlautsprecher trotzdem noch nicht über die Portokasse zu finanzieren ist, sollte ebenfalls klar sein. Allerdings, in völlig absurde Preisregionen stößt er nicht vor.
„Er“ heißt PI (gemeint ist das PI aus der Mathematik) und entsteht einschließlich seines einzigen Chassis in der Berliner Lautsprechermanufaktur Voxativ. Dort huldigt man ausschließlich dem Breitbänder. Dieses antiquierte Prinzip ist inzwischen zwar ein akzeptierter Trend in der HiFi-Szene, kämpft jedoch prinzipbedingt ständig mit Problemen, mit Kompromissen, mit Unzulänglichkeiten, die man tolerieren kann oder auch nicht. Den gesamten Übertragungsbereich nur einem einzigen Chassis anzuvertrauen scheint angesichts der aktuellen Lautsprechertechnologie eher eine Glaubensfrage zu sein, noch dazu eine, der man in manchen Kreisen die Existenzberechtigung glatt abspricht. Zumindest dann, wenn neuzeitliche Anforderungen an Übertragungsbandbreite, Verzerrungsarmut oder Schalldruck gestellt werden.
PI hingegen ist etwas Anderes, etwas völlig Neues. Aber zu glauben, PI sei einfach nur ein weiterer Breitbänder- Lautsprecher, wäre schmerzlich untertrieben. Denn hier wurde ein brandneuer, extrem leistungsfähiger Treiber erfolgreich mit einer ebenso neuen, innovativen und vor allem klein bauenden Gehäusetechnik kombiniert. Voxativ, allen voran Inhaberin und Entwicklerin Dipl.- Ing. Ines Adler, nennt ihre Gehäusetechnik „Acoustic Stealth Technology“ (AST). Dieses Schallführungssystem ist weder Bassreflex noch Horn, sondern eine Art Zwischending, freilich eines, das es in sich hat. Diese ganze Story hat etwas mit der Finite-Elemente-Technik, womöglich mit abgehobener Strömungslehre und mit Was-auch-immer zu tun – da halt man sich in Berlin naturgemäß bedeckt, zumal die Sache ganz offenkundig kein Marketing-Gag ist, sondern äußerst gut funktioniert. Anders wäre kaum erklärbar, dass die lediglich 65 Zentimeter kleine PI mit ihrem 20-Zentimeter-Breitbänder auch im Tieftonbereich überzeugend aufspielt und dort lässig noch genug Schalldruck liefert, um keine Defizite aufkommen zu lassen. Doch damit nicht genug: Am anderen Ende der Frequenzskala, so zwischen zehn oder zwölf und 20 Kilohertz produziert das mit einem zusätzlichen Hochtonkonus versehene Chassis ebenfalls so viel Pegel, dass Gedanken über Hochtöner gar nicht erst entstehen. Das ist angesichts der bekannten Schwachpunkte von Breitbändern erstaunlich, aber noch nicht einmal das wirklich Entscheidende an der PI, wenn Sie mich fragen.

Breitbänder ohne Grenzen

Muss man sich doch normalerweise bei den ganz wenigen wirklich brauchbaren Fullrange-Konzepten damit abfinden, dass Maximalpegel, Klangvolumen und Fülle durchaus gewisse Grenzen haben. Anders formuliert: „Gros“ spielen solche Lautsprecher selten, stressfrei sehr laut eigentlich gar nicht, und meist muss sich der Zuhörer eher an der Schokoladenseite der Breitbänder – einer wunderbaren räumlichen Darstellung – erfreuen und ansonsten ein tendenziell eher schöngeistig atmosphärisches Klangbild akzeptieren, dem aber, so ehrlich muss man sein, häufig Substanz und Druck fehlen. Die PI macht damit Schluss. Und nicht nur damit. Die Gründe sind einleuchtend und finden sich hier bei einem Treiber, der tatsachlich auch genug Hub zu leisten vermag, darüber hinaus satte 50 Watt Belastbarkeit bietet. Und das Schönste: Das alles ist verbunden mit einem exorbitanten Wirkungsgrad von fast 99 Dezibel pro Watt und Meter. Entsprechend „wach“ geht dieser Lautsprecher ans Werk, besitzt deshalb ein ungeheuer leichtfüßiges, superschnelles Ansprechverhalten und kann mit einer sensationellen Detail-Präzision aufwarten, die sonst allenfalls groben, gut gemachten Hornkonzepten vorbehalten bleibt. Dass sich die extrem leichte Membrane quasi schon beim leisesten Strom-Windhauch in Bewegung setzt und anschließend in puncto Schalldruck über jede Menge Reserven verfügt, produziert letzten Endes eine völlig ungewohnte, autobahnbreite Dynamik-Zone. Das hört sich anfangs völlig überraschend an, mundet in große Faszination und bleibt im akustischen Gedächtnis so einbetoniert hangen, dass der Zuhörer eigentlich nicht mehr „zurück“ kann – viele herkömmliche Lautsprecher wirken nun im Vergleich träge, wenig präzise bis lustlos.

Welchen Verstärker?

Eine kleine Kehrseite hat die glänzende Medaille freilich schon. Lieblos hingestellt, zu stark eingewinkelt und mit womöglich ohnehin sehr schlank aufgenommenen Konserven versorgt, kann der frische PI-Klang ins Eisige umschlagen; auch hüte man sich vor zu steril oder farblos klingender Elektronik. Und was Verstärker angeht: Etwas anders, als sich das in unserer notwendigerweise trockeneren messtechnischen Analyse anhört, stellen nun 30 Watt subjektiv schon den reinen Overkill dar, während etwa ein kleiner Acht-Watt-Röhrenverstärker sicher und verzerrungsfrei ausreicht, um große Raume zu beschallen; gerne darf man mit noch viel weniger „Power“ experimentieren. Die PI vertragt sich übrigens nicht nur gut mit Rohren, sondern auch mit winzigen Voll- und sogar D-Verstärkern, trennt allerdings akribisch und mitunter ziemlich bösartig die Spreu vom Weizen (ein D-Amp unterschlug mir milde geschätzt 50 Prozent jener zarten klanglichen Texturen, zu denen die PI fähig ist). Ist sie derart verbandelt, hört man mit der PI schlicht mehr, insbesondere sehr leise Tone, differenziertes Ausklingen und innere Dynamik. Während einer Hör-Session mit diversen D/A-Wandlern, ob der Materie gewöhnlich ein stirnrunzelnder Marathon, dividierte die PI den Klang der Kandidaten binnen Minuten akribisch auseinander. Für den Berichterstatter ist dieser Lautsprecher ein probates Messwerkzeug, das schon fast, nein: exakt wie ein akustisches Vergrößerungsglas arbeitet.

Polymerchemie

Übrigens besteht die Membrane des 16-Ohm-Treibers tatsachlich aus Papier. Obwohl es ziemlich dick aussieht, ist es extrem leicht und mit einer speziellen Beschichtung versehen. „Das hat etwas mit Polymerchemie zu tun“, sagt Ines Adler. Die einzeln bei Voxativ sorgsam in ziselierter Handarbeit hergestellten Chassis besitzen einen sehr offenen Alu-Gusskorb mit nur vier Stegen und wirken trotz der tatsachlich filigranen Membrane robust. Von der elektrischen und mechanischen Unfallempfindlichkeit, die etwa die regelrecht hingehauchten Membranen einstiger Lowther-Treiber immer vermittelten, ist der AC-?_Fe aber weit entfernt. „Fe“ steht für das Ferrit- Magnetsystem, das pikanterweise die einfachste und preiswerteste Option in der PI darstellt – daneben halt Voxativ auch Neodym- und Alnico-Varianten plus sogar fremderregte Treiber bereit. Den nochmals um zwei Dezibel lauteren Neodym-Typen ebenfalls einzubauen konnte ich mir natürlich nicht verkneifen, das extrem effiziente Chassis benimmt sich im Hinblick auf den Verstärker womöglich eine Spur zickiger als die Ferrit-Variante, eröffnet aber endlich neue Dimensionen im Teamwork mit winzigen Verstärkern. „Flea Power“, so nennt man das in der DIY-Szene, wenn vielleicht nur zwei oder drei wunderbare Watt zur Disposition stehen. Klanglich sehr interessant, normalerweise aber ein wenig erforschtes Terrain, für das es außer Mittel- und Hochtonhörnern bisher kaum Spielpartner gab.

Aufstellung: nicht unkritisch

Der vom Hörtplatz aus betrachtet ungewohnt kompakten, aber hübsch geformten PI zu unterstellen, sie baue ihr Klangbild womöglich zu bodennah auf, ist keine Kunst. Fakt ist: Sie tut es nicht, beginnt ihr Tongemälde ab Oberkante zu zeichnen und wirkt trotz tiefer Raumdarstellung eher direkt als nebulos nach hinten stellend. Mangelt es dabei an Konturiertheit, so verlangen Positionierung und Einwinkelung der Box nach Korrektur, ein Spielchen, dem man sich mit von Erfolg gekrönter Ausdauer widmen sollte. Dass die unten am Gehäuse liegenden Öffnungen des AST-Systems die Unterstützung des Fußbodens willkommen heißen, liegt für mich auf der Hand, gleichwohl bietet Voxativ einen passenden Unterbau an.
Den sprichwörtlich lauten Lautsprecher sanft nach hinten zu neigen ist bei kurzen Hörabstanden vielleicht auch kein Fehler, sondern immer einen Versuch wert. Und in kleineren Raumen soll und darf die PI durchaus nah an die Wand. Witzigerweise steht sie bewusst nicht auf Spikes, sondern auf glatten, stabilen und höhenverstellbaren Füßen, die nach penibler Justage verlangen (nicht der geringste Wackler ist erlaubt!). Gelingt das nicht, wird das lackierte, insgesamt 22 Kilo schwere MDF-Kabinett unruhig. Die Kräfte, die der Treiber ausüben kann, traut man dem Breitbänder fälschlicherweise gar nicht zu.
Wer detailverliebt ist (und sind wir das nicht alle?), entdeckt an dem Chassis übrigens vergoldete Reinstkupfer-Polklemmen, Kunststoff-Einsatze in den Montage-Bohrungen (damit die Edelstahl- Inbusschrauben den Flansch nicht beschädigen) und überhaupt eine handwerklich äußerst präzise, detailgenaue Arbeit. Allein schon die Membrane ist himmelweit entfernt von Massenware, stellt vielmehr ein echtes handwerkliches Kunstwerk dar. Ich bin, das werden Sie jetzt sicher gemerkt haben, von diesem puristischen, auf das absolut Notwendige reduzierten Lautsprecher- und Treiber-Konzept zutiefst beeindruckt und berührt. Dass die PI de facto auch in der kleinsten Hütte Platz hatte und bei geringen Hörabständen ebenfalls sehr gut funktioniert, ist ein nicht von der Hand zu weisender Vorteil. Wie die PI klingen kann, das ist eine Sensation – für die es wahrscheinlich allerhöchste Zeit war.

 

Die komplette Messstrecke (incl. aller Messdiagramme) finden Sie hier: Messungen

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